Konfliktlösung im Land der aufgehenden Sonne (Fazit)

Fortbildung
Konfliktlösung im Land der aufgehenden Sonne (Fazit)

Japan-Blog – Teil 3 Rückblick

Konfliktlösung im Land der aufgehenden Sonne (Fazit)

Zwei Mediatoren aus Berlin, Christoph Paul und Christian von Baumbach reisten als Vertreter von »MiKK e. V. International Mediation Centre for Family Conflict and Child Abduction« nach Japan, um an dortigen Universitäten Trainingsstunden über »Cross-Border Family Mediation« zu geben.

Wir berichteten in unserem Japan-Blog von ihren Erfahrungen und Begegnungen in Osaka und Hiroshima.

Nach ihrer Rückkehr folgt heute das Fazit dieser Japanreise:

»Wir sind wieder wohlbehalten in Berlin angekommen, haben den Jetlag überwunden und blicken nun mit einigen Tagen Abstand auf das Cross-Border Family Mediation Training in Osaka zurück, das auf Einladung von Mari Nagata, Professorin der juristischen Fakultät der Universität Osaka, von MiKK - Internationales Mediationszentrum für Familienkonflikte und Kindesentführungen veranstaltet wurde. Die Inhalte des Trainings basierten auf dem einwöchigen Cross-Border Family Mediation Training, dass MiKK jedes Jahr im Herbst in Berlin anbietet.

Das Training war ein großartiges Erlebnis mit vielen neuen Eindrücken und interessanten Diskussionen. Wir wurden unglaublich freundlich und respektvoll empfangen. Die überwiegend erfahrenen Anwälte und renommierten Akademiker haben sich vertrauensvoll in die Rolle als Schüler begeben und uns die Leitung überlassen. Im Vorfeld waren wir uns unsicher, ob unsere Trainingsmethoden in Japan funktionieren würden. Wir haben viel Wert auf eine aktive Beteiligung, auf Selbsterfahrung durch Rollenspiele und offene Diskussionen gelegt. Wir befürchteten, die zurückhaltende und höfliche Art der Japaner könnte dem entgegenstehen, aber die Bedenken waren unbegründet. Die Trainingsmethoden wurden dankbar angenommen. Die Teilnehmer haben sich bereitwillig auf die Rollenspiele eingelassen und lebhaft diskutiert. Dabei wurden immer wieder auch kritische und persönliche Meinungen geäußert. Das hat uns als Trainer besonders gefreut, und nebenbei haben wir dadurch auch selbst viel über die Situation in Japan gelernt.

Unser Eindruck war, dass die japanische Mediationsszene in Bewegung ist. Die etablierten Konfliktlösungsverfahren werden in Frage gestellt, insbesondere im Kontext internationaler Beziehungen. Progressive Anwälte und Mediatoren suchen nach neuen Verfahren und Methoden, wofür sie sich auch im Ausland umsehen - insbesondere in den USA, in England, Frankreich und auch in Deutschland. Ein schönes Beispiel dafür hat uns Professorin Nagata in ihrem Interview geschildert (siehe letzter Blog-Eintrag).

Dabei sind konsensorientierter Konfliktlösungsverfahren in Japan grundsätzlich nichts Neues. Ganz im Gegenteil haben sie dort eine lange Tradition. Zivile Gerichtsverfahren wurden erst in der Meiji-Zeit (1868-1912) im Zuge der Modernisierung des Justizsystems nach westlichem Vorbild etabliert. Bis heute ist die Abneigung gegen zivile Gerichtsverfahren groß. Das liegt zum einen daran, dass die in Japan verbreiteten konfuzianischen Lehren dazu geführt haben, dass soziale Beziehungen stark durch eine als natürlich angesehene Ordnung und den Wunsch nach Harmonie (Wa) geprägt sind. Konflikte werden möglichst im gegenseitigen Einvernehmen und unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Normen geklärt. Zum anderen gibt es ganz praktische und institutionelle Gründe wie zum Beispiel drohende Verzögerungen durch komplizierte Prozessverordnungen, eine geringe Zahl an Richtern und hohe Prozesskosten. Außerdem sind in vielen Fällen vor Gericht keine besseren Ergebnisse als in direkten Vergleichen zu erwarten.

Das im Verlauf des Trainings viel diskutierte und mit Mediation verglichene Chōtei-Verfahren ist das häufigste und effektivste alternative Konfliktlösungsverfahren in Japan. Es wurde 1922 eingeführt um die im Zuge der Industrialisierung zunehmende Zahl von Konflikten zwischen Vermietern und Mietern zu schlichten und so die Gerichte zu entlasten. Heute kommt es bei nahezu allen Arten zivilrechtlicher Streitigkeiten zum Einsatz. Unterschieden wird zwischen Schlichtung von Familienangelegenheiten (kaji chōtei) und Schlichtung zivilrechtlicher Konflikte (minji chōtei).

Das Schlichtungsverfahren wird von einem Schiedskomitee durchgeführt, das aus einem vorsitzenden Richter und zwei Beisitzern besteht. Die Parteien werden nacheinander vorgeladen, um ihre Sicht des Falls und ihre Forderungen anzuhören. Anschließend wird die Sachlage anhand von Unterlagen und Experten überprüft. Schließlich unterbreitet das Komitee einen Lösungsvorschlag. Die Konfliktparteien haben die Wahl, den Vorschlag anzunehmen oder abzulehnen. Nehmen sie ihn an, wird er in einem Schlichtungsprotokoll (chōtei chōsho) festgehalten und damit für rechtskräftig erklärt. Lehnt mindestens eine Partei ab, scheitert die Schlichtung. Ein folgender zivilrechtlicher Prozess wird von dem Richter geleitet, der auch schon Vorsitzender des Chōtei-Komitees war. Dabei kann er alle Informationen aus dem Chōtei-Verfahren verwerten. Dieser Punkt wurde im Laufe des Trainings am deutlichsten kritisiert, weil dadurch Vertraulichkeit und Freiwilligkeit nicht gegeben sind.

Die Erwartung der Teilnehmer an westliche Mediationsverfahren ist, dass dabei individuelle Befindlichkeiten stärker berücksichtigt werden können. Kontrovers diskutiert wurde die Frage, inwieweit in Japan sozialisierte Menschen gewohnt sind, ihre individuellen Wünsche offensiv zu vertreten und zu artikulieren. Manche Teilnehmer waren der Meinung, dass viele Klienten nicht selbst entscheiden, sondern die Entscheidung einer kompetenten Person überlassen wollen. Darüber wollen wir uns noch kein Urteil erlauben, aber die Teilnehmer des Seminars hatten jedenfalls keine Hemmungen, ihre Standpunkte nachdrücklich zu vertreten.

RA Christoph Paul in Japan

Zu guter Letzt möchten wir uns noch einmal ausdrücklich bei Mari Nagata für die Einladung und hervorragende Organisation vor Ort bedanken. Sie ist eine treibende Kraft hinter den neuen Entwicklungen in der japanischen Mediationszene. Ebenso bedanken wir uns bei den Mitarbeitern von MiKK in Berlin für die Rückendeckung und die tatkräftige Unterstützung. Ohne sie wäre das Training nicht möglich gewesen.

Wir freuen uns über die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan und sind gespannt, was daraus in den kommenden Jahren entsteht.«

MiKK-Training in Japan 

Ein Interview zum deutsch-japanischen Mediationsprojekt von MiKK finden Sie hier:

http://www.mikk-ev.de/deutsch/binationale-mediationsprojekte/das-deutsch-japanische-mediationsprojekt/

 

 

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