Basiswissen: Die fünf Axiome von Paul Watzlawick

Praxistipps
Basiswissen: Die fünf Axiome von Paul Watzlawick

Sonderserie 2020: Grundregeln über Kommunikation

von Jürgen Heim

Paul Watzlawik

Kommunikation bedeutet nicht nur Informationen auszutauschen oder zu übermitteln, sondern auch miteinander in Verbindung zu treten, sich zu verständigen, sich zu verstehen.

Kommunikation hat demnach nicht nur etwas mit Inhalten, sondern auch etwas mit Beziehungen zu tun.

Der Psychotherapeut Paul Watzlawick setzt sich in seinem Buch »Menschliche Kommunikation, Formen, Störungen, Paradoxien« mit dieser Thematik im systemischen Kontext - also ausgehend von der Annahme, dass wir in selbst konstruierten und relativ festgefügten Systemen leben und kommunizieren - und den Problemen der menschlichen Kommunikation auseinander.

Dazu entwickelte er sein Kommunikationsmodell aus fünf Grundregeln, die er Axiome nannte.

»Ein Axiom ist ein absolut richtig erkannter Grundsatz, also eine allgemeingültige Wahrheit, die keinen Beweis braucht. «

Diese fünf Axiome gelten in jeder Kommunikationssituation.

1. Axiom:  »Man kann nicht nicht kommunizieren

Nach Watzlawick kommt es zwischen zwei Menschen zu einer Kommunikationssituation, sobald sie sich gegenseitig wahrnehmen. Er setzt Kommunikation dem Verhalten gleich und genauso, wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man ebenso nicht nicht kommunizieren.

Anmerkung für die Praxis: Nach diesem Axiom folgt für die Einzelsituation: Selbst, wenn Ihnen gegenüber jemand die Kommunikation verweigert (hartnäckiges Schweigen, keine Annahme des Gesprächsangebots, sich abwesend zeigen o. ä.), findet dennoch eine Kommunikation statt (»Ich will nicht.« oder »Ich kann (jetzt) nicht.«).

2. Axiom: »Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und Beziehungsaspekt.«

Watzlawick geht davon aus, dass jede Kommunikation zunächst einen inhaltlichen Aspekt enthält, bei dem es darum geht, was inhaltlich mitgeteilt werden soll.

Daneben besitzt die Kommunikation einen kommunikationsrelevanten Beziehungsaspekt. Dieser äußert sich darin, wie ein Sprecher in der jeweiligen Situation möchte, dass seine Botschaft verstanden werden soll oder wie er die Beziehung zu seinem Gesprächspartner einschätzt. Seine Einstellungen untermauert er mit Gestik und Mimik oder auch dem Tonfall.

Es gibt also keine reine, beziehungslose Sachinformation, es schwingt immer eine bestimmte Beziehungsqualität mit. Auch ein sachliches Verhältnis ist eine Beziehung und »keine Beziehung« ist nur der Ausdruck einer bestimmten Qualität.

Anmerkung für die Praxis: Das primäre Ziel von bewusster Kommunikation ist damit die Entwicklung der Beziehung Ihres Gesprächspartners zu Ihnen. Er soll Ihnen offen und aufgeschlossen zuhören. Er soll sich gerne mit Ihnen unterhalten wollen. Er soll Sie so wahrnehmen, wie Sie es gerne hätten. Kommunikation ist damit Beziehungsmanagement und am Ende Wahrnehmungsmanagement.

3. Axiom: »Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung.«

Ein Kommunikationsprozess unterliegt einer gewissen Struktur. In ihm reagieren beide Gesprächspartner ständig aufeinander, sodass die Kommunikation letztendlich kreisförmig verläuft.

Tragen Beteiligte verbal einen Konflikt aus, dann beziehen sie sich häufig auf ein zurückliegendes Ereignis, das aus deren Sicht den Auslöser des Streits darstellt. Dieses Ereignis, so Watzlawick, ist in Wahrheit jedoch nur ein subjektiv erlebter Startpunkt. Die tatsächlichen Probleme liegen in einer permanenten Wechselwirkung der Aussagen der Kommunizierenden.

