Mediation bei den Beziehungsbereitschaftsdiensten in Ungarn

Cross-Border Mediation
Mediation bei den Beziehungsbereitschaftsdiensten in Ungarn

Interview zwischen Dr. Ferenc Kardos, Mediator und Gründer der Beziehungsbereitschaftsdienste in Ungarn und Ildiko Gaal-Baier, Rechtsanwältin und Mediatorin aus Deutschland

Ildiko Gaal-Baier, Dr. Ferenc Kardos

1992 wurde die Stiftung für Beziehungen gegründet, die sich in Ungarn aus der Erziehungsberatung entwickelte und heute ein landesweites Netzwerk vertritt: 58 Beziehungsbereitschaftsdienste helfen den Familien im Interesse der Pflege, der Verbesserung und der Förderung der Eltern-Kind-Beziehungen. Die Beziehungsbereitschaftsdienste arbeiten mit der Methode der Mediation. Sie vermitteln in Konflikten, wenn Familien wegen einer Trennung auseinanderfallen oder wenn Eltern bei den täglichen Konflikten mit ihrem pubertierenden Kind keinen Ausweg mehr sehen. Die Gerichte, Familien- und Erziehungsberatungsstellen, Schulen, Kindergärten haben die Vorteile der Konfliktbehandlung erkannt und schicken die Familien zu den Beziehungsbereitschaftsdiensten. Denn Therapie, rechtliche Beratung oder Gerichtsurteil können nicht immer helfen. Die Probleme liegen oft nicht an den Beteiligten oder an den Umständen, sondern an ihrer Beziehung zueinander.

Aufgrund dieser Erkenntnis gründete Dr. Ferenc Kardos die Stiftung für Beziehungen. Er ist Kinderpsychologe, arbeitet seit 40 Jahren in der Kinderwohlfahrtspflege und seit 15 Jahren als Mediator. Von John M. Haynes lernte er die Methode der Mediation. Heute bildet er jährlich ca. 80 Mediatoren in Ungarn aus. Viele von ihnen arbeiten bei den Beziehungsbereitschaftsdiensten und sind Mediatoren nach dem ungarischen Gesetz Nr. LV über die Vermittlungstätigkeit aus 2002. Im März 2013 erscheint in zweiter Auflage sein Buch »Vermittlung in Konflikten – mit Kindern im Mittelpunkt, Mediation bei den Beziehungsbereitschaftsdiensten« (Verlag: Kapcsolat 2000 Pszihológiai Betéti Társaság), in dem er seine Methode zusammenfast und seine praktischen Erfahrungen mit der Mediation an den Leser weitergibt.

Ildiko Gaal-Baier: Als ich für den Länderbericht über die rechtlichen Rahmenbedingungen der Mediation in Ungarn für den Wolfgang Metzner Verlag recherchierte, entdeckte ich Ihre Stiftung und Ihr Buch. Die praktische und alltägliche Relevanz der Arbeit der Beziehungsbereitschaftsdienste mit der Methode der Mediation hat mich beeindruckt. Im Juni 2012 besuchte ich dann einen Beziehungsbereitschaftsdienst in Budapest. Während in Deutschland die ausgebildeten Mediatoren nach Fällen suchen müssen, sind die Beziehungsbereitschaftsdienste in Ungarn ausgebucht und die Hilfesuchenden, die Medianden, müssen sich auf eine Warteliste setzen. Die Absolventen Ihrer Fortbildungsseminare können bei den Beziehungsbereitschaftsdiensten praktische Erfahrung sammeln und ihre Arbeit wird bezahlt. Können Sie kurz erklären, wie das funktioniert?

Dr. Ferenc Kardos: Seit 2005 schreibt das Kinderschutzgesetz vor, dass alle Gemeinden mit mindestens 40.000 Einwohnern einen Beziehungsbereitschaftsdienst bei den Zentren für Kinderwohlfahrtspflege einrichten müssen. Diese Dienstleistung ist für die Familien kostenlos und wird vom Staat finanziert. Bei den Beziehungsbereitschaftsdiensten arbeiten die von uns ausgebildeten Sozialarbeiter. Sie sind Angestellte des jeweiligen Zentrums für Kinderwohlfahrtspflege. Die Stiftung für Beziehungen unterstützt sie methodisch durch Fortbildung, Supervision, Veröffentlichungen, Gutachten und in Form von landesweiten Begegnungen.

