Interview Prof. Trenczek.: »Quo vadis, Mediation?«

Zukunft der Mediation
Interview Prof. Trenczek.: »Quo vadis, Mediation?«

Konsequenzen und Strategien zur Förderung der Mediation

Interview mit Prof. Dr.iur. Thomas Trenczek, M .A.

von Jürgen Heim

Prof. Dr.iur. Thomas Trenczek, MA

Nach dem Ergebnis  des Evaluationsbericht zum Mediationsgesetz – vorgelegt von der Bundesregierung – wurden erstmalig flächendeckende, empirische Erkenntnisse über die Nutzung von Mediationsverfahren  in Deutschland ermittelt:

Die Potentiale und Ressourcen von Mediation als alternativem Instrument der Konfliktbeilegung werden bei weitem noch nicht hinreichend genutzt und die Zahl der durchgeführten Mediationen bewegt sich auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau mit bisher nur sehr geringen Verdienstmöglichkeiten.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Mediatorinnen mit weniger als fünf Mediationen pro Jahr deutlich an; viele MediatorInnen sind dagegen nur im Ausbildungssektor tätig .

Damit stellt sich perspektivisch die Frage »Quo vadis Mediation?« - Wohin geht die Reise?

Lesen Sie heute die Antworten und Empfehlungen von Prof. Dr. iur. Thomas Trenczek, M.A., der sich als eingetragener Mediator (BMJ, Wien; NMAS und Lehrtrainer BMWA® seit vielen Jahren mit dem Kontext der Mediation beschäftigt. Er war mittlerweile mehrfach für jeweils mehrere Monate in den USA und Australien und verfügt über langährige Erfahrung in der Mediations-Ausbildung wie auch in der Mediationspraxis im In- und Ausland.  Als Experte auf diesem Gebiet ist er u. a. Herausgeber des Handbuchs Mediation und Konfliktmanagement (2. Aufl. 2017). ...

Als Experte auf diesem Gebiet ist er u. a. Herausgeber  des Handbuchs Mediation und Konfliktmanagement (2. Aufl. 2017).

Mediation aktuell: Herr Professor Trenzcek, welche wesentlichen Punkte (Maßnahmen und Strategien, Konsequenzen u. ä.) könnten nach ihre Erfahrung und Bewertung dazu beitragen, um das mit dem Mediationsgesetz verfolgte Ziel der Förderung von Mediation noch besser zu verwirklichen?

Prof. Trenczek: In den letzten 40 Jahren hat ADR und insbesondere Mediation in Deutschland eine sehr interessante, im Vergleich zur Dynamik in den angelsächsischen Ländern aber noch bescheidene Entwicklung genommen. Wesentlich für das rasante Wachsen und die Akzeptanz von ADR vor allem in Australien und den USA waren allerdings freilich die Ressourcenprobleme des Justizsystems.

Mediation aktuell: Ist dies mit der Situation in Deutschland vergleichbar?

Prof. Trenczek: Nein - die Ausgangslage in Deutschland war und ist anders. Man kann insoweit nüchtern feststellen, dass die Effektivität des Justizsystems in Deutschland (nicht zuletzt aufgrund der vergleichsweise höheren »Richterdichte«) höher, die durchschnittliche Verfahrensdauer niedriger und gleichzeitig die Rechtsverfolgung nicht so kostenintensiv ist wie in angelsächsischen Rechtssystemen. Damit stellt sich die Frage nach den Alternativen lange nicht so dringend wie dort. Es reicht deshalb hierzulande nicht aus, Mediation nur als (mitunter vermeintlich) »kostengünstigere« und »schnellere« Alternative zur gerichtlichen Streitentscheidung anzupreisen. Fachgerechte Mediationen ermöglichen etwas ganz »Anderes«  - insbesondere interessensgerechte Konsenslösungen- nicht zwingend etwas Besseres oder Schlechteres - als ein Gerichtsverfahren. Der Rechtsweg soll (darf!) im Rechtsstaat auch durch die Mediation nicht ersetzt werden. Mediation und andere ADR-Verfahren finden deshalb stets innerhalb der von der Rechtsordnung garantierten Grenzen und damit nur »im Lichte des Rechts« statt (ausführlich hierzu Trenczek, Streitregelung in der Zivilgesellschaft, Zeitschrift für Rechtssoziologie, Bd. 26, Dez. 2005, S. 3 ff. ).

Die Informalisierung der Streitregelung bei unmittelbarer Beteiligung der Konfliktparteien im Rahmen eines Mediationsverfahrens trifft aber auf den Nerv einer sich bewusster werdenden Zivilgesellschaft, die Wert legt nicht nur auf ein durch formale Korrektheit abgesichertes Rechtssystem (sog. Justizförmigkeit), sondern auf einen beteiligungsorientierten Zugang zu Recht und Fairness (Partizipation).

Mediation aktuell: Woran fehlt es in Deutschland ? Welche Perspektiven sehen Sie, welche Vorschläge haben Sie zur Unterstützung der Mediation?

Prof. Trenczek: Waren es zu Beginn der Mediationsbewegung in Deutschland zunächst vor allem die Vermittlung in familienrechtlichen (Trennung und Scheidung) und strafrechtlich relevanten Konflikten (im Hinblick auf einen sog. Täter-Opfer-Ausgleich) in denen auch quantitativ relevante Fallzahlen festgestellt werden konnten, sind es mittlerweile vor allem (Wirtschaft-)Unternehmen und Organisationen, in denen quantitativ am meisten mediiert wird.

Woran es in Deutschland immer noch mangelt, ist die über die verbale Unterstützung hinausreichende tatsächliche Förderung der ADR-Mediation durch Politik, Justiz und Anwaltschaft. Insbesondere fehlt es an einem niedrigschwelligen Zugang zu einem qualitativ hochwertigen außergerichtlichen Mediationsverfahren. Notwendig wären die Einführung einer Mediationskostenhilfe sowie die substantielle (staatliche) Förderung gemeinnütziger Mediationsstellen.

Mediation aktuell: Und auf Seiten der Mediation?

Prof. Trenczek: Auf Seiten »der Mediation« fehlt es immer noch an einem effektiven Qualitäts- und Beschwerdemanagement (z.B. Ombudstellen). Es ist mitunter erschreckend, was alles auf »dem freien Markt« (an Mist) unter dem (ungeschützten) Label »Mediation« angeboten wird bzw. wie manche Anbieter versuchen (mitunter auch unter Vermeidung des Mediationsbegriffes), sich um die Minimalstandards des Mediationsgesetzes herum zu mogeln.

Unter der Nutzerperspektive mag der »Markt« im Bereich der Wirtschafts- und Unternehmensmediation funktionieren, in dem die Kunden Marktmacht, Erfahrung und über entsprechende (Referenz)Netzwerke verfügen. Dies ist freilich im Privatbereich zumeist nicht der Fall, weshalb unter Verbraucherschutzaspekten der »Markt« das Mediationsangebot ohne verlässliche Gütesiegel nur unzureichend strukturiert. Legitimation und wachsende Akzeptanz kann ADR/Mediation schließlich nur erhalten, wenn die fachlichen Standards verbindlich beschrieben und deren Einhaltung auch überprüft und eingefordert werden (kann).

Mediation aktuell: Herr Prof. Trenczek herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

Im Interview:

Prof. Dr.iur. Thomas Trenczek, M.A.
eingetragener Mediator (BMJ, Wien; NMAS)/Lehrtrainer BMWA®
u.a. Herausgeber des Handbuchs Mediation und Konfliktmanagement (2. Aufl. 2017);
Kontakt: http://simk.net

 

 

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