Als Beispiel nennt er einen Ehestreit, bei dem die Frau dem Mann vorwirft, er ziehe sich ständig zurück, woraufhin er seiner Frau vorwirft, dass sie immer nur nörgelt – und sich zurückzieht. Daraufhin nörgelt die Frau, woraufhin er sich zurückzieht, woraufhin sie nörgelt, usw. Rückblickend ist nicht mehr auszumachen, wo der Startpunkt dieser Kommunikationsverkettung liegt. Klar ist nur, dass sich das Verhalten der beiden gegenseitig bedingt.

Anmerkung für die Praxis: Die Perspektive bestimmt das Bild. Der Perspektivwechsel verändert das Bild. Wer in der Lage ist, über seinen Schatten zu springen und die Perspektive der anderen Seite einzunehmen, kann zweierlei erreichen: Er kann einerseits feststellen, dass die Argumente der Anderen auch nicht so falsch sind. Andererseits kann er durch diesen Akt des guten Willens (Beziehungsgestaltung) die Anderen dazu bringen, ihre Verteidigungshaltung aufzugeben und anzufangen, miteinander zu diskutieren.

Die einzig mögliche Lösung liegt in derartigen Fällen meist in einem Schnitt, einem Reset. Eine von beiden Seiten muss bei Null anfangen, das Gewesene abhaken und hinterfragen, was der Andere tatsächlich gemeint hat und was man selbst besser machen könnte. Das ist in der Regel eine leidensvolle Vorleistung, denn die andere Seite wird sicher noch eine Weile brauchen, um ihre Wunden zu lecken. Am besten gleich offener herangehen.

4. Axiom: »Kommunikation ist analog und digital.«

Watzlawick unterscheidet zwischen der digitalen (verbalen) und der analogen (nonverbalen) Kommunikation - m. a. W.: Die menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten.

Im zweiten Axiom ging es mit der Sach- und Beziehungsebene um die Inhalte der beiden Ebenen: Sachverhalte und Kommunikationsbeziehung. Im vierten Axiom geht es nun um die Art, mit der die Inhalte auf den beiden Ebenen transportiert werden. Dabei wird zwischen analoger und digitaler Datenübertragung unterschieden. Die Informationen auf der Sachebene werden digital vermittelt, die Informationen auf der Beziehungsebene vorwiegend analog. (Hinweis: Die Begriffswahl erfolgte in den 60er Jahren, als viele Erklärungsmodelle das Prinzip Computer benutzten. Heute würde man dies vermutlich anders nennen.)

Mit der digitalen Kommunikation sind demnach die rein sachlich und objektiven Wörter und Sätze gemeint, die sich auf bestimmte Sachverhalte beziehen. Sie vermitteln Informationen und lassen keinen Spielraum für Interpretationen einer Nachricht zu. Digital meint hier ein klares Symbolsystem aus Worten und Sätzen [Semantik und Syntaktik], um Sachverhalte klar zu beschreiben: Katze, Tisch, Haus.

Die analoge Kommunikation berücksichtigt die Beziehungsebene, die konkrete Situation und Gestik und Mimik des Sprechers.

Die analoge Kommunikation funktioniert mithilfe von Darstellungen, Zeichnungen, Bildern, aber auch durch Gestik und Mimik. Mit der analogen Kommunikation kann man dem Gegenüber etwas »zwischen den Zeilen« mitteilen. Sie dient der sprachfreien Übermittlung von Bedeutungen und emotionalen Färbungen und ist hochgradig interpretierbar. Viele gestische und mimische Ausdrücke sind grundsätzlich doppeldeutig. Watzlawick erinnert daran, dass Tränen Ausdruck von Schmerz oder Freude sein können. Die geballte Faust kann Drohung oder Selbstbeherrschung bedeuten, ein Lächeln kann Sympathie oder Verachtung ausdrücken, Zurückhaltung kann als Takt oder Gleichgültigkeit offenbaren.

