Das »Interkulturelle« – Ein Auslaufmodell?

Interkulturelle Mediation
Das »Interkulturelle« – Ein Auslaufmodell?

Jürgen G. Heim im Gespräch mit Bernd Fechler (inmedio)

Bernd Fechler - inmedio

In der aktuellen Flüchtlingskrise wird – insbesondere mit Blick auf Fragen einer nachhaltigen Integration – regelmäßig auf die Bedeutung »interkulturell kompetenter Formen der Konfliktvermittlung« verwiesen. Wir haben uns darüber mit Bernd Fechler unterhalten, Mediator und Organisationsberater bei inmedio Frankfurt, der sich mit Konflikten in der Einwanderungsgesellschaft intensiv beschäftigt.

Mediation aktuell (MA): Herr Fechler, in einem früheren Gespräch überraschten Sie mich mit der Aussage, dass Ihnen der »Kultur-Begriff« bzw. der Diskurs über »interkulturelle Konflikte« nicht besonders zusagt. Dabei schreiben Sie über «interkulturelle Themen« und bieten Mediationsausbildungen mit dem Fokus auf »interkulturelle Kontexte« bzw. »Diversity-Konflikte« an. Insoweit erscheint mir Ihre Skepsis gegenüber dem Kulturbegriff nun doch ein wenig erklärungsbedürftig.

Bernd Fechler (BF): Das stimmt. Obwohl ich das K-Wort wirklich nicht besonders mag, verwende ich es trotzdem. Nicht zuletzt aus strategischen Gründen: Ich muss an Bekanntes und Etabliertes anknüpfen, sonst lande ich als Anbieter auf einem Dienstleistungsmarkt schnell im Abseits. Wir können den Kultur-Begriff für unsere Thematik – den Umgang mit Konflikten im Kontext der aktuellen Flüchtlingskrise – nicht ignorieren. Die Leute benutzen ihn ständig. Als Mediatoren arbeiten wir mit dem, was die Menschen mitbringen.

MA: Also kokettieren Sie nur mit Ihrer Kultur-Kritik?
BF: Im Reden und Handeln verstrickt man sich schnell in Widersprüchen. Ich komme aus einem Reflexionszusammenhang der Erziehungswissenschaft, Migrationssoziologie und politischen Bildung, in der dieser Begriff schon seit langem in der Kritik steht. Da gibt es seit den 80er Jahren einen regelrechten Schulenstreit und eine sehr eifrige Theorieproduktion. Von dieser Diskussion habe ich enorm profitiert und das hat auch meinen Blick als Mediator geprägt.

