Ausbildungssupervision – ein besonderes Programm

Aus der Praxis
Ausbildungssupervision – ein besonderes Programm

Was Supervision in der Mediationsweiterbildung leisten kann.

von Carla van Kaldenkerken

Carla van Kaldenkerken
Supervision hatte in der Mediationsweiterbildung und zur Qualitätssicherung ausgebildeter Mediatorinnen und Mediatoren schon immer einen ausgewiesenen Platz.[1]In der Weiterbildung ist Supervision ein fester Bestandteil, da die Standards der Berufsverbände diese Form der Begleitung der ersten eigenen Praxis verlangen. Für die Lizensierung durch die Verbände muss darüber hinaus weitere Supervision nachgewiesen werden.

Das Mediationsgesetz (MediationsG) hat diesen Standard aufgegriffen, doch reduziert die Verordnung zur Zertifizierung (ZMediatAusbV) die fallbezogene Beratung auf ein einmaliges Einzelgespräch im Anschluss an die durchgeführte Mediation. Für diese einmalige Beratung ist der Begriff Supervision irreführend. Außerdem stellen das Gesetz und die Verordnung keine besonderen Anforderungen an die Qualifikation der Supervisoren und Supervisorinnen - faktisch kann jeder Supervision anbieten. Den kritisch zu betrachtenden Boom an Supervisionsangeboten und selbsternannten Supervisoren, beantworten die Verbände in ihren Standards für die ausbildungsbegleitende Supervision mit eigenen Qualitätsanforderungen und schaffen damit höherwertige Gütesiegel.

1. Einleitung

Auch wenn die Mediationsverbände den Umfang von Supervision und Intervision und die Qualifikation der SupervisorInnen geregelt haben, bleibt noch völlig offen, was der Gegenstand der Beratung sein soll, was die Standards für gute Supervision sind und in welchem Verhältnis SupervisorInnen zum Ausbildungsinstitut stehen und eingebunden sind.

Erstrebenswert wäre der Einsatz von Supervisor*innen, die nach den Standards ihrer Berufsverbände ausgebildet sind und im Idealfall über eine Doppelqualifikation verfügen.

Davon gibt es mittlerweile viele Kolleg*innen und in dem Maße, wie die Mediationsverbände die eigenen Standards für Mediation präzisieren und verteidigen, wäre die Auseinandersetzung mit den Standards und den Qualitätsmerkmalen guter Supervision, die der größte Berufs- und Fachverband in Deutschland (DGSv) und die Zusammenschlüsse der Fachverbände in Europa (ANSE) definiert haben, anregend. Die Fachdiskurse der letzten Jahre zum Thema Ausbildungssupervision geben interessante Hinweise für die inhaltliche Weiterentwicklung der Standards der ausbildungsbegleitenden Supervision in der Mediationsausbildung.

Als Mindestanforderung sollten erfahrene Praktiker*innen und »Meister*innen« ihres Fachgebiets Mediation mit einer Zusatzqualifikation in fallbezogener Supervisionsarbeit diese Aufgabe übernehmen.

Dieser Beitrag möchte für den Kontext der Mediationsweiterbildungen das Programm Ausbildungssupervision bekannter machen, die Rahmenbedingungen skizzieren, die diese anspruchsvolle und qualifizierte Begleitung von »Berufsanfängern« braucht und für eine eigenständige Säule im Ausbildungssystem plädieren.

 

2. Das Programm Ausbildungssupervision im Beratungsformat Supervision

Ausbildungssupervision ist nur ein Programm des Beratungsformats Supervision. Die Ausbildungssupervision, mit einer langen Tradition in der Ausbildung von Sozialarbeiter*innen/ Sozialpädagog*innen stellt hohe Anforderungen an Supervisor*innen.

Die wissenschaftliche Forschung und die meisten fundierten Veröffentlichungen zum Thema Ausbildungssupervision beschäftigen sich mit der Supervision an Hochschulen für Sozialarbeit und mit der supervisorischen Begleitung von Teilnehmer*innen in Therapieausbildungen. Veröffentlichungen von Supervisor*innen selbst gibt es zum Thema

Lehrsupervision im Rahmen der Supervisionsweiterbildung und zum Programm Ausbildungssupervision im Allgemeinen. Sowohl die Forschungsergebnisse als auch die Veröffentlichungen bieten in der Übertragung auf Mediationsweiterbildungen interessante fachliche Hinweise sowohl für die professionelle Gestaltung und Einbindung von Supervision in die Mediationsweiterbildung, als auch für die inhaltlichen Schwerpunkte der Reflexion.