Im Idealfall sollten sich digitale und analoge Kommunikation nicht widersprechen.

Anmerkung für die Praxis: Eine Kommunikation wird schwierig, wenn die verwendeten Begriffe nicht allen Gesprächsteilnehmern vertraut sind. Es kann zwar sein, dass alles richtig ist, was der Spezialist sagt, dass ihn aber trotzdem niemand versteht. Es kann auch sein, das ihm durch das Denken in der Fachsprache der passende emotionale Zugang fehlt, um bei den Zuhörern Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Schwierig wird es auch, wenn der Abstraktionsgrad der Begriffe sehr hoch ist, wie bei Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe etc. Dann besteht die Gefahr, dass sich jeder zu einer anderen Interpretation gelangt.

5. Axiom: »Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär.«

Das fünfte Axiom bezieht sich auf die Gesprächspartner. Die Vielfalt der Konstellationen auf der Beziehungsebene lassen sich nur zwei verschiedenen Grundmustern zuordnen. Entweder sind die Partner gleichberechtigt und die Kommunikation erfolgt auf Augenhöhe (symmetrisch). Oder die Partner sind nicht gleichberechtigt, dann verläuft die Kommunikation komplementär, zum Unter gehört der Ober.

Ist die Kommunikation symmetrisch, stehen also die Gesprächspartner auf einer Ebene, versuchen sie im Gespräch diese Gleichheit bestehen zu lassen bzw. herzustellen. Bei einer komplementären Gesprächssituation allerdings stehen die Unterschiede der Personen im Vordergrund. Meist gibt es einen übergeordneten und einen untergeordneten Gesprächspartner, die sich im Gespräch durch ihr Verhalten ergänzen.

Eine Störung liegt dann vor, wenn es zu einer symmetrischen Eskalation kommt, d.h. die Partner versuchen sich gegenseitig »auszustechen«. Eine sehr starre Komplementarität findet man in Mutter-Tochter-Beziehungen. Die Individuen in der Mutter-Tochter-Beziehung sind unterschiedlich, auch hier gibt es einen primären und einen sekundären Partner. Diese Beziehung ist allerdings auf gesellschaftlichem und kulturellen Kontext zu sehen, es geht nicht darum sie mit »stark-schwach«, »gut-schlecht« etc. zu verknüpfen, denn der eine Partner drängt den anderen nicht in seine Stellung, sondern sie stehen in einem Wechselverhältnis, sie ergänzen sich gegenseitig. Das Verhalten des einen Partners bedingt das des Anderen und umgekehrt.

Anmerkung für die Praxis: Das wirkliche Kommunikationsproblem (Kommunikationsstörung) entsteht, wenn die Seiten ihre jeweiligen Positionen unterschiedlich sehen oder Positionszuweisungen nicht akzeptieren. Wenn unterschiedliche Vorstellungen darüber bestehen, wer jetzt Unter und Ober ist oder wenn einer der faktisch gleichberechtigten Partner einer Situation diese nicht anerkennt und sich oder den anderen zum Unter machen will, dann eskaliert die Situation entsprechend der kulturellen Muster mehr oder weniger schnell und intensiv. Denn dann geht es erst einmal darum, wer Recht haben darf, damit der dann entscheiden kann, wer Recht bekommt.

Der Beziehungsaspekt beschreibt das Verhältnis der Beteiligten zueinander also in drei Dimensionen.

  • Die Position, die die Gesprächspartner zueinander einnehmen: Betrachten sie sich als gleichberechtigt? Steht einer klar über oder unter dem anderen? Stellt sich einer über oder unter den anderen?
  • Das Maß von Nähe und Distanz zwischen den Beteiligten: Ist es ein kühles, distanziertes Gespräch, erleben wir professionelle Sachlichkeit, wird vertrauliche Nähe aufgebaut, kennen die Beteiligten sich schon ewig?
  • Die Dynamik in den beiden ersten Dimensionen: Wie geht der Andere mit dem Beziehungsangebot oder dem Beziehungsanspruch des einen um? Werden Nähe oder Position akzeptiert oder zurückgewiesen, findet eine einmalige Korrektur statt oder ein permanenter Kampf um das richtige Verhältnis? Ist es ernst gemeint oder ist es gut gespielt?

