Anwälte sind eben keine Mediatoren

Berufsrecht
Anwälte sind eben keine Mediatoren

Eine Replik von Dr. Reiner Ponschab

Mediation aktuell: Anwälte sind eben keine Mediatoren

 

 

 

Prof. Römermann hat in der Novemberausgabe des Newsletters von Mediation aktuell begründet dargelegt, dass Mediatoren – rechtlich gesehen - keine Anwälte sind. Dies wird sicher Widerspruch hervorrufen, stellt es doch so manche lieb gewordenen Annahme auf den Kopf. Im folgenden Beitrag möchte ich darlegen, dass sich die Haltung des Anwalts und des Mediators diametral unterscheiden und Anwälte in der Gesinnung des Anwalts also keine Mediatoren sein können. Um dies zu erreichen, müssen sie den Hut des Anwalts ablegen und den des Mediators aufsetzen.

1. Wie denken und arbeiten Anwälte?

Man muss es ja nicht so böse formulieren wie der Anwalt und scharfe Kritiker der juristischen Methode Mark McCormack:

»Anwälte neigen zu der Meinung – wie Dobermänner –, sie seien in die Welt gesetzt, um die Zähne zu fletschen. Während ihrer Abrichtung hat man ihnen die Überzeugung eingeimpft, dass ihre Herren und Meister genau das wollen«. (McCormack, Mark Die Wahrheit über Anwälte, Heyne, 1988 S. 45/46).

Wer, wie der Verfasser, viele Jahre seines Lebens an Universitäten, an denen die von McCormack als Abrichter bezeichneten Menschen lehren, und in Gerichtssälen, in denen die »Abgerichteten« ihren Beruf ausüben, verbracht hat, wird allerdings dem Kern der Aussage nicht völlig widersprechen können: Der Anwalt neigt durch seine Ausbildung zum »Beissreflex«. Das universitär gelehrte und seit Jahrtausenden praktizierte Anspruchsdenken führt unweigerlich zu der Reaktion, dass sich der Anwalt bei relevanten Ereignissen fragt: »Wer hat da etwas falsch gemacht? Wer ist schuld? Welchen Anspruch kann ich geltend machen? Wie kann ich es beweisen?«

Dieses aktionenrechtliche Denken wurde schon von den römischen Juristen praktiziert und von ihren mittelalterlichen Nachfahren in einem berühmten Merksatz zusammengefasst. Dieser lautet:»Quis, quid, a quo, qua causa?«
Auf Deutsch:»Wer kann was von wem, aus welchem Rechtsgrund verlangen?«

Das daraus resultierende Verlangen bezeichnet der Jurist als Anspruch. Wenn dieser greift, kann ich von der anderen Seite ein bestimmtes Tun oder Lassen zu einem gewissen Zeitpunkt an einem gewissen Ort verlangen. Habe ich einen solchen Anspruch nicht, dann schaut es schlecht aus. Die Professoren Bucher (ein Schweizer) und Wiegand (ein Deutscher) haben die Bedeutung des aktionenrechtlichen Denkens für die Juristen im deutschen Sprachraum so dargestellt:

»Die Beherrschung der Technik der Konflikt-Entscheidung ist auch außerhalb eigentlicher Streitsituationen immer noch das Hauptelement des beruflichen Handwerkszeugs... Im Mittelpunkt dieses dem aktionenrechtlichen Denken entstammenden Vorgehens steht die Frage nach der Durchsetzbarkeit von Rechten oder Ansprüchen, weshalb sie auch die Anspruchsmethode genannt wird.« : (Bucher Eugen; Wiegand Wolfgang, Übungen im Obligationenrecht Zürich 198 S.16 ff. )

So hat es der Anwalt an der Universität gelernt und in zwei Staatsprüfungen sein Wissen über die Anspruchsmethode nachgewiesen. Das Ziel seiner Tätigkeit ist es demnach, das Recht seines Mandanten durchzusetzen und seine Sichtweise als die einzig richtige darzustellen. Anwälte wollen und sollen nicht verständnisvoll diskutieren, sondern überzeugen. Sie müssen »Rechthaber« sein; dazu sind sie ausgebildet und das verlangt auch normalerweise der Mandant von Ihnen und das formt auch oft ihre Persönlichkeit. Sie haben festgestellt, dass der, der Ansprüche begründen kann, Recht bekommt. Wenn man im Leben Recht haben will, geht es also darum, Ansprüche zu finden und diese zu begründen. Wenn man so vorgeht, hat man Erfolg. Wenn man so vorgeht, hat man Recht. So ist man erfolgreich im Kampf ums Recht, der Kampf ist das Mittel, um das Recht durchzusetzen, um den »Rechtsfrieden« herzustellen.

Rechtsfrieden bedeutet aber meist nichts anderes als Erschöpfung der Parteien, der Mittel und des Rechtsweges. »Fight for peace« nennt man das wohl... (ausführlich sind die Haltung des Anwalts und des kooperativen Verhandlers erörtert in Ponschab, Schweizer, Kooperation statt Konfrontation, 2. Auflage 2008, Köln)

Diese Schlacht kennt, wie alle Schlachten, nur zwei Endzustände: den Zustand des Siegers und den Zustand des Verlierers. Der Anwalt ist bestrebt, seinen Mandanten zum Sieger und die Gegenseite zum Verlierer zu machen, denn es gilt: »The winner takes it all!« – das heißt, die unterlegene Partei muss nicht nur die bittere Niederlage einstecken, nein, sie muss zusätzlich auch noch die Gerichtskosten und die Kosten der beteiligten Anwälte bezahlen.

