»Dialog und Partizipation?« - Das Editorial der SdM 77

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»Dialog und Partizipation?« - Das Editorial der SdM 77

in der Herbstausgabe von »Spektrum der Mediation« 2019

von Jürgen Heim

Chefredakteur Jürgen Heim

Steckt unsere Demokratie in der Krise?

Kommunikationsdefizite und dystopische Prognosen verstärken wachsende Ängste in unserer Gesellschaft: die Angst vor dem Klimawandel, die Angst vor Migration, die Angst vor technologischen Erneuerungen. Ist unsere Demokratie nicht mehr in der Lage, diesen Verunsicherungen effizient zu begegnen?

Die lähmende Politikverdrossenheit und eine mitunter ohnmächtige Wut gegen unser repräsentatives System halten an. Diese alarmierende Entwicklung wird durch die Ergebnisse einer aktuellen Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung bestätigt: Mehr als die Hälfte der Deutschen in den alten Bundesländern -  in den neuen Bundesländern sogar nahezu 75 Prozent -  sind verunsichert und unzufrieden damit, wie Politik und Demokratie hierzulande funktionieren.

Doch wie können wir Vertrauen und Sicherheit in unser demokratisches System zurückerobern? Bieten Bürgerbeteiligungsverfahren oder anderen partizipative Modelle zur Bürgerbeteiligung an politischen Prozesse Lösungswege an?

Die Herbstausgabe SdM 77 von »Spektrum der Mediation« mit dem Schwerpunkt » fokussiert das Leitthema »Dialog und Partizipation - Wie verändern wir?« mit spannenden Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis.

Mehr dazu im Editorial:

 

»… Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Der allgegenwärtige Populismus ist gefährlich, aber seine Logik und Dynamik sind leicht durchschaubar. Populismus ist die Sehnsucht nach einfachen Lösungen angesichts der hochkomplexen und undurchsichtigen Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Man hat kaum noch etwas unter Kontrolle, die Unsicherheit nimmt zu, die Vielfalt der Informationen ist intransparent, verwirrend und das Vertrauen in politische Lösungen sinkt.

Wie verführerisch tröstlich wirken hier populistische Versprechen. Populisten suchen den direkten Kontakt, aber sie vermeiden den offenen, kritischen Dialog. Die Vielfalt von Werten und Interessen stehen ihren selektiven Ordnungsvorstellungen im Wege.

Aber was hilft gegen Populismus und seine mitunter hasserfüllten und extremistischen Parolen, die uns täglich über die öffentlichen Medienkanäle erreichen? Sollen wir die Protagonisten einfach nur ausgrenzen, ihre Botschaften bagatellisieren? Reicht das aus? Oder sollen wir, müssen wir mit ihnen reden?

Wir müssen!

Die Heftpaten dieser Ausgabe Kurt Faller und Heiner Krabbe unterstreichen die besondere Verantwortung der Mediation:

Auch sie fordern dazu auf, unsere repräsentativen Strukturen zur politischen Entscheidungsfindung durch Formen der Bürgerbeteiligung, gezielte Kommunikationsprozesse und Mediation zu ergänzen, um unsere Demokratie zu sichern. Zwar sind politische Prozesse zur Lösung von Konflikten nicht mit mediativer Streitbeilegung gleichzusetzen. Doch auch die Politik muss heute unentwegt nach Kompromissen suchen. Die methodischen und inhaltlichen Synergien von Politik und Mediation stellt Kurt Faller mit fünf Thesen vor (S. 11).

Christoph Besemer präsentiert seine gewaltfreien und mediativen Thesen für einen konstruktiven Widerstand (S. 14). Dr. Anatol Itten, Managing Director des Disrupted Societies Institutes in Amsterdam, warnt vor den Gefahren, die partizipative Dialoge in Hochrisikoverfahren verwandeln können (S. 18). Die unverzichtbaren Potenziale der Mediation für den Dialog unterstreicht Dr. Thomas Henschel und fordert mehr Raum für Diskurse und Narrative (S. 22). Zwölf praktische Empfehlungen für erfolgreiche Dialoge in Beteiligungsverfahren auf kommunaler Ebene präsentieren 20 Expertinnen und Experten aus Politik und Verwaltung um Dr. Gisela Wachinger (S. 26).

Unsere weiteren Themen: In der direkten Kommunikation erkennt auch Prof. Dr. Ansgar Marx den Schlüssel für ein erfolgreiches Beschwerde- und Konfliktmanagement in Mietstreitigkeiten (S. 39).

Deutliche Kritik am Format der Gruppensupervisionen im Rahmen der Mediationsausbildung übt Dr. Jürgen von Oertzen: Er fordert die konsequente Umstellung zur Einzelsupervision (S. 45). Die hohe Relevanz der Mediation und ihrer Techniken im Bereich der Palliativ- und Hospizarbeit betonen Prof. Dr. Raymond Voltz und Kathleen Boström in ihrem Recherchebeitrag (S. 47).

Die nachhaltigen Potenziale dialogischer und partizipativer Verfahren und Modelle wie der Mediation werden in allen Beiträgen dieser Ausgabe deutlich. Nutzen wir diese wichtigen Schlüssel zur lösungsorientierten Veränderung.

Ihr Jürgen Heim

Chefredakteur

 

P. S. Für die Praxis ein interdisziplinärer Blick auf die »Theorie«: Jürgen Habermas, seit wenigen Wochen 90 Jahre »jung«, einer der weltweit meistzitierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart, empfiehlt, » [...] auch in unserer globalisierten Welt mit ihren unterschiedlichen Kulturen gibt es universell gültige Wahrheiten und moralische Grundsätze.

Zu ihnen können wir nur durch den öffentlichen Diskurs und Konsens gelangen. Voraussetzung ist aber, dass sich die Diskursteilnehmer nicht – wie in der Politik üblich – strategisch, sondern verständigungsorientiert verhalten und bestimmte ›Diskursregeln‹ beachten: Jeder muss die Anderen ernst nehmen, eine gewisse Ehrlich- und Aufrichtigkeit unterstellen, jeder die gleiche Chance haben, zu Wort zu kommen. Sämtliche Zwangsmechanismen sind auszuschließen. Nur auf diese Weise kann der Diskurs – durch Vernunft getragen – zu einer Verständigung führen [...] «

(Habermas, Jürgen: »Diskursethik – Notizen zu einem Begründungsprogramm. « In: ders.: Moralbewusstsein und kommunikatives Handel. Frankfurt am Main 1983, S. 53f)




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