Wie im Beitrag Supervision, Mediation, Coaching – Unterschiede und Präzisierungen – Teil 1 auf diesem Fachportal schon skizziert, gliedert sich das Beratungsformat Supervision in die Programme:

  • Kunden- oder klientenbezogene Supervision, auch Fallsupervision genannt.
  • Kooperationsbezogene Supervision, die häufig als Teamsupervision bezeichnet wird. Sie meint auch die Beratung von Abteilungen und Projektgruppen.
  • Rollenbezogene Supervision, die häufig in der Einzelberatung zu Themen von Führung, Karriereplanung und Rollenklärung im Beruf stattfindet.
  • Kontrollsupervision als spezifische Fallsupervision für ausgebildete BeraterInnen.
  • Organisationssupervision, die strukturelle und strategische Aspekte fokussiert.
  • Ausbildungssupervision zum Erlernen einer neuen Profession oder Methode.


Definition: Ausbildungssupervision hat die Funktion, während des ersten beruflichen Handelns die Rollenübernahme zu begleiten. Anhand erster praktischer Probleme wird das berufliche Handeln unter fachkundiger Anleitung reflektiert, das Methodenrepertoire und Wissen erweitert und die Qualität für den Kunden/Klienten gesichert. Eigene biografische Themen, die die Klienten- Berater -Beziehung stören und die Rollenübernahme sowie die berufliche Handlungsfähigkeit erschweren oder behindern können, werden thematisiert und können ggf. in anderen Beratungskontexten bearbeitet werden.

 

Für die Rolle als Ausbildungssupervisor*in ist die reflektierte, reichhaltige Erfahrung eine wichtige Voraussetzung. Sie allein reicht allerdings nicht aus. Supervisor*innen machen mehr als Fachberatung, mehr als Moderation und Übungen. Sie haben ein Prozessverständnis, Verfahrenskenntnisse und ein Methodenrepertoire für die Anleitung zur Reflexion von beruflichem Handeln.

Die besondere Herausforderung an Ausbildungssupervisor*innen besteht in der Vielfältigkeit der Anforderungen.

 Idealerweise integriert Ausbildungssupervision fünf Elemente:

  • Wissensvermittlung und Instruktion
  • Selbstreflexion und Selbsterfahrung
  • Identitäts- und Rollenklärung
  • Training/ Übung/ Vorbereitung der eigenen Praxis
  • Kontrolle für eine gute Leistung für den Kunden

 

Das bedeutet, dass man für die Wissensvermittlung und Kontrolle der Leistung für die Kunden vertiefte Kenntnisse vom Fach haben muss, Selbstreflexion und Selbsterfahrung zu relevanten Themen und zur Identitäts- und Rollenklärung anleiten kann und ein methodisches Repertoire für die Vorbereitung des Handelns zur Verfügung hat.

Für die Bearbeitung der genannten Themen bedient sich die Ausbildungssupervision verschiedener Elemente aus

  • der Fachberatung,
  • dem Training und Rollenspiel und
  • dem Reflexionsformat Supervision.

 

Ausbilder*innen für Mediation erfüllen mit ihrer Expertise und Erfahrung alle Voraussetzungen für gute Fachberatung, Wissensvermittlung und können die Leistung der Berufsanfänger*innen bewerten und für das gute Ergebnisse deren KundInnen sorgen.

Ausbilder*innen für Mediation sind außerdem Experten für didaktische Prozesse und i.d.R. qualifiziert in der Anleitung von Probehandeln, Rollenspiele und Techniken der Vorwegnahme und Zukunftsprojektion.

Aus dem Leistungsspektrum der Supervision sind zusätzliche Kenntnisse aus den Programmen Rollenberatung, persönliche und soziale Selbstthematisierung und Fallberatung notwendig. Kenntnisse über den Normalverlauf dieser Programme und geübte Praxis in der Handhabung dieser Abläufe sind für Ausbildungssupervisor*innen in der Mediationsausbildung unverzichtbar.

