Agrarmediation in Österreich

Aus der Praxis
Agrarmediation in Österreich

Der Anruf – Bauer sucht ... Mediation!

Akquise-Dialog einer erfahrenen Mediatorin im landwirtschaftlichen Bereich
von Mag. Gertraud Hinterseer

© Rainer Sturm/pixelio.de

Der Abend beginnt und Stille breitet sich aus in meinem Büro. Nur der leise Anschlag der Tastatur ist zu hören – die tägliche Emailarbeit ruft. Der Signalton meines Telefons schreckt mich auf. Ich halte inne, sammle mich kurz und nehme das Gespräch an.
Eine dunkle Männerstimme ist zu hören:
»Jo, Griaß Gott. Huber hier. Ich habe Ihre Telefonnummer vom Berater der Bauernkammer. Ist da die Frau Magister?«
Ich bejahe, begrüße Herrn Huber und bin erfreut über seinen Anruf und die Vermittlung des Beraters. Seine Stimme klingt unsicher und zögerlich. Er wirkt ungeübt in der Gesprächsführung und wartet ab.
Ich stelle mich darauf ein und bestärke ihn.


»Ja, Herr Huber, Sie sind ganz richtig hier. Es freut mich, dass Ihnen der Berater den Kontakt zu mir empfohlen hat. Worum geht es denn?«
»Naja, eine schwierige Situation! Ich weiß auch nicht, ob man da was machen kann. Aber es muss etwas geschehen.« Er holt tief Luft und scheint zu überlegen, wo und wie er anfangen soll.
»Also ... meine Frau ist ausgezogen.« Und spürbar bewegt ergänzt er: »Mit der Tochter.«

»Ah, Sie haben auch eine Tochter ...« werfe ich ein, um den Kontakt zu halten.
»Ja, die ist zwei. Und eine ganz Liebe, Aufgeweckte. Auf einmal, mir nix dir nix, ist sie abgehauen. Meine Frau. Sie ist zurückgezogen zu ihren Eltern. Vorübergehend - wie sie sagt. Naja, Probleme gab's schon lange, aber trotzdem trifft mich das Ganze wie aus heiterem Himmel. Wir haben einen Hof. Den habe ich übernommen und bewirtschafte ihn mit meinen Eltern. Und das ist das Problem. Meine Mutter und meine Frau verstehen sich einfach nicht. Ständig Streit!«


»Ich kann mir vorstellen, dass das belastend für Sie ist, diese Spannungen mitzubekommen ...« Damit habe ich etwas getroffen und Herr Huber beginnt sofort zu erzählen, wie aufreibend es für ihn sei, zwischen zwei Frauen zu stehen. Keiner von beiden könne er es recht machen. Immer wieder hätte er versucht, seine Frau zur Vernunft und seine Mutter zur Zurückhaltung zu bewegen. Aber vergeblich. Schließlich hätte er es aufgegeben und sich zurückgezogen - in die Arbeit. Denn Arbeit habe er ja genug, bei der Feuerwehr. Und bei der Musikkapelle sei er auch dabei. „Aber jetzt, jetzt weiß ich nicht mehr weiter. Ich brauch´ meine Eltern, denn den Hof kann ich alleine nicht führen. Und ich will, dass meine Frau zurückkommt. Der Berater auf der Kammer hat gesagt, wir sollen eine Mediation machen. Geht das? Können Sie meine Frau und meine Mutter so weit bringen, dass sie sich wieder vertragen?"

Bevor ich auf die Frage eingehe, wie Mediation abläuft, fasse ich in groben Zügen nochmals die Situation zusammen, die mir Herr Huber geschildert hat. Immer wieder sagt er »Jo, genau!«
Offenbar fühlt sich in seinen Sorgen verstanden, die er bisher kaum jemandem mitgeteilt hatte.
Dann erzähle ich ihm, dass derartige Konfliktsituationen in meiner Mediationspraxis häufig vorkommen. Hier verwende ich die sogenannte »Normalisierungs-Methode«, mit der empfundene Scham über den Konflikt gemildert werden kann. Es entspricht tatsächlich auch meinen Erfahrungen, dass sich Generationenkonflikte, ungeklärte Zuständigkeiten, unklare Rollen und unausgesprochene Erwartungen häufig in Spannungen zwischen Mutter und Schwiegertochter entladen.

