Die öffentliche Nutzung eines Naturschutzgebietes Teil 1 | Fachartikel | Mediation aktuell

Die öffentliche Nutzung eines Naturschutzgebietes Teil 1

Mediation und Praxis
Die öffentliche Nutzung eines Naturschutzgebietes Teil 1

Eine Großgruppenmediation mit Jack Himmelstein und Gary Friedman

von Jürgen G. Heim

Gary Friedman und Jack Himmelstein

 

 

Eine Mediation mit vielen Beteiligten stellt Mediatoren wie Medianden vor große Herausforderungen. Unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse prallen aufeinander, das Konfliktpotential ist meist groß. Alle beteiligten Medianden sollen gefunden, gleichberechtigt behandelt und gehört werden. Gelingt dies im Rahmen des Mediationsverfahrens nicht, wird die erfolgreiche Zusammenarbeit unwahrscheinlich.

Lesen Sie, wie Jack Himmelstein und Gary Friedman den Konflikt um ein Naturschutzgebiet mit vielen Beteiligten und unterschiedlichsten Bedürfnissen und Interessen bearbeitet haben und erhalten Sie Einblicke in die Vorgehensweise dieser bekannten Mediatoren über alle Phasen der Mediation hinweg. In den wörtlich wiedergegebenen Dialogen aus ihrem Beststeller »Konflikte fordern uns heraus« (»Challenging Conflict«). finden Sie mediative Kommunikationstechniken und Arbeitsweisen für Ihre Praxis.

  

 

1. Zum Sachverhalt

Kimberley, eine 70-jährige aktive Naturschützerin, hatte ein 160 Hektar großes, bisher unberührtes Landstück aus ihrem alten Familienbesitz einer gemeinnützigen Umweltorganisation gestiftet. Rund herum war eine intensive Bebauung im Gange. Sie befürchtete, der enorme Wertanstieg würde die Umweltorganisation dazu verleiten, das wertvolle Naturschutzgebiet an Investoren und Grundstücksentwickler zu verkaufen. Kimberleys Auflage war, dieses Land für alle Zeit unbebaut zu lassen. Zu diesem Zweck stellte die Organisation einen eigenen Unterausschuss zusammen, der dieses Landstück betreute.

Zwischen dem Vorstand der großen Umweltorganisation, zu dem auch einige von Kimberleys Freunden zählten, und dem Unterausschuss entstand ein Streit: Die aktiven Ausschussmitglieder setzten sich dafür ein, das Naturschutzgebiet für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Viele Menschen sollten dieses unberührte Land nutzen können. Die Vorstandsfreunde von Kimberley waren strikt dagegen, das Land sollte nicht angerührt werden. Selbst Kimberley saß zwischen den Stühlen. Sie war völlig verzweifelt und versuchte, zwischen beiden Seiten zu vermitteln.

Der Streit eskalierte: das Vertrauen zwischen Vorstand und Ausschuss fehlte und mehrere Personen sprachen nicht mehr miteinander.

In dieser Situation wurde Gary Friedman von einem Vorstandskollegen um eine Mediation gebeten.

2. Pre-Mediation

Wie verlief der erste Kontakt zwischen Mediator und Beteiligten?

Gary Friedman hielt das Erstgespräch absichtlich kurz. Da er großen Wert darauf legte, mit beiden Seiten ausgewogen zu kommunizieren, schlug er eine Telefonkonferenz mit einigen der maßgeblichen Leute aus dem Vorstand und dem Unterausschuss vor. In deren Verlauf wollte er über seinen Mediationsansatz sprechen und klären, ob und inwiefern er den Bedürfnissen der Beteiligten entsprach. Über den eigentlichen Konflikt sollte inhaltlich noch nicht gesprochen werden.

Zu Beginn der Telefonkonferenz herrschte ein ungemütliches Schweigen. Gary bat um eine kurze Vorstellungsrunde. Die acht Teilnehmer stellten sich und ihre Funktion in der Organisation vor, es knisterte vor Feindseligkeit. Gary beschrieb ein mögliches Mediationsverfahren und bat um ergänzende Fragen. Es folgte eisiges Schweigen.

