Elder Mediation

Mediation in der Praxis
Elder Mediation

von Dr. Christa Schäfer

Elder Mediation, zwei ältere Herren

 

Die Elder Mediation ist ein Bereich der Mediation, der sich mit dem Thema Alter befasst. In Kanada und den USA wird Elder Mediation bereits seit den 80er/90er Jahren praktiziert. Die Schweiz gilt als Vorreiter in Europa und auch in Deutschland wird das Thema immer bekannter und gefragter.

 

 

 

 

1. Definition Elder Mediation = Altersmediation

»Altersmediation ist ein Prozess, an dem meist mehrere Parteien und Generationen beteiligt sind und in dem es um mehrere Fragestellungen gehen kann, wobei ein geschulter Altersmediator sicherstellt, dass alle Beteiligten in der Sitzung anwesend sein können und dass alle Stimmen am Tisch vertreten sind. Er leitet und unterstützt die Beteiligten darin, ihre Sorgen und Themen im Zusammenhang mit der Pflege und mit ihren Bedürfnissen zu ergründen. Diese Art der Mediation schließt oft die vielen Personen mit ein, die mit dem Thema befasst sind, wie beispielsweise Familienmitglieder, Pflegepersonen, Organisationen, Beratungsstellen und verschiedene Dienstleister. Das Ergebnis einer erfolgreichen Mediation werden allseitig akzeptable Vereinbarungen sein, die, so gut wie möglich, die berechtigten Interessen aller berücksichtigen und gleichzeitig die Betreuungsqualität, die Beziehungsqualität und die Lebensqualität aller verbessert« (McCann-Beranger, S. 6).

2. Themen in der Elder Mediation

Wenn Eltern alt werden, kann es viele Konflikte geben. So stehen erwachsene Kinder mitunter vor der Tatsache, ein oder zwei Elternteile zu haben, die krank, gebrechlich oder pflegebedürftig sind. Die Krankheit der Eltern kann alles durcheinander bringen. Der Umgang damit erfordert einerseits praktische Fähigkeiten und pragmatisches Denken, andererseits ist die Situation emotional hoch belastend. Sind es mehrere Geschwister, kann durchaus ein Streit ausbrechen, der nicht im Sinne des oder der älteren Menschen ist. Auch lassen Probleme mit Betreuungsinstitutionen oder Betreuungspersonen oft nicht lange auf sich warten.

Aber selbst wenn Eltern nicht krank oder pflegebedürftig sind, ergeben sich viele Gesprächsbedarfe. Mit dem Eintritt in den Ruhestand kann es um die Übergabe des Bauernhofes bzw. der Firma an die nachfolgende Generation gehen oder um das gerechte Verteilen der Erbschaft. Es kann sein, dass Mütter oder Väter ihre Identität nochmals neu definieren, sich veränderte Rollen in einer Partnerschaft definieren, dass ein neuer Partner auftaucht oder sich Wohnkonflikte im gemeinsamen Haus ergeben.

Viele unterschiedliche Bedürfnisse, Ziele und Interessen prallen aufeinander. Offene oder versteckte Konflikte, heiße oder kalte Konflikte, bereits lange andauernde oder jetzt plötzlich schnell hochkochende Konflikte sind in der Elder Mediation nicht untypisch.

Hier einige der Themen, die in der Elder Mediation eine Rolle spielen:

  • Betreuung der Eltern
  • Medizinische und praktische Fragen
  • Umgang mit Krankheiten
  • Patientenverfügung
  • Kommunikationsprobleme
  • Klärung finanzieller Aspekte
  • Testament / Erbschaft
  • Unbewältigte Erfahrungen aus Kindheit und Jugend
  • Familiäre Verstrickungen
  • Klärung von Ehestreitigkeiten
  • Klage über Pflegepersonal
  • Konflikte im Heim
  • Wahrung der Rechte der älteren Menschen
  • Wunsch nach weiterer Eigenständigkeit (bei Eltern und Kindern)

 

Die Elder Mediation streift stets mehrere andere Mediationsbereiche. So gibt es Verbindungspunkte zur Familienmediation, zur Mediation im Gesundheitswesen und zur Wirtschaftsmediation.

