Phänomene der Macht in der Mediation

Schwerpunktthema der Ausgabe 61 »Spektrum der Mediation«
Phänomene der Macht in der Mediation

Interview mit Dr. Birgit Keydel

Dr. Birgit Keydel

Welche Rolle spielen »Macht und Hierarchie« in der Mediation? Dr. Birgit Keydel setzt sich in der Ausgabe 61 der Fachzeitschrift »Spektrum der Mediation« mit den »Phänomenen der Macht in der Mediation« nach Heinrich Popitz befasst.

Wir hatten Gelegenheit zu einigen Fragen:

Redaktion WMV: Frau Dr. Keydel, der herausragende Klassiker der Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert, Niklas Luhmann, betrachtet »Macht« komplex, aber durchaus konstruktiv: Es gehe bei der Ausübung von »Macht« nicht darum, ein Verhalten exakt festzulegen, sondern um aus unendlich vielen Möglichkeiten einiges auszuwählen, was gemacht werden könnte - vor allem aber um auszusondern, was nicht gemacht werden soll. Wie bewerten Sie die Macht, wenn Sie sich mit ihren Phänomenen in der Mediation auseinandersetzen?

Dr. Keydel: Das ist ja genau das Problem. «Macht« begegnet uns in unendlich vielen Gesichtern. Insofern gibt es auch keine klaren Rezepte, wie mit ihr umzugehen ist. Wir müssen sie differenziert behandeln, uns in der Mediation ansehen, wie sie funktioniert, ihre Akzeptanz und ihre Legitimation hinterfragen sowie Handlungsweisen reflektieren. Auf dieser Grundlage können wir dann mit der Macht umgehen. Unsere Fragen diesbezüglich können zugleich den Medianden helfen, sie zu verstehen.

Redaktion WMV: Karl Jaspers, einer der international profiliertesten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts wird mit dem Satz zitiert »Macht an sich ist böse.« Die Meinungen über die Ausübung von Macht sind also durchaus ambivalent und gehen mitunter weit auseinander. Stehen Macht und Hierarchien im Widerspruch zu den Grundsätzen, Prizipien und Zielen konsensualer Verfahren wie der Mediation?

Dr. Keydel: Das freiheitsbegrenzende Moment der Macht ist meines Erachtens der Grund, weshalb sie diese negativen Assoziationen erzeugt. Wenn man dagegen die These von Popitz stellt, dass Macht immer auch von Menschen gemacht ist, so können wir Menschen sie ja auch gestalten. Macht ist nicht a priori schlecht. Und dies ist auch der Ansatzpunkt, etwas zur These bezüglich der Mediation zu sagen.
Ich teile diese These nicht, dass Mediation und Macht prinzipiell im Widerspruch stehen. Auf den ersten Blick scheint dies aufgrund des egalitären Anspruches der Mediation zwar der Fall zu sein. Auf den zweiten Blick wird jedoch deutlich, dass Mediation mit Macht umgehen und sie zum Teil auch gestalten kann. Mediation stellt legal etablierte Machtstrukturen nicht infrage. Teilweise konsolidiert sie diese sogar, indem sie hilft Konflikte zu lösen und Entwicklung zu ermöglichen. Aber sie kann dabei unterstützen, deformierte Formen der Machtausübung zu hinterfragen und zu verändern.
Gleichzeitig, und das sei hier nochmals angemerkt, ist Mediation ein eher konservatives Verfahren. Grundsätzlich stellt Mediation Strukturen nicht in Frage, sondern arbeitet mit dem Gegebenen. Wenn man eine Revolution möchte, ist Mediation nicht das Mittel der Wahl.

