Gruppensupervisionen nicht mehr zulässig

Vorschau auf die SdM 77 - Supervision
Gruppensupervisionen nicht mehr zulässig

Umstellung vieler Ausbildungen erforderlich

Interview mit Dr. Jürgen von Oertzen

von Jürgen Heim

Dr. Jürgen von Oertzen

Supervisionen sind zentraler Bestandteil der Mediationsausbildung und ihrer Qualitätssicherung. Sie stellen – richtig eingesetzt ‒ sicher, dass MediatorInnen ihr Handeln stetig reflektieren. Auf dem Mediationsgesetz (MediationsG) aufbauend sieht die Ausbildungsverordnung zur Zertifizierung (ZMediatAusbV) Supervisionen in Form von Einzelsupervisionen verpflichtend vor, um sich »zertifiziert« nennen zu dürfen.

Am Begriff der »Einzelsupervision« zeigt sich jedoch, wie unglücklich das Mediationsgesetz und die zugehörige Verordnung (ZMediatAusbV) konzipiert sind. Auch die Standards der Mediationsverbände (QVM) übernehmen diese undeutliche Formulierung und differenzieren nicht klar genug zwischen Einzel- und Gruppensupervision.

Da den Standards jedoch eine zentrale Bedeutung im Rahmen der Qualitätssicherung zukommt, fordert der Karlsruher Mediator und Mediationsausbilder Dr. Jürgen von Oertzen eine eindeutige Formulierung und einheitliche Auslegung in der kommenden Herbstausgabe von »Spektrum der Mediation« (SdM 77).

Mehr dazu im folgenden Interview.

Jürgen Heim (JH): Keine hochwertige Mediationsausbildung ist ohne Supervision denkbar, und viele Mediatorinnen – auch die erfahrenen PraktikerInnen - beziehen aus Supervisionen wichtige Impulse. Mediationsgesetz (MediationsG), Ausbildungsverordnung (ZMediatAusbV) und auch die Standards des Bundesverbandes Mediation machen nur wenige Vorgaben zu Form und Inhalt der Supervisionen. Warum sind Sie gegen Gruppensupervisionen?

Dr. Jürgen von Oertzen (JvO): Ich bin inhaltlich ein Befürworter von Supervisionen im Gruppensetting. Für die meisten Zwecke sind sie einer Einzelsupervision vorzuziehen, glaube ich. Leider sah das aber der Gesetzgeber – oder genauer das Justizministerium – anders. Oder es war schlecht beraten und daher findet sich in der ZMediatAusbV die Pflicht zur Einzelsupervision. Auch der Bundesverband hat in seinen Standards den Begriff übernommen.

 

JH: Nun haben aber doch die im Qualitätsverbund Mediation (QVM) zusammengeschlossenen Mediationsverbände in ihrer letzten Veröffentlichung ausdrücklich festgestellt, dass Einzelsupervisionen auch anerkannt werden können, wenn sie »im Gruppensetting« stattfinden können?

JvO: Jede und jeder, auch der QVM, ist frei darin, seine Begriffe zu wählen und zu definieren. Allerdings ändert sich dadurch nicht die Bedeutung des Begriffs »Einzelsupervision«, wie er sich in der ministeriellen Verordnung findet.

Es ist sehr zu begrüßen, dass der QVM-Standard hier versucht, Klarheit zu schaffen. Einfacher wäre das allerdings gewesen, indem er den Begriff »Fallsupervision« verwendet hätte; dann wäre keine Umdefinition des Begriffs »Einzelsupervision« erforderlich gewesen. Dass das nicht geschehen ist, liegt vermutlich daran, dass der Standard unbedingt auch die Zertifizierungs-Bedingungen der ZMediatAusbV einhalten will. Offenbar halten also auch die AutorInnen der QVM-Standards die Einzelsupervision für etwas anderes als die Fallsupervision – und der Inhalt der ZMediatAusbV ändert sich nicht, indem man in einem privatrechtlichen Dokument eine Definition vornimmt.

