Mit demografischer Unterstützung: Elder Mediation (Teil 1)

Familienmediation
Mit demografischer Unterstützung: Elder Mediation (Teil 1)

Konflikte und deren Lösung rund um die Lebensgestaltung im Alter

Heiner Krabbe

Heiner Krabbe

Der Blick auf das Alter als einer Zeit der Entwicklung des Menschen schafft neue Räume für die älteren Menschen und damit zugleich für die Einsatzmöglichkeiten von Mediation.

Als »Elder Mediation« ist sie in einigen Lebensbereichen von älteren Menschen bereits entwickelt und erprobt worden.

A. Einführung

Die demographischen Veränderungen haben in Deutschland dazu geführt, dass inzwischen 24 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sind. Die heute 60-jährigen Frauen haben eine Lebenserwartung von 83,2 Jahren und die heute 60-jährigen Männer von 78,4 Jahren[1]. Die Lebenserwartungen ab 60 Jahren umfassen also mindestens ein Drittel der Lebenszeit eines Erwachsenen.[2]

In den letzten Jahren zeigt sich eine Zunahme an Wünschen zumindest auf Seiten der »Jüngeren Älteren« nach professioneller Unterstützung, sei es Beratung, Psychotherapie oder Mediation. Die jetzt älter werdende Generation scheint nicht mehr so große Vorbehalte zu haben gegenüben diesen Hilfen, insbesondere gegenüber einem Aushandeln. Gerade die Möglichkeit, Vereinbarungen zur gegenwärtigen oder zukünftigen Lebenssituation treffen zu können, führt viele ältere Menschen in die Mediation.

Auf Seiten des Mediators setzen diese Anfragen notwendige Grundkenntnisse voraus. Neben profunden Kenntnissen zu Mediationsstufen, -methoden und –-techniken muss der Mediator über Grundkenntnisse der Entwicklungsaufgaben im Alter verfügen. Darüber hinaus benötigt er Fachkenntnisse zu den biologischen Grundlagen des Alterns, zu Erkrankungen, Hilfen, Vorsorge, Pflege, Wohnformen. Schließlich muss er zeitgeschichtlich mitdenken können, um aktuell zu verhandelnde Themen aus ihrem geschichtlichen Kontext besser verstehen und regeln zu können.

B. Entwicklungspsychologie des Alters

Die Lebenszeit eines Menschen kann als eine Kombination aus vielen vergangenen und zukünftigen Elementen verstanden werden, die in ständiger Interaktion mit der Gegenwart stehen.[3] Das gilt zu jedem Zeitpunkt im Leben eines Menschen. Auch alte Menschen stehen vor neuen Entwicklungs-aufgaben, befinden sich in Entwicklungskonflikten, denen sie sich stellen müssen, die neu ausgehandelt werden müssen, soll die zukünftige, verbleibende Zeit einen Sinn haben. Auch im Alter ist somit der Mensch mit Anforderungen konfrontiert, denen er zuvor nicht begegnet ist.[4]

Die Entwicklungspsychologie einer Lebensspanne beschäftigt sich mit den Anforderungen, die der Mensch in einem bestimmten Abschnitt seines Lebens jeweils zu bewältigen hat.

Entwicklungsaufgaben sind somit jene Aufgaben, die in einer bestimmten Lebensperiode eines Individuums hervortreten und zum Gelingen späterer Aufgaben führt, während ein Misslingen zur Unzufriedenheit im Individuum, zur Missbilligung durch die Gesellschaft und zu Schwierigkeiten bei späteren Aufgaben führt.[5] Eine entwicklungspsychologische Betrachtung hebt auf die lebensgeschichtlich sich konstituierende enge zeitliche Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ab. Diese drei Zeitebenen stehen stets in einem komplexen Wechselverhältnis zueinander.[6]

Wie sehen nun die Entwicklungsaufgaben für ältere Menschen im Konkreten aus und in wieweit können sie von den älteren Menschen im Rahmen von Mediation angeeignet werden?

Das Leben im Alter spielt sich in weniger formal organisierten Strukturen ab, der Status älterer Menschen ist wenig definiert, die Rollenverteilung nicht klar abgegrenzt. Es handelt sich um Probleme mit widersprüchlichen Zielen, für die es nur relative, nicht eindeutige Lösungen gibt. Das Alter erfordert daher ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz und konfrontiert mit der Aufgabe, immer wieder erneut ein inneres Gleichgewicht herstellen zu müssen.

