Editorial im Februar: Sprache und Gewalt

Editorial im Februar: Sprache und Gewalt

Wer schweigt, macht sich mitschuldig.

von Jürgen Heim

Editorial Jürgen Heim

 

»Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die furchtbaren Verbrechen in Hanau und Halle, aber auch der Mord an Walter Lübcke, haben einen Hintergrund. Es beginnt immer mit der Sprache.

Der Zusammenhang zwischen Rhetorik und Gewalt ist enger geworden. Hass, Anfeindungen und Hetze gegen religiöse und kulturelle Minderheiten - Kernideen des Rechtsextremismus - lassen die Hemmschwelle sinken. Anhänger fühlen sich in diesem vergifteten Klima ermutigt, ihre rassistische Sprache und Gesinnung schlagen in Gewalt um.

Wir alle sind gefordert.

Nicht nur der Staat, der die hasserfüllten Sprüche extremistischer Anhänger und Sympathisanten intensiver bekämpfen und konsequent verfolgen muss - auch wir. Denn jeder von uns kennt sie: die scheinbar harmlosen Herabsetzungen, die schlechten Witze, die enthemmten Anfeindungen, die fremdenfeindlichen Pöbeleien, den widerspruchslosen Alltagsrassismus und Antisemitismus, den schleichenden Verfall sprachlicher Tabus. Es fängt bei unfassbaren Beleidigungen in E-Mails und sozialen Medien an. Es setzt sich fort in Bedrohungen und eskaliert in Verbrechen wie in Hanau und Halle.

Wenn wir dazu schweigen, wenn wir gegenüber rechtspopulistischen Politikern, Akteuren und deren Anhängern resignieren und stillhalten, machen wir uns mitschuldig. Jeder von uns.

Wenn wir uns dagegen wehren, wenn wir auf einen kritischen, respektvollen Dialog und offenen Diskurs setzen, verteidigen wir damit unser demokratisches System, unsere freie Gesellschaft.

Achten wir auf unsere Sprache - ohne Herabsetzungen, Anfeindungen und Beleidigungen, ohne Hass, Hetze und Rassismus.

Und schweigen wir nicht! Denn: »Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig.«*


Ihr Jürgen Heim«

 

 

*Seneca, Lucius Annaeus: Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), XVII/XVIII, CIV, 26 Original: »Non quia difficilia sunt non audemus, sed quia non audemus difficilia sunt.«