Agrarmediation in der Schweiz

Aus der Praxis
Agrarmediation in der Schweiz

Bevor alles Geschirr zerschlägt - Mediation als Chance für Neues

Vier Kurzfilme des Schweizer Netzwerks Mediation im ländlichen Raum – www.hofkonflikt.ch
von Lic. phil. nat. Franziska Feller

Schweizer Netzwerk Mediation im ländlichen Raum

 

 

 

Fachmediatorinnen und –mediatoren, die im ländlichen Raum in der Schweiz oder in angrenzenden Gebieten arbeiten, haben sich seit Anfang 2013 in einen Verein Vereinigung Netzwerk Mediation im ländlichen Raum (www. hofkonflikt.ch) zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist es, Konfliktbetroffene professionell zu begleiten.



Das Einsatzgebiet der Schweizer Mediatorinnen und Mediatoren erstreckt sich insbesondere auf

  • Familienkonflikte in Bauernhöfen,
  • Streitigkeiten zwischen den Generationen und Fragen rund ums „Stöckli"
  • (Anm. der Red.: Austragshaus),
  • schwierige Situationen in der Fürsorge von betreuungsbedürftigen Personen,
  • Konflikte innerhalb des Familien-/Kleinbetriebes,
  • Streit bei Nachfolgeregelungen und Hofübergaben,
  • Konflikte mit oder in Alpgenossenschaften,
  • Nachbarschaftsprobleme und
  • Konflikte im Bereich Landwirtschaft und Tourismus.


Um die Mediation in den ländlichen Regionen der Schweiz noch bekannter zu machen, engagieren sich die Mitglieder des Vereins Hofkonflikt mit besonderem Einsatz für neue Kommunikationsmittel. Mit der Darstellung von typischen Hofgeschichten in selbst produzierten Kurzfilmen wollen sie die Mediation in bäuerlichen Organisationen und landwirtschaftlichen Verbänden vorstellen. Konfliktbetroffene sollen auf diesem Wege die Unterstützungsangebote der Mediatorinnen und Mediatoren kennen lernen und dazu motiviert werden, neue Wege für eine Konfliktlösung zu gehen.

Wer kennt sie nicht die typischen Familiensituationen und ihre Konflikte, mit denen sich die Mediatorinnen und Mediatoren des Netzwerkes Mediation im ländlichen Raum (www.hofkonflikt.ch) häufig konfrontiert sehen. Doch bevor alles Geschirr zerschlagen wird, bietet die Mediation eine Chance für Neues.

1. Film 1 Wie geht das Leben auf dem Hof mit allen Generationen weiter?

Eine junge Bäuerin steht kurz davor, mit ihren Kindern den Hof zu verlassen. Für sie ist der Umgang innerhalb der Familie - insbesondere mit ihren Schwiegereltern - nicht mehr tragbar. Im gemeinsamen Mediationsgespräch schaffen es alle, einander zuzuhören. Die Bäuerin realisiert, dass auch ihre Schwiegereltern leiden und Veränderungen für alle nötig sind. Gemeinsam suchen sie nach möglichen Lösungen.

© für alle Fotos und Filme bei www.hofkonflikt.ch

Videolink >>> https://www.youtube.com/watch?v=D8pG0Zfguls

2. Film 2 Mediation in einem Weingut

Ein Winzer muss aus gesundheitlichen Gründen an die Übergabe seines Weingutes denken: Soll er es seiner Partnerin überlassen? Sie hat sich schon voll und ganz dafür eingesetzt, muss jedoch selbst mit ihren Kräften haushalten. Oder ist seine Tochter besser geeignet? Sie verfügt über eine umfassende önologische Ausbildung, hat jedoch eine belastete Beziehung zu seiner Partnerin, ihrer Stiefmutter. Die Mediation eröffnet neue Wege, diese Situation im geordneten Rahmen zusammen anzusehen und genügend Raum für alle Bedürfnisse und Gefühle zu geben.

