Der Genozid in Namibia: Die Vergangenheit ist nicht vergangen

Video-Beitrag aus der Praxis
Der Genozid in Namibia: Die Vergangenheit ist nicht vergangen

Mediation und Dialog mit den Betroffenen

Dr. Thomas R. Henschel (Video)

Dr. Thomas R. Henschel in Namibia

»Wann werden die Deutschen endlich mit den Ovahereros und Namas als Gleiche sprechen?«

Die Frage von Maria, einer Vertreterin der Ovahereros, deren Urgroßeltern zu den Opfern des Genozides der Deutschen in der damaligen Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« gehören, wiegt schwer.

Dr. Thomas R. Henschel hörte diese Fragen in Windhoek auf der ersten Konferenz, in der die Angehörigen der Opfer des von deutschen 1904-1908 verübten Genozides an den einheimischen Stämmen öffentlich sprechen konnten und versuchten, Gehör zu finden. Auf Einladung der Veranstalter nahm er als Mediator bei den Gesprächen in Namibia teil.

Zur Vorgeschichte ein Rückblick:

 

Die Geschichte: 1904 - Der erste Genozide des 20. Jahrhunderts - verübt von Deutschen

1904 befand sich die damalige Kolonie des Deutschen Kaiserreiches in einer nach wie vor fragilen, von vielen Kämpfen und Auseinandersetzungen geprägten Situation wieder. Die deutsche Kolonialmacht versuchte mit allen Mitteln die einheimische Bevölkerung für ihre Zwecke auszubeuten. Dies beinhaltete Kooperationen, Druck und Gewalt. Als die Ovahereros dagegen rebellierten, wurde die kleine Schutztruppe der Deutschen davon überrascht. Mit all ihrer kolonialen Überheblichkeit hatte man der einheimischen Bevölkerung eine derartige Aktion nicht zugetraut. Umso fürchterlicher wurde die Reaktion, die der Wiederherstellung der eigenen Superiorität diente.

Auf Befehl von General von Throta wurden keine Gefangenen gemacht, sondern bewusst erschossen und die Überlebenden der Gefechte - Männer, Frauen und Kinder - in die Wüste getrieben, deren Wasserstellen vergiftet und alle Auswege verschlossen.

Über 80.000 Menschen starben auf qualvolle Weise - fast 80% der damaligen Bevölkerung. Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts verübt von Deutschen in Afrika. Die wenigen Überlebenden wurden in den ersten Konzentrationslagern der Geschichte zusammengepfercht, wo viele von ihnen an Krankheiten und Unterernährung starben. Ihre Leichen wurden im Wüstensand notdürftig verscharrt und dem Vergessen anheim gegeben.

Die Allgegenwart kolonialer Vergangenheit 

2004 - merh als 100 Jahre nach dem Genozid - entschuldigte sich die damalige Ministerin für Entwicklungszusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul, bei den Ovahereros und Namas, den Stämmen, die die meisten Opfer zu beklagen hatten. Doch die Bundesregierung beeilte sich, dies als persönliche Meinungsäußerung zu bezeichnen. Bis heute gibt es keine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung.

Die Allgegenwart der deutschen kolonialen Vergangenheit in Windhoek und Swakopmund zeigt eines sehr deutlich: Deutscher Kolonialismus ist nicht Vergangenheit. Die Strukturen von Landnahme, Rassismus und Völkermord ragen tief in die Gegenwart hinein. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zerrissenheit eines der am dünnsten besiedelten Länder weltweit. Die Traumatisierung von ganzen Volksstämmen wie der Herrero oder Nama wird in der langen kolonialen Geschichte des Landes zudem überlagert von der südafrikanischen Apartheitspolitik und den globalen neokolonialen Zugriffen auf die Rohstoffe des Landes.

Den Stimmen der Opfer Gehör verschaffen

Die Opferverbände haben vielfach versucht, ihren Stimmen Gehör zu verschaffen. Bisher erfolglos. Zwar verhandelt die Bundesregierung seit vielen Jahren mit der Staatsregierung von Namibia. Nur bei diesen Verhandlungen auf staatlicher Ebene sind die Opferverbände nicht vertreten. Die Diskriminierung geht immer weiter - auch heute noch, werden die Opfer zu Opfern gemacht und können nicht mitverhandeln bei Fragen, die zuallererst sie selbst betreffen. Statt dass mit ihnen gesprochen wird, wird über sie gesprochen.

