Die öffentliche Nutzung eines Naturschutzgebietes Teil 2

Mediation und Praxis
Die öffentliche Nutzung eines Naturschutzgebietes Teil 2

Eine Großgruppenmediation mit Jack Himmelstein und Gary Friedman

von Jürgen G. Heim

Gary Friedman und Jack Himmelstein

 

In Teil 1 über die Mediation um ein Naturschutzgebiet mit zahlreichen Medianden und unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen wurde auf die großen Herausforderungen von Mediatoren und Medianden hingewiesen.

Gary Friedman und Jack Himmelstein, Autoren des Bestsellers »Konflikte fordern uns heraus« (»Challenging Conflict«) lassen Sie wieder über ihre Schulter schauen und demonstrieren ihre Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Interessen.

  

1. Widersprüche sind erlaubt

In komplexen Konflikten prallen Bedürfnisse oftmals heftig aufeinander und das Konfliktpotential ist meist sehr groß. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit auf dem Weg zur gemeinsamen Lösungssuche setzt auch in diesen schwierigen Situationen die gleichberechtigte Behandlung aller beteiligter Medianden voraus.

Viele Menschen – so führen Friedman und Himmelstein aus - sind davon überzeugt, dass unterschiedliche Sichtweisen schnell in eine Sackgasse führen. Es kann durchaus Gründe geben, sie zu fürchten. Wer von einem Streit aus dem Gleichgewicht  gebracht wird, entwickelt oft eigene Strategien, um Konflikte zu vermeiden. So versuchen einige Menschen ihr Gegenüber zu beherrschen. Andere geben lieber auf oder lassen sich überreden, um nur nicht streiten zu müssen. Wieder andere suchen nach einem schnellen Ergebnis oder nach Patentlösungen. All diese Strategien helfen möglicherweise, die Unannehmlichkeiten und Misstöne zu vermeiden, die in der Regel einem Streit folgen. Aber sie haben ihren Preis. Das Problem wird lediglich unter den Teppich gekehrt.  Dies führt zu Unbehagen bei den Beteiligten und sorgt dafür, dass der Konflikt bald wieder auftaucht.

Der Mediationsansatz von Himmelstein und Friedman betrachtet dagegen unterschiedliche Sichtweisen als einen positiven und wichtigen Schritt nach vorn. Werden unterschiedlichen Ansichten trotz heftiger Gefühle deutlich zum Ausdruck gebracht, sind die Probleme klar bestimmbar, die es zu lösen gilt. Bleibt der Dissens nur unausgesprochen und verborgen, tappen alle im Dunkeln. Die klare Artikulation des Problems kann wegweisend sein, um die Basis des Problems zu verstehen. Himmelstein und Friedman gehen sogar so weit, die Parteien zu ermuntern, sich zu widersprechen. Das bringe nach ihrer Ansicht die Mediation voran. Haben die Teilnehmer das verstanden und dem zugestimmt, können auch deutliche Meinungsverschiedenheiten das Fundament für eine Lösung sein.

Der Mediator sollte also mit offenen Meinungsverschiedenheiten gut umgehen können. Zwar bereiten die dabei zwangsläufig auftretenden Emotionsschwankungen keineswegs Vergnügen. Wer sie jedoch als hilfreichen Schritt nach vorn bewertet, wird als Mediator im Lauf der Zeit immer besser auch mit heftigem Streit gut umgehen und den unterschiedlichen Ansichten und Meinungen aller Seiten verständnisvoll begegnen können.

Auf Ellen‘s lebhaft vorgetragenen Einwand, » … das klingt ja alles ganz nett, nur – was soll das bringen? …« entwickelt sich ein kurzer Dialog:

Mediator: Ja, Sie scheinen die Dinge tatsächlich sehr unterschiedlich zu betrachten. Es hat auch den Anschein, dass es gravierende Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen gibt. Meines Erachtens müssen wir als erstes verstehen, worin Sie unterschiedlicher Meinung sind. Dann wollen wir sehen, ob Sie bereit sind, auf Möglichkeiten hinzuarbeiten, sich zu einigen.

