Bericht zum 16. Mediations-Kongress der Centrale für Mediation

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Bericht zum 16. Mediations-Kongress der Centrale für Mediation

mit Verleihung des Sokrates Preises für Mediation 2014

16. Mediations-Kongress der Centrale für Mediation

Mit dem thematischen Fokus »Für jeden Streit das richtige Verfahren« veranstaltete die Centrale für Mediation am  27. und 28. Juni unter der Leitung von Prof. Dr. Reinhard Greger den 16. Mediations-Kongress in Berlin.

In seiner Einleitung demonstrierte Prof. Dr. Reinhard Greger anschaulich die unterschiedlichen Modelle alternativer Konfliktbeilegungsmethoden. Da die Vielgestaltigkeit der Konflikte ein differenziertes Vorgehen bei der Konfliktbearbeitung erfordert, kann die Mediation als wichtiges und wertvolles Instrument eingesetzt werden, ist aber nicht für jeden Konflikt optimal geeignet. Die Konfliktparteien benötigen oder wünschen in vielen Fällen eine Lösungshilfe in Form einer verbindlichen oder unverbindlichen Bewertung – beispielsweise in Form eines Schlichtungsspruchs oder eines Schiedsgutachtens. In anderen Konstellationen bieten Angebote von Coaching, Klärungshilfe oder Konfliktmoderation die besten Chancen. Nach dem Fazit von Prof. Dr. Greger kann sich die alternative Konfliktbeilegung nur dann auf breiter Front durchsetzen, wenn es gelingt, über das ausdifferenzierte System der unterschiedlichen ADR-Verfahren transparent zu informieren. Es hält für jede Konfliktart eine optimale Verhandlungsmethode bereit. In der Vielgestaltigkeit dieser Angebote liegen die Potentiale: für Mediatoren, Schlichter und andere Anbieter von alternativen Streitbeilegungsverfahren, aber auch für Angehörige der unterschiedlichsten Beratungsberufe wie Rechtsanwälte, Organisations- und Personalberater, für Führungskräfte und alle nachfragenden Interessenten aus Wirtschaft und Öffentlicher Verwaltung.

Dr. Anke Sessler, bisher Chief Counsel Litigation bei der Siemens AG und dort für den Aufbau eines konzernübergreifenden Litigation-Teams verantwortlich, unterstrich das Interesse von Wirtschaftsunternehmen an schnellen und kostengünstigen Konfliktlösungen. Gelingen die Konfliktlösungen im Wege bilateraler Verhandlungen nicht, werde nach internen Vorgaben ein ADR-Verfahren versucht. Mediationsverfahren scheitern leider oft an der Mitwirkungsbereitschaft der Gegenseite; bessere Erfahrungen habe man mit Schiedsgutachten gemacht. Ein wichtiges Instrument zur Konfliktbearbeitung sei nach wie vor die Schiedsgerichtsbarkeit. Die Referentin berichtete über eine noch verhaltene Bereitschaft von Wirtschaftsunternehmen zum Einsatz von ADR-Verfahren, sprach sich aber für eine umfassende Informationspolitik aus, um die Vorteile der unterschiedlichen ADR-Instrumentarien bekannter zu machen.

Die Münchner Fachanwältin für Familienrecht Dr. Doris Kloster-Harz, vom Magazin Focus zu den TOP-Anwälten 2013 gewählt, berichtete über ihre langjährigen Erfahrungen mit Mediation und außergerichtlicher Streitbeilegung in ihrer Kanzlei. Sie initiierte 2006 das Süddeutsche Familienschiedsgericht, das in zahlreichen, hochstreitigen und langwierigen Familienrechtsprozessen zu schnellen, vergleichsweisen Lösungen beitragen konnte. Die Gründung eines weiteren Schiedsgerichts für Erbrecht steht nach ihren Ausführungen bevor.

Rechtsanwalt und Mediator Michael Plassmann aus Berlin, Vorsitzender und Berichterstatter des Ausschusses Außergerichtliche Streitbeilegung der Bundesrechtsanwaltskammer referierte über den Umbruch auf dem Markt für rechtliche Dienstleistungen. Die stetig steigenden Anwaltszahlen und wachsenden Kanzleigrößen sowie fortschreitenden Spezialisierungen und Internationalisierungen prägen das anwaltliche Umfeld. Veränderungen spiegeln sich aber auch bei den Mandanten: Sie erwarten von ihren Anwälten nicht mehr eine reine Prozessvertretung, sondern sind auf der Suche nach differenzierten Lösungen, die mit dem klassischen, forensischen Denken in rechtlichen Ansprüchen nicht mehr zu befriedigen sind. Aus seiner Sicht sollten Rechtsanwälte zukünftig nicht nur als die besten Streithelfer, sondern auch als die idealen Konfliktmanager wahrgenommen werden. Zur Umsetzung dieses Ziels ist der Anwalt gut beraten, neben einem ausgezeichneten juristischen Profil auch die Bereitschaft und Kompetenz zu erwerben, unterschiedliche Konfliktfelder der Mandanten mit geeigneten ADR-Verfahren zu verknüpfen. Mit einem differenzierten Konfliktmanagement sind nicht nur befriedigende Ergebnisse zu erzielen, sondern auch eine nachhaltige Mandatenzufriedenheit und damit eine starke Mandantenbindung.

Über die Methodenkompetenz und Methodenoffenheit in der Mediation berichtete der Preisträger des diesjährigen Sokrates-Preises, Prof. Dr. Dr. h.c. Friedrich Glasl. Das von ihm entwickelte Neun-Stufen-Modell der Konflikteskalation gehört heute zum Standardwissen eines jeden Mediators. Professor Glasl stellte seinen Indikatoren-Kompass für Strategie und Rollenwahl vor: Die Konflikteskalation und das Selbstheilungspotenzial stehen in einer unmittelbaren Wechselwirkung zueinander: Je höher und intensiver der Konflikt, desto geringer sind die Kräfte des sozialen Immunsystems bei den Konfliktbeteiligten. Von diesen unterschiedlich stark ausgeprägten Eskalationsgraden sind die Mediationsansätze abhängig, die ein Mediator anwenden sollte.

Prof. Dr. Peter Fischer Inhaber des Lehrstuhls für Sozial, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg beschrieb anschaulich seine Forschungsergebnisse zum Thema Menschliches Entscheidungsverhalten – Lehren für Konfliktberatung und Konfliktvermittlung. Aus entwicklungspsychologischer Sicht erschweren selektive Informationsverarbeitungen den Konfliktlösungsprozess. Aus diesem Grunde empfiehlt er Mediatoren und Beratern, auf eine klar strukturierte und ausgewogene Informationsverarbeitung zu achten. Einige seiner Empfehlungen: Zum Erreichen einer Einigung sollte der Mediator den Fokus auf Gewinnmöglichkeiten richten und nicht auf etwaige Machtunterschiede zwischen den Konfliktparteien (wie beispielsweise »Wir sitzen alle in einem Boot«) hinweisen. Mit der Vereinbarung fairer und ausgewogener Kommunikationsregeln kann der Mediator oder Berater Aggression und Frustration aufseiten der Konfliktparteien weitgehend vermeiden.

 

Über die Inhalte, Denkanstöße und Impulse der zahlreichen Diskussionsforen und die Verleihung des Sokrates-Preises berichten wir im zweiten Teil.

 

Literaturempfehlung

»Innerbetriebliche Wirtschaftsmediation. Strategien und Methoden für eine bessere Kommunikation« von Dorothea und Kurt Faller
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