Position beziehen und Werte schützen

Herausforderungen der Zukunft
Position beziehen und Werte schützen

Ein Plädoyer für Sensibilisierung und Haltung

Dr. Birgit Keydel

Dr. Birgit Keydel

»Dass hier immer auf Verständnis gemacht wird, war ein Fehler. Wir müssen Position beziehen.«

Mit diesen Worten wendete sich Lamya Kaddor gegen Ende ihres Vortrages an die Teilnehmer*innen des BM-Mediationskongresses 2020 [1]. Mit Haltung, Mut und Herz soll man angesichts des politischen Klimawandels denen entgegentreten, die unsere Demokratie angreifen und gefährden.

Man könnte das Statement von Lamya Kaddor als einen rein politischen Appell verstehen. Hat sie doch im Vorfeld über ihre Erfahrungen als muslimische Frau in Deutschland berichtet. Gleichzeitig tritt sie mit dieser Forderung auf einem Mediationskongress auf, wendet sich an uns Mediatorinnen und Mediatoren.

 

Für mich ist das auch eine Botschaft an unsere Profession, eine Botschaft, die über die Aufforderung hinausgeht, uns als politische Bürger und Bürgerinnen dieses Landes zu verstehen. Vielmehr spricht ihre Äußerung auch den Kern unseres Mediationsverständnisses an. Denn es gehört zu den Grundsätzen der Mediation, allen Menschen, in unserem konkreten Fall allen Konfliktbeteiligten, offen und wertschätzend gegenüberzutreten, ihnen Verständnis und Interesse entgegen zu bringen. Müssen wir angesichts des politischen Klimawandels, angesichts der immer radikaler und aggressiver werdenden Kommunikation diesen Grundsatz hinterfragen. Müssen wir auch in der Mediation mehr Position beziehen?

Einerseits könnte man antworten: Nein, wir lassen uns von den Hetzern und Despoten unsere Grundsätze nicht nehmen. Jetzt erst recht nicht. Wir bleiben wertschätzend, empathisch und treten Menschen ohne Vorurteil gegenüber. Andererseits zeigt die Praxis, dass dies nicht immer möglich ist oder gelingt und wir auch als Mediator*innen sind gefragt sind, Position zu beziehen. An dieser Stelle sei nur an die Diskussion im Bundesverband Mediation erinnert, als die Frage im Raum stand, ob wir auch für die AfD mediieren. Würde man eine solche Mediationsanfrage ablehnen, wäre man nicht wertschätzend und offen, sondern vielmehr ablehnend und ausgrenzend. Wie geht das mit unseren Grundsätzen und Werten überein, wenn wir Position beziehen?

Ich möchte die These aufstellen, dass die beiden eben beschriebenen Aussagen – wertschätzend und offen allen gegenüber zu treten auf der einen Seite wie Position zu beziehen und damit ablehnend und ausgrenzend zu sein auf der anderen Seite – nebeneinanderstehen können. Sie schließen sich nicht aus, sondern bedingen einander.

Meine Kollegin Jutta Hohmann formuliert das sehr schön, wenn sie sagt: »Es gibt keine Wertschätzung, wenn alle Werte geschätzt werden.« Ein Wert braucht sein Gegenüber und mit diesem Gegenüber müssen wir uns befassen, ja aktiv auseinandersetzen. Nur dann können wir unsere Werte wirklich verstehen und schützen.

Wenn man sich darauf einlässt und die Beziehung unserer Werte zu ihren Gegensätzen betrachtet, spannender Weise zudem deutlich wird, dass die Gegensätze selbst mehr sind als nur eine Grenze. In einem größeren Projekt haben wir (Mary Carroll, Jutta Hohmann, Yvonne Hofstetter-Rogger, Doris Morawe und ich) versucht, diese Wechselbeziehung der Werte zu ihren Gegensätzen für die Big Five der Mediation, d.h. für Vertraulichkeit, Selbstbestimmung, Neutralität, Freiwilligkeit und Wertschätzung, darzustellen. Wie das funktioniert, wie man Werte bewahrt, indem man ihr Gegenteil mit einbezieht, beschreiben wir auch anhand vieler Praxisfälle in dem Buch »Die Big Five der Konfliktbearbeitung - Prinzipien oder Wirklichkeit« [2].

Im Kontext dieser Untersuchungen wurde für uns deutlich – um auf die anfänglich zitierte Äußerung von Lamya Kaddor zurückzukommen – wie wichtig es ist, auch in der Rolle als Mediator*in Position zu beziehen. Wir konnten zeigen, dass es zum Beispiel nicht nur möglich ist, Positionen abzulehnen ohne dabei unseren Grundsatz der Wertschätzung infrage zu stellen, sondern dass durch eine solche differenzierte Sicht und Handlungsweise unser Grundsatz überhaupt erst lebendig und praktikabel wurde.

Eine Sensibilisierung für die Wechselbeziehung von Positionierung und Wertschätzung ist daher nicht nur in unseren Mediationsausbildungen notwendig, sondern auch in der praktischen Arbeit immer wieder anzuregen. Denn in der Praxis sind wir immer wieder mit diesem Thema konfrontiert. In meinem Workshop auf dem Mediationskongress fragte ich die Teilnehmenden, ob sie in ihrer Mediationspraxis schon einmal jemanden ausgegrenzt oder abgelehnt hätten und wenn ja aus welchem Grund. Jede/r konnte drei Antworten geben.

Hier ist das Ergebnis, dargestellt in einer Word-Cloud [3], wobei die Größe der Begriffe die Häufigkeit ihrer Nennung widerspiegelt.

 

Cloud Dr. Keydel
 

Wir sollten die Reflexion über eigene Werte verstärken, denn in der praktischen Mediationstätigkeit sind wir – wie diese Umfrage zeigt – immer wieder mit Grenzüberschreitungen konfrontiert. Eine rassistische oder sexistische Sprache, Gewalt, Machtdemonstrationen und vieles mehr stellen uns vor die Frage: Wie gehe ich mit diesem Verhalten in der Mediation um? Ein Abbruch der Mediation, eine absolute Auslegung unserer Prinzipien, ist eine Möglichkeit. In manchen Situationen ist es die einzig mögliche. In anderen aber, wenn die Konfliktparteien zum Beispiel zum Perspektivwechsel bereit sind und eine konstruktive Lösungsbereitschaft gezeigt haben, scheint es weniger sinnvoll abzubrechen.

Aber was soll ich tun? Wegschauen bzw. weghören, um nicht parteilich zu wirken?

Nein! Wir müssen Position beziehen.

Nur so schützen wir unsere Werte wirklich. Die Forderung von Lamya Kaddor gilt auch für uns als Mediatorinnen und Mediatoren. Wie wir das konkret machen und zugleich in der Rolle des neutralen Dritten bleiben können, das müssen wir letztlich in jedem Fall selbst entscheiden. Zwischen dem Wegschauen bzw. Weghören auf der einen und dem Abbruch der Mediation auf der anderen Seite gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Diese müssen wir entwickeln, erproben, hinterfragen. Wir sollten uns dieser Herausforderung stärker stellen und den Diskurs dazu in der praktischen Arbeit immer wieder anregen.

Nur so schützen wir unsere Prinzipien und machen sie zu wirklichen Leitlinien unseres Handelns.

 



[1] Lamy Kaddor war Keynote-Speakerin beim Mediationskongress des Bundesverbandes für Mediation zum Thema »Klimawandel – Heute für ein Morgen streiten«.

[2] Erscheint im Frühjahr 2021 im Wolfgang Metzner Verlag

[3] Von 81 Teilnehmenden beteiligten sich 47 an der Umfrage