MA: Können Sie uns mit einem kleinen Crashkurs einen Überblick über diesen Schulenstreit geben?
BF: Das kann ich hier nur knapp umreißen: In den 80ern und 90ern gab es vor allem den Streit zwischen empirischen Kulturwissenschaftlern und Vertretern einer kritischen Gesellschaftstheorie. Für die Kulturwissenschaften war »Kultur« tatsächlich das Schlüsselwort: Nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs und des Holocaust, auch eingedenk von Kolonialismus und Rassismus, schien mit »Kultur« ein Terminus gefunden, der anders als der vorher übliche »Rasse«-Begriff auf neutraler, nicht-hierarchischer Basis Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft beschreibbar und erklärbar machte.
In der Erziehungswissenschaft half der Kulturbegriff bei der Überwindung der sogenannten »Ausländerpädagogik« der 70er Jahre zum partnerschaftlicheren »interkulturellen Lernen«. Das war zunächst ein wichtiger Fortschritt: Der Defizitblick auf »Gastarbeiterkinder« mit ihrem vielfältigen Förderungsbedarf wich einem Konzept von Begegnung und wechselseitigem Lernen zwischen Verschiedenem auf Augenhöhe. Dass diese Augenhöhe als Ideal nicht der Realität entsprach, wurde oft geflissentlich übersehen.
Parallel dazu ist »Kultur« bis heute das Zauberwort für die Interkulturelle Trainer- und Beraterszene. Die »Interkulturalisten«, lange Zeit die Vertreter einer dominanten Schule, die auch auf der Tool-Ebene die griffigeren Versatzstücke lieferten, vertreten ein schlüssiges Konzept: »Kulturen« sind wie »Programmierungen«. Die Leute »ticken« unterschiedlich. Das führt zu Missverständnissen und Wertekonflikten. »Kulturen« wurden hier – entsprechend des Marktumfelds, in dem sich diese Szene vornehmlich bewegt, nämlich im Kontext internationaler Unternehmens- und Geschäftsbeziehungen – vor allem als »ethnische« bzw. »nationale« Kulturen definiert. Wichtige Vertreter sind die Niederländer Geert Hofstede und Fons Trompenaars und in Deutschland Alexander Thomas und seine Regensburger Schule. Auch Samuel P. Huntingtons »Clash of Civilisations« gehört in diese Reihe.
Der große Vorteil der »Interkulturalisten« ist, dass ihre Theorien extrem anschlussfähig an unser Alltagsbewusstsein sind. Die meisten Konfliktbeteiligten denken in diesen Kategorien. Und die praktischen Tools – Verständnis- und Übersetzungshilfen für interkulturelle Missverständnisse – kommen bei den Kunden sehr gut an. Ich nenne das »Fettnäpfchen-Training«: Wenn ich die wichtigsten Regeln der anderen Kultur kenne, kann ich unnötigen Irritationen vorbeugen und muss meinen Geschäftserfolg nicht gleich in der Kennenlernphase torpedieren.

MA: Das klingt doch alles ganz plausibel. Wo ist das Problem?
BF: In Angeboten für die Wirtschaft geht es darum, Managern in vier Stunden beizubringen, welche »kulturellen Fettnäpfchen« sie beim Erstkontakt mit chinesischen, indischen oder arabischen Geschäftspartnern besser vermeiden sollten. Dafür ist das Hofstede-Modell (individualistische vs. kollektivistische Kulturen etc.) sicherlich ganz einleuchtend und praktisch.
Wenn es etwas komplizierter wird – nämlich das langfristige Miteinander Klarkommen unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen und Minderheiten in einer pluralen Gesellschaft zu beschreiben und zu regeln – dann reicht solches »Kultur-Wissen« jedoch nicht mehr aus.

MA: Warum?
BF: Der Kulturbegriff hat mindestens drei gravierende Schwächen und Nachteile: Er ist nebulös, ideologieanfällig und viel zu dominant. Hier kommen die Argumente der Strukturalisten und anderer kritischer Gesellschaftstheorien zum Zug. Jenseits der einfachen Formel, dass wir irgendwie durch unsere Sozialisation und unser soziales Umfeld geprägt sind, wird es schnell unübersichtlich. Es gibt über 200 Kultur-Definitionen. Der Begriff ist im Grund eine Kompromissformel. Er dient als Bedeutungscontainer für alles Mögliche. Er wird auch pausenlos missbraucht: das können Sie in vielen politischen Debatten erleben. Und mit seiner Allgegenwart verdeckt er andere Unterschiede, die oft viel ausschlaggebender für das Zusammenleben in einer Einwanderungsgesellschaft sind.

MA: Welche Unterschiede sind wesentlicher?
BF: Statt über »Kultur« sollten wir viel öfter über Machtverhältnisse reden. Es geht um das verwickelte Ineinander von Macht und Differenz und die Art und Weise, wie mit »Kultur« in Konflikten argumentiert wird. Das Programmierungs-Modell eignet sich nur sehr eingeschränkt, wenn man verstehen möchte, was zwischen Menschen und Gruppen unterschiedlicher Herkunft und kultureller Identität(en) los ist, gerade wenn es zu wirklichen Konflikten und nicht nur zu leichten Irritationen in der Kommunikation kommt.