Ellen: Und Sie glauben, dass das möglich ist?

Mediator: Natürlich, denn sonst hätten Sie sich nicht alle die Mühe gemacht, herzukommen. Offensichtlich liegt Ihnen allen etwas an dem Schutzgebiet, auch wenn Sie einige Aspekte seiner Nutzung unterschiedlich beurteilen. Ich glaube, wir alle werden Ihre Chancen auf eine Einigung besser beurteilen können, wenn wir Ihre Differenzen besser verstehen.

Der Mediator hatte Verständnis gezeigt und nicht versucht, die Mediandin umzustimmen. Wichtig war es, den Wortführern zu vermitteln, dass zumindest einer im Raum ihre Sichtweise verstand. Zudem sahen diejenigen, die unterschiedliche Ansichten vertraten, dass ihr Standpunkt ebenso verstanden wurde wie der von anderen Anwesenden, die ihrer Meinung nach absolut falsch lagen. Auf diese Weise machten sie womöglich eine wichtige Entdeckung: Neben ihren eigenen Positionen konnte es noch andere geben, die einander nicht unbedingt ausschlossen.

Die erste Sitzung endete mit einer Diskussion über das weitere Vorgehen. Die Beteiligten einigten sich darauf, sich in einigen Wochen wiederzutreffen.

2. Die Technik des Looping – der Schlüssel zum wirklichen Verstehen

Im Fall des Naturschutzgebiets hat der Mediator von Anfang an die Technik des Looping angewandt. Diese Technik stellt während der gesamten Mediation den Dialog in den Mittelpunkt und verstärkt das Verstehen (Loop – engl. für »Schleife«). Looping leistet nach Himmelstein und Friedman sehr viel mehr als nur genau wiederzugeben, was ein Sprecher gesagt hat. Für den Betreffenden liegt das Entscheidende nicht darin, dass jemand genau wiederholen kann, was er oder sie gerade gesagt hat.

Entscheidend ist vielmehr, dass der Betreffende spüren kann, wie der Mediator ihn oder sie zu verstehen versucht, und dass er sich verstanden fühlt.

Bei ihren Mediations-Schulungen sagen Himmelstein und Friedman zur Verblüffung der Teilnehmer oft: »Sie wissen, dass Sie erfolgreich sind, wenn eine Partei zum Mediator sagt, er oder sie habe ihn nicht verstanden.«

Warum? Weil das zeigt, dass der Betreffende das Bemühen um Verständnis seitens des Mediators ernst nimmt. Wenn das geschieht, wird mitunter deutlich, dass die beiden sich ernsthaft bemühen, auf ein gegenseitiges Verstehen hinzuarbeiten.

So auch im konkreten Fall:

Als zu Beginn des Naturschutzgebiet-Falls Ellen und Harold darauf hinwiesen, dass der Mediator sie nicht oder nicht ganz verstanden habe, war das ein Erfolg. Das Bemühen um Verstehen wurde geteilt.

3. Drei nützliche Hinweise für das Looping

Himmelstein und Friedman geben Ihnen drei nützliche Hinweise aus ihrer Praxis:

1. Definieren Sie zunächst den Rahmen für die Parteien und den Mediator. Es muss deutlich werden, was sie an jedem Punkt der Mediation gemeinsam tun werden. Das gibt dem darauf folgenden Gespräch einen Fokus.


Genau das tat der Mediator zu Beginn des Naturschutzgebiet-Falls: Er machte mit seiner Aussage deutlich, dass es zunächst nur darum ging, sich einen ersten Überblick über die unterschiedlichen Meinungen zu verschaffen.

