Mediation und die Vorsorge im Alter

Wirtschaftsmediation
Mediation und die Vorsorge im Alter

Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Testament - mediative Ansätze zur Klärung und Organisation der Vorsorge im Alter

von Dr. Jirko Krauß

Mediation und die Vorsorge im Alter - Mediation aktuell

Der demographische Wandel und die zunehmende Beschäftigung mit den Eventualitäten im Alter führen im Kontext der Eigenverantwortung derzeit zu einem steigenden Interesse an den entsprechenden Vorsorgeregelungen wie Patientenverfügung, Vorsorgevollmachten und Betreuungsverfügungen. Die Erstellung dieser Schriftstücke wird aber nicht selten vor sich her geschoben – sei es aus Bequemlichkeit, aufgrund fehlender Zeit oder manchmal sogar aus Angst. Der folgende Artikel soll in knapper Form die Idee skizzieren, wie ein mediativer Ansatz genutzt werden kann, zu einer Entscheidung zu kommen.

1. Themenfeld

Eine Patientenverfügung dient für jene Fälle, in denen kein eigener Wille mehr gebildet oder geäußert werden kann und eine bestimmte Qualität einer gesundheitlichen Beeinträchtigung vorliegt (z.B. Sterbeprozess, unumkehrbare Bewusstlosigkeit).
In der Vorsorgevollmacht wird einer Vertrauensperson die Befugnis erteilt, persönliche Angelegenheiten für die betroffene Person zu regeln, etwa die Klärung finanzieller Angelegenheiten, die Handhabung der Post oder die Vertretung gegenüber Behörden und Gerichten. Dies dient dazu, dem Willen des nicht mehr einwilligungsfähigen Vollmachtgebers Ausdruck und Geltung zu verschaffen.
In der Betreuungsverfügung, die von der Vorsorgevollmacht zu unterscheiden ist, können Wünsche bzgl. der Betreuung festgehalten werden, die im eintretenden Betreuungsfall krankheitsbedingt möglicherweise nicht mehr geäußert werden können.
Der Blick auf den Inhalt dieser Regelungen zeigt bereits, dass es sich hier um hochsensible persönliche Angelegenheiten handelt. Nicht weniger sensibel, vor allem für die darin Genannten – oder eben nicht Genannten –, kann der Inhalt eines Testamentes sein.
Schließlich ist im Hinblick auf Familienunternehmen noch die Nachfolgeregelung für den eigenen Betrieb von Bedeutung, die den Generationenwechsel an der Spitze regeln soll.
All diese Dokumente können unter dem Aspekt der Vorsorge betrachtet werden. Welche unterstützende Rolle, so lautet hier die Frage, kann Mediation bei ihrer Erarbeitung und Erstellung spielen?

2. Besonderheiten

Zunächst eine begriffliche Einschränkung: Natürlich ist in diesem Kontext nicht von einer Mediation zu sprechen, wie sie im Mediationsgesetz definiert wird, da in der Sache oft keine gleichrangigen Parteien vorhanden sind. Es geht in erster Linie um den Willen einer bestimmten Person (Verfügender, Testierer), die am Ende eigenverantwortlich entscheiden muss. Ein wenig unklar, zumindest der Theorie nach, bleibt also die Vorgabe für die Mediatorinnen und Mediatoren, allen gleichermaßen verpflichtet zu sein. Hier kommt es auf ein gutes Gespür und die richtige Haltung an.
Die Aufgaben bleiben aber zumindest im Hinblick auf die zentralen Punkte die gleichen, wie im Rahmen einer normalen Mediation: Den Mediatorinnen und Mediatoren obliegen Verfahrenskontrolle, Gesprächsmoderation und Klärungshilfe. Es kann auch als Besonderheit gelten, dass im Grunde gar kein Konflikt vorliegen muss. Warum also der mediative Ansatz?

