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In memoriam Prof. Dr. Peter Heintel

Personalien
In memoriam Prof. Dr. Peter Heintel

Einer der führenden österreichischen Konfliktforscher starb am 12. Juli 2018

Prof. Dr. Peter Heintel

Prof. Dr. Peter Heintel wurde am 13. November 1940 in Wien geboren. Er studierte Mathematik, Physik, Philosophie und Germanistik und absolvierte Ausbildungen in Gruppendynamik, Organisationsberatung sowie kaufmännischer Geschäftsleitung.

1963 promovierte er zum Doktor der Philosophie an der Universität Wien und habilitierte 1968 (Philosophie) und 1973 (Gruppendynamik). Von 1997 bis 1977 wurde er als Rektor der Hochschule für Bildungswissenschaften (später Universität für Bildungswissenschaften, heute Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) berufen und war viele Jahre als Professor für Philosophie und Gruppendynamik am Institut für Philosophie und Gruppendynamik tätig.

1979 gründete er mit KollegInnen das Interuniversitäre Forschungsinstitut für Fernstudien (IFF, später Interuniversitäres Institut für Forschung und Fortbildung) und nahm dort bis 2003 verschiedene leitende Funktionen ein. Peter Heintel wirkte von 2003-2005 als Vorsitzender des Senats der Universität Klagenfurt, emeritierte 2009 und wurde 2014 mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen des Landes Kärnten ausgezeichnet.

Der Philosoph Peter Heintel hat als Dialektiker stets auf das Betrachten einer oppositionellen Perspektive gepocht und sich dagegen ausgesprochen, dass die Einseitigkeit von Systemen und ihrer inneren Wertfiguren fälschlicherweise auf andere gesellschaftliche Subsysteme übertragen werden, wo sie inadäquat erscheinen (z. B. das Wachstumsparadigma der Wirtschaft oder das Fortschrittsparadigma der Technik). Besonders kritisch betrachtete er die Übertragung des naturwissenschaftlichen Denkmodells wie dessen daraus resultierende Publikationspraktiken auf andere Wissenschaften, insbesondere die Geistes- und Kulturwissenschaften. Demgegenüber trat er stets für eine umfassende Betrachtung komplexer Phänomene und Herausforderungen sowie für ein prozessethisches Ausbalancieren auftretender Widersprüche ein.

Für den Konfliktforscher waren Widersprüche Kennzeichen aller Systeme und Konflikte notwendige und wichtige Lernorte (für Individuen, Gruppen und Organisationen), zugleich warnte er davor, in intuitiven Mustern der Konfliktlösung zu verharren (Verleugnung, Verweigerung etc.).

Stets machte er darauf aufmerksam, dass für die Bearbeitung von Konflikten und Widersprüchen, aber auch für Lernen, Denken, Reflektieren und Entscheiden, hinreichend Zeit und Ruhe von Nöten seien, weshalb er sich als Zeitforscher auch in der Gründung des »Vereins zur Verzögerung der Zeit« engagierte und unaufhörlich gegen Beschleunigung am falschen Ort und widersinnige Zeitrhythmik einsetzte – letzteres zum Beispiel insbesondere in Bezug auf den Stundentakt in Schulen und Hochschulen, den er einem tiefergehenden Lernen für unzuträglich hielt oder die wenig am individuellen Biorhythmus von PatientInnen orientierten Krankenhausroutinen. Mehrfach hat er sich, selbst durch eine chronische Krankheit geprägt, mit dem Gesundheitswesen und dem Krankenhaussystem befasst und schon früh in einem Aufsatz gefragt: »Warum gibt es nur eine Gesundheit und so viele Krankheiten?« (in gekürzter Fassung 2008 publiziert).

Sein wissenschaftliches Werk umfasst zahlreiche Monografien, mehr als 500 Aufsätze sowie die Herausgabe verschiedener Sammelbände. Ein besonderes Anliegen bestand für ihn darin, sich einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen. Dem Grundgedanken folgend, dass Forschung der Gesellschaft dienen müsse, hat er gemeinsam mit KollegInnen die Interventionsforschung entwickelt, eine Methode, die besonderen Wert darauf legt, die Forschungsergebnisse mit den Betroffenen vor Ort zu diskutieren und die Beratung möglicher konkreter Konsequenzen daraus für die außeruniversitäre Praxis zu ermöglichen. Dem zugrunde lag nicht zuletzt sein philosophisches Anliegen der »kollektiven Aufklärung«.

Peter Heintel war ein leidenschaftlicher Universitätslehrer – im regulären Studium, in Universitätslehrgängen, in der internen Weiterbildung und als Trainer und Seminarleiter in außeruniversitären Organisationen. Dabei folgte er dem Credo: »Alle Menschen sind Philosophen, wenn man sie nur lässt« und versuchte alle zu kritischem Denken und Reflektieren zu ermuntern. Er hat eine Vielzahl von Diplom- und Masterarbeiten wie Dissertationen aus seinen Fachbereichen betreut. Als Vorgesetzter hat er viele KollegInnen in ihrer Karriere unterstützt und begleitet.

Prof. Dr. Konrad Krainer
Dekan der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung