Notruf: internationale Kindesentführung. MiKK im Einsatz?

Internationales Familienrecht
Notruf: internationale Kindesentführung. MiKK im Einsatz?

Interview mit ExpertInnen der MiKK-Beratungsstelle in Berlin,

Ischtar Khalaf-Newsome und Magdalena Jańczuk

von Jürgen Heim

Ischtar Khalaf-Newsome

Vor drei Jahren wurde die siebenjährige Schülerin Lara aus ihrem Heimatort Ditzingen nach Polen entführt.

Ihr (deutscher) Vater hatte im Zuge der Scheidung vom zuständigen Familiengericht noch das alleinige Sorgerecht erhalten, doch ihre (polnische) Mutter wollte sich damit nicht abfinden. Sie holte Lara aus der Schule und reiste mit ihr heimlich nach Polen aus; dort versteckte sie die Großmutter im polnischen Legnica.

Seit 2014 konnte der Vater seine Tochter nicht mehr sehen; wiederholte Versuche einer gütlichen Einigung scheiterten am Widerstand der Mutter.

Schließlich erreichte der Vater eine richterlich bestätigte Entscheidung zur Rückführung. Als er seine Tochter In Polen abholen wollte, entschied ein dortiges Gericht, das Kind vorerst in einem Kinderhaus unterzubringen: es habe bei dem Wiedersehen Angst vor dem Vater gezeigt.

Das Justizministerium schaltete sich ein: Eine Mediation soll die beste Lösung für das Kind bringen. »Lara braucht ihre Mutter und ihren Vater», empfahl Kamila Zagórska, die zuständige Referentin. »Durch eine Mediation solle eine Lösung gefunden werden, bei der beide Seiten das Kind sehen könnten. Das Verfahren mit einem deutschen und ein polnischen Experten solle innerhalb einer Woche in Stettin stattfinden und zwei Tage dauern. «

Fälle wie diese sind für das ExpertInnen-Team von »MiKK - Internationales Mediationszentrum für Familienkonflikte und Kindesentführung« eine der typischen  Ausgangslagen. Mediation aktuell im Gespräch mit den Expertinnen Ischtar Khalaf-Newsome und Magdalena Jańczuk von MiKK in Berlin.

 

 Mediation aktuell: Wäre der geschilderte Ausgangsfall ein typisches Beispiel für den potentiellen »Einsatz« von MiKK und seiner MediatorInnen? Warum empfiehlt sich zunächst die Hinzuziehung von MiKK und nicht von Anwälten mit prozessualen Mitteln im Rahmen einer streitigen Klärung?

Ischtar Khalaf-Newsome: Fälle wie dieser oder in ähnlicher Konstellation erreichen den MiKK Beratungsdienst tagtäglich. Die Anfragen kommen von Eltern aus Deutschland sowie aus dem Ausland (46 Länder in 2016).

MiKK wird in Kindesentführungsfällen (35% der Anfragen) sowohl von zurückgebliebenen Elternteilen kontaktiert, als auch von Müttern und Vätern, die ihr Kind ohne die Zustimmung des anderen Elternteils nach Deutschland oder ins Ausland verbracht haben. Andere Anfragen (61%) betreffen internationale Sorgerechtskonflikte oder aber Sorgerechtsstreitigkeiten von bi-nationalen Familien in Deutschland. Die Mehrheit der Anfragen, die per E-Mail oder telefonisch bei MiKK eingehen, erfordern Fremdsprachenkenntnisse. MiKK bietet dazu seine Beratung auf Deutsch, Englisch, Polnisch, Französisch und Italienisch an.

Viele Eltern kontaktieren die MiKK Beratungsstelle vor Einleitung eines Verfahrens vor Gericht, in der Hoffnung, durch eine Mediation einen Rechtsstreit vermeiden zu können. Die Beratung eines Einzelfalles umfasst mehrere E-Mails und Telefonate mit beiden Eltern. Oftmals sind die Eltern so sehr in ihrem Konflikt als Paar verhaftet, dass Sie den Blick auf das gemeinsame Kind komplett verloren haben. Die MediatorInnen können den Eltern dabei helfen, sich in Ihrer Kommunikation von der Paarebene auf die Elternebene zu begeben. Die Mediation bietet den Eltern die Chance, ihre Probleme eigenverantwortlich und im Interesse des Kindeswohls zu lösen. Bei einer streitigen Klärung vor Gericht hingegen ist die Gefahr groß, dass sich der Konflikt zwischen den Eltern verhärtet oder noch mehr eskaliert. Oftmals wird der Konflikt nun über die Anwälte ausgetragen und die Verfahren vor Gericht können langwierig, kostspielig und verbittert sein. Für die Kinder ist dies fatal.