Elder Mediation knüpft an die gegenwärtigen Anforderungen des Alters an[7] und gibt den älteren Menschen die Möglichkeit, Struktur in ihrer Gegenwart zu schaffen. Es werden eigene Gestaltungsmöglichkeiten entwickelt und aufgebaut, um eine individuelle Form der Anpassung an die Erfordernisse der Gegenwart zu finden und zu vereinbaren.

In der Praxis der »Elder Mediation« spielen die konkreten Konflikte und Entwicklungsaufgaben des Alters eine Rolle. Sie beziehen sich auf:

  • Die Auseinandersetzung mit der Gestaltung von Beziehungen, der Gestaltung von Kontakten (Paar, Familien, Kinder, Enkelkinder, Geschwister, Nachbarn).
  • Die Auseinandersetzung mit Altersabbau, Krankheit und Tod (Morbidität, Arztbesuche, Pflege, Krankheit, Erbstreitigkeiten, Finanzen, Testament).
  • Die Auseinandersetzung mit dinglich-räumlicher und materieller Lebenswelt (Wohnen, Umzug, Hausverkauf, Altenheim, Pflegeheim).
  • Die Auseinandersetzung mit Konflikten im späten Berufsleben (jüngere Kollegen/Vorgesetzte, Berentung, Wechsel in den Ruhestand).
C. Felder der Elder Mediation – Entwicklungsaufgaben im Alter

Im Folgenden soll der Einsatz von Mediation im Alter näher beschrieben werden. Schwerpunktmäßig werdendabei zwei Anwendungsbereiche näher vorgestellt und anhand Praxisbeispielen  veranschaulicht:

(I.)    Mediation bei der Gestaltung von Beziehungen im Alter sowie

(II.)   Mediation bei Auseinandersetzungen mit Altersabbau, Krankheit und Gebrechlichkeit.

(III)   Daran schließen sich kurze Skizzen zum Einsatz von Elder Mediation bei weiteren Entwicklungsaufgaben im Alter an.

 

I. Elder Mediation bei der Gestaltung von Beziehungen älterer Menschen

Mit dem Wegfall beruflicher und anderer gesellschaftlicher Rollen konzentriert sich das Leben älterer Menschen mehr auf den Bereich sozialer Beziehungen. Der ältere Mensch ist auf die Einbindung in soziale Beziehungen angewiesen. Dabei ist weniger die Anzahl der Personen, zu denen Kontakt besteht, von Bedeutung, als vielmehr das Gefühl, zu mindestens einer Person Vertrauen zu haben, sich auf diese verlassen zu können. Der ältere Mensch, der auf eine bevölkerte Biographie[8] zurückblickt, wird eher zu mehreren Personen einen engeren Kontakt aufrecht zu erhalten versuchen. Die Entwicklungsaufgabe des älteren Menschen kann somit darin gesehen werden, vertrauensvolle Beziehungen herzustellen und zu pflegen und dabei eine ihm angemessene Balance von Intimität und Abstand, von Bezogenheit und Rückzug zu beachten.

Die Beziehungsstrukturen im höheren Lebensalter lassen sich auf zwei Achsen beschreiben, auf einer vertikalen und einer horizontalen. Diese Achsen beschreiben die inter- und intragenerativen Beziehungen des alternden Menschen:

  • Die horizontale Achse bezieht sich auf dem einen Pol auf die Partnerbeziehung, auf dem anderen auf die Beziehung zu Gleichaltrigen (Geschwister, Freunde).
  • Die vertikale Achse erfasst auf dem einen Pol die Beziehungen zu den betagten oder bereits verstorbenen Eltern, auf dem anderen Pol die zu den eigenen erwachsenen Kindern und Enkelkindern.

