5. Deutscher Mediationstag Jena – Grundlagen und Methoden der Mediation

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5. Deutscher Mediationstag Jena – Grundlagen und Methoden der Mediation
5. Deutscher Mediationstag 2013

»Wegen der großen Nachfrage konnten keine Anmeldungen mehr angenommen werden«. Mit diesem Online-Hinweis mussten die Organisatoren des 5. Deutschen Mediationstages in Jena (22. bis 23. März 2013) auf die große Nachfrage reagieren. Eine erste Erfolgsmeldung für Konzeption und Themenwahl dieser etablierten Mediationsveranstaltung.

Wurden die Erwartungen bestätigt?

Die Mediation als konsensuales Verfahren der Konfliktlösung betont die Eigenverantwortung der Medianden. Die nachhaltigen Vorteile gegenüber einem fremdbestimmten, kontradiktorischen Verfahren liegen auf der Hand. Doch ist die Mediation bereits eine eigene Disziplin? Welche Wirkungen hat die Intervention eines Dritten auf das Konfliktverhalten? Mit welchem Methodenspektrum kann der Mediator in der Praxis arbeiten? Wie reagieren die Beteiligten des Mediationsverfahrens auf Emotionen?

Zu diesem Themenbereich referierten namhafte Psychologen, Hirnforscher und Philosophen vor weit mehr als 400 Teilnehmern in den Hörsäalen der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Mit einer traurigen Nachricht wurde der 5. Deutsche Mediationstag eröffnet: Prof. Dr. Hannes Unberath, der Mitinitiator und Mitveranstalter war im Alter von 39 Jahren nur wenige Wochen zuvor verstorben. Seine wissenschaftlichen Leistungen, seine fundierten Kenntnisse im Recht der alternativen Konfliktlösung haben in zahlreichen Veröffentlichungen und Kommentierungen Eingang gefunden.

Prof. Dr. Leo Montada, Emeritus der Universität Trier, eröffnete die Fachveranstaltung mit seinem Vortrag »Mediation – Methodenspektrum aus psychologischer Sicht«. Die Konfliktmediation ist Veränderungsarbeit und setzt Verständigung voraus. Ohne ein wechselseitiges Verstehen zwischen Mediator und Medianden kann es zu keiner Verständigung kommen. Mit diesen Hinweisen unterstrich Prof. Montada sein Plädoyer für eine Spezialisierung der Mediation. Normative und psychologische Grundkenntnisse unterstreichen die Kompetenz des Mediators und fördern das Vertrauen seiner Medianden.

Über das »Verhalten im Konflikt« referierte Prof. Dr. Peter Fischer von der Universität Regensburg. Sein Credo: Grundlegende sozialpsychologische Kenntnisse über motivationale und kognitive Verhaltensweisen im Konflikt fördern entscheidend die Kompetenz des Mediators. Mit der Metapher vom »kognitiven Faulpelz« beschrieb er die eingeschränkte Wahrnehmung der Medianden im Konflikt: Sie bevorzugen die »bequeme« Suche nach eigener Bestätigung und vermeiden eine mühevoll-kritische Selbstreflektion Jeder Mediator kann sich dieser Herausforderung stellen und die lösungsorientierte Informationsaufnahme der Medianden unterstützen.

Prof. Dr. Stefan Koelsch von der Freien Universität Berlin folgte mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zur »Emotion im Konflikt«. Seine Forschungsergebnisse über die Logik des Irrationalen erstaunten: Der Mensch reagiert im Konflikt auf emotionale Reize nach signifikanten Mustern. Das logische Denken wirkt auf ihn langsam und anstrengend. Im emotionalen Affekt erscheinen  leichte Lösungen dagegen attraktiv. Die Folge: Unter dem Einfluss des Konflikts generiert der Mediand auch irrationale Impulse für »passende« Handlungen. Unter Laborbedingungen sind diese neurologischen Handlungsimpulse mit Willensqualität deutlich erkennbar; oft sogar geraume Zeit vor der tatsächlichen Verhaltensreaktion. Der erfahrene Mediator kann zur Entschärfung dieser emotionalen Ausnahmesituationen mit verschiedenen Kommunikationstechniken aktiv beitragen.

