Cooperative Praxis – Collaborative Practice/Collaborative Law

Mediation und Recht
Cooperative Praxis – Collaborative Practice/Collaborative Law

Ein mediationsanaloges Verfahren im Aufschwung

Interview Teil 1 mit Dres. Gisela und Hans-Georg Mähler (München)

Dres. Gisela und Hans-Georg Mähler

Das Verfahren der »Cooperativen Praxis« – auch als »Collaborative Practice« bekannt – gewinnt in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung. Zahlreiche Vereinigungen in den DACH-Ländern (Deutschland-Österreich-Schweiz), aber auch in Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Belgien und Holland verzeichnen wachsende Mitgliedszahlen.

Wir haben das bekannte Mediatorenehepaar Dres. Gisela und Hans-Georg Mähler über die Voraussetzungen, Abgrenzungen, Vorteile und Perspektiven dieses außergerichtlichen Konfliktbearbeitungsverfahrens befragt. Sie waren Pioniere bei der Einführung der »Cooperativen Praxis« und haben in ihrem Institut Eidos Projekt Mediation im August 2007 das erste Ausbildungsseminar mit amerikanischen Trainern in Deutschland veranstaltet. Heute bilden sie selbst aus.

Frau Dr. Mähler, Herr Dr. Mähler, das Verfahren der »Cooperativen Praxis«, bekannt als »Collaborative Practice«, findet in Deutschland seit einigen Jahren mehr und mehr Anhänger. Welches Verfahren verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?

Mit wenigen Worten beschrieben: Darunter ist ein kooperatives, strukturiertes und anwaltlich gestütztes außergerichtliches Konfliktbearbeitungsverfahren zu verstehen. Die Ursprünge liegen in den USA.

Lassen Sie uns zur Erläuterung einen Blick auf die Entwicklungsgeschichte werfen: Im Jahr 1989 hatte Stuart G. Webb, ein amerikanischer Anwalt und trainierter Mediator, keine Lust mehr, zu Gericht zu gehen. Er wollte andere Seiten seines Anwaltsberufes leben: seine Fähigkeiten, Situationen zu analysieren und zusammen mit seinen Mandanten kreativ nach Zukunftsalternativen zu suchen.

Er wollte sich darauf konzentrieren, ausschließlich auf eine Einigung hinzuarbeiten und das Mandat niederlegen, falls der Rechtsstreit doch vor einem Gericht ausgetragen werden müsste. Für diesen Fall sollten andere Anwälte seine Mandanten vor Gericht vertreten. Ihm war klar, dass sich seine Idee nur verwirklichen ließ, wenn er auch Kollegen für dieses Modell gewinnen konnte. Er hielt Vorträge und steckte andere Anwälte mit seiner Idee an. So entstand »Collaborative Law«.

Waren nur Anwälte Initiatoren dieses Verfahrensmodells?

Nein. Auch hier hilft ein Blick zurück in die Entstehungsjahre. 1992 entwickelten in Kalifornien zwei Psychologen, Peggy Thompson und Rodney Nurse - später zusammen mit der Sozialarbeiterin Nancy Ross - gemeinsam ein Modell: Unter psychologischen Gesichtspunkten sollten Eltern bei Trennung und Scheidung gemeinsam Zukunftsperspektiven entwickeln können. Auf jeder Seite stand ein »divorce coach«. Hinzugezogen wurde in der Regel ein neutraler »child specialist« und ein neutraler »financial specialist«. Wenn die Eltern jedoch mit ihren gemeinsam erarbeiteten Lösungsvorschlägen anschließend ihre Anwälte aufsuchten, scheiterten sie zumeist. Warum? Weil die Anwälte gewohnt waren, für ihre Mandanten strategisch distributiv mit den Mitteln des Rechtes zu kämpfen. Die von den Psychologen erarbeiteten Ergebnisse waren damit nicht vereinbar. Als nun das von Stuart G. Webb entwickelte Modell des Collaborative Law Mitte der 90er Jahre in Kalifornien Einzug hielt, fanden Psychologen und Anwälte eine gemeinsame Sprache: jeder konnte seine speziellen Kenntnisse einbringen. So entstand »Collaborative Practice«.

Was zeichnet die Verbindung dieser beiden Ausgangsmodelle besonders aus?

Grundsätzlich arbeiten immer Anwälte, Coaches und Experten für Kinder und Finanzen in Trennungs- und Scheidungsfällen interdisziplinär zusammen.

Ist dieses Modell auch Vorbild für das Verfahren in Deutschland und wird es nur in Familienkonflikten eingesetzt?

Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit hat sich ein Modell durchgesetzt, das die entsprechenden Professionen je nach den Bedürfnissen der Konfliktpartner einbezieht. Man spricht von einem customized team oder Legomodell. Durchgesetzt hat sich inzwischen auch die Interprofessionalität. Warum? Es hat sich gezeigt, wie hilfreich es ist, die Kompetenz unterschiedlicher Professionen für die jeweils eigenverantwortliche Entscheidungsfindung zu nutzen. Weltweit ist diese Verfahrensmethode schließlich in anderen Konfliktfeldern heimisch geworden, insbesondere im Wirtschaftsbereich. Und zwar sowohl bei Konflikten im B2B-Bereich als auch in Organisationen.

Es fällt auf, dass Sie das Verfahren »Collaborative Practice« nicht wörtlich übersetzt haben?

Statt »Kollaborative Praxis« – so lautet die wörtliche Übersetzung – haben wir das Verfahren »Cooperative Praxis« genannt. Das hat etwas mit der deutschen Geschichte zu tun. Warum? Weil das Wort Kollaborativ wegen der Kollaboration von Regierungen und Bewegungen in den von Deutschland besetzten Gebieten während des Hitler-Regimes einen schlechten Beigeschmack hat. Kooperativ haben wir bewusst mit C geschrieben, um jedenfalls in der Abkürzung C. P. international verbunden zu sein. Und wir setzen häufig die Version in englischer Sprache hinzu, um den Ursprung kenntlich zu machen.

Das Verfahren der Cooperativen Praxis wird meist im Kontext mit Mediationsverfahren genannt. Gibt es Gemeinsamkeiten?

Nach dem Grundgedanken ist das Verfahren der »Cooperativen Praxis«, C. P., getragen von der Mediation. Nicht umsonst wird es auch als mediationsanaloges Verfahren bezeichnet oder manchmal – etwas paradox - als Mediation ohne Mediator. In beiden Verfahren geht es darum, einen Konsens zu erzielen, also auf der Grundlage der unterschiedlichen Sichtweisen und Interessen der Konfliktpartner soll nach den Maßstäben von Wünschenswertem, Möglichem und Notwendigem eine kreative Lösung herbeigeführt werden - von den Konfliktpartnern selbst verantwortet.

Auch in seiner Phasenstruktur nutzt die »Cooperative Praxis« die Erkenntnisse aus der Mediation:

Es gibt

  1. das Arbeitsbündnis,
  2. die Themenbestimmung und Bestandsaufnahme,
  3. die Interessenerforschung und
  4. die Einigung und
  5. die Implementierung.

Worin liegt der wesentliche Unterschied zwischen dem Verfahren der Cooperativen Praxis und dem herkömmlichen Verfahren mit anwaltlicher Vertretung?

In der Cooperativen Praxis vereinbaren die Verfahrensbeteiligten eine sogenannte »Disqualifikationsklausel«. Damit wird die Verpflichtung umschrieben, bei einem Scheitern der Verhandlungen die eigenen Parteien nicht mehr vor Gericht zu vertreten. In diesem Punkte unterscheidet sich die Cooperative Praxis wesentlich von den herkömmlichen anwaltschaftlichen Vertretungen.

Für Anwälte ist die Beendigung des Mandates beim Scheitern der Verhandlungen ein zentraler Schritt. Der damit verbundene Vorteil liegt darin, dass sich die Anwälte für den potentiellen Gang zum Gericht nicht »rechtspositionsfähig« halten müssen. Damit werden die Einigungsmöglichkeiten im Rahmen des C. P.-Verfahrens vertieft und erweitert. Die ausschließliche Aufmerksamkeit ist auf eine Einigung gerichtet. Alle Energie wird in diese Richtung gebündelt.

Liegt darin ein entscheidender Vorteil für die Konfliktparteien?

Durchaus. In einem Konfliktfall versuchen doch vielfach die Parteien zunächst selbst eine Lösung herbeizuführen – sei es am Küchentisch oder auch mit Hilfe von Freunden.

Gelingt dies nicht, werden in traditioneller Weise Anwälte zu Rate gezogen. Das herkömmliche anwaltschaftliche Denken ist jedoch darauf ausgerichtet, Mandanten mit Hilfe des Rechtes zur Durchsetzung ihrer Ansprüche oder zur Abwehr gegnerischer Ansprüche zu verhelfen. Lösungen werden deshalb vor allem im Interpretationsrahmen der Gesetze gefunden. Ein Anwalt hat die besten Chancen, sich für seine Partei durchzusetzen, wenn er die höchstrichterliche Rechtsprechung auf seiner Seite weiß.