Das Recht bietet die Chance, denjenigen, die von der Macht ausgeschlossen sind, Zugang zu ihrem Recht zu verschaffen. Daher suchten die Opferverbände über den Klageweg sich zumindest Gehört zu verschaffen. Dies ist über die Einreichung einer Klage vor einem Bezirksgericht in New York gelungen. Auch wenn die Klage abgewiesen wurde, hat sie weltweite Aufmerksamkeit für das Thema geschaffen.

Die Verantwortung und Rolle der Zivilgesellschaft

Das European Center for Constitutional Rights hat gemeinsam mit der Akademie der Künste in Berlin Anfang 2018 eine Veranstaltungsreihe zum Unrecht des Kolonialismus aufgelegt. Auf der ersten Konferenz führten die intensiven Auseinandersetzungen zu dem Wunsch der Vertreter der Ovahereros und Namas, ein solches Format auch in Namibia selbst durchzuführen.

Dr. Thomas R. Henschel war auf Einladung der Veranstalter als Mediator bei den Gesprächen in Namibia dabei. Es wurde deutlich, dass die zwischenstaatlichen Verhandlungen, so wichtig sie auch sind, alleine nicht zu einer Lösung der Probleme der Betroffenen führen. Deswegen ist das Engagement zivilgesellschaftlicher Akteure so wichtig. Die Initiatoren und die Betroffenen sehen eine einzigartige Möglichkeit für die Transformation historischer Traumata und die Entwicklung einer kulturellen und wissenschaftlichen Emanzipation, beispielsweise durch die Entwicklung eines lebendigen Gedächtnisraumes.

Mediation, Dialog und Partizipation

Als geeignetes Format kann die Mediation eingesetzt werden: Sie fordert unsere bestehenden Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensweisen heraus. Sie lädt uns ein, die Art und Weise, wie wir Objekte, Menschen und ihre Interaktionen wahrnehmen, zu verändern. Mediation realisiert ihren Sinn immer dann, wenn es zu seinem kritischen und transformativen Kern vordringt. Im Zentrum stehen dabei Dialog und Partizipation.

Dialog bedeutet, dass die unterschiedlichen Perspektiven gleichberechtigt ihre Stimmen erheben dürfen und gehört werden und gemeinsam etwas Neues geschaffen wird. Mediation schafft dabei einen Raum, in dem der Antagonismus von Meinungen, Perspektiven und den sich daraus ergebenden Spannungen verhandelt werden können. Sie hat somit ein zutiefst machtkritisches und emanzipatorisches Element. Sie ist davon abhängig, dass die unterschiedlichen Perspektiven von den Betroffenen selbst durch deren aktive Partizipation repräsentiert werden. Damit ermöglicht Mediation bestehende Diskurse und Narrative gemeinsam zu reflektieren. Auf diese Weise können neue Narrative zusammen geschaffen werden.

Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die geschilderte Geschichte sich nicht nur einfach fortsetzt, was wahrscheinlich wäre, sondern sich verändern darf und in den Bereich dessen kommt, was möglich ist. Mediation bietet also die nicht unwesentliche Chance, des Überschreitens des bloß Wahrscheinlichen, indem es uns erlaubt, das Mögliche zu denken. In unserer komplexen Welt sind wir auf die Vielfalt der unterschiedlichen Perspektiven und die Wahrnehmung und Artikulation der verschiedenen Bezüge und Wechselwirkungen angewiesen. Kein Mensch kann all dies alleine denken, dies geht nur gemeinsam. Indem die unterschiedlichen Perspektiven sich verständigen und in Anerkennung ihrer Unterschiedlichkeiten eine gemeinsame Zukunft gestalten, in der diese Antagonismen im dialektischen Sinne aufgehoben sind, wird es möglich, den Raum der Vergangenheit zugunsten einer neuen Zukunft zu erweitern.