MA: Das heißt ...?
BF: ..., statt das Handeln der Menschen allein aus ihrer Herkunftskultur heraus zu deuten, fragen wir Mediatoren danach, wie sich soziale Unterschiede, d.h. politische, ökonomische und strukturelle Machtasymmetrien, auf das Verhältnis zwischen Menschen und Gruppen auswirken, die sich gegenseitig als »fremd« und »anders« bezeichnen. In einer durch Migration und Globalisierung geprägten Welt sind interkulturelle Beziehungen in der Regel keine Beziehungen auf Augenhöhe. In den daraus erwachsenden Konflikten geht es nicht einfach um das Verhältnis zwischen kulturell Verschiedenen, sondern zwischen Dominanten und Dominierten, Mehrheiten und Minderheiten, Etablierten und Außenseitern. Hier rücken dann Themen wie Rassismus und Diskriminierung, sowie offene und verdeckte Dominanzverhältnisse wie die Fortdauer kolonialer Denkschablonen stärker in den Blick.

MA: Wie wirken sich diese Asymmetrien denn nun konkret aus?
BF: Wo genau, in welchem Kontext findet die Begegnung statt und in welchen Rollen begegnet man sich? Es macht einen Unterschied, ob sich »Deutsche« und »Ausländer« - nehmen wir einmal diese wackelige Unterscheidung - als Urlauber auf einer Kreuzfahrt, als Sachbearbeiter und Klient auf einer deutschen Meldebehörde oder als Repräsentanten großer Unternehmen im Rahmen eines gehobenen Business-Diners begegnen. Nicht weniger relevant sind Unterschiede, die durch den rechtlich-politischen Rahmen erzeugt werden. Wer trifft da aufeinander: Staatsangehörige mit allen Bürgerrechten auf der einen und Menschen mit prekären Aufenthaltsrechten und damit verbunden extrem eingeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten andererseits?

MA: Also wird Kultur hier ganz unwichtig?
BF: Keineswegs. »Kultur« ist weiterhin enorm wichtig. Jeder bezieht sich darauf. Wir wechseln nur die Blickrichtung. Wir fragen nicht mehr quasi-psychologisch »Wie funktioniert eine Kultur und wie steuert sie das Verhalten der Menschen?« – sondern wir schauen darauf, wie die Menschen über »Kultur« sprechen. In welchen Situationen heben sie darauf ab, dass sie selbst zu einer bestimmten nationalen, ethnischen, religiösen oder kulturellen Mehrheit oder Minderheit gehören? Wann problematisieren sie »die Mentalität« der Anderen – ob sie mit der eigenen vereinbar oder unvereinbar ist? Und: welche Rechte und Forderungen werden daraus abgeleitet?
In der Ethnologie spricht man vom »linguistic turn«, der diskurstheoretischen Wende. Nicht zuletzt sie hat dazu geführt, dass sich der oben angesprochene Schulenstreit deutlich entspannt hat.

MA: Das erscheint mir nun sehr weit weg von der mediatorischen Praxis zu sein ...
BF: Nicht so weit, wie Sie denken. Gerade die diskurstheoretische Wende kommt der mediatorischen Haltung doch sehr entgegen: Wir fragen nicht, wie etwas wirklich ist, sondern wir beschäftigen uns damit, wie die Menschen über etwas reden und wozu sie das tun. Was sie bewegt, welche Interessen und Motive dahinter stehen. Dabei unterstellen wir ihnen »gute Gründe« – also berechtigte Interessen und Bedürfnisse.

MA: Wo bleiben dabei das Interkulturelle und die Macht?
BF: Die Konfliktdynamik entwickelt sich in der Regel nicht einfach als Reaktion auf das reine Anderssein des Anderen, sondern aus Erfahrungen von Missachtung und Entwürdigung, die asymmetrischen Verhältnissen geschuldet sind. Vor allem die schwächere Seite fühlt sich nicht ausreichend gesehen und gewürdigt. Institutionelle Strukturen, ökonomisches Ungleichgewicht oder rechtlich-politische Statusunterschiede spielen eine maßgebliche Rolle. Ich halte deshalb Axel Honneths Konzept vom Kampf um Anerkennung für die wesentlich angemessenere Theorie auch für »interkulturelle« Konflikte.
Konflikte ergeben sich nach Honneth vor allem aus Konkurrenzen um sozialen Status und gesellschaftliche Machtverteilung:
- Wer gehört dazu?
- Wer hat das Sagen?
- Wie ist das Zusammenleben zwischen Mehrheit und Minderheiten formell geregelt – und
- wie ist die informelle Praxis?
- Welche Menschen und Gruppen werden in dem, was ihnen wichtig ist, respektiert und anerkannt?