3. Vorteile durch mediative Unterstützung

Zur Geltung soll zunächst der strukturierte Verfahrensansatz der Mediation kommen: Die komplexe Thematik der zu regelnden Sachverhalte kann dadurch gut entworfen, überblickt und abgearbeitet werden. Die Erstellung in einem Guss kann außerdem vor Widersprüchlichkeiten im Inhalt der wichtigen Dokumente schützen.
Zu diesen eher formalen Vorteilen kommen weitere hinzu: Zunächst steht die Person, für die Regelungen getroffen werden sollen, nicht allein da. Hier sind nicht nur Mediatorin oder Mediator zu nennen, die mit Tatkraft unterstützen können, sondern auch Familienangehörige oder engste Vertraute. Das Verfahren bietet ausreichend Raum, über Wünsche und Erwartungen, insbesondere auch über mögliche Ängste und Befürchtungen der Betroffenen zu sprechen.
Wie im Falle einer »normalen« Mediation, bietet sich allen Beteiligten die Chance zur Artikulation – eben mit der Einschränkung, dass die Entscheidungen letztlich von der betroffenen Person eigenverantwortlich gefällt werden. Im Falle des Testaments könnte am Ende keiner plausibel sagen – vorausgesetzt es sollte gelingen, alle Vorgesehenen an den Tisch zu bekommen –, er oder sie wurden außen vor gelassen. Dies muss Streitigkeiten im Erbfall nicht ausschließen, wird sie aber höchstwahrscheinlich vermindern. Der Testierer kann die Gelegenheit nutzen, seinen Willen bereits zu Lebzeiten zu äußern und im Beisammensein aller Beteiligten offen darüber zu sprechen. Damit wird ein rechtzeitiger Austausch ermöglicht und Verständnis geschaffen.
Widersprüchlichkeiten und potentielle Konflikte können damit frühzeitig aufge-deckt und womöglich vermieden werden. Zudem ist vorab aufklärbar, ob die für eine Betreuung vorgesehene Person auch wirklich einverstanden und unter welchen Umständen sie bereit dafür ist.
Das präventive Moment der Mediation könnte auch bei Nachfolgeregelungen zur Geltung kommen, die ebenfalls nicht selten konfliktbeladen sind. Auch hier ist es vor allem der sich bietende Raum, der den Einsatz des mediativen Ansatzes wertvoll macht: sich Zeit dafür zu nehmen, mit der Unterstützung eines geschulten Moderators in Ruhe konstruktiv über die Zukunft zu sprechen, Widersprüche aufzudecken, unterschiedliche Auffassungen auszutauschen sowie offene Fragen zu klären oder andere Fachleute einzubeziehen.
Noch stärker kommt das Potenzial des mediativen Ansatzes natürlich dann zur Entfaltung, wenn Konflikte bereits schwelen oder schon ausgebrochen sind. Per-sönliche Beziehungen können wieder verbessert werden. Möglicherweise bietet sich sogar die Chance, neben den vorgesehenen Regelungen die Mediation auch als Gelegenheit zu verstehen, (wieder) miteinander ins Gespräch zu kommen und zusätzlich einen alten Konflikt zu klären.

4. Anforderungen an Mediatorinnen und Mediatoren

Wie in anderen Konfliktfeldern auch, ist neben den sonstigen Fähigkeiten des Mediators ein entsprechendes Hintergrund- bzw. Fachwissen von großem Vorteil. Dies gilt etwa für die Auseinandersetzung mit häufig auftauchenden Fragen for-maler wie auch inhaltlicher Art bei einer Patientenverfügung, bei einer Vor-sorgevollmacht oder einem Testament. Allerdings ist der Prozess weder als eine Rechts-, noch als eine Ethik- oder gar als medizinische Beratung zu verstehen. Eine mögliche Schwierigkeit kann in der eingangs erwähnten Besonderheit der ungleichen Gewichtung der Parteien liegen. Gefragt ist an dieser Stelle eine gute Balance zwischen einer allparteilichen Haltung und der Anerkennung der Tatsache, dass am Ende letztlich eine Person entscheidet.

5. Fazit

Wenn es um die Verbindung von organisatorischer Lösung eines Sachverhaltes mit der Unterstützung und Förderung von zwischenmenschlicher Kommunikation geht, kann sich ein mediativer Ansatz in vielen Bereichen als sinnvoll erweisen – so auch als präventives Verfahren zur Klärung und Organisation der Vorsorge im Alter. Die Entscheidung für diese Art der Hilfestellung hat für die Betroffenen letztlich auch ein verbindliches Moment: Es bedeutet nämlich, die Angelegenheit nicht länger auf die lange Bank zu schieben und sich dafür den nötigen Raum und die notwendige Zeit zu nehmen.