Scheitern diese Verhandlungen, wird Klage bei Gericht eingereicht. Dann entscheidet der – neutrale – Richter, was materiell rechtens ist.

Verhandlungen nach dem Modell der »Cooperativen Praxis« mit Beteiligung der Anwälte unterscheiden sich wesentlich von dieser Vorgehensweise. Die Anwälte sind aufgerufen, einerseits »parteilich« für ihre Mandanten einzutreten, andererseits aber das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Der Anwalt schaut vom Standort seiner Partei auf das ganze System. Wir nennen diese Haltung daher auch »Standortparteilichkeit«.

Bedeutet das, die am Verfahren beteiligten Anwälte haben jetzt einen anderen Schwerpunkt, einen anderen Fokus ihrer Rechtsbetrachtung?

Ja - das ist der Vorteil des Verfahrens: Die Anwälte reflektieren das Recht, aber im Kern unter dem Aspekt, was in Zukunft ihren Parteien auf der Basis ihrer Interessen am besten dient. Wie in der Mediation, sind diese Zukunfts- und Interessenlösungen in der Regel reichhaltiger als Optionen nach dem Gesetz, das vergangenheitsorientiert denken muss.

Aber fokussieren sich hier die Anwälte nicht zu sehr auf ihre eigenen Mandanten?

Darin liegt die Herausforderung: Die Anwälte sind in der Tat gehalten, neben ihrer Tätigkeit auf der Inhaltsebene gleichzeitig auf der Verfahrensebene mit dem Anwalt des anderen Konfliktpartners zusammenzuarbeiten. Gemeinsam sollen sie eine Verfahrensstruktur entwickeln, in der die jeweiligen Interessen ihrer Parteien wirklich zum Tragen kommen. Der Anwalt hat folgende Spannungen auszubalancieren:

  • Einerseits die inhaltliche, parteiliche Beratung und Vertretung eines Konfliktpartners zusammen mit den Kollegen des anderen Konfliktpartners und gegebenenfalls der Coaches,
  • andererseits die verfahrensmäßige, gemeinsame Struktur,
  • und dies alles mit dem Ziel, eine faire Einigung zu erreichen.

Wie kann der Anwalt in der »Cooperativen Praxis« mit dieser Haltung die vertretenen Mandanten unterstützen?

Der Anwalt hilft seinen Mandanten, als Konfliktpartner im Verfahren nicht der Versuchung nachzugeben, ihre Affekte auszuagieren, sondern ihre Mitte zu finden. Sie sollen primär nicht gegen den anderen vorgehen, sondern sich innerhalb ihrer Interessen – jeder für sich – an den Möglichkeitsraum für eine gemeinsame Zukunftsgestaltung herantasten. Wenn allerdings der eigene Mandant nicht davon abzubringen ist, im Konfliktpartner den Feind zu sehen, der mit allen Mitteln – sogar mit unfairen – aufs Kreuz zu legen ist, wird der Anwalt von sich aus das Mandat niederlegen. Denn das Verfahren der »Cooperativen Praxis« hat zum Ziel, einen fairen und damit nachhaltigen Konsens zu erzielen.

Können Mediation und »Cooperative Praxis« als Hybridverfahren kombiniert werden?

Mediation und C. P. sind beides durchdachte und erlernbare Konsensverfahren. Sie ergänzen einander. Wir haben auch gute Erfahrungen gemacht, beide Verfahren zu kombinieren: dass also die begleitenden Parteianwälte im Rahmen der Mediation eine C. P.-Vereinbarung schließen und gegebenenfalls Coaches und Experten hinzugezogen werden. Damit öffnet sich unter den Parteien und professionell Beteiligten ein neuer Raum für eine gegenseitige Verständigung.

Liebes Ehepaar Mähler, wir danken für dieses Gespräch.
(Das Interview führte Jürgen Heim, Wirtschaftsmediator, Berlin, MA-Redaktion.)


Für welche Fallkonstellationen eignen sich die unterschiedlichen Verfahren? Welche Rollen und Aufgaben haben die Beteiligten? Wo liegen die Schwerpunkte des interprofessionellen und systemischen Zusammenwirkens? Wie wird mit der Vertraulichkeit umgegangen? Wie ist C. P. organisiert?

Die Antworten erfahren Sie im zweiten Teil dieses Interviews.

Haben Sie Interesse an einer Ausbildung? Hier können Sie sich über die Einzelheiten des nächsten Ausbildungsangebotes unserer Interviewpartner beim Eidos Projekt Mediation informieren.