4. Bayerischer Mediationstag am 16. Oktober 2019

Rückblick
4. Bayerischer Mediationstag am 16. Oktober 2019

»Wandel der Konfliktkultur in Gesellschaft, Wirtschaft und Justiz«

IHK-Akademie München

4. Bayerischer Mediationstag

Die Art und Weise des Umgangs mit Konflikten hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Die Möglichkeiten einer selbstbestimmten Konfliktlösung finden jetzt immer mehr Zuspruch.

Der 4. Bayerische Mediationstag versuchte am 16.10.2019, diese Entwicklung unter dem Leitthema »Wandel der Konfliktkultur in Gesellschaft, Wirtschaft und Justiz«  transparent machen.

Die Veranstalter und Kooperationspartner des 4. Bayerischen Mediationstages - das Bayerische Staatsministerium der Justiz, die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, die Rechtsanwaltskammern München, Nürnberg und Bamberg, der Bayerische Anwaltverband und die MediationsZentrale München - boten zahlreiche Impulse dafür an.

In unterschiedlichen Vorträgen und Workshops konnte aus anwaltlicher, richterlicher, unternehmerischer und wissenschaftlicher Sicht dargestellt werden, wie die Praxis sich auf den Wandel der Konfliktkultur in Gesellschaft, Wirtschaft und Justiz einstellen und ihn mitgestalten kann.

Die Zielsetzung war erfolgreich: Konfliktbetroffene und ihre Berater sollen im konkreten Fall den besten Weg der Konfliktlösung finden.

Die Workshops im Einzelnen:

Mediation und Partizipation in Planungsprozessen

Konzeption von Mediations-und Beteiligungsverfahren in der Planung

Leitung: Dr. Dirk Haid und Dr. Gisela Wachinger

Die klassische Mediation mit zwei Konfliktparteien folgt klaren Regeln und Phasen. Wie schaut es aber aus bei Multi-Interessenkonflikten mit vielen Beteiligten –sei es bei der Planung der Betriebsübergabe oder Konflikten bei Infrastrukturprojekten in der öffentlichen Planung?

Die im Mediationsgesetz festgelegten Kriterien wie die Allparteilichkeit, die Trennung von Prozess-und Inhalts-Verantwortung, die Ergebnisoffenheit und der Lösungsspielraum, sind auch in der Praxis eine gute Richtschnur, um komplexe Mediationen und Partizipationsverfahren zu gestalten. Man glaubt gar nicht, wie viele Konfliktlösungsprozesse an der Missachtung dieser Kriterien scheitern.

  • Wie also konzipiere ich komplexe Mediations-und Beteiligungsverfahren?
  • Welche Erfolgsfaktoren kennen wir aus internationalen Studien?
  • Was sind Best-Practice-Beispiele?

 

Anhand dieser Fragen und anschaulicher Fallbeispiele aus der Praxis konnten in diesem Workshop Konzeptionen für eigene Mediationsvorhaben oder bekannten Konfliktfälle erarbeitet werden. Die Zielsetzung dabei: Mediationsverfahren sind anhand der Erfolgsfaktoren so zu planen, dass auch komplexe Konflikte in Planungsverfahren mit mehr als zwei Personen durch die (neutrale) Unterstützung der MediationsexpertInnen gelöst werden können.

 

Konfliktlösung mit Sachverstand

Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Risiken von Schiedsgutachten

Leitung: Prof. Dr. Reinhard Greger, Universität Erlangen-Nürnberg und RA Volker Schlehe, IHK München

Nach Impulsreferaten über die Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten des Schiedsgutachtens (Prof. Greger) und »Wie finde ich den richtigen Schiedsgutachter?« (RA Schlehe) bearbeiteten die Teilnehmer in Kleingruppen Fälle mit praktischen Fragestellungen rund um den Themenkomplex Schiedsgutachten, präsentierten und diskutierten anschließend gemeinsam ihre Arbeitsergebnisse.

 

Veränderungen der Konfliktkultur aus Sicht der Justiz und der Anwaltschaft

Leitung: Harriet Weber und Anke Beyer

Erörtert wurden folgende Punkte:

Veränderungen der Konfliktkultur aus Sicht der Justiz:

  • Ursachen rückläufiger Zivilklagen: Justitias scheue Kundschaft und ihre Motive
  • Zunahme an Komplexität der Gerichtsverfahren (Dieselskandal, kartellrechtliche Verfahren): lange Dauer, späte rechtliche Klärung, internationale Bezüge
  • Auswirkungen globalisierter Handelsbeziehungen: Parallelverfahren in anderen Ländern, unterschiedliche Ansprechpartner, Anwendung fremden Rechts
  • Auswirkungen des Internethandels: veränderte Konfliktlage und Regulierung mangels direkter Kundenbeziehung
  • Pöbelhölle Internet: wirksame Reaktion durch internetfähige Justiz?
  • Internetangebote zur Rechtsklärung: Recht aus dem Automaten statt Urteil?
  • Wandel der Konfliktkultur in Geschäfts-und Arbeitswelt-elektronische Akte: mehr Stoff in weniger Zeit bei gleichzeitiger Transparenz-unübersichtliche Gesetzeslage und unkalkulierbare Rechtsanwendung

