Das (Inter-)Kulturelle - eine herausfordernde Sehweise und Übungssache

Aus der Praxis
Das (Inter-)Kulturelle - eine herausfordernde Sehweise und Übungssache

Interview über »Interkulturelle Mediation« mit Dr. Katharina Kriegel-Schmidt

Dr. Katharina Kriegel-Schmidt

Durch Globalisierung und Migration agieren Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen - nicht nur im Arbeitsumfeld, sondern auch in vielen alltäglichen Situationen. Ihre unterschiedlichen Sichtweisen, Kommunikations- und Handlungsgewohnheiten können zu Streitigkeiten auf einer interkulturellen Ebene führen. Oft sind kulturelle Differenzen nicht die eigentlichen Ursachen von Konflikten, sondern werden vielmehr dazu instrumentalisiert, um den Konflikt auszutragen.

Die Mediation ist hier als Verfahren einsetzbar, um Spannungen zu lösen, Missverständnisse zu klären, einen Perspektivenwechsel zu erzeugen und ein gegenseitiges Verständnis der Beteiligten zu fördern. Darüber hinaus kann sie die unter dem Deckmantel der Kultur geführte Argumentation aufdecken und die tatsächlichen Ursachen eines Konfliktes benennen.

Die Anforderungen an MediatorInnen in diesem komplexen Bereich sind anspruchsvoll und herausfordernd.

Wir haben dazu Dr. Katharina Kriegel-Schmidt befragt, die als Expertin auf diesem Gebiet seit vielen Jahren ausbildet, Forschungsprojekte leitet und als Dozentin ihre Erfahrungen vermittelt.

 

Frau Dr. Kriegel-Schmidt, welche besonderen Fähigkeiten brauchen MediatorInnen, um in interkulturellen Konfliktsituationen bei der Lösung helfen zu können?         

Dr. Kriegel-Schmidt: MediatorInnen müssen meines Erachtens ganz grundsätzlich

1) ihr Wissen zu »Kultur« nicht als Realität, sondern als »Denkmodell«, als »Perspektive« verstehen lernen, Wirklichkeit zu deuten und sich zu erklären. D.h. Situationen oder Konflikte als »interkulturelle« zu beschreiben sollte als EINE unter anderen Möglichkeiten verstanden werden. Konflikte per se sind sehr komplex und stets multidimensional, wie die Menschen, die in ihnen gefangen sind. Mediatoren also müssen wissen, dass »Kultur« für sie eine Sehweise ist, und das Wissen dieser Sehweise helfen könnte, Dialoge in Gang zu bringen.

Mit dieser Sehweise also sollten sie

2) ihr Handlungskonzept als ein kulturelles verstehen lernen und kritisch überprüfen, ob ihr Angebot und wie gut von Betroffenen aufgenommen wird.

3) Mediatoren müssen trainieren, Konfliktkonstellationen in der Mediation auch mit der Perspektive »Kultur« sehen zu lernen. Für dieses Training habe ich beispielsweise gemeinsam mit anderen MediatorInnen und ForscherInnen auf der Grundlage einer Finanzierung durch den Europäischen Sozialfonds das »Perspektiven-reflexive Modell Interkultureller Mediation« entwickelt. Dieses bietet MediatorInnen vier ganz unterschiedliche Sehweisen an, um Kommunikation und Konfliktgeschehen interkulturell deuten zu lernen. U.a. kulturelles Körperwissen, aber auch Kultur als Macht(instrument) können mit Hilfe dieses Analysetools in den Mediationsprozess eingebracht werden. Mit Hilfe des Modells können MediatorInnen Hypothesen und Handlungsoptionen (bspw. bestimmte Fragestellungen) entwickeln, wenn es zu Irritationen kommt.

4) MediatorInnen müssen wissen, dass sie keine neutralen Beobachter in diesen Konstellationen sind, sondern Bestandteile und Akteure in der interkulturellen Konstellation. Auch sie sehen, interpretieren und bewerten nach bestimmten impliziten (also kulturellen) Wissensordnungen. Und auch sie werden Gegenstand von Zuschreibungen und Stereotypen oder entwickeln diese.

5) Die Rolle der Sprache muss reflektiert und der Umgang mit mehrsprachigen Konstellationen trainiert werden.

 

Inwieweit sind die grundsätzlichen Methoden, die bei der Mediation angewendet werden, kulturell bedingt? Oder müssen sie ggf. angepasst werden? Wie universell ist das Konzept »Mediation« überhaupt?

