Klärungshilfe und Mediation

Mediationsmethoden
Klärungshilfe und Mediation

von Dr. Jürgen von Oertzen

Sonnenlicht auf Sandstrand

 

 

 

 

 

 

 

 

1.Was ist Klärungshilfe?

1.1 Die Konzepte der Klärungshilfe

Konflikte sind belastend, u.a. wegen der Unklarheit, die mit ihnen oft verbunden ist: starke Emotionen, diverse Themen und widerstreitende Interessen sind miteinander verwoben. Klärungshilfe hat den Anspruch, hier »Klarheit der Wahrheit« hinein zu bringen: Ihr Ziel ist die Klärung dessen, was in den Beteiligten gerade jetzt und grundsätzlich vorgeht, was zwischen ihnen an Kommunikation geschieht und wie sie zusammen ein System bilden. Der/Die KlärungshelferIn unterstützt diesen Prozess, einschließlich seiner emotionalen Seiten, wenn etwa Wut, Verzweiflung, Rachegefühle oder schwere Vorwürfe in aller Deutlichkeit auf den Tisch kommen: »Wahrheit vor Schönheit« ist in der Klärungshilfe ein wichtiges Prinzip. Eingebettet ist diese Klärung in einen Sicherheit gebenden Rahmen unter der Leitung der Klärungshelferin/des Klärungshelfers. Eine zentrale Methode ist das Doppeln: Der/Die KlärungshelferIn kniet neben dem Klienten und spricht probeweise für ihn aus, was er/sie verstanden zu haben meint, was aber noch nicht in aller Deutlichkeit gesagt ist. So erhalten die anderen Beteiligten die Möglichkeit, einander tiefer zu verstehen und dadurch angemessen reagieren zu können. Durch diese Klärung werden die Voraussetzungen geschaffen, um zum Ende hin in relativ kurzer Zeit zu Verabredungen für die Zukunft zu kommen. Klärungshilfe spricht vom »Land der leichten Lösungen«, das nach Durchqueren der »Schlangengrube« erreicht werden kann. Dies geschieht in den Phasen

1. Anfang

2. Selbstklärung

3. Dialog der Wahrheit

4. Erklärungen und Lösungen

5. Abschluss

Wieso das funktioniert, ist nicht abschließend wissenschaftlich geklärt. Offenbar ermöglicht die Klarheit im eigenen Empfinden und auf der Beziehungsebene eine sachlichere Atmosphäre, um konkrete Lösungen auf den Weg zu bringen.

1.2 Entstehungsgeschichte der Klärungshilfe

Entstanden ist Klärungshilfe aus der Zusammenarbeit von Christoph Thomann und der Forschungsgruppe um Friedemann Schulz von Thun an der Universität Hamburg. Letzterer beobachtete vor dem Hintergrund seiner psychologischen Theorien die praktische Arbeit von Thomann, der ursprünglich vor allem therapeutisch mit Paaren arbeitete. Beide zusammen erweiterten das Vorgehen dann auch auf andere, z.B. berufliche Kontexte. Thomann stellte sein Vorgehen in seiner Dissertation systematisiert dar, und beide zusammen veröffentlichten die für ein größeres Publikum geeigneten Bücher zu Klärungshilfe ab 1988. Klärungshilfe beruht systematisch auf dem Menschenbild und den Methoden der humanistischen Psychologie, der systemischen Kommunikationspsychologie und der Gestalttherapie.

Die meisten Veröffentlichungen sprechen von Klärungshilfe als einer Form von Mediation. Passt das? Und wann wäre welches Verfahren vorzuziehen?

2. Ist Klärungshilfe Mediation?

2.1 Vergleich von klassischer Mediation und Klärungshilfe

Eine weite Definition von Mediation – als Unterstützung im Konflikt durch einen letztlich nicht entscheidungsbefugten Dritten – schließt Klärungshilfe mit ein. Auch viele Prinzipien der Hauptrichtung der Mediation finden sich – in vielleicht etwas anderer Gewichtung – in der Klärungshilfe, wie etwa Allparteilichkeit, Neutralität, Professionalität, Verantwortung der/des Mediatorin/Mediators für den Prozess und Verantwortung der Klienten für den Inhalt. Insofern kann Klärungshilfe als eine Form der Mediation gelten.

Es gibt aber ebenso verbreitete Mediationsprinzipien, die nicht zu Klärungshilfe passen: Win-Win als angestrebtes Ziel des Prozesses, Zukunfts- und Lösungsorientierung als Prinzipien des Vorgehens, Umformulierung von Vorwürfen in Wünsche als eine Standardmethode – all das ist in der Klärungshilfe nicht zentral, wird teilweise sogar abgelehnt.

Wohl wird ein/e KlärungshelferIn nichts dagegen haben, wenn am Ende des Klärungsprozesses Lösungen mit Vorteilen für alle Beteiligten stehen (Win-Win), aber im Zentrum steht die Klärung der gegenwärtigen Situation und ihrer Entstehung. Dazu kann auch gehören, dass kein Win-Win möglich ist – das aber ist dann wenigstens ganz klar, und mehr hat der/die KlärungshelferIn nicht versprochen.

