Konfliktlösung im Land der aufgehenden Sonne

Familienmediation
Konfliktlösung im Land der aufgehenden Sonne

Ein kleiner Japan-Blog Berliner Mediatoren

RA Christoph Paul und Christian von Baumbach

Zwei Mediatoren aus Berlin auf dem Weg nach Japan und mit im Gepäck: Omiyage, kleine Mitbringsel, die in Japan von jedem Reisenden erwartet werden.

Christoph Paul und Christian von Baumbach reisen als Vertreter von »MiKK e. V. International Mediation Centre for Family Conflict and Child Abduction« nach Osaka, um an der dortigen Universität ein dreitägiges Training über »Cross-Border Family Mediation« zu geben

Neben der Fortbildung japanischer Mediatoren wollen sie Kontakte knüpfen, Erfahrungen austauschen und gemeinsame Standards für binationale Fälle erarbeiten.

Obwohl konsensorientierte Konfliktlösungsverfahren in Japan weit verbreitet sind, unterscheiden sich die Abläufe, Methoden und Arbeitsweisen stark von dem, was wir aus Deutschland kennen.

 

 

Christian von Baumbach, Mari Nagata, Christoph C. Paul u. a. in Osaka

 

Wir begleiten die beiden Reisenden und berichten in unserem Japan-Blog von ihren Erfahrungen und Begegnungen.

Hier ihr erster Bericht mit einer Einführung in ein bekanntes japanisches Verfahren zur Streitbeilgung – das Chotei.

 

»Chotei, das in Japan am häufigsten angewendete Verfahren zur Klärung zivilrechtlicher Streitigkeiten ist im Gesetz zur Förderung alternativer Konfliktbeilegung (Saibangai funsō kaiketsu tetsuzuki no riyō no sokushin ni kansuru hōritsu; Act on Promotion of Use of Alternative Dispute Resolution) geregelt. Als gerichtliches Verfahren wird es von einem Schiedskomitee durchgeführt, das aus einem Vorsitzenden und zwei Beisitzern besteht. Den Vorsitz übernimmt meist ein Richter, den Beisitz auch Laien, die über ausreichend Lebenserfahrung und gesellschaftliches Ansehen verfügen.

Die Vorteile: für die Antragsteller ist es sehr kostengünstig und die Ergebnisse können sofort in rechtskräftige Urteile umgewandelt werden. Meistens werden die Konfliktparteien sogar getrennt voneinander befragt und das Schiedskomitee bringt eigene Empfehlungen ein. Bei einem Scheitern des Chotei-Verfahrens kann der Vorsitzende Richter das folgende zivilrechtliche Gerichtsverfahren leiten und Ergebnisse aus dem Chotei-Verfahren verwenden.

Am Rande des Seminars über Cross-Border Family Mediation konnten wir uns mit der Organisatorin Mari Nagata, Professorin der juristischen Fakultät der Universität von Osaka, über die Hintergründe unterhalten.

Christian von Baumbach, Mari Nagata, Christoph C. Paul

 

Frage: Warum haben Sie sich dazu entschieden, Trainer aus Deutschland nach Osaka einzuladen?

Prof. Mari Nagata: Die in Japan weit verbreitete Chotei-Mediation berücksichtigt keine internationalen Probleme. Es gibt keine Strategie, wie mit kulturellen Unterschieden umzugehen ist, und die Vereinbarungen aus Chotei-Verfahren werden im Ausland nicht anerkannt.

Als ich vor einigen Jahren einen Artikel über das Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ) laß, wurde mir klar, dass es Japan sehr schwer fallen würde, solche Fälle zu bearbeiten, sobald Japan dem HKÜ beitreten würde. Ich war der Meinung, dass Japan eine Alternative zu gerichtlichen Verfahren braucht, und machte mir Gedanken, wie wir Mediatoren für diese Fälle ausbilden können.
Ich möchte eine Brücke zwischen der akademischen Welt und den Anwälten bauen, die derzeit noch weitgehend voneinander getrennt sind. Forscher in Japan üben keine Mediationen aus und die meisten Anwälte interessieren sich nicht für neue Konfliktlösungsverfahren.

Das änderte sich etwas vor ein paar Jahren, als die Anwaltsvereinigung von Osaka eine Forschungsgruppe zu HKÜ-Fällen einrichtete, an der ich seither als akademische Beraterin beteiligt bin. Außerdem bin ich Mitglied einer Forschungsgruppe der Japan Arbitrators' Association Kansai (Japanische Schlichtungsvereinigung Kansai), die sich mit Mediationen in HKÜ-Fällen beschäftigt.

Frage: Wie kam es, dass Sie sich bei der Suche nach internationalen Partnern an MiKK gewendet haben?

Mari Nagata: Auf meiner Suche nach Alternativen reiste ich nach Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Von den verschiedenen Ansätzen zur Familienmediation, die ich dort kennengelernt habe, erschien mir das MiKK-Modell (mit einem Mediatoren-Team, das die Nationen, Kulturen, Sprachen und Geschlechter beider Eltern abbildet) am besten für Japan geeignet zu sein. Mir gefiel auch die Tatsache, dass es sich grundsätzlich von dem japanischen Chotei-Verfahren unterscheidet.
So fällt es leichter, beide Verfahren voneinander getrennt zu halten.

Chotei-Mediation mag für inländische Fälle geeignet sein, aber für internationale Fälle brauchen wir ein völlig neues Modell.«

 

 J. G. Heim 

 

In Kürze folgt hier der nächste Bericht unserer Berliner Mediationstrainer aus Hiroshima.


 


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