Clever streiten für Kids

Sonderprojekt für die Praxis
Clever streiten für Kids

Konflikte unter Schülern und zwischen Lehrern und Schülern gehören zum Schulalltag wie Kreide und Tafel

von Claudia Lutschewitz

Sonderprojekt der Deutschen Stiftung für Mediation

In der Schule werden Konflikte als störend und hinderlich empfunden. Der Wunsch nach Harmonie hat zum Ziel, diese Konflikte schnell zu beenden. Schülerinnen und Schülern wird häufig die Chance genommen, den Streit eigenverantwortlich untereinander zu lösen, damit eigene Potenziale zu entfalten und zu lernen, sich in Konflikten konstruktiv zu verhalten.

»Non scholae, sed vitae discimus [1] – Für das Leben, nicht für die Schule lernen wir!«

1. Mediation in der Schule

Es ist 7:30 Uhr an einem Donnerstag. Die ersten Zweitklässler stürmen in das Klassenzimmer und bleiben verwundert stehen. Was steht denn da im Raum? Ein Roll-Up mit Eierköpfen und darunter steht »Clever streiten für Kids«[2]. Ein mutiger Junge wirft schnell in die Runde »Man soll sich doch nicht streiten« und ein schüchternes Mädchen erwidert leise: »Aber mit meiner Schwester streite ich mich fast jeden Tag«.

Das Klassenzimmer füllt sich, die Kinder sehen neben dem Roll-Up eine unbekannte Person, die sich als Mediatorin vorstellt. »Wer ist das denn? Was ist ein Mediator?«, fragt ein Kind, einige lachen verlegen und ein Stimmchen aus dem Hintergrund wird laut »Das ist mein Papa auch!«.

Es klingelt zum Unterricht, die Lehrerin lässt ein Glockenspiel erklingen, die Kinder werden ruhiger. Die Lehrerin wartet bis es ganz still im Raum wird, dann stellt sie die Mediatorin vor und bittet die Kinder einen Stuhlkreis zu bilden. Die Kids dürfen von Ihren Erfahrungen mit Streitigkeiten berichten: Erst am Tag zuvor gab es eine große Schlägerei auf dem Schulhof und ein Mädchen hatte Nasenbluten. Was war passiert? Die Kinder sind ganz aufgeregt und erzählen von Streitigkeiten, die sie beschäftigen. Spürbar werden sie offener, fühlen sich anerkannt und auf Augenhöhe. Und sie reden und berichten - von Streitigkeiten mit Mitschülern, Eltern, Geschwistern und Freunden. Alle sagen etwas und als sich der Kreis wieder schließt, breitet die Mediatorin Konfliktkarten auf dem Boden aus. Gemeinsam sucht die Klasse nun nach Erklärungen für Streitigkeiten, nach Ideen, wie man mit ihnen umgehen könnte und wie vielleicht gemeinsame Lösungen gefunden werden könnten. Die Zeit rast, die Gesichter der Kids zeigen rote Wangen vor Enthusiasmus und als es zur Pause läutet schauen die Kids verwundert und einige meinen »So schnell ist eine Schulstunde ja noch nie herumgegangen!«

Es ist inzwischen 10 Uhr, die Mediatorin wechselt in eine 4. Klasse. Hier wird nach einer kurzen Einführung zur Mediation mit einem Rollenspiel ein Streit nachgespielt, der sich vor nicht allzu langer Zeit im Klassenzimmer ereignete. Einige Kinder spielen sehr authentisch und ruhig; der Klassenclown muss seine Rolle mit einem Mitschüler tauschen, da er das Rollenspiel mit seinen Witzeinlagen zu häufig unterbricht. Nach dem Rollenspiel wird der Streit anhand der Konfliktkarten Stufe für Stufe besprochen und die kleinen Schauspieler berichten über Ihre Gefühle in der Streitsituation und warum sie so und nicht anders reagiert und gehandelt haben. Die Aussagen der Kinder werden an der Tafel visualisiert. Sie lernen, dass »Warum-Fragen« wichtig sind um den anderen zu verstehen. »Wenn ich gewusst hätte, dass Du nur mitspielen willst, hätte ich Dir den Schuh nicht nachgeworfen« erklärt ein Mädchen zu einem Jungen. Eine Mitschülerin ruft: »Ich glaube, das war ein großes Missverständnis zwischen Euch!« Die Streitursache wird langsam erkennbar und die Kids vereinbaren gemeinsame Regeln, die sie zukünftig berücksichtigen wollen.

2. Das Sonderprojekt

Viele MediatorInnen der Deutschen Stiftung Mediation sind seit dem Start des Sonderprojekts »Clever streiten für Kids« im Herbst 2017 bundesweit an Grundschulen im Einsatz: Sie unterstützen die Lehrkräfte in den Unterrichtseinheiten »Umgang miteinander im Streit« und sammeln Erfahrungen, wie Konflikte an den Schulen auftreten, gehandhabt und gelöst werden. Sie bekommen ein Gefühl, was die kleinen Menschen bewegt, wie viele Konflikte Realität an Grundschulen sind und sie spüren die Verzweiflung und Hilflosigkeit mancher Lehrkraft.

Schnell wird in der Regel erkennbar, dass für viele Kinder Gewalt das einzige Mittel ist, um Probleme zu lösen. Nicht, weil sie Gewalt gut finden, sondern, weil sie keine andere Möglichkeit sehen. Sie lernen von Erwachsenen und aus den Medien, dass man um des eigenen Vorteils willen andere mit Gewalt wegschieben kann. Sie erleben, dass mit Gewalt viel erreicht werden kann und wollen in ihrer »Peergroup« nicht als schwach abgestempelt werden.