Dr. Kriegel-Schmidt: Die Mediation ist kein neutrales, universelles Handlungskonzept. Sie entwickelt sich wie jedes andere soziale Phänomen in bestimmten zeitlich-räumlichen Kontexten, wird von diesen geprägt und fügt sich in diese sinnvoll ein.

Wenn wir Mediation als kulturelles Handlungskonzept verstehen, haben wir die Möglichkeit zu untersuchen,

1) welche Spielarten von Mediation es weltweit gibt, worin sich diese voneinander unterscheiden und in welchen Punkten sie sich ähneln.

2) Wir können mit diesem Verständnis auch der Frage nachgehen, inwiefern Mediation in der Form, in der sie sich in Deutschland seit Ende der 80er Jahre entwickelt hat, für bestimmte Gruppen/Kollektive attraktiver scheint als für andere. Kommt sie innerhalb von Deutschland für bestimmte Gruppen (Alter, Generation, Bildungshintergrund, ...) eher in Frage kommen, um Konflikte zu lösen als für andere?

Die Frage nach der Notwendigkeit einer Anpassung von Mediation sollte unbedingt gesondert betrachtet werden von der Feststellung, dass Mediation ein kulturell geprägtes Handlungskonzept ist. Mediation selbst oder die Techniken müssen in sogenannten »interkulturellen« Kontexten m.E. nicht zwangsläufig »angepasst« oder »verändert« werden.

Faktoren wie die Individualität des Mediators, der Medianden, Kontextbedingungen und Wirksamkeit von Mediation kommen hier ins Spiel: Zum einen müssen die Mediatorinnen selbst ihre Sache gut können - sie trainieren nun mal Mediation in Ausbildungen nach einem bestimmten Muster. Zum anderen lassen sich »kulturelle Spielarten« nicht einfach imitieren. Vielmehr sollte ein Austausch darüber in Gang gesetzt werden. So kann sich ein syrisches Paar, das nach der Ankunft in Berlin beschließt, sich zu trennen und Unterstützungsbedarf für die Frage hat, wie es nun weitergeht -vor allem mit der Betreuung der Kinder - sehr wohl von einer Berliner Mediatorin unterstützt fühlen. Auch wenn Beiden der von ihr praktizierte Modus, die Konflikte zu bearbeiten, in einigen Punkten fremd erscheinen mag. Es ist ein Hilfsangebot, dass sie freiwillig annehmen. Und es ist zugleich Bestandteil der Gesellschaft, in der sie gerade neu ankommen und in der sie leben möchten.

Ich denke, dass das Wissen um die kulturelle Bedingtheit von Mediation vor allem deshalb wichtig ist, um in unserer Gesellschaft auf längere Sicht Wissen zu verschiedenen Möglichkeiten zu gewinnen, Konflikte zu bearbeiten. Damit können wir unterschiedlichen Herausforderungen in der Zukunft mit verschiedenen Handlungsoptionen begegnen.

In diesem Sinn ist Mediation

1) ein Angebot unter vielen, die nicht in jeder Konstellation sinnvoll ist und

2) sie kann sich weiterentwickeln.

Eine anregende Spielart scheint mir in diesem Kontext die Co-Mediation zu sein, also die Zusammenarbeit von MediatorInnen bspw. aus Syrien und Deutschland. Aber auch hier ist es nicht damit getan, dass man sich einfach zusammentut: sondern auf Seiten der MediatorInnen muss ein integriertes Mediationsformat erprobt und ausprobiert werden. Interessant sind hier die Aktivitäten von MiKK und die neue Kooperation mit Mediatoren in Japan.

 

Sie haben oben das Thema Sprache angesprochen. Welche Rolle spielen sprachliche Barrieren bei der interkulturellen Mediation? Wie geht man in der Praxis damit um - gerade wenn sehr viele verschiedene Kulturen und Sprachen aufeinanderstoßen?    

Dr. Kriegel-Schmidt: Das Thema Sprache ist eine große Herausforderung. Um Konflikte zu bearbeiten, muss eine sprachliche Verständigung möglich sein. Natürlich hat dort, wo Menschen in Konflikt geraten sind, auch bereits eine Form der Kommunikation stattgefunden. Es existiert also eine Variante miteinander zu kommunizieren. Das sollte der Ausgangspunkt jeder Mediation sein: Wie verständigt sich das »Konfliktsystem«?