Gute Ausbildungssupervisor*innen sind deshalb erfahrene Praktiker*innen im Feld Mediation mit einem aufgearbeiteten Erfahrungswissen und aktuellsten Kenntnissen zum fachlichen Diskurs. Sie unterstützen Berufsanfänger*innen in der Aneignung der professionellen Rollen mit Fachkenntnis, supervisorischen Kompetenz, Rollenspiel- und Trainings- Kompetenz und dem Wunsch den Nachwuchs in die Profession gut einzuführen, indem man sie an den eigenen Erfahrungen teilhaben lässt.

Diese Arbeit kann sowohl im Einzelsetting als auch in Gruppen stattfinden und keine der Settings ist per se höherwertig. Die Wahl des Settings orientiert sich an den Themen der Supervisand*innen und am Bedarf.

Für Einzelsupervision sollte man sich entscheiden, wenn aktuell für die Begleitung des ersten eigenen Falls keine Gruppe zur Verfügung steht und persönliche Themen einer einzelnen Person im Mittelpunkt stehen.

Die Supervision in der Gruppe hat den zusätzlichen Nutzen, von den Erfahrungen der anderen Teilnehmer*innen zu profitieren, die Gruppenprozesse für den persönlichen Lernprozess und die Gruppe als Spiegel persönlicher und sozialer Resonanzphänomene nutzen zu können.

 

3. Aktuelle Praxis der ausbildungsbegleitenden Supervision in den Mediationsausbildungen

Im Rahmen meiner Seminare für zukünftige Ausbilder*innen für Mediation haben mir ca. 150 Mediator*innen und Ausbilder*innen Auskunft über den Einsatz von Supervision im Rahmen ihrer Ausbildungen gegeben. Diese Befragungen ergaben, dass die Praxisanleitung/ Supervision überwiegend durch die Ausbilder*innen selbst angeboten wird. Einige Institute binden aber auch externe, doppelt qualifizierten Supervisor*innen/ Mediator*innen ein. Weiter ergab, dass in den als Supervision markierten Settings, mangels eigener Fälle häufig keine Fallreflektion stattfindet. Die Zusammenkünfte werden für Rollenspiele und andere Übungsformen im Verfahren Mediation genutzt.

Ein einheitliches Verständnis zu den Begriffen Supervision, Intervision, Co- Vision, Praxisanleitung im Kontext von Mediation wäre ein wichtiger Schritt zu mehr Klarheit und Fachlichkeit. Dazu gehört ein gemeinsames Verständnis, wie sich Supervision von den anderen Formen des Übens und Lernens in kleinerer Gruppe unterscheidet. Was in der Supervisionsliteratur (vgl. Nando Belardi[2], Effinger) als Praxisberatung beschrieben wird, wird in vielen Mediationsausbildungen und Fallberatungen für Mediator*innen als Supervision bezeichnet. Außerdem werden keine Unterschiede zwischen berufsbegleitender Supervision und Ausbildungssupervision gemacht. Das kann dazu führen, „dass Professionelle, die nur in dieser Art und Weise Supervision kennengelernt haben, der Ansicht sind, das wäre Supervision überhaupt. Vielmehr handelt es sich um eine Möglichkeit, Elemente von Supervision, insbesondere die Fallsupervision, zu Ausbildungszwecken anzuwenden.“[3]

Auch die Ausbildungsordnungen und manche Veröffentlichungen zum Thema Supervision im Kontext von Mediation haben ihren Anteil an der Sprachverwirrung. Es bleibt unklar, was genau unter Supervision verstanden wird, welche Rolle Supervision in der Ausbildung haben und wie Supervision ins Ausbildungssystem insgesamt eingebunden werden soll. Auch fehlen Aussagen darüber, wie die Verteilung der Anteile an Selbstreflektion, Wissensvermittlung und -aneignung, Anleitung, Übung und Kontrolle sein sollen.

Zudem findet man im Mediationsfeld Weiterbildungsangebote zum/zur Supervisor*in, die sich nicht an die Standards der Berufsverbände und wissenschaftlichen Diskurse im Feld Supervision anschließen.

