Der ÖBM und die Zukunft der Mediation

Die Zukunft der Mediation
Der ÖBM und die Zukunft der Mediation

Die Perspektiven des Österreichischen Bundesverbands für Mediation (ÖBM)

(Langfassung des Interviews aus der SdM 70 - S. 10)

ÖBM

Die Evaluierung des deutschen Mediationsgesetzes hat in der Branche zahlreiche Diskussionen ausgelöst. In Österreich ist das Mediationsgesetz seit 2004 in Kraft - damit besteht ein Erfahrungsvorsprung. Am Rande einer Veranstaltung konnten erste Eindrücke über die Evaluationsstudie vom Präsidenten des Österreichischen Bundesverbands für Mediation (ÖBM), Dr. Herbert Drexler (H.D.), sowie von der Leiterin des Wissenschaftsbeirats des ÖBM, Mag. Martina Schwind (M.S.), unter Mitwirkung von Dr. Karl Kreuser erfragt werden. Sie bewerten die Entwicklungspotentiale der Mediation aus österreichischer Sicht und Erfahrung.

Hat das Mediationsgesetz aus Ihrer Sicht die Qualität und Bekanntheit von Mediation in Österreich verändert?

Dr. Drexler: Ja, mit dem Gesetz erhielten wir eine Ausbildungsverordnung, die eine einheitliche und qualitativ gute Ausbildung ermöglicht hat. Anfangs war es auch ein hoher Motivationsfaktor, sich dieser umfangreichen Ausbildung zu unterziehen, um dann in die Mediatorenliste eingetragen zu werden.

Mag. Schwind: Mit der Einführung des Gesetzes war Mediation in den Medien stark präsent. Das hat ihre Bekanntheit und Image in Österreich spürbar gefördert.

Hat sich durch das Gesetz die Auftragslage für MediatorInnen wesentlich verändert?

Mag. Schwind: Die Mediationsszene hat sich damals mehr Aufträge erhofft, als dann tatsächlich entstanden sind. Heute ist Mediation durchaus etabliert. Sie wird auch von den Gerichten unterschiedlich genutzt. Gelegentlich nicht unbedingt mit der Absicht, Konsens mediativ zu erzielen, sondern damit die Parteien einen etwas förderlicheren Umgang miteinander pflegen, der das dann folgende Gerichtverfahren erleichtert. Berücksichtigt man die Gesamtzahlen von Mediationen, spielt die Mediation gerichtsanhängiger Fälle in Österreich eher eine untergeordnete Rolle. Der allgemeinen Akzeptanz der Mediation als seriöses Streitbeilegungsinstrument ist die Nutzung der Mediation von Gerichten natürlich sehr förderlich.

Dr. Drexler: Die ausbleibenden Aufträge zeigen sich auch darin, dass mittlerweile die Anzahl der »eingetragenen Mediatoren« stagniert. Es scheint nach knapp 15 Jahren nicht mehr so attraktiv zu sein, sich als Mediatorin oder Mediator eintragen zu lassen oder die Eintragung zu verlängern. Den erhofften Auftragsschub hat das Gesetz nicht gebracht.

Was sind Ihre ersten Eindrücke über die Ergebnisse der deutschen Evaluationsstudie? Sehen Sie Parallelen zu Österreich?

Mag. Schwind: Natürlich ist die Rechtslage durch die beiden Gesetze nicht identisch. Wenn man davon jedoch absieht, ist die Situation in Österreich in vielen Punkten vergleichbar.

Dr. Drexler: Das ist bei uns ähnlich, besonders die zu geringe Nachfrage nach Mediationen wie auch die Honorarstruktur.

Welche Zukunftsstrategien verfolgt der ÖBM zur Unterstützung der Mediation?

Dr. Drexler: Wir werden uns sicher viel intensiver mit der Professionalisierung von Mediation auseinander setzen müssen. Wir sollten Mediation mehr als Dienstleistung und weniger als eine Methode betrachten.

Mag. Schwind: Es geht auch um Empowerment der Mitglieder, sie also als Verband zu befähigen und zu begleiten, ihre Märkte intensiver zu erschließen. Die deutsche Studie zeigt ja auch: ein Gesetz allein generiert noch keine Aufträge.

Dr. Drexler: Wir glauben, dass es vor allem zu einem Wandel in der Wahrnehmung der Mediation kommen muss. Mediation als professionelle Dienstleistung, als eigenständiger (!) Wissenschaftsbereich in dem geforscht und auch gelehrt wird. Es besteht noch ein Mangel von in der Öffentlichkeit bekannten MediatorInnen als »Gallionsfiguren«, mit denen eine breite Öffentlichkeit diese Dienstleistung und Wissenschaft identifizieren kann. Damit würde Vertrauen in das Verfahren geschaffen und die Akzeptanz erhöht  - wie beispielsweise in der Psychotherapie durch Freud, Frankl etc..

In diesem Sinne sollte

- Mediation auf universitärem Boden intensiver wissenschaftlich erforscht werden,

- für Mediation eine intensivere Öffentlichkeitsarbeit nicht mit der Methode alleine, sondern mit »Leitfiguren« und Erfolgsgeschichten gemacht werden und

- bei Gerichten könnte es im Vorfeld zumindest eine Verpflichtung zu einem Erstgespräch über Mediation geben, denn verpflichtende Mediation würde nach unserer Ansicht ihrem Wesen widersprechen.

 

Dr. Herbert Drexler ÖBM-Präsident

 

Dr. Herbert Drexler (H. D.)

Präsident des Österreichischen Bundesverbandes für Mediation (ÖBM)

 

Mag. Martina Schwind (M.S.)

Mag. Martina Schwind (M.S.)

Leiterin des Wissenschaftsbeirats des ÖBM

 

 

ÖBM - Österreichischer Bundesverband für Mediation

Lerchenfelderstraße 36/3, 1080 Wien

Tel.:  +43 699 1507 6010

email: herbert.drexler@oebm.at

Web: www.öbm.at

 

 

 

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