Experten zur Zertifizierungsverordnung: Ljubjana Wüstehube und Dirk Splinter – inmedio Berlin

Zertifizierung (ZMediatAusbV)
Experten zur Zertifizierungsverordnung: Ljubjana Wüstehube und Dirk Splinter – inmedio Berlin

Mediation aktuell im Gespräch mit renommierten ExpertInnen

Ljubjana Wüstehube

Die Verordnung über die Aus- und Fortbildung von zertifizierten Mediatoren (ZMediatAusbV) – erlassen vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) – steht weiterhin im Fokus zahlreicher Veranstaltungen und Diskussionen.

ZMediatAusbV vom 21. August 2016 (PDF im Wortlaut)

Wie wird die Verordnung von MediatorInnen, AusbilderInnen, GüterichterInnen oder RechtsanwältInnen bewertet?

Mediation aktuell im Gespräch mit renommierten ExpertInnen der Mediation zur Bewertung der Verordnung aus unterschiedlichen Perspektiven:

Heute mit Ljubjana Wüstehube, Berlin, Mediatorin (BM, BMWA, eingetragene Mediatorin beim Österreichischen Bundesministerium für Justiz) und Ausbilderin für Mediation (BM, BMWA), Führungskräfte-Coach, Gestalt – Psychotherapeutin und

Dirk Splinter, Berlin, Mediator (BM, BMWA) und Ausbilder für Mediation (BM, BMWA), Lebensmittelchemiker, Diplompädagoge – beide Geschäftsführende Gesellschafter voninmedio Berlin – Institut für Mediation, Beratung.

Dirk Splinter

Dirk Splinter


Mediation aktuell: Frau Wüstehube, Herr Splinter, Sie verfolgen als ExpertInnen die Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt der Mediation besonders intensiv. Enthielt die veröffentliche Verordnung ZMediatAusbV Überraschungen für Sie?

Ljubjana Wüstehube: Überraschend finde ich zunächst mal, dass dieser Mechanismus, der ja im Kern auf eine Selbstzertifizierung hinausläuft, tatsächlich durchgezogen wurde und uns allen eine weitere formale Zertifizierungprozedur mit fraglichem Zusatznutzen erspart geblieben ist.
Ich finde das – auch wenn ich weiß, dass es viele Kollegen anders sehen - im Prinzip gut, wenngleich es sehr bedauerlich ist, dass es zum »zertifizierten Mediator« kein Beschwerdemanagement gibt.

Dirk Splinter: Unangenehm überrascht hat uns die Tatsche, dass ausschliesslich Einzelsupervisionen vorgesehen sind. Wir finden die Intention zwar nachvollziehbar, da sichergestellt werden soll, dass wirklich auf den einzelnen Fall intensiv eingegangen wird. Es ist aber bekannt, dass dies auch fachgerecht in einem Gruppensetting geschehen kann. Solche Gruppensettings jetzt wegen des möglichen Missbrauchs ganz auszuschließen ist wie eine vorbeugende »Kollektivstrafe«.

 

Mediation aktuell: Welche Änderungen fallen Ihnen positiv auf?

Ljubjana Wüstehube: Positiv ist nach unserer Auffassung in erster Linie die Absicherung der Vertraulichkeit mit Blick auf den Mediator. Ein weiterer guter Effekt ist, dass Mediation einmal mehr öffentlich wird und sich mehr und mehr als ganz normale Beratungsleistung etabliert.

Dirk Splinter: Positiv mit Blick auf die Verordnung ist auch, nachdem die 120 Stunden ja ein Kompromiss waren, dass bezüglich der Mediationsfälle und Supervisionsanforderungen de facto eine Annäherung an die Anforderungen der Verbände stattgefunden hat.

 

Mediation aktuell: Gibt es aus Ihrer Sicht noch offene Punkte oder Fragen, für die Sie sich gerne eine Regelung gewünscht hätten? Entweder vom Verordnungsgeber oder/und von den Berufsverbänden?

Dirk Splinter: Auch wenn wir die Selbstzertifizierung im Kern gut finden, so ist es doch ein erhebliches Manko, dass es gar keine wirksamen Kontrollmechanismen gibt. Es müsste also
• erstens stichprobenartige Überprüfungen geben und
• zweitens ein Verfahren bei denen in begründeten Fällen von Amts wegen einem Verdacht auf Missbrauch bezüglich des Tragens des Titels ‚zertifizierter Mediator' nachgegangen wird.
Im Moment gibt es ja nur die Möglichgkeit, zivilrechtlich gegen den Mißbrauch des Titels vorzugehen und dann liegt die Beweislast vermutlich auch noch beim »Klagenden«. Das ist dann doch eher unwahrscheinlich, dass diese Möglichkeit tatsächlich genutzt wird; außer vielleicht in Extremfällen, in denen dann schon viel Schaden bei Klienten und bezüglich der Reputation von Mediation angerichtet worden ist. De facto haben wir hier also leider einen Anreiz, mangels effektiver drohender Konsequenzen, die Kriterien der Verordnung sehr weitgehend zu den eigenen Gunsten auszulegen.

Ljubjana Wüstehube: Beim Bundesverband Mediation gibt es beispielsweise die Möglichkeit, sich telefonisch über BM-MediatorInnen zu beschweren und fachliche Mängel zu melden. Dem wird dann zunächst in persönlichen Gesprächen mit mediativer Grundhaltung nachgegangen. Stellen sich die Mängel als begründet dar, kann es im schlimmsten Fall bis zum Verbandsausschluss kommen. Wir würden es sehr begrüßen, wenn die Verbände in Zukunft ein entsprechndes Mandat mit Blick auf den »zertfizierten Mediator« erhalten würden.

 

Mediation aktuell: Wo sehen Sie die Zertizierungsangebote der Verbände, wie beispielsweise des Bundesverbandes Mediation (BM)?

Ljubjana Wüstehube: Bereits nach der Verabschiedung des Mediationsgesetzes gab es viele Sorgen, dass es sich negativ auf die Qualitätssicherung durch die Verbände auswirkt. Es hat aber nach unserer Beobachtung z.B. keinen Einbruch bei den »200h-Ausbildungen« gegeben. Wir glauben, dass dies auch so bleiben wird.
Viele Menschen absolvieren aus ganz intrinsischer Motivation heraus die längere, den Kriterien der Verbände entsprechende Ausbildung. Sie erkennen, dass die Mediationsausbildung eine intensive Beschäftigung mit sich selbst erfordert sowie ein umfassendes methodisches und theoretisches Repertoir sowie eine fachliche Begleitung bis in die Praxis hinein. Und ihnen ist klar, dass dafür 200 Stunden etwa im Vergleich zu einer Supervisionsausbildung keineswegs zu lang sind. Für diese Menschen wird der zertifizierte Mediator eher eine »Bezeichnung« sein, die sie auf dem Weg etwa zum »Mediatior BM/BAFM/BMWA « schon mal »mitnehmen«. Allerdings werden die Verbände mehr unternehmen müssen, um den Mehrwert ihrer Abschlüsse herauszustellen und den Mediationseinsteigern bekannt zu machen.

 

Mediation aktuell: Wird die Zertifizierungsverordnung Auswirkungen auf den Mediationsmarkt, auf die Qualität der angebotenen Mediationsleistungen haben? Ihre Prognose?

Ljubjana Wüstehube: Ich bin da etwas hin und hergerissen: Ich hoffe, nein. Denn ich denke, Kunden erkennen schon im ersten Gespräch an den Fragen des Mediators, ob die angebotene Dienstleistung fachlich Hand und Fuß hat, ob der Mediator vertrauenswürdig ist. Dies gilt wahrscheinlich besonders für den organisationalen Bereich, in dem öfter mal unterschiedliche Beratungsleistungen angefragt werden.
Im Bereich Familien- und Privatmediation halte ich die Gefahr für größer, dass schlecht ausgebildete Mediatoren, z.B. solche, die einfach doppelt so lange arbeiten und damit die Klienten unnötig quälen oder unsachgemäße Meidation sich hält. Wer sich im privaten Bereich mühsam durchgerungen hat, eine Mediation zu beginnen, wird nicht so schnell den Mediator wechseln oder erkennen, dass es nicht an ihm und dem schrecklichen Konflikt, sondern am Mediator liegen könnte. Die Vielfalt der Kürzel und Qualitätsbezeichnungen ist für den Außenstehenden leider weiterhin verwirrend. Ich hoffe aber recht zuversichtlich, dass sich Qualität weiterhin am Markt durchsetzt und nicht die Reputation von Mediation beschädigt wird.