Schließlich erkläre ich Herrn Huber die Voraussetzungen und Bedingungen der Mediation und frage ihn, wie denn die Konfliktbeteiligten zur Mediation motiviert werden könnten. »Meine Frau ist sicherlich einverstanden damit. Sie hat ja immer wieder verlangt, dass wir uns alle zusammensetzen und reden sollten. Aber meine Eltern? Meine Mutter hört nicht auf mich. Ich hab ihr schon so oft gesagt, dass es so nicht weitergeht! Und der Vater, der redet nicht gern.«

Das Gespräch ist an genau an dem Punkt angekommen, an dem ich in zwei Richtungen berate: die eine Richtung führt geradewegs in die Mediation. Ich empfehle Herrn Huber auf seine Wortwahl zu achten, wenn er seinen Familienmitgliedern die Mediation vorschlägt.

»Konzentrieren Sie sich im Gespräch nicht so sehr auf die Probleme, sondern darauf, was Sie erreichen wollen: ein besseres, friedliches, funktionierendes Zusammenleben und –arbeiten, ein respektvolles Miteinander für jeden, ein gutes Gesprächsklima und so weiter. Je mehr Sie den Blick nach vorne richten und mit einer Mediation Lösungen finden möchten, desto leichter ist es für andere, darauf einzusteigen. Viele haben Angst davor, als der Schuldige dazustehen und weichen deshalb aus.«

Ich weise ihn auch darauf hin, dass sich beim ersten Mediationstermin zunächst alle ein Bild machen können. Erst danach entscheiden sie, ob die Mediation für sie der richtige Weg ist. Diese offene Art, sich unverbindlich in einem Ersttermin zu informieren, senkt die Zugangsschwelle zur Mediation deutlich.

Was aber, wenn sich die Eltern nicht zur Teilnahme an einer Mediation bewegen lassen?
Hier beginnt die zweite Richtung meiner telefonischen Beratung: welche Angebote und Unterstützungsmöglichkeiten gibt es neben einer Mediation? Viele Anrufer und Anruferinnen melden sich wie Herr Huber erst zu einem späten Zeitpunkt. Vieles ist bereits eskaliert und die Folgebelastungen des Konflikts sind nun enorm hoch. Oft werden nur zwischen den Zeilen und in Andeutungen Suchtprobleme, Gewalterfahrungen, Erkrankungen oder tiefe Verzweiflung angesprochen.
Die wichtigsten Telefonnummern für Frauen-, Männer- und Familienberatung, Notrufnummern und Krisentelefon-Services halte ich stets bereit und gebe sie den Anfragenden bei Bedarf weiter.
Neben einem Plan A, dem Weg zur Mediation, ist dieser Plan B sehr hilfreich. Er bietet Auswege an, wenn die Mediation nicht oder noch nicht möglich ist. Oft entwickelt sich daraus auch eine Kombination von Mediations- und Beratungs- oder Unterstützungsangeboten. Herr Huber notiert sich an diesem Abend die Telefonnummer für die nächste Familienberatungsstelle. »Kommt mir bekannt vor. Ich glaube, da wollte mich meine Frau schon mal hinbringen. Sie ist dann aber alleine gegangen.«

Wir besprechen noch kurz das Organisatorische, legen einen Termin fest und vereinbaren ein kurzes Telefonat zur Terminbestätigung. Schließlich fragt Herr Huber: »Ja, und wie viel kostet das jetzt?«