3. Gefühle in der Elder Mediation

Viele kanadische und US-amerikanische MediatorInnen beschreiben, dass in der Elder Mediation von großer Gefühlstiefe geprägt ist. Dies leuchtet ein, denn schon ein Baby macht in seiner Kernfamilie die ersten Beziehungserfahrungen. In der Triade (Mutter-Vater-Kind-Beziehung) erleben die meisten Kinder ihre ersten Bindungserfahrungen, die von ganz unterschiedlicher Qualität sein können. Oft halten sich Bindungserfahrungen ein Leben lang, und sie sind der Schlüssel für viele gelingende oder auch misslingende Beziehungsmuster im Leben von Menschen. Sind mehrere Kinder in einer Familie, so hat die Geschwisterkonstellation meist großen Einfluss auf die individuelle Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Kinder. Konflikte in Familien sind vorprogrammiert. Manche Familien können gut mit Konflikten umgehen, andere eher weniger. Jede Familie weist ihre eigene familiäre Dynamik auf, und in einer Familie, die eine lange „gemeinsame Geschichte“ hat, findet man mitunter gleichzeitig liebevolle und aggressive Beziehungen, auf jeden Fall aber auch ähnliche bzw. unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse zwischen den Familienmitgliedern.

Einige der Gefühle, die in der Elder Mediation eine große Rolle spielen, sind:

  • Sorge
  • Ohnmacht
  • Schuld
  • Ärger, Wut, Hass
  • Scham
  • Dankbarkeit
  • Liebe
  • Mitgefühl
  • Gefühl, zu etwas verpflichtet zu sein
  • Angst vor der eigenen Sterblichkeit

4. Anforderungen an MediatorInnen im Bereich Elder Mediation

Die Anforderungen an Elder MediatorInnen sind hoch. Neben einer Basisausbildung in Mediation sind zusätzliche Kompetenzen erforderlich. Es ist von großem Vorteil, wenn Elder MediatorInnen über Feldkompetenz für diesen Mediationsbereich verfügen. Sie müssen sich in die Lage der älteren und gebrechlichen Menschen versetzen können, zugleich aber auch die erwachsenen Kinder verstehen.

In folgenden Feldern sollten Elder MediatorInnen vertieftes Wissen haben:

  • Prozesse des Alterns / Gerontologische Kenntnisse
  • Familiendynamiken
  • Systemik für den systemischen Blick auf die Familie
  • Typische Alterskrankheiten wie Alzheimer und Demenz
  • Umgang mit Trauer und Verlust
  • Altersdiskriminierung
  • Misshandlung und Gewalt im Alter
  • Wohnformen im Alter
  • Kultur und Alter
  • Rechtliche Aspekte der gesundheitlichen Versorgung
  • Dienstleistungs- und Hilfsangebote für ältere Menschen
  • Vormundschaftliche Maßnahmen

 

Eine Mediatorin / ein Mediator muss in einer Elder Mediation vor Beginn einer Mediation abklären, ob alle Medianden kognitiv in der Lage sind, sich auf den Mediationsprozess einzulassen. Falls nicht, muss geklärt werden, ob gegebenenfalls Familienmitglieder oder andere Vertretungspersonen statt des älteren Menschen oder zusammen mit ihr/ihm an der Mediation teilnehmen können.

Ebenfalls hilfreich ist es, wenn Erfahrungen und Kenntnisse in der Mediation mit mittelgroßen Gruppen vorliegen. An einer Elder Mediation können durchaus über zehn Medianden teilnehmen (Elternpaar, Kinder, Schwiegerkinder, evtl. Enkel, Pflegekräfte, externe Pflegende, Heimleitung, Ärztin oder Arzt, …)

5. Zukunft der Elder Mediation

Das vergangene Jahrhundert hat das Augenmerk auf die Lebensabschnitte von Kindheit und Jugend gelegt. Heute wissen wir, dass unsere Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten immer älter werden wird. Das hat viele Vorteile, birgt aber auch Herausforderungen. Das 21. Jahrhundert wird das Augenmerk auf die Lebensabschnitte des Alters und des Alterns legen müssen. Mediation kann dabei unterstützen.

6. Literatur zum Thema

  • Kardasis, Arline; Larsen, Rikk; Thorpe, Crystal; Trippe, Blair: Mom always liked you best: A Guide for Resolving Familiy Feuds. Inheritance Battles & Eldercare Crisis. Agreement Resources, LLC 2011.
  • McCann-Beranger, Judy; Elder Mediation Canada: Berufsregeln für auf Altersfragen spezialisierte Mediatoren und Mediatorinnen (Altersmediation). Übersetzung: Helen Matter. 2. Aufl. 2009.
    online unter: http://www.eldermediation.ch/Berufsregeln.pdf, eingesehen am 26.08.2013
  • Schäfer, Christa D.: Elder Mediation. Erfahrungen aus Kanada und den USA. In: Spektrum der Mediation. Kassel: Bundesverband Mediation 51/2013. S. 49 - 52.
  • www.eldermediation.ca
  • www.eldermediation.ch

 

Dr. Christa D. Schäfer

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Band 6, broschiert, IV, 74 Seiten, im August 2016 erschienen