Intelligente Vernetzung – Basis der zukunftsfähigen Gesellschaft

Zukunftsthemen
Intelligente Vernetzung – Basis der zukunftsfähigen Gesellschaft

Wie Systemische Mediation kluge Kooperationen fördert und Konflikten vorbeugt

Dr. Raimund Schwendner

Dr. Raimund Schwendner

Wenn Mediation ins Spiel kommt, ist es oft schon zu spät. Konflikte sind auf- und ausgebrochen, prägen das Geschehen. Leistung und Motivation lassen erschreckend nach und je größer eine Organisation, umso schneller verästeln sich Spannungen. Selbst das Reframing, das fast alle Betriebe kennen, nämlich, dass Konflikte ja gut seien und die Veränderung fördern, will in diesem Stadium kaum jemand hören. Vielmehr heißt das Zauberwort »Kluge Kooperation«, um Konflikten wirksam vorzubeugen und die Effizienz in einer Firma, Kommune oder Region erst gar nicht einbrechen zu lassen.

 

Ein Fall aus der Praxis:

Max M. ist Geschäftsführer eines Zulieferbetriebs für die Autoindustrie. Derzeit, sagt er, komme er sich vor wie in der Lausbubengeschichte von Max und Moritz, von der Wilhelm Busch erzählt. Allerdings eher auf Seiten der Hühner, von denen jedes ein Stück Brot verschluckt hat. Nun hängen sie an verknoteten Schnüren unentrinnbar aneinander und zerren zugleich gegeneinander in verschiedene Richtungen. Das Gezerre kostet sie viel Kraft, zugleich kommen sie nicht von der Stelle.

Dies, so M., falle ihm ein, weil er künftig mit einer konkurrierenden Firma kooperieren soll, mit der er bislang wenig gemein hatte – und darüber hinaus mit der Kommune, die ihm das Ganze »eingebrockt« habe. Denn die will mit ihm und dem anderen Betrieb firmenübergreifende Projekte initiieren. Dazu gehören eine konzertierte Energieversorgung wie etwa die Gewinnung von betrieblicher Abwärme als Fernwärme für die Bürger, die Einrichtung gemeinsam zu nutzender Kindertagesstätten oder wechselseitig verschlankte, wie auch verbesserte Verwaltungsabläufe.

Klingt gut, sagt M., nur in der Praxis fühlen sich die Beteiligten überfordert. Denn wie der Spagat zwischen Konkurrenz und Kooperation zu bewerkstelligen sei, wäre unklar. Zugleich steige der Vernetzungsdruck seitens der Kommune und zieht die Frage nach dem Sinn einer Mediation nach sich.

Menschenrechtliche Sorgfaltspflicht: Als wäre das nicht genug, treten Institutionen wie die Industrie- und Handelskammer (IHK) auf den Plan, indem sie in sein mittelständisch geprägtes Umfeld internationale Forderungen hineintragen.

Aktuell gehört der vor kurzem verabschiedete Nationale Aktionsplan »Wirtschaft und Menschenrechte« dazu. Darin formuliert die Bundesregierung ihre Erwartungshaltung an Unternehmen, Prozesse zur Achtung der Menschenrechte fortlaufend umzusetzen.

Max M. begrüßt diese Forderung, gleichwohl ist er nun gehalten zu zeigen, wie seine Firma die Leitprinzipien der UN in die tägliche Unternehmenspraxis implementiert. Es geht dabei um die sogenannte menschenrechtliche Sorgfaltsplicht. Das ist für ihn eine neue Ebene der Kooperation mit der IHK, die sich für diesen Aktionsplan stark macht, und bei der seine Firma Mitglied ist.

Als verantwortlicher Geschäftsführer ist M. nun nicht nur für die Einhaltung von Menschenrechten in seinem engeren betrieblichen Kontext mitverantwortlich, sondern für deren Umsetzung entlang der relevanten Lieferketten rund um den Globus. Und das – wegen der kommunalen Vernetzung zuhause – nicht mehr bloß für seinen Betrieb, sondern aufgrund der bürgerorientierten Projekte auch noch in Kooperation und Koordination mit seinem Konkurrenten. Auf diese Weise werden er und seine Firma Mitspieler und Mitgestalter der zivilgesellschaftlichen Entwicklung, eingewoben in ein Netzwerk, das in Gestalt der UN, der Bundesregierung und der IHK auf diese Entwicklung großen Wert legt.

Diess zieht einen neuen Bedarf an Führungs- und Teamkompetenzen nach sich, denn im Unternehmensalltag geht es nunmehr um die Vernetzung unterschiedlicher Netzwerke über verschiedene Ebenen hinweg: seien es die Lieferketten, die Zusammenarbeit mit der Kommune oder die konstruktive Kommunikation mit der Konkurrenz über all diese neuen Themen.