Solche Fragen werden in den unterschiedlichsten Status- und Anerkennungskämpfen ausgetragen. In ihnen wird »Kultur« von den Beteiligten vor allem aus strategischen Gründen ins Spiel gebracht. Mit der Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern wird Politik – Identitätspolitik – gemacht. Aus der Zugehörigkeit zu einer ethnisch-kulturell definierten Gruppe werden spezielle Ansprüche, Rechte und Pflichten abgeleitet. Viele ganz »normale« Interessen- oder Verteilungskonflikte bekommen so einen kulturellen Überbau. Sie werden kulturalisiert bzw. ethnisiert – und in diesem Sinne politisiert.

MA: Stoßen Sie damit nicht viele Menschen vor den Kopf, die im Alltag mit Fragen und Problemen konfrontiert sind, die offensichtlich damit zu tun haben, dass die Ankommenden anders sind, anders reagieren als gewohnt und anscheinend auch andere Werte vertreten und es dadurch zu Konflikten kommt?
BF: Wir brauchen das Konzept von der kulturellen Prägung nicht über Bord werfen. Ohne Zweifel können unterschiedliche »kulturelle Programmierungen« zu Missverständnissen und Irritationen führen. Ein Beispiel ist der Augenkontakt, der bei uns so etwas wie Zeichen von Glaubwürdigkeit ist und in anderen Ländern eine Grenzüberschreitung darstellt. Es gibt in Deutschland immer wieder große Empörung darüber, dass Geflüchtete sich schwer tun oder weigern, einem bei der Begrüßung die Hand zu geben.
Aber es gibt andere Aspekte, die – in der Wahrnehmung der Mehrheitsdeutschen – »komisches« Verhalten bewirken, und die nichts mit der Herkunftskultur zu tun haben: Geflüchtete haben eine erzwungene Migration hinter sich. Sie haben Krieg, Gewalt, Folter, Zerstörung erlebt – am eigenen Leib oder als direkte Zeugen. Sie haben nächste Angehörige verloren. Manche haben selbst getötet. Viele sind traumatisiert.
Wer nicht ganz zu Unrecht die »Bringschuld« der Neuankömmlinge betont, sollte auch nicht darüber hinweg sehen, dass viele nicht nur einen »Kulturschock« erleben, also sich fremd, desorientiert und entwurzelt fühlen, sondern dass viele auch einen »Statusschock« erleiden: Das kennen wir schon aus früheren Migrationswellen. Der russische Professor, der Taxifahrer wird und die syrische Ärztin, die lange arbeitslos ist und einen schlecht bezahlten Job in einer Putzkolonne ergattert. Heimweh, Rückzug und Verharren in»„eigenethnischen Parallelgesellschaften« haben wesentlich etwas damit zu tun, dass man sich in der Gesellschaft nicht angemessen gesehen, gewürdigt, anerkannt fühlt, dass man keine richtigen Teilhabechancen hat.
Mit den Worten von Georg Auernheimer, einem bekannten Erziehungswissenschaftler: Wir müssen dafür offen werden, »... dass die anderen anders anders sind, als man dachte«.

MA: Kommen wir von der Theorie zurück in die Praxis. Wo genau machen sich Ihre Überlegungen bezahlt?
BF: Zunächst einmal verändert dieses Wissen den Fokus meiner Aufmerksamkeit. Wenn ich weiß, dass sich das Selbst- und Fremderleben von unterschiedlichen Wir- oder Identitätsgruppen deutlich voneinander unterscheidet, je nachdem, in welchem Hierarchie- bzw. Machtverhältnis sie zueinander stehen, kann ich ganz anders auf die damit verbundenen Grundbefindlichkeiten, ich nenne sie Status-Emotionen, eingehen.