Eine Umformulierung von bitteren Vorwürfen in Wünsche kann Klarheit sogar behindern. Genutzt wird z.B. das Doppeln vielmehr, um ergänzend zu einem vielleicht höflich vorgetragenen Wunsch auch die dahinter gefühlten »bösen« Vorwürfe aussprechbar zu machen.

Weil Klärungshilfe die Beteiligten in einen Klarheits-fördernden Kontakt bringen möchte, lehnen ihre Verfechter Vor- und Einzelgespräche weitgehend ab: Emotionen sollen original beim Empfänger ankommen, nicht bei dem/der KlärungshelferIn oder durch ihn/sie gefiltert (mit einer definierten Ausnahme im Falle einer Teamklärung mit Vorgesetztem). In vielen anderen Mediationsstilen hingegen sind Vor- und/oder Einzelgespräche möglich oder üblich.

Und schließlich erinnert das Phasenmodell der Klärungshilfe nur vage an die sonst oft genutzten fünf Phasen der Mediation, die vielfach als zentral angesehen werden. Wer Klärungshilfe unter Mediation einordnet, sollte sich dieser wichtigen Unterschiede bewusst sein.

2.2 Wann lieber Klärungshilfe?

Schulz von Thun stellt 2007 fest, die Frage der Indikation von Klärungshilfe vs. klassischer Mediation sei noch offen und meint, in der Praxis könnten sich beide Vorgehensweisen verbinden (Thomann/Prior 2007: 23). Angesichts der unterschiedlichen Prinzipien könnte es aber für die Klienten verwirrend sein, »ein paar« schwierige Gefühle hervorzulocken, um sie dann zügig in Wünsche umzuformulieren, oder »ein bisschen« Vorgespräche zu führen.

Eine allgemeine Anleitung, wann welcher Mediationsstil günstiger ist, ist mir nicht bekannt. Einige Parameter zur Entscheidung habe ich aus verschiedenen Gesprächen zusammengetragen und möchte sie hier zur Diskussion stellen. Demnach sind Hinweise, die möglicherweise eher für die Anwendung von Klärungshilfe sprechen, die folgenden:

-        Die Klienten werden nach der Klärung immer noch Kontakt haben.

-        Die Klärung ihrer Beziehungen ist für die Klienten vorrangig gegenüber Sachthemen.

-        Die Klienten sind stark in der Vergangenheit verhaftet.

-        Der Konflikt ist relativ hoch eskaliert (Eskalationsstufe 4-6 nach Glasl).

-        Es steht ausreichend Zeit zur Verfügung.

Peggy Keller schlägt für die Kombination ein Vorhangmodell vor (in: Thomann/Kramer 2013). Dabei wird ein definiertes Zeitfenster von z.B. 90 Minuten genutzt, um – ganz Klärungshilfe – einmal nach den schwierigen Gefühlen und anderen Wahrheiten zu gucken. Danach wird der »Vorhang« wieder »geschlossen« und auf der Ebene der klassischen Mediation geprüft, ob die eben gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse einen Nutzen bringen können.

Im Einzelfall sollte, so würden vermutlich Vertreter beider Richtungen im Sinne der Klientenautonomie zustimmen, die Entscheidung beim Klienten liegen. Dafür braucht er aber hinreichende Informationen und kompetente Beratung. Mithin liegt auch Verantwortung beim zuerst kontaktierten Anbieter, zumindest die Indikation für den eigenen Ansatz zu prüfen, idealerweise aber auch über Alternativen informieren zu können. Wenn dieser Aufsatz dazu beitragen kann, würde ich mich freuen. Ich bin gespannt, was die Vertreter verschiedener mediativer Richtungen voneinander lernen werden, und wo es vielleicht auch eher um klare Benennung der Differenzen geht, die zusammen das weite Feld der friedlichen Konfliktbearbeitung aufspannen.

3. Literaturverzeichnis

Farau, A. and R. Cohn (1984). Gelebte Geschichte der Psycho-Therapie. Zwei Perspektiven. Stuttgart, Klett-Cotta.

Kriegel-Schmidt, K. (2012). Interkulturelle Mediation. Plädoyer für ein Perspektiven-reflexives Modell. Berlin Münster Wien Zürich London, LIT Verlag.

Perls, F. (1974). Gestalt-Therapie. Stuttgart, Klett-Cotta.

Thomann, C. (1985). Klärungshilfe: Die Gestaltung schwieriger Gespräche: Theorie, Beispiele, Methoden (Dissertation). Hamburg, Universität Hamburg.

Thomann, C. (2004). Klärungshilfe 2: Konflikte im Beruf; Methoden und Modelle klärender Gespräche. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt-Taschenbuch-Verl.

Thomann, C. and B. Kramer (2013). Klärungshilfe konkret: Konfliktklärung im privaten, beruflichen und öffentlichen Bereich. Reinbek, rororo.

Thomann, C. and C. Prior (2007). Klärungshilfe 3: Das Praxisbuch. Reinbek, Rowohlt Taschenbuch.

Thomann, C. and F. Schulz von Thun (2003). Klärungshilfe 1: Handbuch für Therapeuten, Gesprächshelfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt.

Watzlawick, P., J. H. Beavin, et al. (1969). Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Bern, Hans Huber.

 

Ich danke Christian Prior für die Durchsicht und für hilfreiche Hinweise zu diesem Artikel.

Dr. Jürgen von Oertzen