Dieses Konglomerat aus unterschiedlichen Aufgaben, Interessen und Ansprüchen berührt die Frage, was künftig als Erfolg und Leistung anzusehen sei (Abbildung).

 

 Beitrag Dr. Schwendner

 

Das ist nicht mehr so eindeutig zu beantworten wie noch vor einigen Jahren, als ein Blick in die eigene Bilanz genügte. Absehbar ist jedoch, dass der Veränderungsdruck in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird.

Vor allem das Verständnis dessen, was Effizienz sei, definiert sich vor diesem Hintergrund neu: Es sind weniger die technologischen und wirtschaftlichen Abläufe innerhalb einer Firma – so wichtig diese auch sind – die darüber entscheiden, was als Erfolg zu betrachten ist. Vielmehr ist immer stärker die Gesamteffizienz in einem kommunalen und regionalen Kontext zu beachten, die aus einer gelingenden Kooperation, Koordination und Kommunikation heraus entsteht.

Warum Systemische Mediation?

Das Spannende: Dort wo man sich sonst als Konkurrenz begegnet, ist es mit Blick auf den anstehenden Wandel dennoch nötig, sich in gemeinsamen Projekten gut abzustimmen. Das erfordert, zumindest partiell zu kooperieren und sich zu arrangieren. Dies birgt jedoch immense Risiken, wenn das Konkurrenz- Denken aus dem geschäftlichen Kontext in gemeinsam gelagerte Projekte wie kommunale Energie und Kinderfürsorge »hineinschwappt«. Mehr noch wird das zum belastenden Thema, wenn die Vorstellungen, was für die Zukunft wichtig sei, auseinanderklaffen.

Dann, so die Beobachtung von M., resultieren daraus weitere Problemfelder und erzeugen noch mehr Stress für alle Beteiligten. Um diesen Risiken frühzeitig zu begegnen, kann die systemische Mediation sehr wertvoll sein.

Ein erstes Ziel besteht darin, aus der Perspektive eines erweiterten Betrachtungsraums die Gesamt-Effizienz zu erhöhen. In der Sprache des Systemischen Coachings wäre von einer Lösungsebene höherer Ordnung die Rede. Denn wenn der skizzierte Vernetzungsdruck – das ist das Risiko – dazu führt, dass Reibungsverluste größer statt geringer werden und weniger Effizienz in den Abläufen zu mehr Stress und Arbeitsbelastung für die Teams und Mitarbeiter führt, mag das die Stagnation der innovativen Projekte und ihrer Umsetzung nach sich ziehen. Ein Mehr an Effizienz aus systemischer Perspektive zielt auf die umgekehrte Dynamik ab: sie entlastet Teams und Mitarbeiter und erhöht die organisationale Resilienz. Das lässt auch komplexe Formen der Vernetzung gelingen.

Coaching – Wie anspruchsvolle Vernetzung gelingt

Um das zu erreichen, besteht ein erster Schritt darin, sich aus Einzelperspektiven und den dahinterliegenden Themen und Interessen zu lösen. Vielmehr lernen die Beteiligten, aus einer gemeinsam zu gestaltenden übergeordneten Perspektive die Wechselwirkungen ihrer Projekte und Prozesse zu betrachten und neu zu formen. Ein agiles Vorgehen ist dabei hilfreich, denn es erlaubt soziale Hindernisse wie Konkurrenzdenken, ablehnende Annahmen oder gegenseitige Schuldzuschreibungen – falls etwas schiefgeht – in diesen Prozess mit zu reflektieren.

Das wiederum eröffnet die Chance, Kompetenz-Netzwerke zu bilden. Denn wenn aus einer übergeordneten Sicht und in wertschätzender Weise über Diskrepanzen gesprochen werden kann, entsteht wechselseitige Wertschätzung als Haltung.

Das wiederum befähigt die Beteiligten, Belastendes künftig leichter und schneller zu überwinden als bisher. Dieses Vorgehen lehnt sich an das aus der Mediation bekannte Phasenmodell an, das ausgehend von einem Auftrag die zugehörigen Themen, dahinterliegenden Interessen und annehmbaren Lösungsoptionen herausarbeitet. Entscheidend ist, mit diesem Vorgehen nicht zu warten, bis besagte Risiken und mögliche Konfliktherde aufbrechen, um dann erst mit der Mediation einzusetzen.

Mediative Ansätze können vielmehr eine vorbeugende Wirkung entfalten, wenn sie Prozedere aus dem Systemischen Coaching mit einbeziehen, vor allem durch die Optimierung der gegenseitigen Unterstützung.

An dieser Stelle sei kurz der Unterschied zwischen Coaching und Mediation angesprochen: letztere widmet sich dem Konfliktgeschehen, sei es um Konflikte zu lösen oder ihnen vorzubeugen. Coaching hat das Gelingen des gesamten Prozesses der Vernetzung im Auge.