Je früher sich die Eltern daher in eine Mediation begeben, desto besser. Oft schaffen es die Eltern, eine einvernehmliche Einigung zu treffen. In 2016 endeten 72% der MiKK Mediationen mit einer Vereinbarung bzw. Teilvereinbarung. Diese sind oft nachhaltiger als streitige Gerichtsverfahren, wie empirische Untersuchungen, wie z.B. eine Studie des Vereinigten Königreichs[1] zeigen. Aber auch in Fällen, in denen keine schriftliche Vereinbarung geschlossen wurde, führt die Mediation in der Mehrheit der Fälle meist zu einer Verbesserung der Kommunikation zwischen den Eltern. So hatte eine Anzahl von MiKK Mediationen zwar keine Vereinbarung zur Folge, aber Eltern berichteten später, dass sie es nach Abschluss der Mediation quasi im »Alleingang« geschafft hatten, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Die Voraussetzung hierfür war in der Mediation geschaffen worden.

Eine anwaltliche Beratung ist immer ratsam, auch in Fällen, in denen die Eltern kein gerichtliches Verfahren anstreben wollen. MiKK weist die Eltern darauf hin, dass Klarheit über die Rechtslage für beide Eltern vor einer Mediation wichtig ist. Die Anwälte sollten bei einer Mediation „mit im Boot“ sein und eine Mediationsabschlussvereinbarung vor Unterzeichnung überprüfen. Diese kann dann in einen rechtskräftigen Vergleich umgewandelt werden kann, wenn die Eltern dies wünschen.

Kindesentführungsfälle wie der oben beschriebene Fall stellen die höchste Eskalationsstufe eines Kindschaftskonflikts dar und bahnen sich lange im Vorfeld an. In diesen Fällen ist die Kommunikation zwischen den Eltern meist vollkommen zusammengebrochen und jegliches Vertrauen komplett zerstört. Eine Mediation findet hier meist parallel zu einem gerichtlichen Verfahren statt, denn in diesen Fällen ist der Zeitfaktor ausschlaggebend: ein Antrag auf Rückführung des Kindes nach dem 1980 Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ) muss vor Ablauf eines Jahres nach Verbringung des Kindes gestellt werden. Das Ziel des HKÜ ist die schnelle Wiederherstellung des sogenannten »Status ante quo«. Demzufolge soll das Kind so schnell wie möglich in seinen Heimatstaat zurückgeführt werden (6 Wochen Frist), damit hier in einem Gerichtsverfahren über die zukünftige Regelung des Sorgerechts entschieden werden kann. Die schnelle Rückführung soll das Recht des Kindes auf Umgang mit beiden Eltern und auf Kontinuität sicherstellen. Wird der Antrag nach Ablauf der 1-Jahresfrist gestellt, so muss das HKÜ Gericht das Kind nicht zwangsläufig zurückführen, sondern kann prüfen, ob das Kind sich in dem Verbringungsstaat eingelebt hat.

Viele der Eltern, die MiKK kontaktieren, sind sich nicht darüber bewusst, dass sie mit dem Verbringen des Kindes in ein anderes Land einen Rechtsverstoß begangen haben und nun ein HKÜ Verfahren ausgelöst werden kann.  MiKK informiert Eltern über das HKÜ (keine Rechtsberatung) und verweist sie an erfahrene Anwälte von der MiKK Anwaltsliste. Schnelles Handeln ist in HKÜ Fällen ratsam, was aber eine Mediation keinesfalls ausschließt (siehe unten »MiG«). Die zentrale Frage des zukünftigen Wohnortes des Kindes ist ein schwieriges Thema in der Mediation. Hier bedarf es Sensibilität und Erfahrung seitens der Mediatoren. Oft kann diese Frage in der Mediation jedoch nicht geklärt werden. Es können aber die Modalitäten (Umgang, Finanzen etc) für beide Optionen - eine Rückführung bzw. Nicht-Rückführung - erarbeitet werden. Die endgültige Entscheidung trifft der/die RichterIn.