MA: Das hätte ich jetzt gern etwas genauer.
BF: Woher kommt die Konfliktenergie? Einfach aus der Tatsache, dass der andere »anders« ist? Ganz sicher nicht. Es braucht einen Grund für die Empörung: Was genau stört die Beteiligten aneinander? Was genau wird als unschicklich, als ungehörig, als nicht-okay wahrgenommen? Leo Montada sagt, jeder Konflikt ist im Kern ein Gerechtigkeitskonflikt. Ich würde es gern noch ein wenig präzisieren: es geht hier – und da stelle ich mich in den sozialphilosophischen Anerkennungs-Diskurs von Hegel über Buber bis Axel Honneth – um eine Störung des sozialen Anerkennungsverhältnisses.
Wenn meine basalen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und einem geachteten Status in einer relevanten Gruppe tangiert werden, schlägt es Alarm. Das sagt mittlerweile auch die Hirnforschung – lesen Sie Joachim Bauer.

MA: Was hat das mit Mediation zu tun?
BF: Die These ist: »Kulturelle« Differenzen erhalten ihre eigentliche Brisanz durch die darunter liegenden Anerkennungs- und Machtkonflikte. Die einen verteidigen etablierte Rechte, die anderen leiden unter Missachtungs- und Entwertungserlebnissen: Menschen im Hochstatus stören sich daran, dass die anderen nerven, dass sie sich Sachen heraus nehmen, die ihnen nicht zustehen.
Hier kommen wir zur »Etablierten-Außenseiter-Regel«: Wer zuletzt kommt, muss sich hinten anstellen. Solange die Neuen sich dieser Regel einigermaßen fügen, ist aus Sicht der Etablierten alles in Butter. Das wäre dann »gelungene Integration«.
Der Subalterne erlebt das etwas anders. Nicht wirklich zugehörig sein, keinen anerkannten Platz in der Statushierarchie zu besetzen, ist eine Dauerkränkung. Der Migrationssoziologe Paul Mecheril hat dafür einen treffenden Begriff geprägt: nicht nur anders, sondern »deplatziert Anders«. Das kratzt permanent am Selbstwertgefühl, an der Würde, am Anspruch, richtig dazuzugehören und etwas wert zu sein. Das trägt nicht unwesentlich zu jener Kränkbarkeit und Reizbarkeit bei, die schön kulturalistisch als »typisch arabische / türkische / südländische ... Ehrpuseligkeit« bezeichnet wird. Aber aus der Gewaltforschung ist hinlänglich bekannt: Chronischer Anerkennungsentzug macht aggressiv und depressiv, d.h. krank.

MA: Das bedeutet für den Mediator?
BF: Wenn ich einen empathischen Zugang zu den jeweiligen Grundemotionen und Empörungen habe, kann ich anders allparteilich handeln. Sowohl demjenigen gegenüber, der sich chronisch diskriminiert fühlt, als auch demjenigen, der aus allen Wolken fällt, wenn er sich mit einem Diskriminierungsvorwurf konfrontiert sieht. Ich erkenne Machtasymmetrien, ich muss sie nicht weg- oder schönreden. Ich muss sie aber auch nicht bekämpfen – das kann ich in meiner Rolle als Mediator gar nicht. Ich kann sie aber angemessen besprechbar zu machen.

MA: Wie geht das genau?
BF: Wenn die Leute anfangen, zu kulturalisieren, egal auf welcher Seite, gehe ich nicht als Oberlehrer dazwischen, sondern bleibe entspannt – und ich versuche zu verstehen, was ihnen daran so wichtig ist. Wir lassen kulturelle Selbstbeschreibungen zu und nehmen sie ernst. Dazu gehört auch harter Tobak, also rassistische Äußerungen, Nationalismen, das ganze Programm.