 

4. Der Blick über den Tellerrand: Forschung, Diskurs und Anregungen zur Ausbildungssupervision aus anderen Professionen.

Eine der umfangreichsten Publikationen zum Thema Ausbildungssupervision legte 2002 Herbert Effinger mit der empirischen Studie - Ausbildungssupervision im Rahmen von Fachhochschulstudiengängen für soziale Arbeit in Deutschland - vor.[4] Die Beschäftigung mit dieser empirischen Studie könnte einen Verständigungs- und Klärungsprozess anstoßen, der für die Begriffsklärung und inhaltliche Ausgestaltung von Standards zur Supervision in der Mediationsweiterbildung noch aussteht.

Für eine klarere Systematik, Abgrenzung und Profilierung von Ausbildungssupervision empfiehlt sich die Unterscheidung Praxisberatung, Praxisanleitung, Praxislehre, Ausbildungssupervision und berufsbegleitender Supervision:

  • Praxislehrer sind Lehrer*innen von Instituten und Hochschulen, die die berufspraktischen Ausbildungsabschnitte während der Ausbildung mit praxisbegleitenden Lehrveranstaltungen zum Theorie- Praxis- Transfer und praktische Übungen begleiten.
  • Die Praxisanleitung erfolgt durch erfahrene und für die Praxisanleitung qualifizierte Fachkräfte vor Ort und begleitet die zunehmend eigenverantwortliche Ausübung der beruflichen Aufgaben. [5]
  • Praxisberatung ist die fachkundige Anleitung der ersten eigenen Praxis durch externe Berater*innen. Der Unterschied zur Supervision besteht in der Ausrichtung auf die Fallberatung und in einem stärkeren Anteil von Wissensvermittlung und Übung.
  • Ausbildungssupervision ist die professionelle Begleitung, Anleitung und Kontrolle von Ausbildungskandidaten einer bestimmten Therapie, Methode oder Beratungsverfahren durch externe Supervisor*innen. Sie unterstützen in einer Mischung aus Reflektion, Instruktion, Übung, Selbsterfahrung und Kontrolle das Erlernen des Beratungsverfahren oder der Methode, die Entwicklung der dazugehörenden professionellen Identität und Rolle, begleiten die ersten Praxisfälle mit Fallsupervision und unterstützen und kontrollieren fachlich in der Weise, dass der Kunden trotz Ausbildungsstatus eine gute Leistung erhält.
  • Die berufsbegleitende Supervision hat weitere Programme und Verfahren für die rollenbezogene, klientenbezogene und kooperationsbezogene Reflektion. Die reflexiven Anteile und die multidimensionalen Betrachtungsmöglichkeiten spielen dabei eine größere Rolle als in der Ausbildungssupervision.

 

Die folgenden Fragen und Aussagen bieten Kriterien für eine Systematik zur Einordnung und Unterscheidung der Begleitungsformen an. Mithilfe dieser Fragen und Kriterien lässt sich beantworten, ob die Begleitungsform als Praxisberatung, Ausbildungssupervision oder Praxislehre einzuordnen ist und welchen Stellenwert das Ausbildungsinstitut der Supervision gibt.