Auf solche »HKÜ Mediationen«, die parallel zu HKÜ Verfahren stattfinden, sowie Mediationen zu internationalen Sorgerechtsdisputen sind MiKK Mediatoren spezialisiert. Sie haben hierfür eine besondere 50-stündige MiKK Fortbildung durchlaufen. Oftmals hatte der zurückgebliebene Elternteil wochen- oder monatelang keinen Kontakt mit dem Kind. In der Mediation wird auch die Frage des Umgangs während der Mediation bzw. des HKÜ Verfahrens thematisiert. Umgang mit dem Kind ist in fast allen Fällen das dringlichste Bedürfnis des zurückgebliebenen Elternteils. Oft findet der Umgang direkt im Anschluss an die erste Mediationssitzung statt. In der Regel hat dies eine positive Auswirkung auf den Verlauf der Mediation. Der Fokus der Eltern kann hierdurch auf das gemeinsame Kind gerückt werden und hilft den Eltern auf Elternebene miteinander zu kommunizieren.

 

Mediation aktuell: Wenn sich ein betroffener Elternteil an den MiKK wendet und diesen Ausgangsfall schildert: was und wie kann MiKK unterstützen und helfen?

Magdalena Jańczuk: Die Eltern, die sich an MiKK wenden, haben oft keine genaue Vorstellung, was genau eine Mediation ist. MiKK berät sie zu den Vorzügen, den Prinzipien und dem Ablauf einer Mediation und verweist in Kindesentführungsfällen auf das HKÜ und den internationalen Rechtsrahmen.

Im nächsten Schritt nimmt MiKK Kontakt mit dem anderen Elternteil auf. Als neutrale Stelle und Prä-mediationsdienst, kontaktiert und berät MiKK nach Möglichkeit immer beide Eltern. Die Informationen der Eltern werden vertraulich behandelt. Auch mit den AnwältInnen (sofern mandatiert) führt MiKK Gespräche im Vorfeld, wenn möglich. Die Unterstützung der AnwältInnen ist von zentraler Bedeutung – sowohl für die Mediationsbereitschaft der Eltern, als auch im Hinblick auf die anwaltliche Prüfung einer Abschlussvereinbarung.

Schwierig ist es in Fällen, in denen, wie im Fallbeispiel, der entführende Elternteil nicht erreichbar oder gar untergetaucht ist mit dem Kind. Hier versucht MiKK, die betroffenen Eltern dennoch so weit wie möglich zu unterstützten, den Kontakt zu halten und an relevante andere Stellen zu verweisen. In einem Iran-USA Kindesentführungsfall, z.B. gelang es MiKK durch Kontaktaufnahme zu einer anderen Organisation die Adresse des Vaters und des entführten Kindes in den USA zu ermitteln. Die Kindesmutter hatte über mehrere Jahre keinen Kontakt zu beiden gehabt. Auch kann MiKK Betroffene miteinander in Kontakt bringen, deren Kinder in die gleichen Länder entführt worden sind. Die zurückgebliebenen Eltern in diesen Situationen sind verzweifelt und fühlen sich hilflos –hier kann ein Austausch mit anderen Betroffenen nicht nur eine wichtige moralische Unterstützung bieten, sondern auch dem gegenseitigen Informationsaustausch dienlich sein. Dies trifft auch in Fällen von Kindesentführungen und Sorgerechtdisputen zu, in denen es keinen internationalen Rechtsrahmen gibt, wie z.B. in Ländern der islamischen Welt. Hier ist die Situation sehr schwer für den zurückgebliebenen Elternteil. MiKK hat in den letzten Jahren vermehrt Anfragen mit muslimischem Bezug erhalten – z.B. mehrere Kindesentführungen in den Libanon. Hier bietet die Mediation vielleicht die einzige Chance eine Lösung im Interesse des Kindes herbeizuführen. Basierend auf einem MiKK Expertentreffen bi-kultureller und bi-lingualer Mediatoren und Fachkräfte mit Arabisch, Farsi, Türkisch und Dari hat MiKK ein Modul zu Mediation in Fällen mit muslimischem Bezug entwickelt, welches in Kürze im Rahmen eines Trainings angeboten werden wird.