 

Als Entwicklungstrend kann im höheren Lebensalter eine Verschiebung auf den Achsen konstatiert werden: Der Auszug der Kinder und der Tod der betagten Eltern bewirken eine Verschiebung hin auf die horizontale Achse, wobei vor allem auch Gleichaltrigen-Beziehungen von Bedeutung sind. Die Entwicklungsaufgabe verlangt somit eine innere Verschiebung, die einen Besetzungsabzug einerseits und die Neubesetzung der sozialen Bezüge andererseits einschließt.[9]

Elder Mediation kann sowohl für Konflikte auf der horizontalen als auch auf der vertikalen Achse der sozialen Bezüge älterer Menschen eingesetzt werden. Beispielhaft für die horizontale Achse sei im Folgenden die Mediation mit älteren Paaren aufgeführt:

Ehepaare haben nach Beendigung der aktiven Elternschaft durchschnittlich weitere 20 bis 30 Jahre, die sie gemeinsam verbringen werden. Sie sind mit der Entwicklungsaufgabe konfrontiert, sich ern Beziehung einzulassen und diese neu zu strukturieren.

Paare fragen erst nach professioneller Hilfe, wenn sich ihre Lebenssituation massiv zugespitzt hat. Dabei geht es ihnen nicht so sehr um den Bestand der Ehe, als vielmehr um konkret zu lösende Konflikte innerhalb der Beziehung, die sich belastend auswirken. Paare berichten in diesem Zusammenhang dann von Dauerstreitigkeiten zwischen ihnen, die sie allein nicht mehr lösen können.

Beispielhaft seien Konflikt-Anlässe von Paaren aufgezählt:

  • Neuaufteilung von Aufgaben (Haushalt, Wäsche)
  • Gemeinsame Zeit/gemeinsamer Raum – alleinige Zeit/Raum (eigenes Zimmer, gemeinsame Reisen)
  • Soziale Kontakte (unsere Kinder, meine Eltern, unsere Enkelkinder)
  • Finanzen (Schulden, Haushaltsgeld)
  • Außenbeziehungen (Freundin)
  • Bedürfnisse nach Austausch, Zärtlichkeit, Sexualität (mehr Nähe)
  • Krankheit, Gebrechlichkeit, Pflegebedürftigkeit (Erkrankung meines Partners)
  • Wohnsituation (Wechsel ins Altenheim)

 

Bei diesen konkreten Konfliktanlässen erscheint den Paaren eine Veränderung dringend geboten zu sein. Der Wunsch an die Mediation besteht darin, diese konkreten Anlässe neu zu regeln, um die Ehe nicht zu gefährden. Ältere Paare nennen somit ganz spezifische Themen und Probleme, seltener den Wunsch, ihre Beziehung zu klären.

Mit den in der Mediation getroffenen Vereinbarungen kommen weitere Themen in den Blick. Diese werden von den Eheleuten dann oft eigenständig ausgehandelt. In der Arbeit mit älteren Paaren kommen im Verlauf des Gesprächs stets alte Verletzungen, alte Streitigkeiten, nicht bewältigte Aufgaben aus der Vergangenheit hoch. Sie sollten in der Mediation ihren Platz haben; nicht so sehr, um Vergangenes nochmals aufzuarbeiten, sondern um die Schilderungen der alten Konflikte neu in den Zusammenhang zu den aktuellen Konflikten zu stellen. Sie können für die Verhandlungslösung in der Gegenwart genutzt werden.

Die Ausführungen zur Mediation mit älteren Paaren sollen an einem Beispielsfall näher erläutert und veranschaulicht werden.

 

Fallbeispiel »Mediation mit älteren Paaren«

Herr G (Informatiker, 69 J.) und Frau G (Grundschullehrerin, 67 J.) melden sich auf Empfehlung ihrer Tochter in der Praxis an. Beide schildern Dauerstreitigkeiten im täglichen Zusammenleben, so um die Vorträge des Mannes, um die Freundinnen der Frau. Sie sind seit 30 Jahren verheiratet, ihre beiden Töchter leben in der Nähe mit ihren eigenen Familien.

Frau G hatte vor drei Jahren bereits eine Paartherapie vorgeschlagen, die Herr G jedoch abgelehnt hatte. Herr G war vor vier Jahren aus dem Betrieb ausgeschieden, hatte auf privater Basis weiterhin Vorträge gehalten, Weiterbildungen, Seminare durchgeführt sowie die Herausgabe eines Fachbuches übernommen. Frau G war vor drei Jahren in Pension gegangen; sie fühlte sich zum Schluss in der Arbeit mit den jungen Schülern überfordert und freute sich auf die gemeinsame Zeit als Paar. In den zurückliegenden Monaten waren die Dauerstreitigkeiten so weit eskaliert, dass sich Herr G bereit erklärte, mit professioneller Hilfe die Konflikte zu lösen. Allerdings wollte er, dass sie in ihrem Alter keine Trennung wollen. Es soll geregelt werden, wie es mit ihrer Ehe weitergehe.