Ich informiere über mein Stundenhonorar, die davon erfassten Leistungen und erkläre ihm, dass die Zahlungsmodalitäten und die Kostenteilung auch Teile des Erstgesprächs sein werden.
Für ihn geht das in Ordnung. In vielen Fällen steht jedoch die Preisfrage ganz am Anfang des Gesprächs - unmittelbar nach der Begrüßung. Dann achte ich darauf, dass die Kosten der Mediation erst besprochen werden, wenn der Wert, den die Mediation für den Anfragenden haben kann, klar ersichtlich wird. In manchen Fällen bewahrheitet sich jedoch das alte schweizerische Sprichwort »Wo Gäld isch, isch dr Tüüfel, wo's nid isch, isch dr dopplet.«

Familiäre Konflikte in Familienbetrieben bringen nicht nur das Familiengefüge ins Schwanken, sondern oftmals auch die ökonomische Existenz. Daher ist für den Einsatz von Mediation in landwirtschaftlichen Bereichen, in dem viele Betriebe noch als Familienbetrieb und/oder Mehrgenerationenbetrieb geführt werden, ein sozial gestaffeltes oder öffentlich gefördertes Kostenangebot sehr hilfreich. »Na, dann werd' ich jetzt mal mit meinen Leuten reden...« fährt Herr Huber fort.


»Ja, da wünsche ich Ihnen gutes Gelingen, Herr Huber. Ich freu´ mich, wenn wir uns in den nächsten Tagen wieder hören. Und falls noch Fragen auftauchen, dann rufen Sie mich an!« Er atmet durch und sagt, dass ihm jetzt leichter sei nach diesem Gespräch. Und er verabschiedet sich. »Dankschön, Frau Magister!«

(Hinweis:
Dieses Telefonat ist fiktiv und der Name frei erfunden. Jedoch sind in diesem Beispiel zahlreiche Erfahrungen aus der Praxis verwoben.)

Nachgefragt

Mediation aktuell im Gespräch mit Gertraud Hinterseer, Initiatorin und Gründerin des Netzwerks Mediationen im landwirtschaftlichen Bereich www.hofkonflikt.at in Oberösterreich.


Frau Mag. Hinterseer, was war der Anlass für die Gründung Ihres Netzwerks?
Seit 2002 führe ich Übergabemediationen durch. Dort und in den Pausen von Vorträgen zu Themen wie Zusammenleben und Zusammenarbeiten im Familienbetrieb oder Gestaltung von Hofübergaben und auch anderen Seminarveranstaltungen mit Bauern und Bäuerinnen bekam ich Einblicke in tatsächlich »brennende« Themen. Anfangs war ich bestürzt über das Ausmaß von Leiden und Erdulden der oftmals auch älteren Generation. Dann begann ich 2006 damit, ein Netzwerk zu initiieren, um auf den großen Bedarf an Mediation mit einem Angebot auf breiterer Basis zu reagieren. Die effizientere Öffentlichkeitsarbeit war ein weiteres Argument.

In welchem Umfang bieten Sie Mediationsverfahren an?

Schwerpunktmäßig führe ich Mediationen im Arbeits- und Wirtschaftsbereich durch. Die von mir geleiteten Mediationsverfahren im landwirtschaftlichen Umfeld waren von unterschiedlichster Dauer und in unterschiedlicher Besetzung - von mindestens 3 Teilnehmenden bis zu 12 Beteiligten.
In Kooperation mit der Landwirtschaftskammer Oberösterreich war es gelungen, in der Zeit von 2010 bis 2013 finanzielle Förderungen für Mediation anzubieten; derzeit wird über ein neues Förderungsprogramm nachgedacht. Durch unser engagiertes Informieren und Netzwerken konnte über die Landwirtschaftskammer ein gut funktionierendes »Empfehlungsmanagement« mit zahlreichen MultiplikatorInnen, insbesondere durch die BeraterInnen der Bezirksbauernkammern und RechtsberaterInnen der Landwirtschaftskammern aufgebaut werden.
Im geförderten Zeitraum wurden über 100 Mediationsblöcke zu je drei Stunden Co-Mediation - wir arbeiten fast immer zu zweit - durchgeführt.