Mediator: Mein Ziel ist es herauszufinden, ob ich Ihnen helfen kann, gemeinsam Entscheidungen zu fällen. Von Ihnen wünsche ich mir, dass Sie herausfinden, ob Sie mit mir auf diese Weise zusammenarbeiten möchten. Zu Beginn würde ich gern – vorausgesetzt, Sie sind dazu bereit – von möglichst vielen von Ihnen hören, wie Sie Ihre gegenwärtige Position wahrnehmen und wie Sie an diesen Punkt gekommen sind. Bitte fassen Sie sich dabei kurz.

Die klare Aufforderung und der Hinweis, dass eventuell dreißig Leute dazu etwas zu sagen hätten, sorgte dafür, dass die Beiträge der Eröffnungsrunde knapp ausfielen und sich auf die Frage konzentrierten, wie jeder die vor ihnen liegende Herausforderung einschätzte.

2. Den Prozess des Looping in mehrere Abschnitte zu unterteilen, kann sowohl für den Mediator als auch für den Gesprächspartner hilfreich sein.

Der Sinn des Looping liegt im Verstehen und nicht darin, das eigene Gedächtnis zu trainieren.

Redet eine Partei so ausschweifend, dass es schwer wird, alles im Gedächtnis zu behalten, ist es angebracht und nicht zuletzt ein Ausdruck von Respekt zu reagieren.

Mediator: Erlauben Sie, dass ich Sie für einen Moment unterbreche, um zu sehen, ob ich Sie bis hierhin verstanden habe.

Man muss keinen Crashkurs in Gedächtnistraining absolvieren, um Looping erfolgreich anzuwenden.

3. Sie sollten sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, wie wichtig das Bemühen um Verstehen ist.

Hört der Mediator mit Herz und Verstand zu, erinnert er sich wesentlich leichter. Um Erläuterungen zu bitten, ist daher nur angemessen.

Lesen Sie in Kürze in Teil 3 dieses Fachartikels, mit welchen Dialogen Gary Friedman und Jack Himmelstein ihre Kommunikationstechniken im konkreten Fall anwenden, um die Beteiligten bei ihrer Lösungssuche zu unterstützen.

Sie wollen gleich erfahren, wie dieser Mediationsfall weitergeht? Dann bestellen Sie das Grundlagenwerk von Jack Himmelstein und Gary Friedman »Konflikte fordern uns heraus – Mediation als Brücke zur Verständigung«, dem dieser Fall entnommen wurde, gleich hier.

Stimmen zum Buch

Immer wieder gibt es tief bewegende Dialoge zwischen den Autoren und den Medianden, die das Buch so lesenswert machen. ... Das ist vielleicht der größte Schatz dieses Buches: Die großen, erfahrenen Mediationstrainer Jack und Gary äußern ihr Mitgefühl und zeigen Fürsorge gegenüber den Medianden. Christoph C. Paul, Mediator BAFM, Rechtsanwalt und Notar, Berlin in ZKM 2014, 26

Das Herausragende an dem Buch sind die 10 Fallgeschichten. Alle Fallgeschichten werden lebensnah und gut nachvollziehbar geschildert. Längere Passagen mit Beschreibung der Mediation werden durch Originalzitate aus den Mediationsgesprächen ergänzt und mit theoriebasierten Erläuterungen zum Geschehen vervollständigt. So bietet das Buch einen perfekten Mix zwischen einem Einblick in unterschiedliche Mediationsfälle und theoretischen Aspekten zum verstehensbasierten Modell der Mediation. Rezension www.mediation-berlin-blog.de, 1.11.2013 von Dr. Christa D. Schäfer

Es ist beeindruckend zu sehen, wie konsequent der Mediator Himmelstein in den Fallbeispielen auf die Eigenverantwortung und Autonomie der Partner vertraut und wie er ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit wecken und konsolidieren kann. Insgesamt finde ich dieses Buch deshalb eine große Bereicherung der deutschsprachigen Mediationsliteratur. Prof. Friedrich Glasl in Perspektive Mediation 1/2014

Konflikte fordern uns heraus


 J. G. Heim