 

Mediation aktuell: Mit welchem Prozedere beginnen die Aktivitäten von MiKK? Auf welches Netzwerk kann MiKK zugreifen?

Ischtar Khalaf-Newsome: Die Eltern kommen auf verschiedene Weise zu MiKK. Sie finden uns über die Website oder durch Empfehlung von AnwältInnen, Gerichten und der Zentralen Behörde Deutschlands (dem Bundesamt für Justiz). Letztere ist die für internationale Kindesentführungen und Sorgerechtsfällen (nach dem HKÜ) zuständige Behörde, mit der MiKK seit 2011 ein Rahmenvertrag hat. Bei nachgewiesener Bedürftigkeit der Eltern besteht in HKÜ Fällen die Möglichkeit eine Mediation durch die Zentrale Behörde zu finanzieren.

Wenn beide Eltern sich nach einer ausführlichen Beratung und Prä-mediation durch MiKK zu einer Mediation entschlossen haben und die Finanzierung geklärt ist (oftmals eine große Hürde), stellt MiKK ein auf jeden Fall spezifisch zugeschnittenes Co-Mediatorenteam zusammen und leitet die Mediation in die Wege. Termine und die Organisation von Räumlichkeiten werden von MiKK vorab geklärt.

In HKÜ Verfahren existiert hier ein besonderes Mediations-Modellprojekt, das vor ein paar Jahren von Richterin Sabine Brieger (AG Pankow-Weißensee) in Kooperation mit MiKK gestartet wurde. Hier erscheint ein MiKK Mediator zum Termin vor Gericht. Bei diesem sogenannten MiG (MiKK Mediatoren im Gericht)Projekt bestellt das Gericht einen MiKK MediatorIn zum Termin vor Gericht.  Der/die MediatorIn berät die Parteien vor Ort in den jeweiligen Sprachen der Eltern und beantwortet Fragen der Eltern zum Mediationsprozess. Die richterliche Ermutigung und der persönliche Kontakt zu dem/r MediatorIn ist hier ausschlaggebend  und die meisten Eltern entschließen sich während eines MiG Termins zu einer Mediation. Entschließen sich die Parteien eine Mediation durchzuführen, so findet diese in den darauffolgenden Tagen statt, vor dem zweiten Gerichtstermin, ca. 10 Tage später. Die Mediation ist also in die straffe 6-Wochenfrist eines Verfahrens integriert und es kommt zu keiner Verzögerung. MiKK stellt dieses Modell regelmäßig auf den HKÜ Richtertagungen vor, die zweimal pro Jahr von der Zentralen Behörde Deutschland veranstaltet werden. Das MiG Modell wird zunehmend von verschiedenen HKÜ Gerichten in Deutschland praktiziert.

Das MiKK Mediatorennetzwerk umfasst ca. 150 speziell ausgebildeten MiKK Mediatoren, die über das gesamte Bundesgebiet, sowie auch international verteilt sind. Die Mediatoren, die in MiKK Mediationen zum Einsatz kommen, mediieren in knapp 30 Sprachen. Für Mediationen mit japanischem Bezug besteht außerdem ein Kooperationsvertrag mit MediatorInnen einer Japanischen Bar Association Japan. Die Mediationen werden durch die japanische Zentrale Behörde finanziert. Eine ähnliche Kooperation wird derzeit mit Singapur verhandelt. Außerdem verfügt MiKK über ein Netzwerk von über 350 MediatorInnen weltweit. Vor kurzem konnte MiKK z.B. einen Mediation in einem Kindesentführungsfall nach Jordanien aus diesem globalen Netzwerk vermitteln.

 

Mediation aktuell: Wer wird beispielsweise für einen vergleichbaren Fall aus dem Pool eingesetzt? Welche besonderen Anforderungen an (welchen?) Skills müssten MediatorInnen hier erfüllen?