Alles, was den Beteiligten sonst noch an beziehungsbeeinflussenden Aspekten einfällt, resultiert aus Vorurteilen über die Person, deren Beruf oder sonstige Zugehörigkeiten. Hinzu kommen Erfahrungen aus Beobachtungen oder aus gemeinsamen Erlebnissen mit dieser Person– und den damit verbundenen Gefühlen.

Daraus entstehen häufig paradoxe Handlungsaufforderungen. Entweder es kommt zu sogenannten »Doppelten Botschaften« ( z.B. nonverbal etwas anderes ausdrücken als man sagt) oder zu »Paradoxen Voraussagen«. Ein Beispiel: (A) bekommt einen roten und grünen Pullover von (B) geschenkt. Er zieht den roten an. (B) unterstellt, dass ihm der grüne dann ja nicht zu gefallen schien. Hätte (A) den grünen zuerst angezogen, wäre dasselbe passiert. Egal was (A) gemacht hätte, wäre falsch gewesen.

Diese Situationen entstehen dann, wenn zu viele Probleme da sind, diese nicht gelöst werden können oder die Lösung das Problem selbst ist. (Wenn die Lösung selbst das Problem darstellt, verschlimmert sich die Lage, wenn keine oder eine falsche Lösung versucht wird bzw. wenn mehr von der falschen Lösung probiert wird.) Hierbei sind Paradoxien, Verleugnung oder eine Utopievorstellung unangemessene Lösungsversuche.

Werden unmögliche Lösungen für möglich gehalten, handelt es sich um das Utopiesyndrom. Der Betreffende schiebt alles auf die eigene Unzulänglichkeit, nicht aber auf die Unerreichbarkeit des Ziels. Dabei werden bewährte Lösungen nicht aufgegriffen und es kommt zu Pseudoproblemen.

Hier empfiehlt Watzlawick vier Schritte zur Problemlösung:

  • Zunächst muss das Problem definiert werden. Hier ist zwischen echten und Pseudoproblemen zu unterscheiden.
  • Im zweiten Schritt sind die bisherigen Lösungsversuche zu untersuchen, ob die Probleme nicht durch Fehllösung entstanden sind.
  • Darauf folgt die Formulierung von Zielen bzw. Lösungen. In diesem Schritt sollte man Utopien und vage Lösungen nicht berücksichtigen.
  • Zuletzt werden die weiteren Planungen durchgeführt.

 

 

Prof. Dr. Paul Watzlawick

Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Soziologe, Philosoph und Autor.

* 25. 07. 1921 - Villach, Österreich
† 31. 03. 2007 - Palo Alto, Kalifornien

 

1939 Studium der Philologie und Philosophie in Venedig

1949 Promotion im Fach Philosophie

1951 - 1954 Ausbildung zum Psychotherapeuten am C.-G.-Jung-Institut in Zürich

1957 Ruf an die Universität von El Salvador

1960 Forschung am Mental Research Institute in Palo Alto

1976 Professor für Psychotherapie an der Stanford University.

 

 

 

Literaturempfehlung 
Friedman, Himmelstein: Konflikte fordern uns heraus
Friedman, Himmelstein

Mediation als Brücke zur Verständigung
mit je einem Vorwort von Lis Ripke und Gisela und Hans-Georg Mähler

Details
38,80 €incl. MwSt.
Broschiert, 346 Seiten, im September 2013 erschienen
Pach, Lütkehaus: Basiswissen Mediation
Pach, Lütkehaus

Handbuch für Praxis und Ausbildung

Details
39,99 €incl. MwSt.
Broschiert, 210 Seiten, am 5. August 2019 erschienen