Redaktion WMV: Macht kann von den vorgegebenen formellen Hierarchiestrukturen abweichen. Wie eruieren und prüfen Sie als Mediatorin, Coach oder Beraterin, ob Macht eine Rolle spielt? Worauf sollten Mediatorinen und Mediatoren achten, wenn die Ausübung von Macht – bewußt oder unbewußt – bestimmte Konfliktkonstellationen »befeuert?«

Dr. Keydel: Indem man Macht würdigt und ernst nimmt – ernst in ihrer Rolle und Funktion. Ich respektiere gegebene Machtstrukturen, lasse sie mir erläutern, hinterfrage sie. Dadurch werde ich sehr schnell auf Widersprüche und Inkonsequenzen aufmerksam – die ich dann in der Mediation oder auch im Vorgespräch ansprechen kann.
Auch bei der Frage – mit wem ich wann spreche – spielt die Hierarchie eine große Rolle, wie ich auch in meinem Beitrag dargelegt habe. Und damit Macht den Konflikt nicht »befeuert«, wie Sie sagen, sollte ich zum einen klare Vereinbarungen bezüglich der Mediation mit den Inhabern der Macht treffen: zum Beispiel was und wie sie während der Konfliktklärung agieren bzw. nicht agieren. Und/oder ich beziehe sie in die Mediation mit ein, lasse sie teilnehmen. Eine letzte Möglichkeit wäre zudem ein Coaching der Führungskraft im Anschluss an die Mediation.

Redaktion WMV: Kann auch ein Mediator, eine Mediatorin bewußt oder unbewußt Macht ausüben. Was empfehlen Sie in diesen Fällen zur Selbstreflektion?

Dr. Keydel: Mediatoren/innen üben Macht aus. Sie bestimmen Setting, Redezeiten, Teilnehmende, steuern über ihre Fragen den Prozess. Ihre Macht ist groß - darauf versuche ich unter anderem auch in meinem Artikel hinzuweisen. Denn wichtig ist, dass sich die Mediatoren/innen dieser Macht bewußt sind. Das hilft im Umgang mit den Konfliktparteien und es kann vor allem auch vor einem Machtmissbrauch schützen.

Redaktion WMV: Können Sie »Macht und Hierarchie« im Rahmen von Mediations- oder Beratungsformaten auch positive Aspekte abgewinnen?

Dr. Keydel: Ich verstehe das »auch« in ihrer Frage nicht ganz. Das klingt so, als würde ich »Macht und Hierarchie« in den Mediationsformaten negativ gegenüber stehen. Das tue ich nicht. Das ist für mich eines von vielen Themen in der Mediation. Ich stehe diesem genauso neutral und interessiert gegenüber wie allen anderen, sehe positive wie negative, konstruktive wie destruktive Elemente und versuche zu erkunden, womit ich es in diesem Fall konkret zu tun habe.

Redaktion WMV: Ohne den Inhalt Ihres Fachartikel vorwegzunehmen – was sind die wichtigsten Kriterien, die Sie zu dieser Thematik beschreiben? Was lernen interessierte Leserinnen und Leser?

Dr. Keydel: Die Idee meines Artikels ist ein Blick über den Tellerrand. Ich versuche zu zeigen, was wir lernen können, wenn wir uns Konzepte aus anderen Bereichen ansehen. Heinrich Popitz ist für uns zu diesem Thema besonders interessant, weil er versucht hat, den ideengeschichtlichen Diskurs zum Thema Macht zusammenzufassen und auf einen Punkt zu bringen. Dabei beschreibt er vier Grundformen der Macht, mit denen auch wir in der Mediation konfrontiert sind und mit denen wir umgehen können sollten. Welche das sind und vor allem welche Bedeutung diese für unser mediatorisches Handeln haben, versuche ich zu zeigen. Ich hoffe, dass der/die Leser/in durch diese differenzierte Erläuterung der Macht selbst mehr Sicherheit im Umgang mit derselben gewinnt.

Frau Dr. Keydel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
(Das Interview führte Jürgen G. Heim, Leiter Redaktion Mediation aktuell, Wolfgang Metzner Verlag)