Nach meinem Sprachempfinden sind Einzel- und Gruppensupervisionen offensichtlich verschieden, und bis vor kurzem – als nämlich mit der ZMediatAusbV eine Umstellung vieler Ausbildungen nötig wurde – war das auch in der Literatur ganz unbestritten.

 

JH: Die Literaturangaben dazu finden sich in Ihrem Artikel »Gruppensupervision nicht mehr zulässig« in der kommenden Ausgabe (SdM 77) des »Spektrum der der Mediation«. Aber ist es denn wirklich sinnvoll, bei den Begriffen so kleinlich zu sein?

JvO: Wenn wir uns und die Mediation ernst nehmen wollen, dann müssen wir auch unsere Standards und die für uns gültigen Gesetze ernst nehmen – auch da, wo es uns nicht passt.

Supervisionen sind zentraler Bestandteil unserer Ausbildung und unserer Qualitätssicherung. Auch das Mediationsgesetz (MediatG) und die zugehörige Ausbildungsverordnung (ZMediatAusbV) sehen Supervisionen verpflichtend vor, um sich »zertifiziert« nennen zu dürfen, und zwar Einzelsupervisionen.

Diesen Begriff korrekt zu verwenden ist wichtig gerade wegen der unsäglichen »Selbst-Zertifizierung« der ZMediatAusbV und der damit fehlenden Kontrolle durch eine zuständige Instanz, um z.B. Abmahnungen zu vermeiden, die wegen womöglich unerlaubter Nutzung des Titels »Zertifizierte Mediatorin« bzw. »Zertifizierter Mediator« denkbar werden.

Wahrscheinlich noch relevanter ist dies für Einrichtungen, die anbieten, eine Art freiwilliger Kontrolle und Bestätigung der Zertifizierungsvoraussetzungen. Dem Vorwurf der Dokumentenfälschung könnte sich aussetzen, wer als Supervisor*in „Einzelsupervision“ bestätigt, wenn eine „Gruppensupervision“ stattgefunden hat.

 

JH: Ist es denn so klar, was in der Zertifizierung mit »Einzelsupervisionen« gemeint ist?

JvO: Unstrittig ist in der Literatur, soweit ich sehe, dass aus dem Kontext der ZMediatAusbV zu entnehmen ist, dass es sich bei den dort geforderten fünf Einzelsupervisionen um Fallsupervisionen handeln muss (also nicht um allgemeine berufliche Reflektion). Bezüglich des Settings – Einzel- oder Gruppensupervision – sind sich die Veröffentlichungen überwiegend einig, dass Gruppensupervision in der Regel aus inhaltlichen Gründen vorzuziehen sei. Das klärt aber nicht die rechtliche Frage, ob Gruppensupervision zulässig ist.

Ich konnte nur eine einzige Quelle finden, die dies ausdrücklich so sieht, die mich aber nicht überzeugt hat bei ihrer Argumentation mit der Nicht-Vergleichbarkeit mit der Ausbildung für Psychotherapeuten (Fritz, Roland/Pielsticker, Dietrich: Verordnung über die Aus- und Fortbildung von zertifizierten Mediatoren – ZMediatAusbV – Kommentar mit Hinweisen für die Praxis. Köln 2018).

Ganz überwiegend lese ich in der Literatur, was mir auch sprachlich einleuchtet, dass Einzel- und Gruppensupervision zwei verschiedene Dinge sind (z.B. Klowait, Jürgen: Kommentierung der ZMediatAusbV. In: Klowait, Jürgen/Gläßer, Ulla (Hrsg.): Mediationsgesetz. Handkommentar. 2. Aufl., Baden-Baden 2018, S. 489-526). Es gibt auch keine Veranlassung, von einem sprachlichen Irrtum des Verordnungsgebers auszugehen, da Eicher als eine der im Ministerium Beteiligten klar (wenn auch inhaltlich nicht überzeugend) ausführt, dass Gruppensupervisionen verhindert werden sollten.[1] 

 

JH: Und wie sieht das in den Standards des Bundesverband aus?

