Agrarmediation in Niedersachsen

Aus der Praxis
Agrarmediation in Niedersachsen

Braucht die Mediation im Agribusiness landwirtschaftlichen Sachverstand?

Der Hauptverband der landwirtschaftlichen Buchstellen und Sachverständigen e.V. (HLBS) öffnet sich als Fachverband für Agrarmediatorinnen und Agrarmediatoren.

von Dr. Bärbel Bischoff

©Guenter Hamich / pixelio.de

 

 

 

Wenn es ein landwirtschaftliches Idyll je gegeben hat, dann droht es Geschichte zu werden. Medienberichte untermauern eindrucksvoll, wie das harte Wirtschaftsleben auch den ländlichen Raum erfasst: Streitigkeiten über Windkraftanlagen spalten ganze Dörfer, Gerichte entscheiden über Entschädigungsklagen bei Flächenbereitstellungen für den Straßen- oder Netzausbau, Bürgerinitiativen mahnen die Tierschutzrechte an. Unfrieden und Streitpotenziale wachsen, da der Wettbewerbsdruck um Kapital, Boden und Ressourcen unablässig steigt. Darunter leiden die Menschen in der Landwirtschaft ebenso wie im ländlichen Umfeld. Viele fühlen sich mehr und mehr ausgegrenzt und überfordert.

1. Neue Problemfelder in der Landwirtschaft

Die beruflichen Anforderungen und Verantwortlichkeiten der Landwirte werden komplexer und komplizierter. Sie konkurrieren mit der Energiewirtschaft und branchenfremden Investoren um die knappe Ressource Boden, von der laut Umweltbundesamt täglich 113 Fußballfelder dem Flächenfraß durch Siedlungen und Straßenbau zum Opfer fallen (Stand 2012). Auch das befeuert den Unmut. Neben den klassischen Streitfällen bei Hofübergaben und Verpachtungen, Familien- und Nachbarschaftskonflikten entstehen neue Konflikte: Agrar-Gesellschaften brechen auseinander oder landwirtschaftsfremde Beteiligte und Organisationen mischen sich in Entscheidungsprozesse ein, um den Bau von Ställen, Windparks oder Biogasanlagen zu verzögern oder zu verhindern. Traditionelle Geschäftspartner aus der Region erhalten Konkurrenz aus der ganzen Welt; viele stammen aus agrarfernen Bereichen. Das Bild der Landwirtschaft in den Medien wird verzerrt dargestellt: die Diskrepanz zwischen werbewirksamer Bilderbuchlandwirtschaft und der tatsächlich notwendigen, modernen, unternehmerischen Bewirtschaftung ist drastisch. Das alles befördert Kommunikationsprobleme, Missverständnisse und Konflikte.

2. Agrarmediation als Brücke zwischen landwirtschaftlichen Beratern, Sachverständigen und Anwälten

Das 2011 gegründete Zentrum für Agrarmediation (ZefAM) in Hanstedt (Niedersachsen) vereint Personen, die sich als ausgebildete Mediatorinnen und Mediatoren für ein professionelles Konfliktmanagement im Agribusiness einsetzen und eng mit dem HLBS zusammen arbeiten. In einem neuen Arbeitskreis versuchen sie innerhalb des HLBS die Agrarmediation als Verfahren zur Konfliktlösung zu fördern und ein Netzwerk mit

  • landwirtschaftlichen Unternehmensberaterinnen und -beratern,
  • Sachverständigen,
  • Steuerberaterinnen und -beratern in landwirtschaftlichen Buchstellen und
  • Fachanwältinnen und -anwälte für Agrarrecht

zu bilden.

Denn die Gefahr besteht, dass Dienstleistende in der landwirtschaftlichen Steuer- und Unternehmensberatung oder Sachverständige ihre Mandanten verlieren, wenn sie sich in Konfliktfällen positionieren oder Empfehlungen geben. Schalten sie eine neutrale dritte Person ein, die den Lösungsprozess professionell begleitet, können sie ihre Dienstleistungen erfüllen, ohne zwischen die Konfliktparteien zu geraten. Mediatorinnen und Mediatoren verstehen sich als Partner von Beratern und Anwälten, nicht als Konkurrenz. Jeder konzentriert sich auf seine Kernkompetenz. Auf diese Weise bemühen sie sich alle um das Wohl ihrer gemeinsamen Klientel und versuchen, das Konfliktpotenzial zu entschärfen und langwierige, meist teure Gerichtsprozesse zu vermeiden

3. Branchensachverstand ist zweckdienlich

Nach den bisherigen Erfahrungen der Agrarmediatorinnen und -mediatoren, ist es hilfreich und vertrauensbildend, wenn die mediierende Person über Branchensachverstand verfügt und die rechtlichen wie wirtschaftlichen Hintergründe des Konflikts richtig einzuordnen vermag.
Geplant sind folgende Qualitätsstandards für Agrarmediatorinnen und -mediatoren:

  • eine Mediationsausbildung von mindestens 150 Stunden an einem zertifizierten Ausbildungsinstitut,
  • eine abgeschlossene berufsfachliche Qualifikation in den Bereichen Landwirtschaft, Steuer- und Rechtsberatung oder die öffentliche Bestellung als Sachverständiger,
  • jährliche Inter- und Supervisionen über aktuelle Fallbeispiele und/oder
  • einmal jährlich eine Tagung/ein Workshop zu aktuellen Fachthemen und/oder
  • zertifizierbare Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen bei externen Ausbildern oder intern Zertifizierten.