MA: Erstmal – und dann?
BF: Dann tasten wir uns langsam vor: Was steckt dahinter? Was meinen sie mit bestimmten Selbst- und Fremdzuschreibungen? Was konkret geht ihnen bei der anderen Seite auf den Nerv? Ist das immer so? Und so tasten wir uns schrittweise zu den Interessen und Bedürfnissen vor – und zu den kitzeligen Themen, die in der Regel immer etwas mit basalen Status- und Anerkennungsverletzungen zu tun haben.
Auch bei Diskriminierungsvorwürfen werden wir nicht kopfscheu, sondern fragen genau nach.
Es ist manchmal erstaunlich, wie sich ein solcher Vorwurf in einen Dialog der Anerkennung verwandeln kann, wenn wir erste Abwehrreflexe – »Ich bin kein Rassist!« – in ein vertieftes Verstehen dessen überführen können, was genau den Absender des Vorwurfs verletzt. Oft sind es strukturelle Themen, die mit der individuellen »Schuld« oder »Absicht« des Beschuldigten nur wenig zu tun haben.
In unserer Mediationsausbildung beschäftigen wir uns viel mit solchen Diskurs- und Konfliktmustern: Etablierte-Außenseiter-Konflikte, Identitätsdiskurse, Opfer-Konkurrenzen, politisierte und ideologisch überformte Wertedebatten, rechtliche und moralische Dilemmata, Ressourcenkonflikte.
Ich verstehe schneller, welche emotionalen Dramen und moralischen Anerkennungsforderungen damit verbunden sind, d.h. was die Leute damit ausdrücken wollen, wie sie ihren Ärger, ihre Hoffnungen und ihre Ansprüche dadurch zu untermauern versuchen. Und ich kann ihnen damit schneller alternative Wege der Anspruchsbegründung anbieten – jenseits von Schubladen, abgehangenen Klischees und historischen Ladenhütern.
Ich werde andererseits realistischer und d.h. demütig in meinem Anspruch, durch ein paar Gespräche Klärung, Ausgleich und Versöhnung herbei zu mediieren. Diese Ansprüche werde ich gegebenenfalls etwas herunter schrauben, weil mir bewusst ist, wie wirkmächtig soziale Unterschiede, wie funktional »Wir gegen die Anderen«-Dynamiken sind und dass es schon eines sehr langen Atems bedarf, um hier eine Wende zum Guten einzuleiten.
MA: Das heißt: auch mit ihrem Anerkennungs-Konzept bekommen Sie nicht alles in den Griff?
BF: Mit Mediation allein sowieso nicht. Mediatives Konfliktmanagement ist, wie Kurt Faller immer betont, eine dienende Disziplin. Vor allem braucht diese Disziplin oder Profession, die zunächst von der deutschen Aufnahmegesellschaft bereitgestellt wird, deutlich mehr Mitstreiter und Verbündete unter den »anderen Deutschen«.
Im Wissenschaftsdiskurs bringen »Migrationsandere«, also Kinder von Gastarbeitern und andere Neudeutsche mit Migrationshintergrund, wichtige Impulse hinein und halten ihren »weißen« Kollegen den Spiegel vor: Wie gehen wir zum Beispiel mit dem »Wir«-Wort um? Wer ist damit gemeint? Nur die Bio-Deutschen?
Unter den InitiatorInnen des Bochumer Aufrufs sind wir uns da ziemlich einig. Deutsche ohne Migrationshintergrund werden sich in den nächsten 30 Jahren in vielen Gegenden zahlenmäßig sowieso in einer Minderheitenposition wiederfinden. Meine Kinder werden sich in einem anderen »Normal« bewegen als ich. Dass Sie für dieses Interview einen Vertreter der derzeitigen Etablierten-Kohorte befragen – weiß, männlich, Kartoffeldeutsch – ist sicherlich ein Auslaufmodell.

MA: Herr Fechler, ich danke ihnen für das Gespräch.

(Das Interview führte Jürgen G. Heim, Redaktion Mediation aktuell, Wolfgang Metzner Verlag)