  • Macht das Ausbildungsinstitut einen konzeptionellen Unterschied zwischen Supervision, Übungsanleitung und Praxisberatung und wie wird den Auszubildenden/ Studierenden das vermittelt?
  • Wie gestaltet sich der Umfang der verschiedenen Bestandteile von Selbstreflektion/ Selbsterfahrung, Identitätsentwicklung und Rollenklärung, Wissensvermittlung Übung, Anleitung, Instruktion und Kontrolle? Zwischen der Reflektion und Prozessbegleitung (Supervision) einerseits und ausschließlicher Wissensvermittlung und Kontrolle (Praxislehre) anderseits, lassen sich verschiedene Mischungsverhältnisse finden, die den Charakter der Zusammenkunft ausmachen.
  • Wird die Zusammenkunft von internen Fachkräften des Ausbildungsinstituts oder sogar von den Ausbilder*innen selber geleitet (Praxislehrer*innen) oder werden externe Berater*innen (Praxisanleitung und Supervision) dafür zur Verfügung gestellt. Wird die Zusammenkunft von Personen geleitet, die im Ausbildungszusammenhang leiten und bewerten oder stehen die Berater*innen zwar in Verbindung mit dem Ausbildungsinstitut, bleiben aber unabhängig und regeln den Umgang mit persönlichen Themen der Teilnehmerinnen über Verschwiegenheitsregelungen?
  • Wie ist Supervision in das Ausbildungssystem als Ganzes eingebunden? Werden klare Verschwiegenheitsvereinbarungen verabredet und den Auszubildenden transparent gemacht? Sind die Supervisor*innen über die Lernhalte, Ziele, das Konzept und den Stand der Ausbildung informiert und wie wird die Rückkopplung zu inhaltlichen und konzeptionellen Fragen zwischen Hochschule und Institut organisiert (Dreieckskontrakt)?
  • Welche Qualifikationen haben die anleitenden Personen? Sind es erfahrene Praktiker*innen, die mit der spezifischen Methode oder Verfahren bestens vertraut sind oder auch in Supervision ausgebildete Fachleute. »Auch die Qualifikation und die formellen Anforderungen an die Anbieter von Supervision lässt Rückschlüsse auf die Qualität bzw. den Stellenwert der Supervision im Kontext der gesamten Ausbildung zu. Sind die qualifikatorischen Anforderungen an die Kompetenz der Supervisoren hoch, so kann man darin auch ein Indiz für den Stellenwert der Supervision in der Ausbildung sehen«.[6]
  • Zu welchem Zeitpunkt der Ausbildung wird Supervision und Praxisberatung angeboten, bzw. verpflichtend erwartet? Wird eine tatsächliche Praxis begleitet oder gibt es faktisch noch keine eigenen Erfahrungen? Kann an der ersten eigenen Praxis sowohl das Vorgehen, die Rolle und Haltung reflektiert werden oder wird der Rahmen zu Rollenspielen und anderen Übungsformen genutzt? Hier spielt die Organisation des Einsatzes von Supervision ebenfalls eine wichtige Rolle. Können die Teilnehmer*innen den Start der Supervision entsprechend ihrer eigenen Praxis selber bestimmen oder ist der Start festgelegt?
  • Die Größe der Gruppe, der Umfang und die Anzahl der Sitzungen können ebenfalls als Kriterium herangezogen werden. Ist eine reflexive Fallbearbeitung im supervisorischen Setting mit zwölf Teilnehmer*innen und einem Zeitkontingent von zwei Stunden pro Monat wirklich möglich? Vermutlich muss die Unterstützung dann in direktiver Form mit Instruktionen und Fachberatung stattfinden, damit wenigstens einige der Teilnehmer*innen für ihre nächste Praxis handlungsfähiger werden. Der Sitzungsrhythmus sollte so ausgerichtet sein, dass eine tatsächliche Begleitung der ersten eigenen Praxisfälle und Themen der Rollen- und beruflichen Identitätsklärung möglich sind.
  • Können die Teilnehmer*innen die Berater*innen auswählen oder werden diese vorgegeben? Werden die Gruppen zusammengesetzt oder können die Teilnehmer*innen selbst wählen und welche Wahlkriterien stehen dafür zur Verfügung? Der Zwangskontext spielt in vielen Ausbildungszusammenhängen eine beachtliche Rolle und kann die Bereitschaft zur Reflektion, Offenheit und Selbstklärung einschränken und damit das Lernen beeinflussen.

 

5. Empfehlungen zur Gestaltung und Einbindung der Ausbildungssupervision in die Mediationsweiterbildung

Obwohl die meisten Ausbilder*innen in Gesprächen über die Einbindung und den Stellenwert von Supervision in den Weiterbildungen eine Trennung der Ebene Ausbildungsleitung von der Ebene Supervision als sinnvoll bestätigten, wird diese Trennung weder als Standard der Verbände vorgeben, noch von der Mehrheit der Institute praktiziert. Die Ergebnisse einer Befragung im Frühjahr 2019 unter den Ausbilder*innen (BM) durch Marcela Müllerova werden uns bald nähere Auskunft dazu geben können.