Mediator: Gut, dann möchte ich Sie etwas fragen. Haben Sie wirklich Interesse an einer Mediation?

Kimberley: Wir können kaum miteinander sprechen. Das heißt, einige von uns reden tatsächlich nicht miteinander.

Mediator: Wenn Sie nicht miteinander sprechen wollen, dann bin ich möglicherweise nicht der richtige Mediator für Sie. Denn ich möchte, dass alle, die Entscheidungen treffen, zu Gesprächen in einem Raum zusammenkommen. Dort werden wir versuchen, die unterschiedlichen Sichtweisen zu verstehen und herauszufinden, ob Sie gemeinsam bereit sind, die Entscheidungen zu treffen, die Sie treffen müssen.

Kimberley: Am Telefon ist es schon schwer genug. Und falls es Ihnen entgangen sein sollte: Noch nicht einmal daran beteiligen sich alle von uns.

Mediator: Wer sollte Ihrer Meinung nach an einer Mediation teilnehmen?

Joe (ein Rechnungsprüfer): Wir können uns noch nicht einmal darüber einigen. Niemand ist bereit, die Entscheidungsbefugnis an jemand anderen abzutreten. Also nehme ich an, dass alle dabei sein sollten.

Mediator: Und wie viele Leute wären das?

Joe: Ungefähr dreißig. Glauben Sie, dass Sie damit zurechtkommen?

Mediator: Mit Ihrer Hilfe glaube ich, dass es funktionieren kann.

Gary gab diese positive Antwort, obwohl ihm bewusst war, wie schwer es sein würde, mit 30 Leuten, die einander nicht über den Weg trauten, in einem Raum zu arbeiten.

Er informierte über die Mediation und erbat Materialien über die Funktionsweise der Organisation und über die Hintergründe der Differenzen. Für die folgende Woche konnte ein erster Termin für ein gemeinsames Treffen festgelegt werden. Viele Themen standen zur Behandlung an. Aber die wichtigsten Fragen lauteten: Konnte diese Gruppe in Zukunft zusammenarbeiten? Was würde geschehen, falls das für sie unmöglich wäre?

3. Mediation Phase 1

Wie begann Gary Friedman die Mediation in den ersten Phase mit so vielen Beteiligten?

Am vereinbarten Tag war Gary früh vor Ort. Nach kurzer Zeit saßen alle Teilnehmer zusammen mit Kimberley in einem großen Kreis – der Mediator in der Mitte. Er sprach und erklärte zunächst das geplante Vorgehen. Im Raum war große Anspannung spürbar.

Mediator: Mein Ziel ist es herauszufinden, ob ich Ihnen helfen kann, gemeinsam Entscheidungen zu fällen. Von Ihnen wünsche ich mir, dass Sie herausfinden, ob Sie mit mir auf diese Weise zusammenarbeiten möchten. Zu Beginn würde ich gerne – vorausgesetzt, Sie sind dazu bereit – von möglichst vielen von Ihnen hören: Wie nehmen Sie Ihre gegenwärtige Position wahr und wie sind Sie an diesen Punkt gekommen. Bitte fassen Sie sich dabei kurz.

Nach langem Schweigen ergriff eine große, imposant wirkende Frau namens Ellen das Wort.

Ellen: Ich bin ein ziemlich ungeduldiger Mensch und habe von vielen hier die Nase voll. Dieser Organisation bin ich einmal in der Hoffnung beigetreten, dass ich meine Zeit nicht vergeuden würde. Aber ich musste feststellen, dass ich hier rein gar nichts erreichen kann. Der Ausschuss ist ein Verein von Schlafmützen. Und Kimberley, ich glaube nicht, dass Ihnen wirklich etwas daran liegt, dass die Öffentlichkeit das Naturschutzgebiet jemals nutzen kann.

