Habermas und die Theorie des kommunikativen Handelns

Kommunikationstheorie
Habermas und die Theorie des kommunikativen Handelns

Sonderserie 2020: Basiswissen Kommunikation

von Jürgen Heim

Jürgen Habermas

Kommunikation findet immer zwischen Menschen statt, und diese Menschen sind vorgeprägt durch die Gesellschaft, in der sie leben. Für Prof. Dr. Jürgen Habermas, einen der weltweit meistdiskutierten Philosophen und Soziologen, ist die Gesellschaft deshalb bestimmend für die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren.

In seinem Hauptwerk, der »Theorie des kommunikativen Handelns« spannt er den Bogen von archaischen Gesellschaften mit fest vorgegebenen Weltbildern über die rationalisierten Gesellschaften der Neuzeit bis hin zur Gegenwart, in der Wirtschaft und Staat zunehmend an Bedeutung gewinnen und auf diese Weise auch die private Lebenswelt der Menschen beeinflussen.

Menschen, die in irgendeiner Form eine Gemeinschaft bilden, teilen auch bestimmte gemeinsame Überzeugungen. Diese bilden ihre Lebenswelt, die das Handeln der Menschen bestimmt. Die Lebenswelt stellt den Hintergrund dar, vor dem alle Kommunikation stattfindet.

»… normenregulierte Handlungen, expressive Selbstdarstellungen und evaluative Äußerungen ergänzen konstative Sprechhandlungen zu einer kommunikativen Praxis, die vor dem Hintergrund einer Lebenswelt auf die Erzielung, Erhaltung und Erneuerung von Konsens angelegt ist, ….« (Bd. I, S.37)

Archaische Gesellschaften

Archaische Gesellschaften besitzen ein festes Weltbild, das von Mythen und Glaubensvorstellungen geprägt ist. Ein solches Weltbild entsteht, wenn sich Menschen den Kräften der Natur, die sie täglich erfahren, hilflos ausgesetzt fühlen. Sie verstehen diese Vorgänge nicht, können sie nicht erklären und noch weniger beherrschen. Als Reaktion darauf sehen die Menschen in diesen Erscheinungen Götter und Geister, die in Mythen zu Wesen umgedeutet werden. Sie sind den Menschen zwar ähnlich, besitzen aber mehr Macht. Dadurch werden sie in gewissem Rahmen fassbar, kontrollierbar und verlieren ihren Schrecken.

Menschen in archaischen Gesellschaften trennen nicht zwischen subjektiven Vorstellungen und der objektiv wahrnehmbaren Welt; in ihrem Weltbild vermischt sich beides. In Gesellschaften, die von einem mythischen Weltbild bestimmt werden, gibt es üblicherweise feste Verhaltensnormen, die für alle Mitglieder gelten. Diese Normen regeln auch die zwischenmenschliche Kommunikation. Sie gewährleisten, dass die Verständigung funktioniert und ein Konsens erreicht werden kann.

»Nur vor dem Hintergrund einer objektiven Welt und gemessen an kritisierbaren Wahrheits- und Erfolgsansprüchen, können Meinungen als systematisch falsch, Handlungen als systematisch aussichtslos, können Gedanken als Fantasien, als bloße Einbildungen erscheinen (...)« (Bd. I, S. 83)

Weiterentwickelte Gesellschaften

Entwickelt sich eine Gesellschaft weiter, wird ihre Lebenswelt rationalisierter. Die Menschen sind zunehmend in der Lage, zwischen der objektiv wahrnehmbaren Welt und subjektiven Glaubensvorstellungen zu unterscheiden. Das gemeinsame, mythische Weltbild verliert an Bedeutung und so auch die damit verbundenen Normen und Verhaltensvorschriften. Statt sich an Vorgaben zu orientieren, treffen Menschen zunehmend eigene, rationale Entscheidungen.

In einer rationalisierten Lebenswelt hat der Einzelne die Möglichkeit, auch selbst rational zu handeln und sein ganzes Leben rational zu führen. Je unklarer aber das Weltbild einer Gesellschaft definiert ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Kommunikation zu Auseinandersetzungen kommt, ehe ein Konsens gefunden werden kann.

Rationales Sprechen und Handeln

Eine Handlung gilt dann als rational, wenn sie zweckgerichtet ist und Aussicht auf Erfolg hat. Am Beispiel einer rationalen Aussage bedeutet das: Sie kann begründet, kritisiert und überprüft werden. Diese Überprüfung findet in der Regel im Austausch mit anderen KommunikationsteilnehmerInnen statt, also in Form einer Argumentation. Dabei erhebt der Sprecher mit seiner Aussage einen Geltungsanspruch, der vom Kommunikationspartner auf seine Richtigkeit überprüft wird: Der Partner kann den Geltungsanspruch annehmen oder ablehnen. Das Ziel der Argumentation und der Kommunikation im Allgemeinen ist es, einen Konsens zwischen den Gesprächspartnern zu finden.