In der Mediation selbst gibt es dann verschiedene Möglichkeiten, um mit Mehrsprachigkeit umzugehen - oft auch abhängig von vorhandenen Ressourcen: Die angesprochene Form binationaler Co-Mediation, in der MediatorInnen zwei Sprachen sprechen und Mediation in zwei Sprachen durchführen können. Man kann Dolmetscher hinzuziehen, ein konsekutives oder simultanes Dolmetschen durchführen oder sich auf eine sogenannte »Linga Franca«, also eine Drittsprache bspw. Englisch einigen. Wichtig bleibt: Jedes Format hat Auswirkungen auf den Mediationsprozess, auf Vorteile und Risiken. Die Rollen müssen klar besprochen, Vor- und Nachteile abgewogen und das Potential für Missverständnisse thematisiert werden. Da Mediation ein Verfahren ist, das mit Sprache arbeitet und auf kommunikativ hergestellte Wirkungen zielt, hat die sprachliche Verständigung eine ganz besondere Bedeutung. Oftmals dauern Mediationen in mehrsprachigen Konstellationen einfach länger.

 

In Deutschland hat der Bedarf an interkultureller Kompetenz zugenommen. Merken Sie das auch im Bereich der Mediationsausbildung?

Dr. Kriegel-Schmidt: Ich finde, wir sollten bei der Diagnose neuer Bedarfslagen vorsichtig sein: Oft gehen diese einher mit dem Schaffen neuer Angebote, gezielter Werbung und auch Trendentwicklungen. Davon abgesehen halte ich persönlich das Trainieren kultureller Sehweisen für äußerst wichtig, wenn auch nicht die einzige oder wichtigste Herausforderung, um in komplexen, kulturell heterogenen und demokratischen Gesellschaften dialogfähig zu bleiben bzw. zu werden. In unserer Interkulturellen Mediationsausbildung in Berlin ist ein großer Bedarf seitens der Teilnehmenden vorhanden, die Perspektive Kultur für die Mediation zu reflektieren und diese zu nutzen.

Dabei sind die beruflichen Kontexte sehr unterschiedlich: ein Projektleiter, der in Indonesien arbeitet und dort gemeinsam mit lokalen Mitarbeitern Formen des friedlichen Dialogs entwickelt, MitarbeiterInnen und Leiterinnen von Beratungsstellen und in der Flüchtlingsarbeit in Deutschland, Teilnehmer aus dem Ausland, die in ihrer Rolle als Reiseleiter und Dolmetscher weltweit Konflikten begegnen und hier eine Lösungsfindung unterstützen wollen; Ehrenamtliche, die sich in Integrationsfragen und Dialogprozessen engagieren; interkulturelle Trainer, die Mediation erlernen und in ihrer Arbeit weiter vermitteln wollen; eine Oberstaatanwältin, die in der Türkei Journalisten bei der Demokratisierung unterstützt; Masterabsolventen, die gerade ihren Berufseinstieg absolvieren; ein Japanologe, der gemeinsam mit MiKK einen deutsch-japanischen Austausch zu Mediation vorantreibt uvm: Alle eint das Interesse an konstruktiver Konfliktbearbeitung und interkulturellem Dialog.

Auch außerhalb unserer eigenen Ausbildung habe ich den Eindruck, dass das Interesse an interkulturellen Fragestellungen wächst: So bin ich oft auf Mediationstagungen eingeladen, um über das Thema Interkulturelle Mediation zu sprechen. Den Umgang mit diesem Thema erlebe ich aber oft als sehr unbefriedigend. Denn Interkulturelle Mediation bekommt meist nur den Raum von einem Vortrag oder einem Zusatzworkshop zugewiesen. In Vorreden wird es oftmals als ein »Aufeinanderprallen von Kulturen« missverstanden oder auf (vermeintliche) kulturelle Unterschiede reduziert. Das reicht nicht aus, um der Komplexität, Vielfalt und Bedeutung des Themas gerecht zu werden. Es wäre toll, wenn diese Kultur als Sehweise und die bewusste Arbeit mit Perspektivität in pluralen Gesellschaften immer stärker als Normalmodus entwickelt und dies nicht nur reflektiert, sondern auch gelebt würde.

Frau Dr. Kriegel-Schmidt, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

 

 

Dr. Katharina Kriegel-Schmidt

Vertretungsprofessorin an der BTU Cottbus am Lehrstuhl Interkulturalität BTU Cottbus-Senftenberg

Herausgeberin Mediation als Wissenschaftszweig (Springer 2017)

Ausbilderin bei Interculture.de e.V.

Leitungsgremium Forschungsgruppe Mediation (ForMed)
ESF-Projekt & Ausbildung Interkulturelle Mediation

http://www.kriegel-schmidt.com/


 

 

 

 

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Broschiert, 346 Seiten, im September 2013 erschienen