Kaum einer beschreibt diesen Kampf besser als Rudolf von Ihering:

»Das Mittel aber, wie verschiedenartig es auch gestaltet sein möge, reducirt sich stets auf den Kampf gegen das Unrecht. Im Begriffe des Rechts finden sich die Gegensätze: Kampf und Frieden zusammen - der Frieden als das Ziel, der Kampf als Mittel des Rechts, beide durch den Begriff desselben gleichmässig gesetzt und von ihm unzertrennlich....

Der Kampf ist mithin nicht etwas dem Recht Fremdes, sondern er ist mit dem Wesen desselben unzertrennlich verbunden...

Das Recht ist kein logischer, sondern es ist ein Kraftbegriff. Darum führt die Gerechtigkeit, die in der einen Hand die Waagschale hält, mit der sie das Recht abwägt, in der andern das Schwert, mit dem sie es behauptet...«.
(Der Kampf um's Recht, Ihering, Rudolf, Wien, Göttingen; 1872)

In mehr als 30 Jahren anwaltlicher Praxis ist es mir nicht gelungen, eine Partei zu treffen, die nach einer Niederlage vor Gericht dessen Weisheit gepriesen und die Entscheidung als gerecht und richtig akzeptiert hat.

2. Wie denken und arbeiten aber nun Mediatoren?

Es wäre sicher müßig, an dieser Stelle ausführlich darzulegen, welche Eigenschaften ein Mediator braucht, welche Techniken er anwendet, um erfolgreich zu sein und welche Haltung ihm das Gesetz vorschreibt.Daher nur in Kürze das Wichtigste zu diesem Punkt:

Die Tätigkeit des Mediators ist nach der gesetzlichen Definition bestimmt durch drei Kriterien:

2.1. Unabhängigkeit/Allparteilichkeit

Dies bedeutet, dass der Mediator in keiner beruflichen oder persönlichen Abhängigkeit von einer der Parteien stehen darf und sich um die Belange aller Mediationsparteien kümmern muss.
Genau umgekehrt verhält sich der Anwalt, er muss streng parteilich sein und hängt meist finanziell von der monetären Leistung seines Mandanten ab.

2.2. Neutralität

Während sich der Begriff der Unabhängigkeit auf die Person des Mediators bezieht, betrifft die Neutralität die Leitung des Verfahrens durch den Mediator. Aus § 2 Abs. 3 MediationsG ergibt sich, dass der Mediator allen Parteien gleichermaßen verpflichtet ist, dass er die Kommunikation der Parteien zu fördern und in angemessener und fairer Weise in die Mediation einzubinden hat.
Der Anwalt dagegen ist nur seiner Partei verpflichtet und fördert in der Kommunikation nur deren Interessen. Auch ist es durchaus üblich, sich bei Gericht gegenseitig ins Wort zu fallen und gute Kommunikation dadurch zu unterbinden.

2.3. Keine Entscheidungsbefugnis

Der Anwalt hat zwar in einem Rechtsstreit auch keine Entscheidungsbefugnis, er fördert aber mit allen Mitteln die Entscheidung des Richters zu seinen Gunsten und unterbreitet demnach ständig Lösungsvorschläge an das Gericht. Schon dies wird der Mediator in der Regel nicht tun.

Darüber hinaus wird ein Mediator

  • sich auch um die Emotionen der Parteien kümmern. Tut er dies nicht, werden sie während der Mediation immer wieder »hochkochen« und den Ablauf stören;
  • nur in Ausnahmefällen Lösungen anbieten (s.o.).
  • Rechtsfragen nicht in den Vordergrund stellen, da diese ja nur immer eine von vielen möglichen Lösungen anbieten. Er wird den Parteien helfen, nicht die rechtliche, sondern die passende Lösung zu suchen. Die kann, muss aber nicht die Rechtliche sein.
  • das Gemeinsame, nicht das Trennende in den Vordergrund stellen.
  • mit den Parteien die Verhaltensebene der Positionen verlassen und mit den Parteien auf der Ebene von Werten, Interessen und Glaubenssätzen den Grund des Konfliktes suchen, um Lösungen zu finden, die deren Verwirklichung zulassen. Der Anwalt dagegen stellt den Anspruch, den Idealtypus der Position in den Vordergrund.
  • davon ausgehen, dass es keine objektive Richtigkeit gibt, sondern nur subjektive Wahrheiten. In seiner Sicht hat also jeder Recht, für den Rechtsstreit eine unvorstellbare Einstellung, denn: Recht kann nur einer haben!


Wir sehen also: Anwälte sind keine Mediatoren, ebenso wie Chirurgen keine Energieheiler sind. Auch daher macht es keinen Sinn, das Berufsrecht des Anwalts auf die Mediatoren anzuwenden und dadurch eine Aufspaltung des Berufsrechts der Mediatoren in das Berufsrecht der Quellberufe zu erreichen.

Anwälte sind eben keine Mediatoren!

Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, muss einer anderen Erörterung vorbehalten bleiben.

 

Zum Autor

 

 Mediation aktuell: Autor Dr. Reiner Ponschab

 

Dr. Rainer Ponschab
Rechtsanwalt / Wirtschaftsmediator

Mitglied des Vorstands des EUCON Europäisches Institut für ConflictManagement e.V.

Präsident der EUCON Europäische Akademie für Konfliktmanagement und Wirtschaftsmediation e.V.,

Präsident Deutsches Forum für Mediation e.V.

 

J. G. Heim