JvO: Am Begriff der »Einzelsupervision« zeigt sich (erneut), wie unglücklich das Mediationsgesetz und die zugehörige Verordnung konzipiert sind. Leider übernehmen wir im Bundesverband Mediation e.V. (BM) in unseren Standards [2] die unklare Begrifflichkeit, und wie jede Unklarheit kann auch diese zu Ärger führen. Auf der vergangenen Fachkonferenz der AusbilderInnen kam es zu einem diffusen Aufeinanderstoßen unterschiedlicher inhaltlicher und juristischer Meinungen dazu, die mir gegenüber teils mit großer Vehemenz vorgetragen wurden, sich aber gegenseitig widersprachen.

Da die Standards aber m.E. eines der zentralen Elemente unserer Qualitätssicherung sind, sollten sie eindeutig formuliert und einheitlich ausgelegt werden. Unklarheiten gilt es zu  bereinigen, um

  • uns selbst ernst zu nehmen und damit auch von außen ernst genommen werden zu können,
  • Transparenz und Sicherheit für unsere Mediations-KlientInnen und Auszubildenden zu schaffen,
  • eine gleiche Ausgangslage zu schaffen für eine gute Kooperation und Konkurrenz der AusbilderInnen untereinander und
  • Ärger miteinander zu vermeiden.

Gewollte Gestaltungsspielräume sollten bewusst geschaffen werden, nicht durch unklare Begriffe oder gewagte Auslegungen.

 

JH: Und was sagen nun die Ausbildungs-Standards des BM?

JvO: Auch unsere Standards sind hier kaum misszuverstehen: In den Abschnitten 2.8, 3.7 und 3.8 ist ausdrücklich von »Fallsupervision« (im Gegensatz zu allgemeiner Supervision) die Rede.

In Abschnitt 3.4 heißt es hingegen ergänzend: »Die fünf Fälle müssen in Einzelsupervision reflektiert worden sein.« Mithin sind »Fallsupervision« und »Einzelsupervision« offensichtlich nicht gleichbedeutend gemeint.

Im Anhang der Standards bei den Unterlagen für die Lizenzierung wird sogar ausdrücklich alternativ zwischen »Einzelsupervision« und »Gruppensupervision« unterschieden. [3] Gruppensupervisionen sind daher aktuell weder nach AusbV noch nach unseren Standards zulässig und dürfen daher von der Anerkennungskommission – anders es wohl aktuelle Praxis ist [4] – nicht anerkannt werden.

 

JH: Dann sollte das vielleicht klargestellt werden?

JvO: Sind wir als MediationsausbilderInnen mehrheitlich der Meinung, dass Gruppensupervision der Einzelsupervision vielfach vorzuziehen sei, so sollten wir unsere Standards an dieser Stelle ausdrücklich ändern – auch und gerade, wenn wir uns damit gegenüber dem unglücklichen MediationsG und der ZMediatAusbV abheben.

Andernfalls sollten wir zumindest per Beschluss der Mitgliederversammlung klarstellen, dass wir da, wo wir Einzelsupervision sagen, auch Einzelsupervision meinen. Der kommenden Mitgliederversammlung liegen entsprechende Anträge vor.

Letztlich ist aber eine Novellierung der ZMediatAusbV anzustreben; ich hoffe, dass das Ministerium dann die Sicht der aktiven AusbilderInnen stärker mit einbezieht. Bezüglich der Supervision sollte darin, besser als das Format, eher die Qualifikation der SupervisorInnen geregelt und die Zertifizierung an die im Entstehen begriffenen QVM delegiert werden.

 

 

Interviewpartner:

 Dr. Jürgen von Oertzen

Dr. Jürgen von Oertzen

ist Wirtschafts- und Familienmediator im Mediationsbüro Einigungshilfe sowie Mediationsausbilder in Karlsruhe und bundesweit. Er wurde zuletzt in Beiträgen in spiegel.tv und GEO Wissen porträtiert.

E-Mail: mediationaktuell@einigungshilfe.de

 



[1] Eicher (2016): 161, 162.

[2] Standards und Ausbildungsrichtlinien des BM e.V. 2018, i.d.F. vom 17.09.2017, formatierte Version.

[3] Standards, Anhang 6.5.

[4] Mündliche Information aus der Anerkennungskommission, 2019.

 

 

 

 

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