Wünschenswert sind Qualitätssicherungsmaßnahmen für Agrarmediatorinnen und -mediatoren, die sich bei den vom HLBS vertretenen landwirtschaftlichen Buchstellen und Sachverständigen bereits bewährt haben. Der HLBS wäre als Verband für Agrarmediatoren dazu prädestiniert, mit den landwirtschaftlichen Steuer- und Unternehmensberaterinnen und -beratern sowie Sachverständigen im Dialog zu stehen, sich auszutauschen und fortzubilden und damit für Vertrauen zu werben. Er könnte auf Anfrage Agrarmediatorinnen und -mediatoren aus den Reihen seiner Mitglieder vermitteln. Denn jedes Mitglied des HLBS trägt ein Stück Mitverantwortung, für den ländlichen Frieden zu sorgen.

4. Nachgefragt

Mediation aktuell im Gespräch mit Dr. Bärbel Bischoff, die zusammen mit dem landwirtschaftlichen Sachverständigen und Agrarmediator Karl F. Brandt das Netzwerk Zentrum für Agrarmediation (ZefAM) in Hanstedt (Niedersachsen) gegründet hat und leitet.


Frau Dr. Bischoff, welche Überlegungen stehen hinter der Idee Ihres Netzwerks und seit wann bieten Sie Mediationsverfahren an?
Seit 2011 haben wir uns zum Zentrum für Agrarmediation ZefAM zusammengeschlossen. Es hat sich gezeigt, dass die Möglichkeiten einer Intervision oder ein Erfahrungsaustausch unter Kollegen, die bekannt sind und das Vertrauen genießen, sehr hilfreich für laufende Prozesse sein kann.
Wir haben unser Netzwerk von ursprünglich drei Mediatoren derzeit auf 14 Mediatoren bundesweit ausgedehnt und möchten es auf maximal 60 Mitglieder beschränken. Alle sollen einen Zugang - noch nicht zwingend in Form einer Mitgliedschaft- zum Hauptverband der landwirtschaftlichen Buchstellen und Sachverständigen e.V. HLBS haben.
Zurzeit werden noch keine Kosten für die Mitgliedschaft erhoben. Sobald die Integration innerhalb des HLBS soweit fortgeschritten ist, dass absehbar aus dem derzeitigen Arbeitskreis eine Sparte innerhalb des Verbandes entsteht, werden wir das Portal agrar-mediation.de kostenpflichtig werden lassen - wahrscheinlich ab 2015. Momentan sind in unserem Netzwerk Mediatoren tätig, die aus dem landwirtschaftlichen Sektor kommen, selbst Landwirte sind und/oder eine landwirtschaftliche (Zusatz-)Ausbildung haben. Grundsätzlich haben wir uns ein Stück weit an den Verband der Baumediatoren e.V. angelehnt, der sehr gute Erfahrungen auf dem Gebiet des Netzwerkens gemacht hat und mit dem wir in Verbindung stehen. Wir müssen ja das Rad nicht neu erfinden, sondern wollen gerne von anderen lernen.

Arbeiten Sie nur mit Ihrem Mediatorenpool oder kooperieren Sie mit externen Mediatoren oder Fachberatern?

Jeder Mediator im ZefAM unterhält sein eigenes Netzwerk, bedingt schon durch die Ausbildungsinstitute, die ja auch Netzwerke unterhalten und für Weiterbildungsmaßnahmen genutzt werden. Wir sind offen für Kooperationen jedweder Art und schätzen es, über den fachlichen Tellerrand hinwegzuschauen. Andererseits ist die agrarische Konfliktthematik so vielfältig und anspruchsvoll, dass wir einen umfassenden, fachlichen Austausch von Rechtsanwälten für Agrarrecht, landwirtschaftlichen Sachverständigen und Unternehmensberatern sowie landwirtschaftlichen Buchstellen für unabdingbar halten. Der Schulterschluss dient allen, denn die Gesamtheit ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile.

Welche Erfahrungen konnten Sie mit Ihrem Angebot bereits machen?

An mancher Hoftür prangen heute mehr Firmenschilder von Tochterunternehmen als in Ärzte- oder Rechtsanwaltszentren. Vielschichtige Konfliktfelder gibt es genug. Oft fehlt es an Informationen bei den Konfliktparteien, was Mediation zu leisten vermag und welchen Mediator es anzusprechen gilt. Dass Medianden und Mediatoren zusammenfinden, ist erklärtes Ziel unseres Netzwerkes. Da hat ja jeder seine individuellen Vorstellungen und Schwerpunkte. Gerade für umfassende Problemstellungen - z.B. im Bereich regenerative Energien und dem Netzausbau - oder auch, was die gewerblichen Anteile in der Landwirtschaft angeht. Dort treffen unterschiedlichste Gruppen innerhalb und außerhalb der Landwirtschaft aufeinander und Fachanwälte, Sachverständige und Unternehmensberater aus der Landwirtschaft sind involviert. Kommt es dann zu Konflikten, ist es gut, fachnahe Mediatoren einzubinden, die man kennt und denen man vertraut. Wir stehen am Anfang und sind optimistisch, dass wir ähnlich gute Ergebnisse erzielen wie bei den genannten Baumediatoren.

Frau Dr. Bischoff, wir danken für dieses Gespräch.

(Redaktion und Interview Jürgen G. Heim, Wirtschaftsmediator, Berlin.)

 

Dipl.-Ing. agr. Dr. Bärbel Bischoff

Dipl.-Ing. agr. Dr. Bärbel Bischoff
Quellberuf: Diplom-Agrarökonomin.

www.dr-bischoff-pr.de

Kontakt:
info@dr-bischoff-pr.de

Stuthagen 28
D-24113 Molfsee

Netzwerk: Zentrum für Agrarmediation (ZefAM).

 

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