Mediator: Das klingt, als seien Sie frustriert von der Art, wie die Dinge in dieser Organisation gelaufen sind. Ihre ursprüngliche Hoffnung, sich für etwas zu engagieren, für das sich Ihr Zeitaufwand lohnt, hat sich nicht erfüllt; insbesondere nicht die Öffnung des Grundstücks für die Öffentlichkeit. Und Sie sind der Ansicht, dass Kimberley einen großen Anteil daran trägt. Ist das so richtig?

Ellen: Nicht ganz. Es liegt nicht nur an Kimberley, sondern auch an all ihren Busenfreunden. Entweder unternehmen wir etwas, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, dieses Land zu nutzen oder ich wende mich an die Medien und lasse diese ganze Sache hochgehen.

Mediator: Für Sie geht also die Verantwortung dafür, dass die Öffentlichkeit keinen Zutritt hat, über die Person von Kimberley hinaus. Sie sind dermaßen frustriert, dass Sie in Erwägung ziehen, öffentlich Druck zu machen, damit es zu einer Öffnung des Gebiets kommt, etwa indem Sie die Presse informieren.

Ein kleinerer Mann namens Harold, ein Jurist Anfang fünfzig, mischte sich ein.

Harold: Genau das ist der Grund, weshalb wir so viel Ärger haben. Hitzköpfe wie Sie rennen in der Gegend herum und verspritzen Gift, obwohl Sie keine Ahnung haben, worum es bei diesem Naturschutzgebiet, seiner Geschichte und Kimberleys Vision wirklich geht. Sie wollen vor allem öffentliches Aufsehen erregen.

Mediator: Sind Sie frustriert, Harold, weil Sie das Gefühl haben, dass Angehörige des Unterausschusses nicht verstehen, was passiert?

Harold: Ich glaube, Ellen ist es vollkommen egal, ob sie gut Bescheid weiß. Es interessiert sie nicht, was die meisten Leute hier wirklich denken.

Mediator: Sie würden sich also wünschen, dass sie sich darum kümmert, was die anderen aus Ihrer Runde denken und auch, dass sie weiß, was wirklich los ist? Habe ich das richtig verstanden?

Harold: Eigentlich habe ich die Hoffnung darauf schon so ziemlich aufgegeben.

Mediator: Also ist es etwas, das Sie vielleicht einmal wollten, das aber inzwischen ziemlich unwahrscheinlich ist. Stimmt das jetzt so?

Harold: Leider ja.

Ein Mann mit grauem Bart namens John, ein Naturschützer im Ruhestand, machte sich bemerkbar.

John: Das Problem hat überhaupt nichts mit den Leuten hier im Raum zu tun. Ich lebe seit mehr als siebzig Jahren in diesem Wassereinzugsgebiet. Das Entscheidende ist, dass das Schutzgebiet das Herz eines sehr anfälligen Ökosystems ist. Wenn hier Leute einfallen, die wandern, Fahrrad fahren oder zelten, könnte es leicht zerstört werden. Es gibt viele seltene Pflanzen- und Tierarten, die verschwinden würden, wenn wir das Gebiet für alle öffnen.

Ellen: So lautet die Ausrede, um niemanden hereinlassen zu müssen! Dieser Logik zufolge wird es nie dazu kommen, dass andere Menschen das Land nutzen. Aber was bringt es, wenn sich niemand daran erfreuen oder davon lernen kann?

Mediator: Für John geht es darum, dass der Anfälligkeit des Ökosystems Rechnung getragen wird. Tiere und Pflanzen sollen weiterhin geschützt sein. Und Sie, Ellen, finden es essenziell, dass die Öffentlichkeit Zugang zum Schutzgebiet bekommt.

Nun mischte sich Kimberley ein; in ihrer Stimme schwang Frustration mit.

Kimberley: Sie verstehen wieder einmal nicht, Ellen, wie schnell das Land ruiniert sein könnte, sodass niemand mehr etwas davon hätte. Vielleicht wollen Sie es einfach nur in ein Siedlungsprojekt umwandeln, was Ihren Kumpeln aus der Baubranche zugutekäme.