  • 1. Stufe: Einführung und Kontrakt

 

Der ersten Stufe kommt in der Mediation mit älteren Paaren eine besondere Bedeutung zu.

Zuallererst geht es um die Klärung der Indikation von Mediation in Abgrenzung zur Paar-Therapie. In der Paar-Mediation geht es primär um die Verhandlung konkreter, aktueller Themen in der Beziehung, nicht jedoch um eine Klärung der Beziehung selbst. Ziel der Paar-Mediation ist die verbindliche Vereinbarung strittiger Punkte in der Partnerschaft, nicht die Intensivierung der Liebesbeziehung. Eine Regelung strittiger Punkte in einer Vereinbarung hat gleichwohl indirekt Einfluss auf die Qualität der Liebesbeziehung eines Paares.

So wollte Herr G lediglich die Streitpunkte in der Ehe mit seiner Frau neu verhandeln, um »Ruhe in der Ehe zu bekommen«; eine Beziehungsklärung nach über 30 J. Ehezeit hielt er für nicht angebracht.

Frau G erklärte sich mit einer Vermittlung in strittigen Punkten einverstanden, auch wenn sie lieber mit ihrem Mann über die Beziehung, die Gefühle zueinander, über alte Verletzungen gesprochen hätte.

Auf der ersten Stufe muss zudem die Vertraulichkeit der Mediation ausdrücklich besprochen und zugesichert werden. Gerade ältere Paare benötigen bei ihrem »ungewöhnlichen« Schritt in die Mediation die Sicherheit, dass der intime Gesprächsrahmen nach innen und nach außen gewahrt wird. So wollten beide Eheleute die Sicherheit haben, dass über den Inhalt ihrer Gespräche auch die beiden Töchter nichts erfahren.

Schließlich muss der Zeitrahmen der Mediation mit dem Paar besprochen werden. Dies gilt auch für die Anzahl an Sitzungen. Ältere Paare wünschen zeitlich überschaubare Lösungen, kurzfristige, inhaltlich begrenzte Vereinbarungen. Die gegenwärtigen Lebensumstände stehen im Vordergrund, die eine Veränderung und Neuvereinbarung dringend erforderlich machen.

Herr und Frau G stimmten drei Sitzungen von jeweils zwei  Stunden zu.

 

  • 2. Stufe: Themensammlung

 

Bei der Sammlung der Themen ist es den Paaren bisweilen peinlich, ihre Streitpunkte offenzulegen. Zum einen erscheinen ihnen diese als zu oberflächlich und zu alltäglich, zum anderen passen die genannten Themen nicht ins Bild eines »reifen alten Menschen«. So ist oft eine gewisse Scham bei der Sammlung der Themen zu spüren.

Hier sollte der Mediator die Parteien ausdrücklich ermuntern, alle Themen zu nennen, indem er normalisiert und im besonderen Maße Wertschätzung für jede Seite aufbringt.

So war es beiden Eheleuten peinlich, Themen wie Aufräumen der Küche, Wäsche, Einkauf, Einkaufszettel zu benennen.

 

  • 3. Stufe: Interessen

 

Die Stufe der Interessen scheint die entscheidende Stufe in der Mediation mit älteren Paaren zu sein. Bereits bei der Themensammlung kann es zu ersten heftigen Gefühlsausbrüchen kommen. Die Erarbeitung der Interessen ist stets von hohen Emotionen begleitet: alte Verletzungen, alte Vorwürfe, zurückliegende Ereignisse in der Ehe kommen an die Oberfläche und werden sehr emotional geschildert. Obwohl die Parteien in der Mediation gerade nicht über ihre Vergangenheit reden wollen, werden sie doch von ihr eingeholt. Auch in der Mediation sind Erinnerungen unvermeidlich. Sie sind sogar notwendig, geht es doch für die Partner darum, die eigene innere Geschichte in der Gegenwart nachzuzeichnen.