Dirk Splinter: Es gibt ja auch nach wie vor die Möglichkeit ganz ohne formale Ausbildung als Mediator tätig zu sein. Neben den zahlreichen professionell arbeitenden und gut ausgebildeten MediatorInnen wird es also auch weiterhin brilliante nicht ausgebildete MediatorInnen geben und einige ausgebildete aber trotzdem schlechte.
Mediation ist und bleibt in erster Linie eine Vertrauensdienstleitstung, d.h. die persönliche Empfehlung und/oder der Eindruck des Erstkontakts werden weiterhin wichtiger bleiben als ein Qualitätslabel.
Unterschiedliche Bezeichnungen bzw. Aussagen wie »zertifizierter Mediator«, »lizensierter Mediator«, »Mediator xyz (Abkürzung des Ausbildunginstituts)« oder »ausgebildet nach den Standards des Bundesverbandes Mediation« (=ausgebildet aber nicht lizensiert) werden auch weiterhin für Kunden leider nicht eindeutig zu unterscheiden sein.

Mediation aktuell: Liebe Frau Wüstehube, lieber Herr Splinter, herzlichen Dank für das Gespräch.

(Das Interview führte Jürgen G. Heim, Redaktion Mediation aktuell) 


Informationen zu unseren Gesprächpartnern:


Ljubjana Wüstehube

Geschäftsführende Gesellschafterin inmedio Berlin

Mediatorin (BM, BMWA, eingetragene Mediatorin beim Österreichischen Bundesministerium für Justiz) und Ausbilderin für Mediation (BM, BMWA) - Führungskräfte-Coach - Gestalt-Psychotherapeutin

Arbeitsschwerpunkte

  • Mediation und Organisationsentwicklung in Teams, Unternehmen und Verwaltungen
  • Mediations- und Dialogprojekte im Kontext der Friedensförderung
  • Führungskräfte-Coaching
  • Begleitung von Veränderungsprozessen
  • Migrations- und Flüchtlingsarbeit
  • Supervision
  • Konzeption und Leitung von Aus- und Fortbildungen rund um die Themen Konflikt, Mediation, Team und Mediation im Flüchtlingskontext

www.inmedio.de/ueber-uns/ljubjana-wuestehube

Kontakt: wuestehube@inmedio.de

Tel.: +49 (30) 45 49 04 00

Tel.: +49 (0)175 563 37 12

 

Dirk Splinter

Geschäftsführender Gesellschafter inmedio Berlin

Mediator (BM, BMWA) und Ausbilder für Mediation (BM) - Lebensmittelchemiker - Diplompädagoge

Arbeitsschwerpunkte:

  • Mediation und Organisationsentwicklung in Teams, Unternehmen und Verwaltungen
  • Mediations- und Dialogprojekte im Kontext von Friedensförderung
  • Beratung von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit
  • Führungskräfte-Trainings
  • Implementierung von innerbetrieblichen Konfliktmanagement-Systemen
  • Programme zur Gemeinwesenmediation

http://www.inmedio.de/ueber-uns/dirk-splinter

Kontakt: splinter@inmedio.de

Tel.: +49 (0) 3045490400

 

Hinweise zu Veranstaltungen, Seminare

Inmedio – Institut für Mediation, Beratung, Entwicklung
Dr. Kerntke, Wüstehube und Splinter GbR

Holbeinstraße 33
D-12203 Berlin












 

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