»Emotion im Konflikt – Wirkfaktoren in der Mediation«: Mit diesem Fachreferat untersuchte Prof. Dr. Peter Kaiser von der Universität Vechta Grundbedürfnisse der Medianden und ihr Konfliktverhalten. Der Mediator sollte Kenntnis über zahlreiche nichtbewusste Prozesse in bestimmten sozialen Situationen haben: Die Selektivität und die Perspektivität der Wahrnehmung im Konfliktfall führen zu Abwehrmechanismen. Mit Kompetenz und Empathie können diese Widerstände umgestaltet und bewältigt werden. Zahlreiche Reaktionsmöglichkeiten stehen dem Mediator hierfür zur Verfügung: Von der Realitätsprüfung bis hin zur Exploration der eigentlichen Gefühle des Medianden, um nur einige zu nennen.

Unter dem Titel »Dissens und Diskurs aus philosophischer Perspektive« beleuchtete Prof. Dr. Rudolf Schüssler die kommunikativen Aspekte des Mediationsverfahrens. Welchen Stellenwert haben Argumente im idealen Diskurs? Tragen Gefühle zu Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit von Aussagen bei? Ausgehend von den Prinzipien nach Karl Otto Apel und Jürgen Habermas beantworte der Philosophieprofessor der Universität Bayreuth das gewünschte Idealergebnis: Ein von Normen und Moral zwangfreier Diskurs.

In einer abschließenden Diskussionsrunde auf dem Podium untersuchten namhafte Teilnehmer verschiedener Organisationen, Verbände und Institute die Fragestellung »Mediation als Wissenschaft?« Unter anderen dabei, war unser Autor und Gründer der Forschungruppe Mediation Dr. Jürgen von Oertzen. Die interdisziplinären Aspekte standen im Fokus der unterschiedlichen Bewertungen. Die Praxis der Mediation im Qualitätsfokus der Wissenschaft – dieser Wunsch sollte Beachtung finden.

Die Kommunikationsexpertin des Schulz von Thun-Instituts für Kommunikation in Hamburg, Dipl. Psychologin Dagmar Ulrichs, erläuterte am Folgetag die Modelle und Prozesse der Kommunikation im Konflikt. Ein zentrales Thema für die Arbeit von Mediatoren mit ihren Medianden. Die Erfahrungswerte und Anwendungsbeispiele unterstrichen die aktuelle Relevanz dieses Fachvortrags.

In fünf Fachforen stellten bekannte Mediatoren neue Methoden der Mediation in der Praxis vor:

Von den »Singulären Mediationsverhandlungen« (Dr. Hans-Uwe Neuenhahn, München), der »Mehrmediatorenmediation« (Uwe Bürgel, Dresden), der »interkulturellen Mediation« (Dr. Kathatrina Kriegel-Schmidt, Jena), den »Methoden des »neuen« Güterichters« (Harriet Weber, München) bis hin zur »Cooperativen Praxis« (Dr. Hans-Georg Mähler, München) erstreckte sich das Themenspektrum.

Ein Resümee dieser Veranstaltung? Die interdiziplinären Herausforderungen für die Arbeit des Mediators sind vielfältig. Die fundierte Ausbildung in den Grunddisziplinen und die kontinuierliche Fortbildung im Methodenkanon tragen wesentlich zur Fachkompetenz des Mediators bei. Dies sind die Schlüssel für eine nachhaltig erfolgreiche Arbeit.

(JHeim)

Unsere Buchempfehlungen zu den Themen:

Sprachbilder und Metaphern in der Mediation, Brigitte und Ernst Spangenberg (mit einem Vorwort der Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, MdB)

Interprofessionelle Kooperation, Mediation und Beratung im Rahmen des FamFG, Christian Roesler (Hrsg.)