Hier kann der Mediator jeder Partei dabei helfen, die Erinnerungen an alte Verletzungen als Zeichen ihrer aktuellen Belastungssituation zu deuten und in Form aktueller Interessen für eine zukünftige Regelung neu zu verankern. Zudem geben die gezeigten Emotionen deutlich Hinweise auf die hinter den Themen liegenden Interessen. Es erscheint notwendig, auf der Basis der gezeigten Emotionen die Interessen jeder Partei durch mehrmaliges Nachfragen herauszuarbeiten. Der Blick von den Emotionen aus der Vergangenheit zu den damit angezeigten aktuellen Interessen holt die Partei in den Mediationsprozess zurück.

Vor dem Hintergrund von Projektion und Kollusion ist der Verstehensprozess auf der Stufe der Interessen sehr sorgfältig zu organisieren. Statt Anschuldigungen Platz zu geben, sollte der Mediator jede Seite darin unterstützen, den Blick auf die eigene Seite, den eigenen Anteil zu werfen (Selbstbehauptung). Bei älteren Paaren hat sich oft ein Dauerstreit entwickelt, der in einem festen Muster ausgetragen wird. Jede Seite attribuiert das Problem auf die jeweils andere Seite und sieht auch dort die Verantwortung für die Lösung des Konfliktthemas. Erst wenn wieder Verantwortung für die eigene Seite übernommen werden kann, die eigenen aktuellen Interessen, Bedürfnisse wieder auf dem Flipchart notiert sind, lockert sich das Streitmuster. Ebenso viel Zeit benötigt der

Verstehensprozess bezogen auf die jeweils andere Seite. Statt den Partner vorab zu verurteilen, fordert der Mediator jede Seite mehrfach auf nachzuvollziehen, welche Interessen die andere Seite hat. Dies ist bisweilen außerordentlich schwierig, bedeutet dieser Verstehensprozess doch ein Abrücken von eigenen Vorurteilen und stattdessen eine Beschäftigung mit der inneren Geschichte des Partners. Bisweilen benötigt dieser Verstehensprozess der eigenen und der anderen Seite in der Mediation mit älteren Paaren sehr viel Zeit. Sie ist jedoch notwendig, um aus den gewohnten Paar-Mustern herauszukommen und eine neue Basis für Verhandlungen zu schaffen.

Bisweilen kommen Paare nach diesem Verstehensprozess zu dem Entschluss, die weiteren Schritte ohne Mediator fortzusetzen und die offenen Themen allein in die Hand zu nehmen. Dies sollte der Mediator als eine gute Entwicklung werten.

Bei Herr und Frau G kam es auf der Stufe zu heftigen Vorwürfen und Anklagen mit der ‚Drohung, die Gespräche abzubrechen. Erst als die Interessen jeder Seite auf dem Flipchart notiert waren, beruhigte sich das Paar. Sehr ausführlich wurde jedes Interesse von der anderen Seite nachvollzogen, mehrmals nachgefragt und nochmals erklärt, bis die andere Seite die notierten Interessen verstanden hatte. Die Sitzung auf dieser Stufe benötigte insgesamt zwei Stunden.

 

  • 4. Stufe: Optionen

 

Auf dieser Stufe ist der Blick in die weitere Zukunft für das Paar befreiend. Nach anfänglichem Zögern führt dies bisweilen zu neuen, den Partner überraschende Ideen; mitunter tauchen heimliche alte Wünsche auf, die angesichts der noch verbleibenden Lebenszeit doch noch realisiert werden könnten. Zum Teil stellen die genannten Optionen bereits erste Verhandlungsangebote an die andere Seite dar.

Der Mediator sollte darauf vertrauen, dass ältere Paare im Laufe ihrer Ehezeit genügend Erfahrungen angesammelt haben, die ihnen bei der Entwicklung von Ideen hilfreich sind.

Herr und Frau G entwickelten nach zögerlichem Beginn mit Blick auf die Interessen jeweils für die andere Seite überraschende Ideen: So hatte Frau G die Idee, gemeinsam das Fußballstadion zu besuchen; Herr G schlug einen gemeinsamen Yoga-Kurs vor.

 

  • 5. Stufe: Verhandeln

 

Diese Stufe benötigt i. d. R. nur eine kurze Erläuterung des Mediators; die älteren Paare sind auf dieser Stufe sehr motiviert, ihre aktuelle Situation jetzt selbst zu regeln. Bisweilen verfallen sie dabei nochmals ins vertraute Streitmuster.

