Die Metapher »Der Rechenvirus«

Metaphern in der Mediation
Die Metapher »Der Rechenvirus«

Sprachbilder und Metaphern – Schlüssel unserer Sprache

Familienmediation - Rechenvirus

1. Metapher und Kontext

In einer zunächst friedlich verlaufenden Familienmediation wurde die Stimmung zwischen dem teilnehmenden Ehepaar zunehmend gereizt: Der Zugewinn sollte konkret berechnet werden. Der Streit um die Zahlen eskalierte und die Medianden begannen, sich lautstark zu beschimpfen.

 

Unsere Mediatoren intervenierten und unterbrachen den ausgebrochenen Streit mit den Worten: »Offensichtlich hat sich hier ein ansteckender Rechenvirus verbreitet, der schwächt und krank machen kann?«

2. Beschreibung und Inhalt

Mit dieser Metapher in Form einer Umschreibung (meta-phorein = übertragen) hatten sie auf eine konkrete Gefahr hingewiesen: Ein ernsthafter Streit kann wie eine Krankheit wirken und Medianden außer Stande setzen, sachlich miteinander zu verhandeln. Derart geschwächt, können sie kein Ergebnis finden, das beide Interessen und Bedürfnisse berücksichtigt. »Wer nur den Zahlen blind vertraut, macht sich«, so die Mediatoren Spangenberg, »von diesen Zahlen abhängig. Immer wieder stehen viele Medianden derart stark im Bann von Zahlen, als wäre es eine Droge.«

3. Verwendung durch MediatorInnen

Wie können Mediatoren, Moderatoren oder Schlichter diese Metapher in bestimmten Phasen, Gesprächs- oder Verfahrenssituationen einsetzen?

Unsere Autoren setzen diese Mediatorenmetapher ein, um Medianden vor der Überforderung zu bewahren, die eine Zugewinnberechnung leicht mit sich bringt. Die Metapher eignet sich in ihrer bildhaften Umschreibung dazu, Medianden oder Gesprächspartner darauf hinzuweisen, dass sie nur »krank« werden, wenn sie sich nicht schützen.

Das verwendete Sprachbild konnte den ausgebrochenen Zahlenstreit der beiden Medianden unterbrechen. Sie erkannten, dass sie sich auf einem schlechten Weg befanden und so mögliche Lösungsoptionen übersehen könnten. Die Fortsetzung des Gesprächs war wieder auf einer sachlichen Ebene möglich.

4. Fragen

Welches ähnliche Sprachbild kennen Sie in diesem Kontext?

Beispiel: »Da ist der Wurm drin.«

Welchen wesentlichen Unterschied erkennen Sie in der Metapher »Vorsicht Rechenvirus« und der Umschreibung: »Ich warne davor, in den Krümeln zu suchen.«?

Die Metapher über die Krümelsuche enthält einen Vorwurf, die Metapher vom Rechenvirus dagegen nicht.

5. Fundstellen, Literaturempfehlung

In ihrem praxisnahen Lehrbuch »Sprachbilder und Metaphern in der Mediation« vermitteln die erfahrenen Mediatoren und Ausbilder Brigitte und Ernst Spangenberg, wie Sie mit einer bildhaften Sprache Ihre professionelle Gesprächsführung unterstützen können. Durch zahlreiche Dialogbeispiele, Formulierungshilfen und Übungsfragen erhalten Sie wertvolle Anregungen zum Einsatz von Sprachbildern und Metaphern in den unterschiedlichsten Konstellationen.

(Fachredaktion Jürgen Heim)

 

Ausführliche Produktinformationen und Leseproben zu »Sprachbilder und Metaphern in der Mediation«.

Hören und sehen Sie Brigitte und Ernst Spangenberg auf Youtube!