Interview Dres. Mähler: »Quo vadis, Mediation?«

Zukunft der Mediation
Interview Dres. Mähler: »Quo vadis, Mediation?«

Antworten und Empfehlungen von Dres. Gisela und Hans-Georg Mähler

von Jürgen Heim

Dres. Mähler München

 

Im Evaluationsbericht zum Mediationsgesetz – vorgelegt von der Bundesregierung – wurden erstmalig flächendeckende, empirische Erkenntnisse über die Nutzung von Mediationsverfahren  in Deutschland dargestellt.

 

 

Nach den Ergebnissen dieser Studie

  • werden die Potentiale und Ressourcen von Mediation als alternatives Instrument der Konfliktbeilegung bei weitem noch nicht hinreichend genutzt,
  • bewegt sich die Zahl der durchgeführten Mediationen sich auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau und
  • konzentriert sich dabei überwiegend auf einige wenige MediatorInnen,
  • bietet die Mediationstätigkeit bisher nur sehr geringe Verdienstmöglichkeiten,
  • steigt die Zahl der Mediatorinnen mit weniger als fünf Mediationen pro Jahr deutlich an,
  • wobei viele Mediatorinnen nur im Ausbildungssektor tätig sind.

 

Aufgrund dieser und weiterer Feststellungen im Evaluationsbericht stellt sich uns die Frage »Quo vadis Mediation?« - Wohin geht die Reise?

Woran fehlt es?

Können beispielsweise

  • eine Mediationskostenhilfe,
  • die Einführung einer obligatorischen Mediation im Vorverfahren als Zulässigkeitsvoraussetzung für bestimmte Bereiche wie in Italien, Frankreich und anderen Ländern,
  • Initiativen mit der Wirtschaft über die Potentiale und Ressourcen einer Mediationsausbildung,
  • weiterreichende Maßnahmen zur Professionalisierung und Qualitätsverbesserung,
  • die Zertifizierung,
  • neue Ansätze eines breiten Diskurses,

dazu beitragen, die Mediation zu unterstützen?

Vor diesem Hintergrund haben wir einigen bekannten Vertretern der Mediationsszene folgende Frage gestellt:

Welche wesentlichen Punkte (Maßnahmen, Strategien, Konsequenzen u. ä.) könnten vor Ihrem Erfahrungshintergrund dazu beitragen, um das mit dem Mediationsgesetz verfolgte Ziel der Förderung von Mediation noch besser zu verwirklichen?


Lesen Sie heute die Antworten und Empfehlungen von Dr. Gisela Mähler und Dr. Hans-Georg Mähler. Sie beschäftigen sich praktisch in ihrer Anwaltskanzlei, theoretisch in Veröffentlichungen sowie in Aus-und Fortbildung, in Supervision sowie vielfältiger organisatorischer Vernetzung seit 28 Jahren intensiv mit Mediation und seit 10 Jahren mit Cooperativer Praxis.

»…

Dres. Mähler:

Aus unserer Sicht ist es in erster Linie wichtig, zwischen den einzelnen Konfliktfeldern zu differenzieren:

1. Familienmediation zur Trennung/Scheidung

  • Die Prozesskosten(Verfahrenskosten)hilfe für Trennung und Scheidung macht ca.
    80 % aller Verfahrensformen aus. Hier lohnt es sich besonders, statt der Verfahrenskostenhilfe wahlweise Mediationskostenhilfe einzusetzen. Der Staat würde so Ausgaben sparen und den Kindern geschiedener Eltern dienen.
  • Nachahmenswert ist das Berliner Pilotprojekt zur Förderung der Mediation BIGFAM.
  • Mehr Training der Fachanwälte für Familienrecht als Türöffner für Mediation. Dies wäre eine darauf wartende Aufgabe der AG Familienrecht im DAV.
  • Koordiniertere Zusammenarbeit zwischen Beratungsstellen und Mediatoren.

 

2. Familienunternehmen

Vorsorgende Klauseln bei Konflikten, die Mediation einschließen, in Familienverfassungen und Gesellschaftsverträgen, vorsorgend auch zur Nachfolge.

 

3. Externe Wirtschaftsmediation

  • Die Verletzung von § 253 Abs. 3 ZPO und gleichartiger Verfahrensvorschriften sollte über Kostenfolgen sanktioniert werden wie in England. Bei uns angedeutet bisher in § 150 Abs. 4 S. 2 FamFG.
  • Mehr vorsorgende Vertragsklauseln bei potentiellen Konflikten in Verträgen, die (statt allein auf Schiedsgerichte zu verweisen) Mediation einschließen.
  • Gründung eines Vereines, deren Mitglieder (Firmen, Anwälte) sich verpflichten, Mediation oder andere ADR-Verfahren vor Anrufung des Gerichtes zu praktizieren. Vorbild: International Institute for Conflict Prevention (CPR) in den USA, in der sich heute mehr als 4.000 Firmen und 1.500 Anwaltskanzleien entsprechend zusammengeschlossen haben. Die Initiative könnte in Deutschland vom Round Table Mediation und Konfliktmanagement der Deutschen Wirtschaft (RTMKM) ausgehen.

 

4. Interne Wirtschaftsmediation

  • Einführung von Konfliktmanagementsystemen, auch bei mittelständischen Unternehmen. Beispiel: SAP
  • Insofern Forschungsergebnisse des RTMKM umsetzen. Hier könnte sich zB der DIHK engagieren.
  • Verbessertes Zusammenwirken von Mediation, Coaching, Supervision, Team- und Organisationsentwicklung durch Gründung entsprechender Firmen.
  • Indirekt: Einübung von Mediationskompetenz bei Führungskräften, zB durch Managerseminare.
  • Im kollektiven Arbeitsrecht: Mediation statt oder bei Überhandnehmen von Einigungsstellen


5. Nachbarschaftskonflikte

Mehr Einrichtung von Gütestellen nach § 15 EGZPO und den entsprechenden Ländergesetzen, die zur Schlichtung spezifisch Mediation anbieten.

 

6. Güterichter

Einrichtung von Mediationskammern (Beispiel: LG Rostock)

Generell empfehlen wir:

  • Die Stärkung der Mediationsverbände durch die MedAusbVO, in dem die Zertifizierung zukünftig abhängig gemacht wird von einem Gütesiegel, das die Verbände gemeinsam verleihen.
  • Wenn der DAV in jeder Arbeitsgemeinschaft Mediationszirkel initiiert, die in der AG Mediation gebündelt werden.
  • Örtlich: Gründung von örtlichen Mediationszentralen, Beispiele: MediationsZentrale München (MZM) und Hamburg

…«

 

Dr. Gisela Mähler

Dr. Hans-Georg Mähler

www.eidos-projekt-mediation.de

 

 

Produktempfehlung 
Friedman, Himmelstein: Konflikte fordern uns heraus
Friedman, Himmelstein

Mediation als Brücke zur Verständigung
mit je einem Vorwort von Lis Ripke und Gisela und Hans-Georg Mähler

Details
38,80 €incl. MwSt.
Broschiert, 346 Seiten, im September 2013 erschienen
Milling: Storytelling - Konflikte lösen mit Herz und Verstand
Milling

Eine Anleitung zur Erzählkunst mit hundertundeiner Geschichte

Details
34,95 €incl. MwSt.
Gebunden, 268 Seiten, am 24. Juni 2016 erschienen