 

Veränderungen der Konfliktkultur aus Sicht der Anwaltschaft:

  • Wandel von Unternehmenskultur und Arbeitswelt: Aufbrechen hierarchischer Strukturen bei gleichzeitigem Wunsch nach Work-Life-Balance-Konfliktprävention durch unternehmensinterne Schulungen
  • konstruktiver Umgang mit Konflikten in agilen Strukturen
  • Internethandel: Konfliktlösungsmethoden auf Höhe der Zeit?
  • Mediation all inclusive mit Rechtsberatung als neuer Trend?
  • Bedarf nach innovativer und gleichzeitig schneller Konfliktklärung?
  • Sinkende Fallzahlen der Justiz als Folge einer Zunahme außergerichtlicher Streitschlichtung?
  • lineares Abflauen der Konfliktbewältigung mit Hilfe des Rechts: ist das Recht zu schwerfällig und zu wenig eindeutig in unserer komplexen Welt?
  • Dynamik der Konfliktunterdrückung und -vermeidung als Folge unserer schnelllebigen Zeit mit ihren permanenten Neuerungen?
  • Leidet die Generation »Head Down" « an einer Grundgenervtheit im unmittelbaren Umgang mit Menschen, weil ihre Kapazität ausgeschöpft ist?

 

Denkbare Antworten aus Sicht der Justiz:

  • Stärkung der Konfliktlösungskompetenzen der Richter in allen Bereichen-Offenheit für Selbstreflexion und interessengerechte Lösungen
  • Wandel im Selbstverständnis der Richter: Erfolgsmodell Güterichter-bestmögliche Kommunikation

 

Denkbare Antworten aus Sicht der Anwaltschaft:

  • Stärkung der Kooperationsfähigkeiten
  • Offenheit für interessengerechte Lösungen
  • Rollenklärung Anwalt -Mediator
  • bessere Vernetzung unterschiedlicher Disziplinen
  • verbesserte Zusammenarbeit Justiz –Anwaltschaft
  • erfolgreiches Geschäftsmodell »Mediation«
  • bestmögliche Kommunikation

 

Neuer Wein? - Neue Schläuche!

Über eine Konfliktkultur im Wandel & menschliche Konstanten

Psychologische Ansätze für einen gelingenden Wandel der Konfliktkultur

Leitung: Dr. Klaus Harnack

Im Rahmen des Impulsreferats wurden die Chancen und Herausforderungen des gegenwärtigen Paradigmenwechsels im Umgang mit Konflikten aus psychologischer Sicht beleuchtet. Zentrales Augenmerk wurde hierbei der Rolle der Konfliktbegleiter (Richter, Mediatoren, Berater, Anwälte, etc.) geschenkt. Ebenso konnten strukturelle Anforderungen besprochen werden, die aus naturwissenschaftlicher Sicht einem erfolgreichen Wandel der Konfliktkultur dienlich sind.

Ziel des Workshops war es, das Thema »Konfliktkultur im Wandel & menschliche Konstanten « zu vertiefen und psychologische Voraussetzungen und Methoden kennenzulernen, die für einen erfolgreichen Wandel der Konfliktkultur notwendig sind. Wichtige Fragen hierbei waren: Was brauchen Menschen in Konfliktsituationen, welche Rollen und Bedürfnisse ergeben sich und wie können praxisnahe Handlungsstränge für Konfliktbegleiter aussehen?

 

Multiperspektivität –Der Mensch im Mittelpunkt

Technik »Multiperspektivität« als Lösungsansatz für komplexe Fragestellungen

Leitung: Nicola Knoch & Stefanie Rall

Bei einer Herausforderung springen MediatorInnen und BeraterInnen direkt zur Lösung, ohne den Startpunkt gut genug zu kennen. Der Preis dafür ist, dass selten wirkliches Neues entstehen darf. Anhand der »U-Theorie« von Prof. Dr. Klaus Otto Scharmer wurde der theoretischer Hintergrund und ein praktischer Einblick präsentiert, vom Standpunkt der Multiperspektivität aus zu handeln. Multiperspektivität ermöglicht einen tiefgreifenden Wandel und Innovation durch die Einbeziehung unterschiedlicher Blickwinkel, einer klaren Haltung und der Qualität von Aufmerksamkeit. Dadurch erschließt sich eine tiefere Verbindung zum Agierenden Berater, seinen Kunden und zum Kontext. Die Zielsetzung dieses Workshops lautete: Verstehen durch Erfahren. Sind MediatorInnen bereit sich darauf einzulassen die Welt mit »anderen« Augen wahrzunehmen? Was wird für sie und für ihre Kunden durch Multiperspektivität möglich? Wie sehen dann die ersten Schritte aus?

Die Teilnehmenden lernten die Multiperspektivität als eine soziale Technik kennen, die neue Herangehensweisen an altbekannte Fragestellungen ermöglicht. Den Referentinnen war es wichtig, es nicht nur ein Abspulen von Tools durchzuführen, sondern die Sensibilisierung für die eigene Qualität der Aufmerksamkeit und Haltung bei der Anwendung von Multiperspektivität zu unterstützen, die trotz unterschiedlicher Blickwinkel zu einer neu gelebten Verbindung führen kann.



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