Mediator: Kimberley, Sie befürchten also, dass das Gebiet letztendlich bebaut werden könnte?

Kimberley: Ja, das ist meine große Sorge. Als ich das Grundstück dieser Organisation stiftete und diesen Ausschuss gründete, hätte ich mir niemals träumen lassen, dass einmal der Feind in unseren eigenen Reihen stehen würde. Verdammt, ich werde doch nicht zusehen, wie dieses Land den Bach runtergeht! Ich habe auf mehrere Millionen Dollar verzichtet, um es zu erhalten! Und wenn hier jemals etwas gebaut werden sollte, dann nur über meine Leiche!

Phil, ein Ingenieur Ende Dreißig, ging dazwischen.

Phil: Das Problem ist, Kimberley: Es sieht so aus, als ginge es Ihnen vor allem um die Steuervorteile, die Sie aufgrund Ihrer Spende erhalten haben und als wollten Sie daran nichts ändern. Aber dies ist eine öffentliche Stiftung, der wir verpflichtet sind. Veränderungen gehören nun einmal zum Leben dazu, und Sie sollten sich besser damit abfinden. Sie können das Land nicht kontrollieren. Es gehört Ihnen nicht mehr.

Wie bei den anderen Sprechern auch, wollte Gary auch hier sichergehen, dass er Phils Beitrag verstanden hatte.

Mediator: Sie sind der Ansicht, Phil, dass sich das Schutzgebiet verändern muss, weil es nicht mehr Kimberleys Familie gehört. Sie finden, dass man die Bedürfnisse eines größeren Personenkreises in die Überlegungen einbeziehen müsste, wenn es um die Gestaltung der Zukunft geht.

Phil: Richtig. Das Gebiet muss mehr geöffnet werden.

Klar, Jungs, her mit den Bulldozern! Wir brauchen hier mehr Wohnungen!, höhnte Sam, der eine nahegelegene Obstplantage besaß und mit Kimberley befreundet war.

Mediator (zur Gruppe): Ich glaube, dass ich das Kernproblem nun verstehe. Lassen Sie mich versuchen, es so zu formulieren, dass Sie alle dieser Beschreibung zustimmen können.

4. Mediation Phase 2

Wie konnte der Mediator in der zweiten Phase die Streitpunkte herausarbeiten?

Gary suchte zunächst nach einer Formulierung, um das Problem zu fassen. Diese Formulierung sollte den Beteiligten helfen, den Konflikt gemeinsam durchzuarbeiten.

Entscheidend für die von ihm verwendete Technik des »framing« (etwas »einrahmen« oder in einem Rahmen fassen) war, den »Rahmen« umfassend genug darzustellen: allen vertretenen Sichtweisen sollte Raum gegeben werden, ohne dass sie einander ausschlossen. Jede Partei sollte feststellen können, dass ihre Sicht der Dinge richtig wiedergegeben wurde.

Würde Gary das Problem nur einseitig beschreiben oder eine bestimmte Sicht nicht berücksichtigen – zum Beispiel die wichtige Frage, wie die Umwelt zu schützen sei – wären viele Leute vor den Kopf gestoßen und der Mediator würde seine neutrale Position verlieren. Bei einer zu allgemeinen Beschreibung des Problems – etwa dass es nur um den Fortbestand der Organisation gehe – wäre dies nicht konkret genug, um den Kontext ihres Streits zu erfassen. Gary startete einen Versuchsballon.

Mediator: Die Frage lautet, wie der Zugang zum Naturschutzgebiet aussehen soll – wenn es überhaupt einen gibt. Und auf welche Art und Weise das Ökosystem dort geschützt werden soll. Stimmt das so?

Jane, eine Geschäftsfrau über fünfzig, antwortete leise.

Jane: Nicht ganz. Meines Erachtens ist das Grundproblem, was für eine Art von Zugang es geben sollte. Ich würde gerne von jedem einzelnen Anwesenden hören, wie er zu dieser Frage steht. Es sind viele Anschuldigungen und Anspielungen geäußert worden, aber wir haben nie eine echte Diskussion darüber geführt, bei der jeder offenlegt, wo genau er steht.