Bei vielen Beraterweiterbildungen (Organisationsberatung, Supervision u. a.) sind die Säulen der Ausbildung (Seminare, eigene Praxis, selbstorganisierte Lern- und Übungsgruppen und Supervision) streng voneinander getrennt. Supervision soll zwar die Lernziele mit umsetzen, aber auch ein geschützter Ort sein, um sich mit den ersten eigenen Erfahrungen, mit Fehlern, Fragen und vielleicht auch persönlichen und biografischen Themen zu beschäftigen. Anders als in vielen Mediationsweiterbildungen wird hier auf eine strenge Trennung zwischen den verschiedenen Bereichen im Ausbildungssystem geachtet. Das hat den sinnvollen Hintergrund, dass sich die Ausbildungsteilnehmer*innen gegenüber der bewertenden Instanz, die Prüfungen abnimmt oder über die Eignung entscheidet, nicht in dem Maße öffnen können, wie es für die Selbstreflektion häufig notwendig ist. »Während klassische Lehrveranstaltungen mit vorgegebenen Inhalten und mit Prüfungen verbunden sind, ist die Ausbildungssupervision inhaltsoffen und als Beratungsraum notwendigerweise frei von Benotung und Beurteilung«.[7] Ausbildungssupervision ist in ein sehr komplexes System eingebunden. Sie ist im Idealfall eine eigenständige Säule im gesamten Ausbildungssystem bestehend aus Ausbildungsinstitut/Universität, den Lernenden/Studierenden, den Kunden/Klienten und der Supervision. Die Supervisoren sind in diesem Verhältnis immer auch dem Institut verpflichtet. »Ausbildungssupervision bewegt sich folglich in einem Vierecksvertrag, der neben Studierenden, Supervisor/in und Hochschule – zumindest implizit auch die jeweilige Praxisstelle einschließt«[8]

Diese Einbindung von Ausbildungssupervision in ein übergreifendes Ausbildungssystem hat nicht nur vertragliche Konsequenzen. Die Supervisor*innen fühlen sich allen Beteiligten verpflichtet. Sie sorgen für die Fachlichkeit und den Nachwuchs in der Profession, sie sorgen für die Qualität beim Kunden/Klienten, sie fühlen sich der Konzepte und Regeln des Ausbildungsinstituts verpflichtet und achten auf ihre eigenen Qualitätsansprüche und berufsethischen Normen. Das hat Folgen für die Handhabung der Verschwiegenheitsvereinbarungen und der Vernetzung mit anderen Beteiligten.

Aus diesem Grunde werden die Kontrakte zwischen den Supervisor*innen, dem Institut oder der Hochschule, den Ausbildungsbildungskandidaten und implizit mit dem Kunden/Klienten geschlossen. Für die Kontraktgestaltung ist dies ein sehr relevanter Unterschied, denn auch die Supervisor*innen sind in einen Rahmenkontrakt zur Umsetzung der Ausbildungsziele eingebunden. In der Regel werden Ausbildungsziele, Kooperation, Kommunikation und Verschwiegenheit, Konfliktregulierung, Kontrolle der Lernziele, Dokumentation der ersten Praxisprojekte und Kriterien dieser Dokumentation und der Abschlussberichte vom Ausbildungsinstitut oder der Hochschule vorgegeben, manchmal auch zusammen festgelegt.

Analog zu den üblichen Dreieckskontrakten in der Supervision muss die Vereinbarung zwischen dem Ausbildungsinstitut und den Supervisor*innen bei persönlichen Themen Verschwiegenheit zusichern und eine Offenheit zu strukturellen und konzeptionellen Fragen der Ausbildung erlauben. (vgl. dazu van Kaldenkerken. 2017[9])

Für die ausbildungsbegleitende Supervision in der Mediationsausbildung bedeutet das im Idealfall:

  • Es besteht eine Trennung von Ausbildungsinstitut/Ausbildungsleitung und Supervisor*innen.
  • Ein Pool an ausgewählten Supervisor*innen steht als Auswahl für die Teilnehmer*innen zur Verfügung, unter denen sie frei wählen können.
  • Die Supervisor*innen kennen das spezifische Konzept dieses Lehrgangs und orientieren sich an den Lerninhalten des Ausbildungsinstituts.
  • Es gibt eine Rahmenvereinbarungen zwischen dem Ausbildungsinstitut/ der Ausbildungsleitung und den Supervisor*innen, die alle Aspekte der Kooperation und der Arbeit im Supervisonssystem regelt. Dazu gehört auch eine klare Beschreibung im Umgang mit der Verschwiegenheit.
  • Die Verschwiegenheitsvereinbarung sollte eine vollständige Verschwiegenheit zu allen persönlichen Aspekten der Teilnehmer*innen vorsehen und für die Rückkopplung zu konzeptionellen und strukturellen Aspekten Offenheit ermöglichen.
  • Das Ausbildungsinstitut und die Supervisor*innen stehen in einem Kontakt zum Zwecke der Evaluation und der Rückkopplung zu inhaltlichen und konzeptionelle Themen.
  • Entweder werden Dreieckskontrakte zwischen dem Ausbildungsinstitut, den Supervisor*innen und dem Teilnehmer*innen unterzeichnet oder es wird
  • ein Vertrag zwischen Supervisor*in und Studierenden im Kontext eines Rahmenvertrags geschlossen, in dem alle relevanten Absprachen und Regeln festgehalten sind und als Anhang zum Vertrag Bestandteil des Vertrages ist.

 

6. Fazit

Dieser Blick über den Tellerrand mit den anregenden Hinweisen auf eine professionelle Begleitung der Berufsanfänger*innen in ihre erste Praxis macht deutlich, in welchem Maße die Vorgaben durch des Mediationsgesetz und seiner Verordnung an der Sprachverwirrung um den Begriff Supervision beigetragen haben. Das Begleitformat einer einstündigen Einzelsitzung kann bestenfalls eine kontrollierende Praxisbewertung genannt werden, da sie nicht einmal anleitend in Vorbereitung auf anstehende erste Mediationen stattfindet, sondern nachfolgend vorgesehen ist.

Wünschenswert wäre im Zusammenhang mit der Umsetzung des Qualitätsverbundes Mediation (QVM) die Supervisionskonzeption und Standards zu präzisieren und sich damit auch inhaltlich deutlich von den Vorgaben des Mediationsgesetz und seiner Verordnung abzuheben und für mehr Klarheit und Qualität zu sorgen.

 

 

 

Autorin

Carla van Kaldenkerken

Carla van Kaldenkerken

Geschäftsführende Gesellschafterin der Beratungsfirma step

Dipl. Sozialpädagogin, Supervisorin und Lehrsupervisorin (DGSv), Ausbildungsleiterin einer DGSv- zertifizierten Ausbildung »Supervision und Coaching«, Mediatorin, Ausbilderin für Mediation (BM) Organisationsberaterin www.step-beratung.de

 


[2] Nando Belardi: Supervision in helfenden Berufen. 2015 und Herbert Effinger, Reflexion berufsbezogenen Handels? Ja, aber wie? In: Organisationsberatung- Supervision- Coaching (OSC) 3-2002

[3] Kornelia Rappe-Giesecke: Supervision für Gruppen und Teams, 2009, S. 5

[4] Herbert Effinger: Reflexion berufsbezogenen Handels? Ja, aber wie? In: Organisationsberatung- Supervision- Coaching (OSC) 3-2002, S. 245- 269

[5] Vgl. auch Gesetz für die Berufe in der Krankenpflege KrPflG von 2003

[6] Herbert Effinger: Reflexion berufsbezogenen Handels? Ja, aber wie? Eine empirische Studie zur Ausbildungssupervision an Fachhochschulen für Soziale Arbeit in Deutschland, 2005 S. 18

[7] Margit Ostertag: Ausbildungssupervision – vergessene Zusammenhänge? In: journal.supervision 1/2011. S. 5

[8] Dies. Ebenda

[9] Carla van Kaldenkerken, Die besondere Konstellation von Triaden im Ausbildungssystem. In: Edeltrud Freitag-Becker, Mechtild Grohs-Schulz, Heidi Neumann-Wirsig (Hg.): Lehrsupervision im Fokus, 2017

 

 

 

 

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