© für alle Fotos und Filme bei www.hofkonflikt.ch

Videolink >>> https://www.youtube.com/watch?v=yT7JDf4A6RY

3. Film 3 Klärung in der Familie vor der Hofübergabe

Der Sohn freut sich darauf, zusammen mit seiner Freundin den Hof seiner Eltern zu übernehmen, und damit auch seinen herzkranken Vater zu entlasten. Alles ist gut vorbereitet, doch plötzlich kommt es zum Streit. Ist die Hofübergabe nun auch in Frage gestellt oder gibt es noch Alternativen? Am runden Tisch klären die Eltern und das junge Paar unter der Leitung des Mediators ihre Situation und finden gemeinsam einen Weg.

© für alle Fotos und Filme bei www.hofkonflikt.ch

Videolink >>> https://www.youtube.com/watch?v=w0Vco_HR1Nk

4. Film 4 Der Generationenkonflikt

Nach der Hofübergabe leben und arbeiten zwei Generationen unter einem Dach zusammen, doch die Konflikte häufen sich. Die Familien leiden unter den widerholten Auseinandersetzungen. Im Rahmen eines Mediationsverfahrens werden erstmals die Interessen und Bedürfnisse aller Beteiligter gemeinsam erörtert. Neue Wege öffnen sich, Lösungen werden sichtbar.

© für alle Fotos und Filme bei www.hofkonflikt.ch

Videolink >>> https://www.youtube.com/watch?v=dnAOUnO8jN8

 

Diese vier fiktiven Kurzgeschichten wurden an zwei Drehorten in der französischen Schweiz und auf zwei Höfen in der Deutschschweiz verfilmt. Jeder Film kann sowohl in der Originalsprache als auch mit deutschen oder englischen Untertiteln angesehen werden.


(Hinweis: © für alle Fotos und Filme bei www.hofkonflikt.ch.)

5. Nachgefragt

Mediation aktuell im Gespräch mit Franziska Feller, der Initiatorin und Präsidentin des Vereins Vereinigung Netzwerk Mediation im ländlichen Raum (www.hofkonflikt.ch).

Frau Feller, welche Überlegungen und Geschichten stehen hinter der Idee Ihres Netzwerks und seit wann bieten Sie Mediationsverfahren an?

Grundsätzlich gibt es die Mediation in ländlichen Gebieten bereits länger, doch sie wurde früher von Einzelpersonen angeboten und beschränkte sich stark auf deren Wirkungsbereich.

Die Idee unseres Netzwerkes basiert auf den Aktivitäten der Gruppe in Oberösterreich www.hofkonflikt.at. Wir bauen ebenfalls darauf, unsere Energien zu bündeln und gemeinsame Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit zu leisten. Es ist uns aber auch ein großes Anliegen, dass die Konfliktbetroffenen sich passende Vertrauenspersonen aussuchen können. So haben bereits jetzt Anfragende die Möglichkeit, nach Fachpersonen in der Nähe - oder auch gerade nicht- oder nach spezifischen Personen, zum Beispiel einem Mann oder einer Frau mit unterschiedlichen Ausbildungen oder Altersstufen zu suchen. Zentral ist ja, dass sie Vertrauen in die Fachpersonen finden. Dies wird durch die eigene Auswahl stark unterstützt.

Vor zwei Jahren startete ich mit der Projektidee, eine Gruppe von Fachpersonen, die in der Mediation in ländlichen Gebieten tätig sind, aufzubauen. In einem ersten Schritt war es mir jedoch sehr wichtig, den Bedarf dafür zu klären. Nach der Rückmeldung der landwirtschaftlichen Beratung und auch des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes, dass eindeutig ein Mangel an Unterstützungsangeboten besteht, konnte der Aufbau unseres Netzwerkes beginnen.

Seit Januar 2013 sind wir nun als gemeinnütziger Verein organisiert und haben heute bereits über 40 Mediatorinnen und Mediatoren als Mitglieder, die sich verteilt über die ganze Schweiz als Fachpersonen anbieten. Unsere Aktivmitglieder kommen aus den unterschiedlichsten Berufsrichtungen, verfügen dabei aber alle über eine Mediationsausbildung von mind. 120 Stunden - meist auch mit dem Titel des Schweizerischen Dachverbandes für Mediation SDM oder des Schweizerischen Vereins für Mediation SVR - und haben auch einen Bezug zum ländlichen Raum. Gleichzeitig ist jedes Mitglied verpflichtet, sich stetig in diesem Bereich weiterzubilden und aktiv an unseren vereinsinternen Weiterbildungen und auch Supervisionen teilzunehmen. Unsere Passivmitglieder sind entweder MediatorInnen in Ausbildung oder auch Fachpersonen aus anderen Fachgebieten, welche mit uns zusammenarbeiten.

