NRW-Projekt Integration: Kommunale Konfliktmanagementsysteme

Integration
NRW-Projekt Integration: Kommunale Konfliktmanagementsysteme

Ein Modellprojekt mit Vorbildfunktion auch für andere Bundesländer

Bochumer Aufruf

Flucht, Einwanderung und Integration bestimmen auch 2016 die öffentliche und politische Agenda und stellen die staatlichen, kommunalen und zivilgesellschaftlichen Verantwortungsträger weiterhin vor große Herausforderungen. Verschärfend kommt hinzu, dass das positive Integrationsklima bröckelt:

Studien wie „Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit“ (PN 1517600, Universität Bielefeld) zeigen eine deutliche Polarisierung innerhalb der Gesellschaft sowie einen Anstieg integrationsfeindlicher Einstellungen.

Diese Tendenzen sind auch im Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen zu erkennen. Die Sprengkraft und Gefahr für das Einwanderungsland Deutschland zeigt sich immer wieder in gewaltsamen Angriffen und Ausschreitungen, wie beispielsweise im September 2016 in Bautzen. 

 

1. Status Quo

Kommunen sind in diesem Kontext in besonderer Weise gefordert: Denn neben der Bewältigung vieler konkreter Aufgaben, wie beispielsweise der Bereitstellung von Unterkünften und Bildungsangeboten für Geflüchtete, sind Städte und Gemeinden als Orte des alltäglichen Zusammenlebens von zentraler Bedeutung für eine gelingende Integration und für ein gutes Miteinander aller Bevölkerungsgruppen. Aber gerade im alltäglichen Miteinander gibt es viele unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse, treffen viele unterschiedliche Sichtweisen und kulturelle Prägungen aufeinander und es können Missverständnisse, Kommunikationsprobleme, Konflikte und Konkurrenzen entstehen, die zu einer polarisierenden und erodierenden (Stadt-) Gesellschaft führen. Es entscheidet sich also vor Ort, ob diese Herausforderungen im Dialog mit der Bevölkerung bewältigt werden können und inwieweit gesellschaftlicher Zusammenhalt langfristig bestehen bleibt.

Aus Gesprächen mit kommunalen Vertretern aus den Standorten der 53 Kommunalen Integrationszentren ist bekannt, dass die verantwortlichen Personen in Kommunen und bei sozialen Trägern auf diese Situation nicht ausreichend vorbereitet sind. Die Strukturen zur Bewältigung der Herausforderungen werden gerade erst aufgebaut und es mangelt an gut qualifiziertem Personal. Dabei verschärfen Handlungs- und Zeitdruck bestehende Spannungsfelder. Gerade im Umgang mit schwierigen und konfliktbeladenen Situationen im Prozess der Integration fehlt es Kommunen an Erfahrungen und Kenntnissen.

Ein Beispiel für einen typischen kommunalen Konflikt ist die Frage der – temporären oder dauerhaften – Unterbringung von Geflüchteten. Häufig werden die Anwohner nicht über die Pläne der Kommunen informiert und werden in ihrem privaten Umfeld mit Menschen fremder Herkunft konfrontiert, die in Sammelunterkünften oder öffentlich gefördertem Wohnraum untergebracht sind. Ebenso selten werden Geflüchtete auf die spezifische Situation und mögliche Vorbehalte in ihrem neuen Wohnumfeld vorbereitet. Die dadurch entstehenden Konflikte werden oft „gelöst“, ohne die Betroffenen in die Lösung einzubeziehen. Zudem kommt es immer stärker zu Legitimationsproblemen zwischen Lösungen, die für Neuzuwandernden Menschen gesucht werden und der weiterhin bestehenden Aufgabe, Chancenstrukturen für Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation zu verbessern. In diesem gesamten Kontext sind weitere schwelende Konflikte und Eskalationen sind der Regel unvermeidlich.

Konkret benötigen Kommunen also Unterstützung dabei, Abläufe und Arbeitsfelder der Integration »konfliktfester« zu gestalten, d.h. Probleme möglichst frühzeitig zu erkennen und Konflikte niedrigschwellig und interessenorientiert zu bearbeiten bzw. eskalierte Konflikte professionell bearbeiten und lösen zu können.

 

2. Projektziele

Vorrangige Zielsetzung des Projekts ist es, das Integrationsklima positiv zu wenden und den Zusammenhalt in der Einwanderungsgesellschaft zu stärken.

Dabei zielt das Projekt darauf ab,

  • mindestens sechs Kommunen in NRW im Hinblick auf ihr Integrationsmanagement umfassend konfliktfähig zu machen, indem nachhaltige Strukturen zur Konfliktregelung aufgebaut werden;
  • in weiteren zehn Kommunen Schlüsselpersonen durch eine umfassende Qualifizierung und Begleitung in die Lage zu versetzen, auftretende integrationsbezogene Konflikte möglichst präventiv und frühzeitig zu erkennen und niedrigschwellig zu bearbeiten;
  • darüber hinaus Materialien zu entwickeln, Schlüsselpersonen zu qualifizieren und Strukturen zu etablieren, um das Angebot allen Kommunen in NRW zugänglich zu machen.

 

3. Projektbeschreibung

 Das Projekt geht das Ziel, möglichst viele konfliktfähige Kommunen in NRW zu etablieren, strategisch durch drei Maßnahmen unterschiedlich intensiver Befassung an, die ineinandergreifen:

3.1 Maßnahme 1: Sieben Kommunen erfahren eine nachhaltige Qualifizierung und werden intensiv bei der Umsetzung eines kommunalen Konfliktmanagementsystems begleitet.

Die im Rahmen eines Bewerbungsverfahrens ermittelten Städte

  • Duisburg,
  • Hamm,
  • Solingen,
  • Herne und
  • Soest

sowie die Landkreise

  • Ennepe-Ruhr-Kreis und
  • Rhein-Erft-Kreis

nehmen an diesem Projekt teil.

Kernelement dieser Maßnahme ist der Weiterbildungsstudiengang »Integrations- und Konfliktmanagement« -  eine berufsbegleitende Weiterbildung durch die Akademie der Ruhr-Universität Bochum. In ihr werden zwölf Schlüsselpersonen aus den sieben ausgewählten Städten und Landkreisen in NRW sowie zwei Mitarbeiter der LaKI gemeinsam mit vierzehn erfahrenen Mediatoren über einen Zeitraum von 18 Monaten zu zertifizierten »Integrations- und Konfliktmanagern« ausgebildet. Die Beauftragten aus den Kommunen bringen ihre konkreten Problemstellungen und ihr Know-how aus dem Feld Einwanderung und Integration ein, die externen Berater ihr professionelles Know-how in Mediation, Organisationsentwicklung, Supervision oder Coaching. Gemeinsam, in festen Tandems, lernen sie, ihre Expertise auf konkrete interkulturelle Problemstellungen anzuwenden und ein Repertoire an Handlungsmöglichkeiten zur Bewältigung interkultureller Problemstellungen in Kommunen aufzubauen.

Die Ausbildung umfasst fünf Module, die u.a. Grundlagen interkultureller Arbeit, systemische Organisationsberatung, Kommunikations- und Konfliktmanagement sowie die Gestaltung von Dialogprozessen beinhalten. Die  Ausbildung ist stark praxisorientiert und auf die Umsetzung konkreter Ansatzpunkte in den Kommunen fokussiert: Zu Beginn der Ausbildung wird in einem »Konfliktmapping« in jeder Kommune eine zentrale Problemstellung identifiziert. In den Tandems werden darauf bezogene Maßnahmen geplant und durchgeführt. Die professionellen Mediatoren sind dabei dazu verpflichtet, im Gegenwert für die Teilnahme an der Ausbildung die Beauftragten aus den Kommunen im Tandem zehn Tage bei der Umsetzung zu begleiten. Zum Ende der Maßnahme soll in jeder Kommune eine konkrete Maßnahme umgesetzt und das Design eines umfassenden „Konfliktmanagementsystems“ für jede Kommune erstellt sein.

Die kommunalen Vertreter der teilnehmenden Kommunen werden  im Rahmen von Netzwerktreffen miteinander in Kontakt gebracht, um sich über Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen.

Im Rahmen der Weiterbildung und der konkreten Umsetzung in den Kommunen wird so miteinander ein umfassendes Handbuch entwickelt, das Schritt für Schritt aufzeigt, wie die Einrichtung effektiver Konfliktmanagementsysteme vor Ort gelingen kann. Herausforderungen und Fallbeispiele werden hier mit konkreten Lösungsvorschlägen und sogenannten »best-practice«-Beispielen versehen.

Durch die Erstellung von kommunalen Publikationen in mehreren Sprachen werden zudem spezifische Fallbeispiele aus Kommunen verbreitet und es werden für alle Bürgerinnen und Bürger, insbesondere auch für geflüchtete Menschen, Lösungen und Anlaufstellen zur Konfliktlösung aus den jeweiligen Kommunen aufgezeigt.

3.2 Maßnahme 2: Zehn Kommunen erhalten eine Weiterbildung in interkulturellem Konfliktmanagement und werden bei der Umsetzung einer zentralen Maßnahme begleitet.

In dieser verkürzten Weiterbildung werden 20 Schlüsselpersonen (beispielsweise Integrationsbeauftragte oder Leitungen der Kommunalen Integrationszentren) aus zehn weiteren Kommunen dafür qualifiziert, in ihren Kommunen Verfahren der Konfliktregelung umzusetzen. Im Rahmen der berufsbegleitenden Weiterbildung werden sie durch folgende Bausteine unterstützt:

Ihnen wird das Handbuch mit Praxisbeispielen, das während der Ausbildung »Integrations- und Konfliktmanagement« (Maßnahme 1) entwickelt wurde, zur Verfügung gestellt.

Sie werden durch die im Rahmen der in Maßnahme 1 zertifizierten kommunalen »Integrations- und Konfliktmanager« der LaKI bei der Umsetzung einer konkreten Maßnahme in ihrer Kommune begleitet und gecoacht.

Bei Bedarf und im Konfliktfall können sie auf die zertifizierten interkulturellen Mediatoren zugreifen, für die ein Kontingent an Verfügungstagen eingeplant ist.

3.3 Maßnahme 3: Die Leitungen der Kommunalen Integrationszentren aller übrigen Kommunen in NRW werden in einer internen Fortbildung der LaKI in interkultureller Konfliktbewältigung beraten und begleitet.

In NRW sind inzwischen in 53 von 54 Kommunen kommunale Integrationszentren installiert. Die KI werden von der LaKI beraten und koordiniert. Alle diese Kommunen erhalten eine interne Fortbildung der LaKI, auf der Basis des in Maßnahme 1 erstellten Handbuchs. Bei Bedarf und im Falle der Umsetzung einzelner Vorhaben in ihren Kommunen erhalten sie eine spezifische Beratung durch die zertifizierten kommunalen »Integrations- und Konfliktmanager« der LaKI. Auch diese Kommunen können im Konfliktfall auf die im Rahmen der Ausbildung zertifizierten interkulturellen Mediatoren zugreifen, müssen sie allerdings aus ihren eigenen Mitteln honorieren.

Im Rahmen des Projektes sollen zudem drei Konferenzen stattfinden, die sich an Akteure in allen Kommunen Nordrhein-Westfalens richten. Bereits während der Projektlaufzeit sollen so die Maßnahmen bekannt gemacht und Erkenntnisse zur Verfügung gestellt werden.

Das Projekt soll von der »Landesweiten Koordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren« (LaKI) als Expertin für kommunale Integrationsarbeit in Kooperation mit der Forschungsgruppe »Konfliktmanagement« der Akademie der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt werden. Diese Kooperation verspricht für das Projektvorhaben größtmögliche Professionalität und sich ergänzende Expertisen: Die LaKI bringt umfassendes Wissen und Kompetenzen in Bezug auf die aktuellen Integrationsherausforderungen, den Umgang mit und die Bedarfe in den Kommunen mit und wird von den Kommunen als kompetenter Akteur in allen Integrationsfragen anerkannt und geschätzt. Die Forschungsgruppe »Konfliktmanagement« der Akademie der Ruhr-Universität bringt langjährige und weitreichende Erfahrungen in den Themenfeldern systemische Mediation und Konfliktmanagement sowie der praxisnahen Ausbildung und Begleitung von Veränderungsprozessen mit.

Die LaKI koordiniert das Gesamtvorhaben (Steuerung der Ansprache und des Netzwerks der Kommunen sowie Transfer in NRW etc.) und erarbeitet mit der Akademie der Ruhr-Universität Bochum gemeinsam die integrationsbezogenen Inhalte der Ausbildungsmodule. Die Akademie der Ruhr-Universität Bochum bildet die teilnehmenden Personen aus und begleitet die Prozesse in den Kommunen.

Es handelt sich um ein Pilotvorhaben mit insgesamt 16 Kommunen aus NRW, das vorerst auf 2,5 Jahre begrenzt ist. Die Auswahl der Kommunen erfolgt durch eine Ausschreibung und direkte Ansprache anhand verschiedener Kriterien, wie beispielsweise bestehenden Erfahrungen im Themenfeld, dem politischen Willen, das Thema anzugehen sowie der Bereitschaft, die Projekterkenntnisse nachhaltig in den Kommunen zu implementieren. Eine Evaluation soll die Wirksamkeit der Maßnahmen messen.

4. Fazit

Durch die im Projekt durchgeführten Maßnahmen werden Kommunen systemisch und nachhaltig auf den konstruktiven und lösungsorientierten Umgang mit Vielfalt vorbereitet. Mit der Qualifizierung von Schlüsselpersonen im System wird ein bewährter Ansatzpunkt gewählt, der es gestattet, Kompetenzen, Verfahren und Strukturen nachhaltig aufzubauen und langfristig in Kommunen zu implementiert. Die erarbeiteten Fortbildungskonzepte und -module stehen dabei über die Projektlaufzeit hinaus zunächst für den Transfer in andere Kommunen in NRW zur Verfügung, können aber daran anschließend auch in anderen Bundesländern zur Verfügung gestellt werden.

 

 

 

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