»Der Begriff der Verständigung verweist auf ein unter Beteiligten erzieltes rational motiviertes Einverständnis, das sich an kritisierbaren Geltungsansprüchen bemisst.« (Bd. I, S. 114)

Menschliches Handeln

Menschliches Handeln kann man in verschiedene Kategorien einteilen. Für jede dieser Kategorien sind ein bestimmter Sprachgebrauch und bestimmte Weltbezüge typisch:

  • Teleologisches oder strategisches Handeln ist zielgerichtet: Der Handelnde möchte einen Zweck erreichen. Sprache dient hier als Medium, mit dem der Sprecher versucht, andere in Bezug auf sein Ziel zu beeinflussen. Das strategische Handeln stützt sich auf Dinge in der objektiven Welt. Entsprechend gehören zu diesem Handeln Aussagen über die objektive Welt; sie werden als konstative Aussagen bezeichnet.
  • Normenreguliertes Handeln orientiert sich an den Werten, die in einer Gesellschaft vorgegeben sind. Hier ist die Sprache ein Mittel zur Überlieferung dieser Werte. Es bezieht sich nicht nur auf die objektive, sondern auch auf die soziale Welt, d. h. auf den zwischenmenschlichen Umgang und die Regeln, die dafür gelten. Aussagen in diesem Kontext sind normative Aussagen, z. B. Handlungsaufforderungen.
  • Dramaturgisches Handeln dient der Selbstdarstellung des Handelnden. Hier kommt eine weitere Dimension ins Spiel, nämlich die subjektive Welt eines Menschen, der sich vor anderen in Szene setzt und etwas von sich preisgibt. Auf der sprachlichen Ebene geschieht das in Form von expressiven Aussagen, d. h. Aussagen über eigene Gefühle, Wünsche oder Stimmungen.

»Tatsächlich ist aber die sprachliche Verständigung nur der Mechanismus der Handlungskoordinierung, der die Handlungspläne und die Zwecktätigkeiten der Beteiligten zur Interaktion zusammenfügt.« (Bd. I, S. 143)

Zusammenfassung für die Praxis:

  • In der Theorie des kommunikativen Handelns verbindet Jürgen Habermas seine Kommunikationstheorie mit Kritik an modernen kapitalistischen Gesellschaften.
  • Nach seiner Theorie gilt eine Aussage dann als rational, wenn sie überprüft und kritisiert werden kann. Diese Überprüfung findet in der Kommunikation, im Austausch mit anderen statt.
  • Mit jeder Aussage erhebt ein Sprecher Geltungsansprüche: Er setzt voraus, dass seine Aussage wahr ist, dass sie der Situation angemessen ist und dass sie aufrichtig gemeint ist.
  • Der Hörer muss jeweils entscheiden, ob er diese drei Geltungsansprüche akzeptieren möchte oder nicht. Wenn er nur einen von ihnen zurückweist, lehnt er damit zugleich die Aussage als Ganzes ab.
  • Der Sinn von kommunikativem Handeln ist Konsens, der durch Argumentation erreicht werden muss.
  • In modernen Gesellschaften mit kapitalistischem Wirtschaftssystem wird die direkte Kommunikation teilweise durch die Medien, Geld und Macht ersetzt. Sie bestimmen zunehmend auch die private Lebenswelt der Menschen und beeinflussen sie negativ.

 

 

Über den Autor

Jürgen Habermas

wird 1929 in Düsseldorf geboren.

Von 1949 bis 1954 studiert Habermas Philosophie, Geschichte, Psychologie, Literatur und Ökonomie in Göttingen, Zürich und Bonn. Nach der Promotion arbeitet er zunächst freiberuflich als Journalist und schreibt u. a. für die FAZ, bevor er 1956 an der Universität Frankfurt Assistent von Theodor W. Adorno wird. Als es jedoch mit Institutsleiter Max Horkheimer zu Differenzen kommt, habilitiert sich Habermas nicht in Frankfurt, sondern 1961 an der Universität Marburg mit der Schrift Strukturwandel der Öffentlichkeit. Zeitgleich tritt er eine Professur in Heidelberg an.

Ab 1965 lehrt er in Frankfurt – als Nachfolger von Horkheimer. 1968 erscheint sein einflussreiches Werk Erkenntnis und Interesse. Die Studentenbewegung findet zunächst Habermas’ Unterstützung. Mit der Zeit jedoch wandelt sich seine Einstellung, er kritisiert die Studentenführer als zu dogmatisch und realitätsfern.

1971 verlässt Habermas Frankfurt und wird Forschungsdirektor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, zusammen mit Carl Friedrich von Weizsäcker.

1981 wird Habermas’ Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns veröffentlicht. 1983 kehrt er an die Universität Frankfurt zurück und lehrt dort bis zu seiner Emeritierung 1994.

Die Sekundärliteratur Habermas umfasst mehr als 14.000 Bücher und Artikel, darunter viele Doktorarbeiten.