Neben unserer Tätigkeit innerhalb der Schweiz sind wir sehr interessiert daran, uns über die Landesgrenzen hinweg zu vernetzen und zusammenzuarbeiten. Bringt uns doch fachlich jeder Austausch weiter und erhöht unsere Knowhow im Bereich der Mediationen in ländlichen Gebieten.


Arbeiten Sie nur mit Ihrem Mediatorenpool oder kooperieren Sie mit externen Mediatoren oder Fachberatern?

Bei jeder Anfrage steht an erster Stelle mal zu klären, ob die Mediation hier passt oder ob es eine andere Unterstützung braucht. Dies kann bestenfalls bereits im ersten Telefongespräch festgestellt werden, kann jedoch auch zu einem späteren Zeitpunkt zur Diskussion stehen. Brauchen die Konfliktbetroffenen etwas anderes, so geben wir Ihnen – wenn immer möglich – andere Fachberatungen oder Anfragestellen an. Scheint die Mediation eine gute Möglichkeit zu sein, um die Menschen weiterzubringen, so verweisen wir in erster Linie auf unseren MediatorInnenpool. Nach Bedarf geben wir auch örtliche oder fachliche Empfehlungen ab. Nicht selten brauchen die Konfliktbetroffenen auch unterschiedliche Unterstützung. Gerne arbeiten wir dabei auch mit anderen Fachpersonen zusammen und motivieren die Menschen dazu, alle nötige Hilfe anzunehmen, um mit starken Kräften wieder einen Weg zu finden.


Für welche Konflikte bietet sich dieses konsensuale Verfahren im Bereich Landwirtschaft an?

Wir Mediatorinnen und Mediatoren des Netzwerkes Mediation im ländlichen Raum engagieren uns insbesondere bei Familienkonflikten auf Bauernhöfen und zwischen den Generationen, bei schwierigen Situationen in der Fürsorge von betreuungsbedürftigen Personen und Konflikten innerhalb des Familien-oder Kleinbetriebes; ebenso bei Streitigkeiten in den Nachfolgeregelungen und Hofübergaben und sonstigen Nachbarschaftsproblemen.
Gleichzeitig versuchen wir auch, dieses partizipative Verfahren immer mehr in den Bereichen Landwirtschaft und Natur/Umwelt sowie Tourismus einzubringen. Nicht selten gibt es auch Klärungsbedarf bei Konflikten mit oder in Alpgenossenschaften, in Konflikten zwischen der Landwirtschaft und dem Tourismus oder bei Konflikten zwischen Landwirten oder Jägern mit Naturschützern.


Welche Erfahrungen konnten Sie mit Ihren Angeboten bereits machen?

Wir bemerken bereits jetzt, nach noch nicht einmal zwei sehr aktiven Jahren unseres Netzwerkes, dass die Mediation insbesondere bei landwirtschaftlichen Fachorganisationen immer mehr wahrgenommen und auch unterstützt wird. Immer mehr Konfliktbetroffene wenden sich an uns. Andererseits werden auch die sozialen Themen in Familienbetrieben mehr und mehr wahrgenommen. Eines ist uns jedoch bewusst: Auch in den nächsten Jahren werden wir uns in der Öffentlichkeitsarbeit stark engagieren müssen, damit die Mediation in den ländlichen Regionen noch mehr Fuss fasst und als ebenbürtiges Dienstleistungsangebot neben der landwirtschaftlichen Beratung oder Ehetherapie gilt.


Frau Feller, wir danken für dieses Gespräch.

(Redaktion und Interview Jürgen G. Heim, Wirtschaftsmediator, Berlin.)

 

http://www.mediationfeller.ch/

Lic. phil. nat Franziska Feller
Quellberuf: Biologin.

www.mediationfeller.ch
www.mediation-in-bern.ch

Kontakt:
franziska.feller@hofkonflikt.ch
info@mediationfeller.ch

Burgernzielweg 16,
CH - 3006 Bern

Netzwerk www.hofkonflikt.ch.

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