12. Berliner Mediationstag: Agilität und ihre Konfliktpotenziale

Ausgabe SdM 76
12. Berliner Mediationstag: Agilität und ihre Konfliktpotenziale

Schlüsselkompetenzen der Mediation im digitalen Umfeld

Interview mit Dr. Barbara Heitger - Keynote-Speakerin des 12. Berliner Mediationstages (14.06.2019)

Jürgen Heim

Dr. Barbara Heitger

Die bewährten Strukturen und Handlungsroutinen in den klassischen Organisationen mit klaren Verantwortungen und individuellen Zielsysteme konnten eine vertraute Sicherheit vermitteln.

Doch neue Organisationskonzepte folgen, um den Herausforderungen der Digitalisierung zu genügen. Führungskräfte und ihre MitarbeiterInnen werden durch agile Arbeitsmethoden auf die Probe gestellt. Diese agilen Methoden mit komplexen Ansprüchen auf Selbststeuerung in interdisziplinären Netzwerken ersetzen die vertraute Sicherheit.

Die Folge: Spannungsfelder entstehen und Konflikte zählen zu wichtigen Bestandteilen dieser schnellen und mitunter disruptiven Veränderungen.

Können MediatorInnen und KonfliktberaterInnen, aber auch Führungskräfte zur Konfliktbearbeitung und -lösung beitragen?


In der Ausgabe 76 von Spektrum der Mediation (SdM) beantwortet Dr. Barbara Heitger unsere Fragen. Sie bietet mit ihrem Wiener Unternehmen »Heitger Consulting« in der KPMG Österreich systemische Beratung zu »Essential Leadership & Change by KPMG« an.

In diesem Themenkontext präsentierte sie Arbeitstechniken und Lösungsansätze im Rahmen des 12. Berliner Mediationstages am 14. Juni 2019 präsentieren

 

J. Heim (SdM): Frau Dr. Heitger, auf welche Entwicklungen soll Agilität antworten?

Dr. B. Heitger: Klassische Unternehmen haben viel erreicht. Mit einer mittlerweile perfektionierten Effizienz produzieren sie erfolgreich in ihren hierarchisch gewachsenen und geführten Organisationen. Die Funktionen  entlang der Wertschöpfungskette - Forschung, Entwicklung, Produktion Vertrieb Service  … wurden strategisch weiterentwickelt, noch schlanker und effizienter gestalten  und folgten einem vertrauten und bewährten Muster.

Entwicklungen wie die Digitalisierung und Globalisierung verlangen jedoch nach flexibleren und vor allem schnelleren und anpassungsfähigeren Antworten und schaffen neuen Wertschöpfungscluster und neue Branchen-setups und Geschäftsmodelle. Der strategische Innovationsdruck steigt: Unternehmen müssen einfacher und schneller und damit agiler agieren. In diesem immer schnelleren Umfeld werden klassisch-bewährten Organisationsstrukturen und –abläufe überkomplex und zu langsam. Mit agilen Arbeitsmethoden und neuen Organisationskonzepten kann auf diese Veränderungen erfolgreich reagiert werden.

 

Welche Trends und Spannungsfelder werden das Unternehmen der Zukunft beschäftigen, für das agile Strategiearbeit sinnvoll ist?

Dr. B. Heitger: Hier denke ich an sieben Punkte:

1) Die fortschreitende Spezialisierung der Einzelunternehmen mit ihren jeweiligen Kerngeschäften erzeugt intensive Kooperationen in wertschöpfenden Netzwerken von Unternehmen.

2) Erfolgreiche Unternehmen designen Kundenerfahrungen und individualisieren ihre innovativen Produkte und Services zusammen mit den Kunden – Cokreation – also auch »Beratung« durch ihre KundInnen.

3) Unabhängig von Titeln, Positionen und Erfahrungshorizonten werden in kollaborierenden Gemeinschaften gleichrangig Lösungen für komplexe Fragestellungen entwickelt - bereichs- und ebenenübergreifend oft auch in Gemeinschaften mit externen Wertschöpfungspartnern.

4) In Diskursen auf Augenhöhe fallen Idee, Planung und Umsetzung zusammen. Ganz eng und zeitnah miteinander verwoben gewinnen Diagnosearbeit und die Idee des schnellen Erprobens als Co-Kreationen an Bedeutung – rasche Prototypen statt perfekte Lösungen.

5) Das Teilen von Wissen und der Rechte an geistigem Eigentum mit KundInnen, PartnerInnen oder der Allgemeinheit ist nicht altruistisch, sondern steigert vielfach die Wertschöpfungspotentiale. Offene und transparente Plattformen anstelle einer geschlossenen Forschung und Entwicklung (F&E) werden vermehrt für neue Ideen, Weiterentwicklungen, Verknüpfungen, etc. genutzt.

6) Kooperationen mit ExpertInnen und High-Potentials sind überall und jederzeit in unterschiedlichsten Formen möglich – zum Beispiel im Rahmen von Talente-Communities wie der Social-Work-Plattform »Jovoto«. Teamarbeit erlebt eine Renaissance

7) Die Digitalisierung mit international agierenden Startups und den neuen mächtigen Playern des Internet (Amazon, Facebook, Google …) löst Branchen und klassische Geschäftsmodelle auf – latent disruptive Entwicklungen sind die Folge – wie etwam besonders spürbar in den Medien- und Automobilbranche.

 

Die Antworten zu weiteren Fragen lesen Sie in der Ausgabe SdM 76:


  • Welche Konflikte verbergen sich in den Gestaltungsprinzipien agiler Methoden für Mitarbeiter und Führungskräfte bzw. für Gruppen und Teams?
  • Welche individuellen Schlüssel- und Kernkompetenzen sollen MediatorInnen und BeraterInnen Führungskräften und ihren Teams für ein lösungsorientiertes Konfliktmanagement im agilen Umfeld vermitteln?

 

Interviewpartnerin und Keynote-Speakerin des 12. Berliner Mediationstages (14. Juni 2019):

Dr. Barbara Heitger

systemische Unternehmensberaterin im eigenen Unternehmen Heitger Consulting, das seit 2017 in der KPMG Österreich systemische (Fach-)Beratung zu „Essential Leadership & Change by KPMG“ anbietet. Autorin, Referentin und Redaktionsmitglied (ZOE Zeitschrift für Organisationentwicklung).

E-Mail: b.heitger@heitgerconsulting.com

 

Programm des 12. Berliner Mediationstages:

http://www.berliner-mediationstag.de/

 

Flyer des 12. Berliner Mediationstages:

https://peter-knapp.com/wp-content/uploads/2019/01/12.-BMT-Flyer.pdf

 

 

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