In Wirklichkeit sind Kinder jedoch sehr wohl in der Lage, sich in Konflikten konstruktiv zu verhalten, ihre Probleme untereinander zu regeln und gemeinsam deeskalierende Lösungen zu finden. Sie erarbeiten gerne gemeinsam Regeln, fühlen sich anerkannt und gesehen, wenn ihnen die Regeln nicht nur von Erwachsenen vorgegeben werden, sondern sie gemeinsam daran arbeiten dürfen. Dann sehen sie sich auf Augenhöhe mit den Erwachsenen und können sie als Unterstützer »akzeptieren« .

  • Was erarbeiten die MediatorInnen der Deutschen Stiftung Mediation mit den Grundschülern?
  • Welche Ziele werden verfolgt?

 

Unter anderem werden die Kids an die Idee herangeführt, dass ein Streit nicht per se schlecht ist, sondern es um die Sicht auf diesen geht. Nicht der Streit ist das Problem, sondern wie wir Menschen mit ihm umgehen.

Gemeinsam mit den Kids werden die Phasen des Konflikts diskutiert und diese an der Tafel veranschaulicht. Es werden Lösungsmöglichkeiten gemeinsam entwickelt: Was ist wann möglich? Auf diese Weise werden die Selbsteinschätzung und schließlich die Motivation zum eigenständigen Lösen von Konflikten und Streitigkeiten gefördert.

Die Kids finden Gefallen daran, gemeinsam zu reflektieren, welches Verhalten im Rollenspiel erkennbar wird. Sie stellen Vermutungen über die Reaktionen der Streitpartner an und lernen so, verschiedene Wahrnehmungen zu erkennen und zu verstehen. Bei dieser Reflektion wählen die Kids die passenden Gefühls-/Konfliktkarten und ergänzen dadurch ihr Gefühl mit einer Visualisierung.

Das Sonderprojekt ermöglicht den Kids Erfahrungsräume ohne Vermittlung beeinflusster Informationen zu öffnen und bringt sie daher nicht in ein Dilemma: Entweder sie unterdrücken ihr angeborenes Bedürfnis nach eigenem Wachstum und selbst gesteuerter Potenzialentfaltung oder sie unterdrücken ihr Bedürfnis nach Verbundenheit und Zugehörigkeit.[3] Das kindliche Gehirn strukturiert sich anhand der Erfahrungen, die es in seiner jeweiligen Lebenswelt macht. Jeder Versuch, diese Entdeckungsfreude und Gestaltungslust in eine bestimmte, in den Augen der Erwachsenen bestimmte Richtung zu lenken, beraubt Kinder zwangsläufig der Möglichkeit, die für sie relevante Bedeutsamkeiten selbst zu erforschen und zu entdecken.

Um diese Fähigkeiten und Fertigkeiten bei Kindern zu fördern und das Interesse daran zu wecken, konzipierte die Deutsche Stiftung Mediation das »Sonderprojekt Bildung«. Der Projektteil »CsfK« ist darauf ausgelegt, die Problemlösungskompetenz von Kindern zu unterstützen, zu stärken und damit Ängste vor Konflikten und Streitigkeiten zu minimieren. Kinder sollen Freude am eigenverantwortlichen Umgang mit Konflikten bekommen und dabei auf Gewalt als Mittel zur Lösung verzichten.

Schließlich hofft die Deutsche Stiftung Mediation, den Lehrkräften mit dem Sonderprojekt und der damit angebotenen Unterstützung der MediatorInnen während des Unterrichts, die Unterrichtsvorbereitung und -gestaltung zu erleichtern und einen pädagogisch wertvollen Beitrag zum Umgang mit Konflikten im Schulalltag zu leisten.

3. Die Inhalte des Sonderprojekts

Bestandteil des Sonderprojekts »Mediation als Haltung« der Deutschen Stiftung Mediation ist unter anderem der Projektteil »Clever streiten für Kids (CsfK) «.

»CsfK« bietet Konzepte und Materialien für Lehrkräfte, um eine 45-90 minütige Unterrichtseinheit in der 3. oder 4. Grundschulklasse zu gestalten. Mit leichteren Abwandlungen kann dieser Projektteil auch in den Grundschulklassen 1. oder 2. angewandt werden.

Die Inhalte werden den Lehrkräften in eigens dafür zusammengestellten Mappen kostenlos zur Verfügung gestellt:

  • Ein Handbuch zur Erläuterung des Lehrerkonzepts mit mediativen Details
  • Zwei Storyboards: eines für das Lehrerzimmer, bzw. den Elternabend und eines für das Klassenzimmer
  • Fünf Konfliktkarten für ein Rollenspiel mit den Kids im Klassenzimmer

 

(1. Auflage im Sommer 2017: 250 Stück  - im Herbst 2017 bereits vergriffen;

2. Neuauflage mit Überarbeitungen der Unterlagen unter Berücksichtigung angesprochener Wünsche und Ideen der LehrerInnen »Clever streiten für Kids 2.0« - erhältlich ab März 2018.)

 

4. Infomaterial und Kontakt

Den Flyer finden Sie hier:

 Flyer Sonderprojekt Deutsche Stiftung Mediation

Sonderprojekt Clever Streiten für Kids

Für Fragen zum Projekt steht die Deutsche Stiftung Mediation gerne zur Verfügung.

E-Mail-Kontakt: info@stiftung-mediation.de

 

 

 

Literaturempfehlung 
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