Dazu leistet Mediation einen wichtigen Beitrag, ist aber als Teil des Coaching-Prozesses zu betrachten. Das ist ähnlich wie in einer Beziehung zu sehen. Es ist wichtig, Spannungen lösen zu lernen, aber das macht eine partnerschaftliche Begegnung in ihrer Gesamtheit (hoffentlich) nicht aus.

Lösungsräume weiten

Aktuelle wie künftige Lösungsräume können mit Hilfe eines Würfels versinnbildlicht werden: eine Seite markiert die Einfalt oder Vielfalt von Themen und Inhalten, die momentan beachtet werden – und die künftig zu beachten sind.

Die zweite Seite verweist darauf, ob Wirkungen eher aus einer kurz- oder langfristigen Perspektive gesehen werden (sollten). Als Beispiel mag dienen, ob bei der Nutzung natürlicher Ressourcen ökonomische Quartalszahlen im Mittelpunkt stehen oder ökologische Regenerationszyklen.

Dem liegt keine Wertung zugrunde, sondern ist zunächst beschreibender Natur. Aber es erlaubt die Einschätzung von Wechsel-, Neben- und Langzeitwirkungen je nach Standpunkt. Die dritte Seite bringt eben diese Reflexionstiefe zum Ausdruck – und ob solche Wirkungen nur andiskutiert oder ernst genommen werden.

Fazit: Von der Klugheit, nicht aus Schaden klug werden zu müssen …

Im Kontext von unternehmerischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ist oft von Kooperationsfähigkeit die Rede. Die ist wichtig, für sich genommen jedoch zu wenig. Der Kognitionspsychologie Fritz Weinert, ehemals Vize-Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, hat im Rahmen der Technikfolgen- Forschung schon vor Jahrzehnten auf die Notwendigkeit hingewiesen, die in der Klugheit liegt, nicht erst aus Schaden klug werden zu müssen. Diesen Aspekt mitzudenken zeichnet den besonderen Wert von Kooperationen aus.

Darin ist der wesentliche Auftrag einer systemisch gelagerten Mediation zu sehen, die über unterschiedliche Kontexte hinweg denjenigen Schäden vorbeugt, die entstehen würden, wenn Konflikte das Geschehen bestimmen.

Das Pendant dazu bildet das Systemische Coaching, indem es das Gelingen komplexer Vernetzungsprozesse unterstützt. An der Schnittstelle zur Mediation hat es zum Ziel, mithilfe der gemeinsamen Konstruktion kluger Lösungen mögliche Konflikte und Spannungen gleichsam im Vorfeld auf- und abzufangen.

Die Bedeutung der Klugheit geht dabei auf Aristoteles zurück, der darunter die Fähigkeit zu angemessenem Handeln im konkreten Einzelfall verstand, indem möglichst alle für eine Situation relevanten Einflussfaktoren, Handlungsziele und verfügbaren Einsichten der Handelnden einbezogen werden.

Diese Überlegungen erfahren eine besondere Bedeutung im Kontext der digitalen Transformation, die im Sinne Weinerts den Diskurs über Technikfolgen in einem kaum gekannten Ausmaß beleben wird. Denn im Spannungsfeld von technologischen, ökonomischen und sozialen Innovationen spielen Kooperationen eine besondere Rolle.

Literatur

Busch, Wilhelm: Max und Moritz. Eine Bubengeschichte in 7 Streichen. Köln, 2007.

Purtik, Henrike / Jörg, Verena: IHK Merkblatt. Nationaler Aktionsplan »Wirtschaft und Menschenrechte«, https://www.ihk-muenchen. de/ihk/documents/CSR-Ehrbarer-Kaufmann/ 20170411_Merkblatt-NAP_final. pdf.

Auswärtiges Amt: Nationaler Aktionsplan »Wirtschaft und Menschenrechte«, http://www.auswaertiges-amt. de/sid_830B488335547354796D9AF482B88E 37/DE/Aussenpolitik/Aussenwirtschaft/Wirtschaft-und-Menschenrechte/ Aktuelles/161221_NAP_Kabinett_node. html .

Schwendner, Raimund: High Value Management. Spitzengewinne durch innovatives Lernen, Coachen, Führen. Heidelberg, New York, 2012.


Autor

Dr. Raimund Schwendner

Kommunikationswissenschaftler und Dipl.-Psychologe, Executive-Coach, Lehrender Supervisor (SG), Referent für Virtuelle Systemische Lehre und Corporate Digital Responsibility. Future Capacity Building für internationale Projekte der Weltbank, UN und GIZ.

Schwerpunkte:

Capacity Building der Zukunft, Rapid Sustainable Turnaround, Systemic Digitization 

https://www.istob-aka.de/





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Details
28,80 €incl. MwSt.
Gebunden, 336 Seiten, Ende Mai 2020 erschienen