Ellen: Bravo! Ich würde das gerne ein für alle Mal klären und sehen, ob sich mein Verdacht bestätigt, dass eine ganze Reihe von Leuten hier nur den Status quo erhalten will. Jeder Plan für eine Erschließung soll blockiert werden, weil sie gar keine Pläne wollen.

Mediator: Sind andere auch der Ansicht, dass es sich lohnen würde, darüber zu diskutieren, was für eine Art von Zugang es geben sollte?

Mehrere Leute nickten zustimmend, aber Sam stieg Farbe ins Gesicht.

Sam: Nein, wir müssen die Umwelt unbedingt schützen! Der Zugang ist zweitrangig.

Mediator: Für Sie muss bei dieser Diskussion der Landschaftsschutz also als eine Grundbedingung berücksichtigt werden. Die Frage lautet, welche Art von Zugang ermöglicht werden sollte, bei der auch die Umwelt geschützt wird.

Sam: Sie haben es erfasst.

In dieser Frage war es zu einer Übereinstimmung gekommen, bei der sich jede Partei im Raum wiederfand. Zwar ging es bei dieser ersten Einigung nur darum, die Uneinigkeit zu bestimmen, doch es war es ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die Gruppe hatte bewiesen, in der Lage zu sein, sich zumindest darauf zu einigen, worin ihr Problem bestand. Es zeigte ebenso Garys Mediationsansatz: Die Mediation kommt voran, indem die Zustimmung aller Beteiligten eingeholt wird.

Die Spannung im Raum hatte sich nicht verflüchtigt, sondern sogar noch zugenommen: Das heikle und hochstrittige Problem war angesprochen und definiert worden. Die große Aufgabe des Mediators war es nun, dafür zu sorgen, dass alle Teilnehmer bei der Bearbeitung der Konfliktpunkte mitmachten. Die Herausforderung lag darin, sich über eine Lösung zu einigen, die alle zufriedenstellte.

Mediator: Dann hat jetzt jeder Gelegenheit zu erklären, wie er oder sie zur Frage von Zugang und Schutz steht. Ich bitte Sie, sich kurz zu fassen. Wenn jeder von Ihnen nur fünf Minuten spricht, würde es immer noch zweieinhalb Stunden dauern, bis jeder etwas gesagt hätte. Ich würde auch gerne eine bestimmte Vorgehensweise vorschlagen. Ist jemandem aufgefallen, was ich seit Beginn dieser Besprechung tue?

Ellen (scharf): Sie scheinen jedem in allem zuzustimmen.

Phil: Nein, das tut er nicht! Ich habe Sie genau beobachtet. Sie haben zu niemandem gesagt, dass er recht hat, und Sie haben uns auch nicht gesagt, was Sie denken. Aber Sie haben die allgemeine Erregung etwas gesenkt.

Mediator: Und wie habe ich das gemacht?

Phil: Indem Sie gegenüber jedem wiederholt haben, was er zuvor gesagt hat.

Jane: Nicht ganz. Ich glaube, er hat den Leuten gezeigt, dass er versteht, was sie sagen, ohne jemandem recht oder unrecht zu geben.

Mediator: Genau das habe ich versucht zu tun. Ich nenne das die »Schleife des Verstehens«, im Englischen »loop of understanding«. Durch das »Looping« zeige ich, dass ich verstehe, was jemand sagt, indem ich es mit eigenen Worten wiedergebe, und zwar so, dass der andere damit einverstanden ist.

Jane: Ich halte dieses »Looping« für sehr wirkungsvoll. Mir ist aufgefallen, dass ich beim Sprechen etwas gelassener wurde, nachdem Sie so vorgegangen waren. Und ich merkte, dass Sie verstanden haben, was ich sagte. Ich hoffe, Sie werden das auch weiterhin tun, weil ich glaube, dass es den Prozess verlangsamt und die Atmosphäre etwas entspannt.