In unserer Zeit, in der Menschen immer mehr kommunizieren und eine Tendenz zu Vereinfachungen, Pauschalisierungen und Abgrenzungen aus Furcht einen immer größeren Raum einnehmen, wird unsere Dialogfähigkeit entscheidend dafür sein, wie unsere Zukunft aussieht. Eine ganze Industrie von Ratgeberbüchern fordert mehr Dialog von uns allen. Doch der Reflex auf diese gefährlichen Perforierungen der Grundlagen unserer offenen Gesellschaft mit Appellen nach mehr Dialog zu reagieren, ist nicht ausreichend. Es reicht eben nicht, den Dialog zu fordern, wenn nicht auch darüber gesprochen wird, wie denn überhaupt Dialoge über Widersprüche zu führen sind. Wann wird aus Kommunikation Dialog? Was genau charakterisiert einen Dialog, wie können wir uns diesem Begriff annähern? Dialog ist keine Forderung, sondern eine Kompetenz und Fähigkeit. Dialog ist kein punktuelles Ereignis, sondern erfordert Kontinuität und Dauer. Die Fähigkeit in den Dialog zu treten und den Bereich von Rede- und Gegenrede zu überschreiten, ist nicht voraussetzungslos.

Es ist eben gar nicht so trivial, derartige dialogische Räume zu schaffen. Es braucht eine Menge Wissen und Fähigkeiten, um die Menschen für den Dialog zu identifizieren, die für die Lösung eines Konfliktes benötigt werden. Es braucht mindestens ebenso viele Kompetenzen, diese Menschen so zusammen zu bringen, dass gegenseitiges Verstehen möglich wird. Es braucht die Fähigkeit, belastbare und vertrauensvolle Beziehungen zu etablieren, die es aushalten, dass schmerzhafte Widersprüche angesprochen und ausgehalten werden können. Es braucht darüber hinaus die Fähigkeit, sich selbst und seine Sichtweisen, Annahmen und Perspektiven immer wieder in Frage zu stellen. Insofern sollten wir uns jedem Versuch, Räume zu schaffen, um Antagonismen zu verhandeln, mit Respekt nähern. Es bietet auf jeden Fall die Chance für uns zu lernen und uns weiter zu entwickeln.

 

Video Dr. Thomas Henschel

Video Dr. Thomas R. Henschel - MAB Berlin

 

Ohne Dialog wird es keine Lösung geben

Diesen Dialog gilt es hier fortzuführen. Das European Center for Constitutional and Human Rights, ist mit großer Sorge aus Namibia zurück gekehrt. Die deutsche Bundesregierung muss bei der Aufarbeitung des Genozids an den Ovalerer und Nama vor 115 Jahren endlich den Dialog mit den Betroffen suchen, statt nur auf zwischenstaatliche Verhandlungen zu setzen.

Der Umgang mit Verbrechen von der Dimension eines Genozides braucht mehr: Er erfordert die Schaffung von Räumen, in denen die Antagonismen aller Betroffenen verhandelt werden können. Es braucht die Fähigkeit den schmerzhaften Erfahrungen Raum zu geben und zuzuhören und gemeinsam trauern zu können. Dies sind langwierige Prozesse; sie brauchen Geduld und sind zu wichtig, als das sie nur staatlichen Verhandlungen oder nur den Juristen überlassen werden dürfen.

Die Verbrechen lassen sich nicht wieder gut machen, aber heute sind wir aufgefordert uns so zu verhalten, dass eine Transformationen möglich wird, die eine bessere Zukunft schaffen kann.

 

Autor

Dr. Thomas R. Henschel - MAB Berlin

Dr. Thomas R. Henschel

ist seit über 20 Jahren als Mediator für DAX Unternehmen, KMUs, staatlichen Organisationen und NGOs tätig. Er hat in zahlreichen internationalen Multi-Stake Holder Mediation an der Schaffung von nachhaltigen Lösungen mitwirken dürfen. Er ist Gründer und wissenschaftlicher Leiter der Mediationsakademie Berlin und CEO der SIGNET GmbH u. Co KG für kooperative Kommunikation in der Wirtschaft sowie Dozent an der FSM und dem Institut for Cultural Diplomacy in Berlin.

 

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Broschiert, 346 Seiten, im September 2013 erschienen