Ischtar Khalaf-Newsome: Dem MiKK »4 B« Co-Mediationsmodell zufolge (bi-kulturell, bi-lingual, bi-professionell und beide Geschlechter) werden die Co-mediatorInnen passend zu dem sprachlichen und kulturellem Hintergrund der Eltern ausgewählt. In einem solchen Fall käme demzufolge ein polnisch-deutschsprachiges, bi-kulturelles Mann/Frau Team, mit bi-professionellem Berufshintergrund (juristisch/psycho-sozial) zum Einsatz. Interkulturelle Kompetenz, die richtige Haltung und Fremdsprachenkenntnisse sind die wichtigsten Anforderungen für MediatorInnen in solchen Fällen. Die MiKK Co-MediatorInnen sind also mit den Kulturen der Eltern vertraut, beherrschen die gemeinsame Sprache der Medianten, sowie in der Regel auch die jeweilige/n Muttersprache/n der Eltern. Das MiKK Mediationsmodell ist international anerkannt und wird von dem Leitfaden zu Mediation, herausgegeben von der Haager Konferenz für Internationales Privatrecht (HCCH), empfiehlt als ideales Modell für Mediationen in internationalen Kindschaftskonflikten empfohlen.[2]

Voraussetzung für eine Aufnahme in den MiKK Mediatoren-Pool ist der erfolgreiche Abschluss eines 50 stündigen Cross-Border Family Mediation Trainings (CBFM).  MiKK bietet dieses Training auf Deutsch und auf Englisch an. Erst vor zwei Wochen schlossen 21 Teilnehmern aus 11 Ländern (u.a. aus Singapur, Schweden, USA, Japan, Spanien) das diesjährige CBFM Training auf Englisch mit Erfolg ab. Ein weiteres CBFM Training veranstaltet MiKK im November in Singapur in Kooperation mit der Singapore Law Society.

Die als MiKK MediatorInnen registrierten und für internationale Kindschaftskonflikte empfohlenen MediatorInnen müssen durch Ausbildung, Zertifizierung und laufende Fortbildung nachweisen, dass sie den Prinzipien, Standards und dem hohen Qualitätsanspruch, die an Mediation bei internationalen Kindschaftskonflikten gestellt werden, gerecht werden. Sie verpflichten sich, die ethischen Standards und die Regeln des EU Verhaltenskodex zu respektieren.

 

Mediation aktuell: Gibt es vergleichbare Fallkonstellationen mit welchem Ausgang?

Ischtar Khalaf-Newsome: Die Fallkonstellationen der bei MiKK eingehenden Anfragen gestalten sich sehr unterschiedlich. Ebenso gibt es ein breites Spektrum an Lösungen die Eltern in Mediationen bei Kindesentführungsfällen geschlossen haben.  In manchen Fällen hat der zurückgebliebene Elternteil dem Verbleiben des Kindes zugestimmt und dafür von dem anderen Elternteil großzügige Umgangsregelungen für die Schulferien und Wochenenden zugestanden bekommen. Sprachunterricht und Aufrechterhaltung der Kultur des anderen Elternteils sind andere Aspekte die hier von zentraler Bedeutung. In einigen wenigen anderen Fällen haben sich die Eltern auf den Umzug in ein drittes Land einigen können. In Fällen, in denen sich die Eltern für eine Rückkehr des Kindes entschieden hatten, halfen die Mediatoren ihnen eine Vereinbarung zu treffen, die dem rückkehrenden Elternteil eine »weiche Landung« garantieren. Es muss z.B. geklärt werden, bei welchen Elternteil das Kind zunächst wohnen soll, bis eine Sorgerechtsentscheidung des Gerichts im Heimatstaat ergangen ist und wie sich der Umgang und der Unterhalt gestaltet. Wie wichtig eine Mediation zur Regelung der Modalitäten für diese Zwischenphase ist, hat MiKK von (in diesen Fällen) Müttern erfahren, die nach der Rückkehr einen besorgniserregenden Bericht erstatten: ihnen wurde nur sporadischer oder gar kein Umgang mit den Kindern gewährt, sie erhielten keinerlei finanzielle Unterstützung und waren gewissermaßen obdachlos, da eine Rückkehr in das ehemalige Familienhaus nicht in Frage kommt. Die Mediationsbereitschaft des anderen Elternteils ist für diese Phase nach der Rückkehr leider oft sehr gering.