Hier kann der Mediator helfen, zunächst wieder auf die eigene Seite zu schauen, eigene Verhandlungsangebote zu nennen und sich dann erst mit denen der anderen Seite zu beschäftigen.

Zum Teil wird auch diese Stufe von den Parteien bereits ohne Mediator umgesetzt. Die erarbeiteten Optionen waren dann eine hinreichende Basis, um zuhause eigene Verhandlungen zu führen.

Herr und Frau G konnten sich auf der Basis der gesammelten Optionen gut auf Verhandlungen einlassen. Der Mediator achtete darauf, dass jede Seite eigene Angebote an die andere Seite entwickeln musste, bevor sie auf die der anderen Seite eingingen. Die lange Vertrautheit half, schnell Regelungen miteinander auszuhandeln.

 

  • 6. Stufe: Vereinbaren

 

Die in der Mediation getroffenen Regelungen sollten vom Mediator für jeden Ehepartner schriftlich protokolliert und anschließend zugesandt werden. Ältere Menschen können sich oft nicht mehr an alle Details erinnern. Es ist für sie hilfreich, auf eine schriftlich vorliegende Vereinbarung zurückgreifen zu können. Dies gibt dem Paar eine zusätzliche Sicherheit.

In der Regel wünschen Paare ein schriftliches Protokoll ihrer getroffenen Vereinbarungen. Es geht dabei aber nicht so sehr um einen juristisch einklagbaren Vertrag. Insoweit stößt die Frage nach der Rechtsverbindlichkeit der Vereinbarung bei älteren Paaren bisweilen auf Erstaunen. Sie sollte dennoch gestellt werden, aus Gründen der Anregung an das Paar und auch aus formalen Gründen.

Das schriftliche Protokoll der Vereinbarung hat für das Paar eine doppelte Funktion: Es hält die aktuell getroffenen Vereinbarungen fest und steht sogleich symbolisch für die Fähigkeit des Paares, Konflikte miteinander lösen zu können; dies gibt beiden Seiten Sicherheit für ihre weitere Zukunft als Paar.

Herr und Frau G wünschten ein schriftliches Protokoll ihrer Vereinbarungen und die Möglichkeit, bei möglichen Konflikten in der Zukunft wieder eine Mediation in Anspruch nehmen zu können. Zusätzlich wurde die Möglichkeit der Überprüfung mit dem Mediator vereinbart.

 

(Anmerkung: In Teil 2 dieses Beitrags folgen Praxisanwendungen für Elder Mediation bei Auseinandersetzungen mit Altersabbau, Krankheit und Gebrechlichkeit.

 

 

Autor

Heiner Krabbe

Dipl. Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Mediator (BAFM), Ausbilder und Supervisor für Mediation. Leiter des Ausbildungsinstituts Mediationswerkstatt Münster, Psychotherapeutische Praxis

Referent an verschiedenen Universitäten (Heidelberg, Giessen, Oldenburg, Hagen, Konstanz, Basel, Zürich, Breslau), Akademien (Dt. Richterakademie, Justizakademie NRW, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Brandenburg), Gesellschaften (Dt. Gesellschaft für Verhaltenstherapie, Bund dt. Psychologen), der Bundesarbeitsgemeinschaft der Erziehungsberatungsstellen Bke, Fachhochschulen, Rechtsanwaltskammern und Handwerkskammern.

E-Mail: info@heiner-krabbe.de

Mediationswerkstatt Münster



[1] Statistisches Bundesamt Pressemitteilung Nr. 404 vom 18. Oktober 2018

[2] Peters, Klinische Entwicklungspsychologie des Alters, Göttingen 2004, S. 11.

[3] Quinodod, Altwerden, Eine Entdeckungsreise, Gießen 2012, S. 15.

[4] Peters, s.o. Fn 1, S. 94.

[5] Havighurst, Development Tasks and Education, New York 1972, S. 2.

[6] Küchenhof, Hrsg., Erinnerung und Neubeginn, Gießen 2002, S. 224-239.

[7] Peters, s.o. Fn 1, S. 97.

[8] Mathews, Definition of Friendship and their Consequences in Old Age, Aging and Society 1983, 3,

141-156.

[9] Peters, s.o. Fn 1,S. 171 f.

 

 

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