Mediation rund um einen Spielplatz am Bodensee - Teil II

SCHWEIZER MEDIATIONSPREIS 2012
Mediation rund um einen Spielplatz am Bodensee - Teil II

Von Bettina Bickel-Jaques und Peter Schmid

Kinder auf dem Spielplatz am Bodensee

Lesen Sie heute den zweiten Teil der mit dem Schweizer Mediationspreis 2012 ausgezeichneten Mediation von Bettina Bickel-Jaques und Peter Schmid.

 

 

 

Mittwoch, 5. Mai

Vor der eigentlichen Mediationssitzung wurden alle Delegierten per E-Mail und Telefon zu einem Augenschein auf dem Spielplatz eingeladen. Gemeinsam wurden die Geräusche der Geräte »abgehört« und die Geräte entsprechend in Gang gesetzt und durch die Delegierten getestet.

Bei diesem Augenschein ging es um folgende Themen:

  • Sinnvolle Verteilung der Geräte innerhalb des Spielplatzes
  • Verhältnis zu den privaten Spielplätzen der Mehrfamilienhäuser rundherum
  • Trampolin-Federn
  • Fixiermöglichkeiten für den Fuchsteller
  • Schwenkarm des Spinnennetzes
  • Stark riechende Gummimatten


Das spielerische Element als Auftakt löste die Fronten auf: Im gemeinsamen Hüpfen, Schallquellen-Eruieren und  Begutachten der umstrittenen Geräte konnte rasch Verständnis aufgebaut werden. Plötzlich kam sogar entkrampfender Humor ins Spiel, bevor man dann wieder ins Schulhaus wechselte.
Zu Beginn der eigentlichen Mediationssitzung wurde der Brief einer ehemaligen Anwohnerin an die Stadt thematisiert, die als Kind den ehemaligen Waldspielplatz mitgestalten durfte. Ebenso eine Petition von Spielplatzbefürwortern, für die bereits seit Jahresbeginn Unterschriften gesammelt wurden, die jedoch noch nicht eingereicht wurde.
Als Mediationsteam befürchteten wir, dass dies nach der positiven Begehung nun wieder einen Rückschlag auslösen könnte, d.h. dass plötzlich ein Rückbau zum Waldspielplatz wieder gefordert werden könnte. Aber erstaunlicherweise tat dies dem Umschwung der Stimmung keinen Abbruch, die Delegierten solidarisierten sich - es kam zum eigentlichen Durchbruch.

»Ein tragfähiges Wir-Gefühl ist entstanden«

Die Delegierten einigten sich einstimmig auf drei Grundsätze

  • Ja zu einem angemessenen Spielplatz im Wohnquartier
  • Ja zur Wald-Entlassung
  • Ja zur Planauflage der Stadt auf der Grundlage einer in der Mediation erarbeiteten gemeinsamen Empfehlung.


In einer Gruppenarbeit wurden daraufhin konkrete Lösungsvorschläge auf Flipcharts erarbeitet, und zwar zu folgenden Themenbereichen

  • Emissionen reduzieren
  • Verhaltenskodex formulieren
  • Platzgestaltung definieren und Sicherheit gewährleisten


In der Diskussion zeigte sich, dass das Vertrauen der Medianden der Dreh- und Angelpunkt im Konflikt rund um den Spielplatz war. Verschiedene MediandInnen hatten sich in der Vergangenheit mit mehreren Schreiben (teilweise sogar eingeschrieben) an die Stadt gewandt und hatten entweder nie eine Antwort oder unautorisierte Zusagen des Bauverwalters erhalten, die nicht eingehalten wurden. Dadurch eskalierte der Konflikt. Ganz wichtig war in diesem Zusammenhang das Verhalten der in die Mediation delegierten StadtvertreterInnen, die sich mit persönlichem Einsatz und Glaubwürdigkeit profilierten. So konnte eine neue Basis des Vertrauens geschaffen werden – damit war der Durchbruch erreicht. Eine anschließend gemeinsam erstellte provisorische Empfehlung für die Planauflage wurde durch alle Delegierten beschlossen. Per E-Mail bekamen die Delegierten die Unterlagen zugestellt, mit der Bitte um Besprechung innerhalb ihres Gremiums (Rückbindung), damit in der letzten Mediationssitzung auf dieser Grundlage die definitiven Beschlüsse gefasst werden konnten.

Montag, 10. Mai

Zu Beginn dieser Sitzung wurden eingangs zwei in den Medien erschienene negative Zeitungsartikel thematisiert, mit denen die Delegierten nichts zu tun hatten. Die Regeln der Mediation, wonach keine einseitigen Schritte in dieser Zeit unternommen werden dürfen, wurden durch die MediandInnen hoch gehalten und verteidigt. Es zeigte sich in dieser Haltung erneut das »Wir-Gefühl«, das in der letzten Mediationssitzung entstanden war und sich nun als tragfähig erwies.
Abschließend ging es darum, die provisorische Empfehlung nochmals zu diskutieren und zu ergänzen. Die Arbeit ging rasch vorwärts, alle Beschlüsse konnten einstimmig gefasst und auf den Flipcharts durch alle unterzeichnet werden.

Mit diesem Abschluss war der Mediation rund um den Spielplatz ein voller Erfolg beschieden.