Ein Beziehungsbereitschaftsdienst ist ein Treffpunkt, welcher nicht nur mit altersgerechten Spielzeugen und freundlich eingerichteten Räumen ausgestattet ist. Er bedeutet eine fachliche Begleitung der Eltern-Kind Beziehungspflege. Vor den Begegnungen finden Einzelgespräche mit den Eltern statt und anschließend eine Mediation. Das Ergebnis ist die schriftliche Vereinbarung der Eltern über die Details der Treffen. Teil der Vereinbarung ist die Hausordnung des Beziehungsbereitschaftsdienstes. Die Beziehungsebenen sind Stufen der Begegnungen, die aufeinander aufbauen. In Kenntnis darüber schließen die Eltern die Vereinbarung. Die in den Beziehungsbereitschaftsdiensten tätigen Experten sind Pädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen oder Kinderpsychiater, die eine Mediationsausbildung mit 60 Stunden absolvieren müssen und über Erfahrung im Kinderschutz oder in der Therapie verfügen. Die Beziehungsbereitschaftsdienste stehen mit den Jugendämtern und den Gerichten in partnerschaftlicher Beziehung, ihre Zusammenfassungen über ihre Erfahrungen werden als fachliche Meinung von den Behörden akzeptiert.

Ildiko Gaal-Baier: Bei den Beziehungsbereitschaftsdiensten zahlen die Medianden für die Mediation nicht. Nehmen die Familien die Mediation als Dienstleistung auch dann in Anspruch, wenn sie nicht von den Behörden oder vom Gericht geschickt werden?

Dr. Ferenc Kardos: Die Menschen kommen zu den kostenlosen Beziehungsbereitschaftsdiensten in ihrem Bezirk meistens wegen einer behördlichen Empfehlung oder eines Gerichtsbeschlusses. Es gibt noch wenige Fälle, bei denen die Eltern selbst erkennen, dass sie einen Vermittler brauchen und sich freiwillig melden. Oft wird die Mediation von einem Familientherapeuten oder Psychologen empfohlen. Es gibt mittlerweile auch eine betuchtere Schicht in Ungarn, die bereit ist zu zahlen und sich an eine zivile Organisation mit langjähriger Mediationserfahrung, wie z.B. die Stiftung für Beziehungen wendet. Diese Menschen wählen den Mediator oft von dem Landesverzeichnis der Mediatoren, wenn der Richter den Prozess aussetzt und einen Mediator empfiehlt.

Ildiko Gaal-Baier: Die Freiwilligkeit ist nach der europäischen und deutschen Sichtweise ein Grundprinzip der Mediation. Nach dem im Februar 2013 vom ungarischen Gesetzgeber beschlossenen neuen ungarischen Zivilgesetzbuch können die Eltern bei Konflikten bei dem Umgang mit ihren Kindern vom Richter zur Mediation verpflichtet werden. Können wir dann noch von Mediation sprechen, wenn die Konfliktparteien nicht freiwillig kommen?

Dr. Ferenc Kardos: Ich möchte hier Haynes (John M. Haynes & Gretchen L. Haynes: Divorce Mediation; Jossey-Bass Publishers; San Francisco, London 1989 S. 10) zitieren: »Die Tatsache, dass sich die Parteien einigen wollen, bedeutet nicht, dass die Mediation, als die Wahl der Kampfarena, freiwillig erfolgen muss. Die Mediation in der richterlichen Praxis ist nicht die Entscheidung der Parteien, sondern der Richter schickt sie. Der Erfolg der richterlich angeordneten Mediationen ist sehr hoch, obwohl die Parteien gezwungen waren, ihren Streit in dieser Kampfarena zu lösen.«
Ich halte die obligatorische Mediation für sehr wichtig. Wir kämpfen um ihre Einführung von Anfang an, weil wir aus Erfahrung wissen, dass ohne die Mediation die Eltern-Kind Begegnungen keine Aussicht auf Erfolg haben, wenn die Eltern nach der Trennung einen Krieg gegeneinander führen. Ich schätze es sehr, wenn die Behörden Maßnahmen in Aussicht stellen, wenn die Parteien mit dem Mediator nicht kooperieren, d.h. es gibt eine negative Konsequenz, die die Parteien vermeiden wollen. In einer solchen Atmosphäre ist es viel leichter, die Interessen des Kindes im Verhandlungsprozess im Mittelpunkt zu behalten und die Mediationen sind erfolgreicher. Nach der Empfehlung des Europäischen Rates über die Familienmediation kann der Richter die Mediation den Parteien nicht nur anbieten, sondern sie dazu auch verpflichten, wenn die Eltern in ihrem Krieg gegeneinander nicht in der Lage sind, sich hinzusetzen, um die wichtigen Fragen ihres Umganges mit ihrem Kind zu besprechen und das Recht des Kindes auf regelmäßige Beziehungen zu beiden Elternteilen nach dem UNO-Übereinkommen sicherzustellen. Die vom Richter angeordnete »Feuerpause« und die obligatorische Mediation können in solchen Fällen die Lösung sein. Die Methode der ungarischen Beziehungsbereitschaftsdienste ist anerkannt und sieht seit 1997 auch die obligatorische Mediation vor.

Ildiko Gaal-Baier: Danke für das Gespräch!

 

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