Arbeiten Sie nur mit Ihrem Mediatorenpool oder kooperieren Sie mit externen Mediatoren oder Fachberatern?

Grundsätzlich bearbeiten wir Anfragen an unser Netzwerk immer innerhalb des MediatorInnenpools (Co-Mediation). Jedes Mitglied bringt ein eigenes Netzwerk mit ins Netzwerk und manche von uns kooperieren mit NotarInnen – zum Beispiel bei Übergabekonflikten- oder mit FamilienberaterInnen.
Wir pflegen auch Kontakte zu anderen Institutionen wie beispielsweise im Bereich der Familien- oder Männerberatung und immer generell dort, wo Empfehlungen wechselseitig interessant sind.

Für welche Konflikte bietet sich dieses konsensuale Verfahren im landwirtschaftlichen Bereich an?

Für Generationenkonflikte in Familien- und Nebenerwerbsbetrieben, bei Hofübergaben, Erbschaftskonflikten, Nachbarschaftsstreitigkeiten oder Spannungen im Rahmen betrieblicher Kooperationen. So manche Mediation kam auch auf Grund einer Veränderung im Familiensystem zustande – zum Beispiel nach einem Arbeitsunfall oder Todesfall; oder im betrieblichen System, wenn beispielsweise ein Pachtvertrag oder Förderungsmittel auslaufen oder Investitionen auf Grund von rechtlichen Veränderungen veranlasst sind.
Oft wird Mediation auch bei Konflikten rund um eine Trennung oder Scheidung eingesetzt. Die Förderung der Landwirtschaftskammer nimmt diese Konflikte jedoch aus, da es dafür in Österreich eine eigene Förderungsmöglichkeit gibt, den sogenannten FLAG-Familienlastenausgleichs-Fond. Einige KollegInnen in unserem Netzwerk bieten auch diese Mediationsform an.

Welche Erfahrungen konnten Sie mit Ihrem Angebot bereits machen?

Dort, wo Mediation zustande kommt, erleben wir eine hohe Zufriedenheit der MediandInnen – auch wenn die Lösung manchmal überhaupt nicht leicht ausfällt. Wenn sich zum Beispiel bei einem Streit um die Frage, wer von den Kindern den Hof übernehmen soll, herausstellt, dass eigentlich keines der Kinder dies will. Oder wenn immer mit nur einem bestimmten Hofübernehmer gerechnet worden ist und sich im Laufe der Mediation herauskristallisiert, dass ein anderer Sohn oder die andere Tochter den Hof übernehmen will. Dauer, Eskalationsgrad und Komplexität der Mediationsverfahren sind nach wie vor sehr unterschiedlich. Die genannten Förderungsangebote und die Möglichkeit, in der Zeitung der Landwirtschaftskammer eigene Artikel über unser Netzwerk zu veröffentlichen, hat sehr zur Verbreitung unserer Mediationsangebote beigetragen.


Frau Hinterseer, wir danken für dieses Gespräch.
(Redaktion und Interview Jürgen G. Heim, Wirtschaftsmediator, Berlin.)

 

Mag. Gertraud Hinterseer

 

Mag. Gertraud Hinterseer
Quellberuf: Soziologin
www.ad-personam.com

Kontakt:
hinterseer@ad-personam.com
Bahnhofstraße 16
4910 Ried im Innkreis

Netzwerk www.hofkonflikt.at

Literaturempfehlung 
Friedman, Himmelstein: Konflikte fordern uns heraus
Friedman, Himmelstein

Mediation als Brücke zur Verständigung
mit je einem Vorwort von Lis Ripke und Gisela und Hans-Georg Mähler

Details
38,80 €incl. MwSt.
Broschiert, 346 Seiten, im September 2013 erschienen