Ergebnisse der Mediation

Die Teilnehmer haben sich auf folgende Grundsätze geeinigt:

  • Ja zu einem angemessenen Spielplatz im Wohnquartier
  • Ja zur Waldentlassung / Rodung und Ersatzaufforstung
  • Ja zur Planauflage der Stadt auf der Grundlage des Mediationsergebnisses

Einstimmig gefasste Detail-Beschlüsse zum Abschluss der Mediation

  • Das Trampolin wird an den neuen Standort innerhalb des Spielplatzes verlegt. Zur Geräuschverminderung werden Gummidichtungen eingebaut. Ergeben  Hörtests (unter Beizug eines Akustikers), dass mit dem Verschieben des Gerätes auch die Lärmemissionen abgenommen haben, verbleibt das Trampolin auf dem Spielplatz. Misslingt der Versuch, d.h. werden die Gerätegeräusche durch entsprechende Massnahmen nicht genügend  reduziert (Mehrheitsentscheidung des ProbandInnenkollektivs – siehe unten), sind alle Delegierten mit der Entfernung des Trampolins einverstanden.
  • Der Fuchsteller wird abgebaut und durch ein Karussell ersetzt. Durch den Wegfall des Fuchstellers kann auch der Bereich der Fallschutzmatten verkleinert werden. An ihrer Stelle wird Rasen angesät.
  • Zusätzlich haben alle Delegierten dem Ersetzen der Spinnennetzschaukel durch drei Wippgeräte zugestimmt.
  • Der kaum je gebrauchte Grill wird entfernt.
  • Auf dem »alten« Trampolinstandort wird ein Veloabstellplatz installiert.
  • Es werden zusätzliche Abfalleimer aufgestellt.
  • Es wird eine Hinweistafel zu bestehenden nahe gelegenen öffentlichen WCs aufgestellt.
  • Auf dem Spielplatz gelten die gesetzlichen Ruhezeiten, die von allen rücksichtsvoll einzuhalten sind.

Von den Wünschen zu konkreten Maßnahmen

Die verschiedenen baulichen Maßnahmen wurden in der Zeit vom 14. Juni bis 9. Juli 2010 durch die Mitarbeiter des Werkhofs umgesetzt und der Effekt der Reduktion der Gerätegeräusche wurde im August 2010 noch einmal durch die Delegierten überprüft.
In Bezug auf die noch ausstehenden Bewilligungsverfahren hatten die Delegierten einstimmig entschieden, auf der Basis der obigen Ergebnisse auf eine allfällige Einsprache während der Bewilligungsverfahren zu verzichten.

Damit konnte das ordentliche Verfahren eingeleitet werden:

  • Die Stadt beantragt beim Kanton eine Zonenplanänderung
  • Bei Annahme wird nachträglich eine Rodungsbewilligung beantragt
  • Nach Zustimmung wird eine Baubewilligung aufgelegt.

Empfehlungen des Mediationsteams für das weitere Vorgehen

Öffentlichkeitsarbeit: In Absprache mit der Stadtverwaltung informiert die Stadt Arbon alle ursprünglich angeschriebenen und eingeladenen Personen mit einem persönlichen Brief über das Ergebnis der Mediation. Diesem Brief soll auch die noch nicht publizierte Medienmitteilung beiliegen. (Zustellung an die Medien am folgenden Tag).
Post-Mediation: Im persönlichen Gespräch werden die Verantwortlichen der Stadt darauf aufmerksam gemacht, dass bei den geringsten Anzeichen für einen erneut aufkeimenden Konflikt rund um den Spielplatz im Sommer/ Herbst eine Post-Mediation durchgeführt werden sollte.

Dem Thema »Vertrauen« ist spezielle Aufmerksamkeit zu widmen. Dazu gehörte, dass interne und externe Abläufe im Kontakt mit Bürgern und Bürgerinnen überprüft und optimiert werden. In diesem Zusammenhang könnte man seitens der Stadt Arbon erwägen, eine Ombudsstelle als innovatives niederschwelliges Angebot für die BürgerInnen einzurichten – wie dies andere größere und kleinere Städte in Zusammenarbeit mit externen MediatorInnen zunehmend mit großem Erfolg tun.

Positives Feedback aus der Stadtverwaltung

Der Stadtpräsident von Arbon, Martin Klöti, dankte dem Mediationsteam in einem persönlichen E-Mail für die gute Arbeit, die in diesem Fall geleistet wurde. Er wies in diesem Schreiben darauf hin, dass mit der Mediation sämtliche offenen Fragen geklärt und alle notwendigen Interventionen aufgezeigt worden waren. Beruhigt stellte er fest, dass man seitens der Stadtverwaltung wieder auf Kurs sei und durch den Einsatz der Mediation auch dazugelernt habe. Am Rande erwähnte er den Leserbrief in der Zeitung, wonach die Kinder im Mediationsprozess eine zu schwache Lobby gehabt hätten, hält aber aus Sicht der Behörde fest, dass der TeilnehmerInnen-Kreis ausgewogen und vollständig war. Mit einem großen Dank verbunden wünschte er dem Mediationsteam weiterhin eine erfolgreiche und spannende Tätigkeit.

Auszeichnung mit dem Schweizer Mediationspreis

Anlässlich der Impulstage 2012 des Schweizerischen Dachverbandes Mediation (SDM-FSM) wurden die beiden MediatorInnen Bettina Bickel-Jacques und Peter Schmid für die Mediation rund um den Spielplatz in der Stadt Arbon mit dem Schweizerischen Mediationspreis 2012 ausgezeichnet.

Zu den AutorInnen

Bettina Bickel-Jaques
E-Mail: bettina.bickel@e-mediation.ch
www.e-mediation.ch und www.altersdialog.ch

Peter Schmid
E-Mail: peterschmid51@bluewin.ch
www.spemediation.ch

 

Zurück zu Teil 1 der Mediation rund um einen Spielplatz

 

Der vollständige Artikel ist in der zweiten Ausgabe der Zeitschrift Perspektive Mediation 2013 erschienen.