 

Mediation aktuell: Wie haben sich vergleichbare Fälle mit Kindesentführungen in und aus diesem angrenzenden Nachbarstaat aktuell entwickelt? Wo und wie können sich interessierte MediatorInnen darüber informieren oder wie sich weiterbilden lassen?

Magdalena Jańczuk: Besonders im letzten Jahr sind bei MiKK die Fälle mit polnisch-deutschem Bezug erheblich angestiegen. Auch nach Angaben der Zentralen Behörde Deutschland liegt Polen für Kindesentführungsfälle (eingehend und ausgehend) mit Bezug zu Deutschland klar an der Spitze. Auch bei MiKK sind die Anfragen mit Polnisch-Deutschem Bezug angestiegen. Aus diesem Grund und anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der »Breslauer Erklärung« zur internationalen Kindschaftsmediation veranstaltet MiKK am 26th-27th October 2017 ein Polnisch-Deutsches Symposium zu Mediation bei internationalen Kindschaftskonflikten in Warschau. Das Symposium richtet sich an Mediatoren, RechtsanwältInnen, RichterInnen, Verfahrensbeistände, PsychologInnen und andere Interessierte. Es wird von den Justizministerien und Zentralen Behörden beider Länder unterstützt. Vertreter der Ministerien beider Länder sind als Sprecher geladen, sowie eine Anzahl von Experten aus dem Bereich internationaler Kindschaftskonflikte aus Polen, Deutschland und Großbritannien. TeilnehmerInnen haben die Gelegenheit, ihr Wissen in einer Reihe von interaktiven Workshops zu vertiefen und sich auszutauschen. Die Vorträge im Plenum sowie einige Workshops werden simultan übersetzt. Das derzeitige Programm ist auf der MiKK Website zu finden.

Das nächste CBFM Training (Modul 2) auf Deutsch findet vom 10-13.11.2017, das Modul1 vom 13.04-15.04 2018 in Berlin statt. Die Module können in beliebiger Reihenfolge absolviert werden.

Das nächste CBFM Training auf Englisch ist für September 2018 geplant. Die Termine werden auf der MiKK Website veröffentlicht werden.

MiKK veranstaltet auch regelmäßig interessante Themenabende und »Ongoing Trainings« für Mediatoren und andere Interessierte.

Die Details zu allen Veranstaltungen befinden sich auf der MiKK Website.

 

Mediation aktuell: Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Unsere Interviewpartnerinnen

 

  Ischtar Khalaf-Newsome

 

Ischtar Khalaf-Newsome

Leiterin der Beratungsstelle des MiKK e.V.,

Juristin (Family Lawyer, England & Wales), 

Pädagogin, Mediatorin.

E-Mail: info@mikk-ev.de

 

 

Magdalena Jańczuk, MiKK

Magdalena Jańczuk,

Beraterin, Sachbearbeiterin und Assistentin des Vorstands, Mediatorin

E-Mail: info@mikk-ev.de

 



[2] Leitfaden Mediation, Hague Conference on Private International Law, (HCCH)2012, p.64ff.

 

 

 

 

Literaturempfehlung 
Paul, Kiesewetter: Cross-Border Family Mediation
Paul, Kiesewetter
International Parental Child Abduction, Custody and Access Cases
Second and updated edition
Details
26,80 €incl. MwSt.
Broschiert, 240 Seiten, im August 2014 erschienen
Friedman, Himmelstein: Konflikte fordern uns heraus
Friedman, Himmelstein

Mediation als Brücke zur Verständigung
mit je einem Vorwort von Lis Ripke und Gisela und Hans-Georg Mähler

Details
38,80 €incl. MwSt.
Broschiert, 346 Seiten, im September 2013 erschienen
Milling: Storytelling - Konflikte lösen mit Herz und Verstand
Milling

Eine Anleitung zur Erzählkunst mit hundertundeiner Geschichte

Details
34,95 €incl. MwSt.
Gebunden, 268 Seiten, am 24. Juni 2016 erschienen