Mediator: Das werde ich tun. Ich hoffe, dass wir ein Umfeld schaffen können, in dem ich mich bemühe zu verstehen, was jedem von Ihnen wichtig ist und in dem auch Sie besser verstehen, was Ihnen selbst wichtig ist. Zudem besteht dabei die Chance, dass Sie dann auch bereit sind, sich gegenseitig besser zu verstehen.

Ellen: Das klingt ja alles ganz nett, nur – was bringt uns das? Anscheinend haben wir vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von den Zielsetzungen und daran hat sich noch kein bisschen geändert.

 

Ellen hatte einen wichtigen Punkt angesprochen, den Medianden zu Beginn von Mediationsverfahren oftmals vertreten: Unterschiedliche Sichtweisen können schnell in eine Sackgasse führen. Gibt es also Gründe, unterschiedliche Sichtweisen zu fürchten?

Menschen, die durch einen Streit aus dem Gleichgewicht gebracht werden, haben Strategien, um Konflikte zu vermeiden. Andere Menschen versuchen ihr Gegenüber zu beherrschen, geben lieber auf oder nach, statt sich zu streiten. Wieder andere suchen nach einem schnellen Ergebnis oder nach Patentlösungen. Das Problem selbst wird unter den Teppich gekehrt. Dies führt bei den Beteiligten zu Unbehagen; der Konflikt wird bald wieder auftauchen. Die genannten Strategien helfen möglicherweise, die Unannehmlichkeiten eines Streits zu vermeiden. Aber sie haben ihren Preis.

Wie antwortete Gary Friedman als Mediator auf diesen Einwand von Ellen? Sind Widersprüche erlaubt? Wie können Sie als Mediator auf derartige Meinungsverschiedenheiten reagieren?

Lesen Sie in der Fortsetzung dieses Fachartikels, mit welchen Kommunikationstechniken Gary Friedman die Beteiligten bei ihrer Lösungssuche unterstützte. Konnten die über 30 Beteiligten ein Ergebnis, eine Lösung für ihren Konflikt finden?

Sie wollen gleich erfahren, wie dieser Mediationsfall weitergeht? Dann bestellen Sie das Grundlagenwerk von Jack Himmelstein und Gary Friedman »Konflikte fordern uns heraus – Mediation als Brücke zur Verständigung«, dem dieser Fall entnommen wurde, gleich hier.

Stimmen zum Buch

Immer wieder gibt es tief bewegende Dialoge zwischen den Autoren und den Medianden, die das Buch so lesenswert machen. ... Das ist vielleicht der größte Schatz dieses Buches: Die großen, erfahrenen Mediationstrainer Jack und Gary äußern ihr Mitgefühl und zeigen Fürsorge gegenüber den Medianden. Christoph C. Paul, Mediator BAFM, Rechtsanwalt und Notar, Berlin in ZKM 2014, 26

Das Herausragende an dem Buch sind die 10 Fallgeschichten. Alle Fallgeschichten werden lebensnah und gut nachvollziehbar geschildert. Längere Passagen mit Beschreibung der Mediation werden durch Originalzitate aus den Mediationsgesprächen ergänzt und mit theoriebasierten Erläuterungen zum Geschehen vervollständigt. So bietet das Buch einen perfekten Mix zwischen einem Einblick in unterschiedliche Mediationsfälle und theoretischen Aspekten zum verstehensbasierten Modell der Mediation. Rezension www.mediation-berlin-blog.de, 1.11.2013 von Dr. Christa D. Schäfer

Es ist beeindruckend zu sehen, wie konsequent der Mediator Himmelstein in den Fallbeispielen auf die Eigenverantwortung und Autonomie der Partner vertraut und wie er ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit wecken und konsolidieren kann. Insgesamt finde ich dieses Buch deshalb eine große Bereicherung der deutschsprachigen Mediationsliteratur. Prof. Friedrich Glasl in Perspektive Mediation 1/2014

Konflikte fordern uns heraus


 J. G. Heim