Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation - Teil 1

Mediation in der Praxis
Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation - Teil 1

Handlungsfähig bleiben in schwierigen Situationen

von Dr. Jürgen von Oertzen

Mediationssituation mit Figuren

MediatorInnen sind gut gerüstet für ihre Arbeit: mit Werkzeugen wie Phasenstruktur und Aktivem Zuhören, mit der inneren Haltung von inhaltlicher Neutralität und menschlicher Allparteilichkeit, mit dem Glauben an die grundsätzliche Fähigkeit der Medianden zur Eigenverantwortlichkeit, und vielem mehr.

 

 

1. Schwierige Situationen – für jeden anders

Und doch – es gibt immer wieder schwierige Situationen. Einige davon mögen objektiv schwierig sein, z.B. wegen vieler Beteiligter, hoher Komplexität und schwerer Eskalation. Darüber hinaus aber haben wir alle unsere jeweils eigenen »Sorgenkinder«: subjektiv als schwierig empfundene Situationen, die uns richtig ins Schwitzen bringen können. Es sind für jede Mediatorin, jeden Mediator andere Konstellationen, die sie oder er lieber vermeiden möchte oder an die man ungute Erinnerungen hat. Ich bin noch keinem Kollegen/keiner Kollegin begegnet, der/die gar keine solchen subjektiv schwierigen Situationen kennt.

Für wahrscheinlich alle Situationen gibt es Techniken in unserem Werkzeugkoffer, die wir uns nur aneignen müssten – denkt man vielleicht. Nur nützen die besten Techniken nichts, wenn ich an einer Schwachstelle getroffen werde und in Stress gerate. Als MediatorInnen wollen wir auch mit diesen Stressmomenten gut umgehen können. Was ist also zu tun?

2. Stressauslöser kennen

Dank unserer Ausbildung, die viele selbstreflexive Anteile enthält, kennen wir viele unserer Stressauslöser (Stressoren). Sie sollten uns während unserer Arbeit immer bewusst bleiben, damit wir zügig reagieren können.

3. Eigene Stressreaktion bemerken

Allerdings werden wir in der Regel nicht alle potentiell schwierigen Situationen in der Ausbildung kennen gelernt haben, und unsere Prädispositionen können sich auch ändern. Daher ist es wichtig, die eigene Reaktion auf Stress zu kennen, im akuten Fall zu bemerken und schnell einzuordnen, auch wenn wir nicht gleich wissen, was sie ausgelöst hat. Bei manchen sind das Formen der Erstarrung (»ich weiß gar nicht mehr, was ich jetzt tun soll «), andere bemerken bei sich selbst Fluchttendenzen (»hoffentlich ist diese Sitzung bald vorüber!«) oder gehen in Richtung übermäßiger Aktivität: Sie engagieren sich auf einmal inhaltlich (»Sie wollen doch auch«) oder gehen in Widerstand zu den Medianden (erkennbar an Sätzen, die mit »Nein« oder »Aber« beginnen). Was auch immer bei Ihnen das Kennzeichen ist – bemerken Sie es: »Da passiert etwas mit mir. Stop. Darauf muss ich jetzt zuerst reagieren.«

4. Akzeptieren und Benennen

In solch schwierigen Momenten sind ganz unterschiedliche Reaktionen möglich. Wichtig ist, dass ich meinen eigenen Stress nicht ignoriere, sondern akzeptiere: Störungen haben Vorrang. Das ist berechtigt, denn der Fortgang der Mediation ist sowieso gestört, wenn der/die MediatorIn gestresst ist. Der/Die MediatorIn kann die Situation unterbrechen und sein/ihr Gefühl ausdrücken, also sich selbst spiegeln: »Einen Moment bitte, ich bin gerade...«. Das ist, was Schulz von Thun »Souveränität 2. Ordnung« nennt: Ich behaupte nicht, dass ich immer alles einhundertprozentig im Griff habe. Aber ich bin so souverän, dass ich damit umgehen kann, wenn ich irritiert bin und einen Moment brauche, um mich wieder »einzufangen«. Haben wir in der Anfangsphase einen guten Kontakt zu unseren Medianden aufgebaut, werden sie das in der Regel zu würdigen wissen.

5. Lösungen finden

Je nach Schweregrad meiner eigenen Irritation sind verschiedene Wege möglich. Manches kann ich durch ein kurzes inneres Wahrnehmen hinreichend bearbeiten. Ich denke vielleicht: »Oh, das erinnert mich an X – aber das hier sind ja andere Menschen und eine andere Situation«, und ich sage »Entschuldigung, ich war gerade an etwas erinnert; könnten Sie noch einmal wiederholen, was Sie zuletzt sagten?«

Ein andermal brauche ich vielleicht mehr Zeit und eine deutlichere Unterbrechung des Mediationsflusses, um mit meiner Störung umzugehen. Dafür gibt es keine Standardlösung, denn es geht ja um persönliche Anteile des Mediators/der Mediatorin. Manchmal kann eine Pause helfen, um sich zu öffnen und die physischen und psychischen Wahrnehmungen zu reflektieren. Wie fühlt sich mein Körper/mein Geist? Was denke ich darüber? Was hat das mit mir zu tun? Was kann ich tun, um mich zu unterstützen und mich wohl zu fühlen?

In anderen Fällen kann man mit den Medianden zusammen eine Lösung finden, wenn z.B. deren Verhalten etwas ausgelöst hat. Das kann dann sogar Vorbildfunktion haben für den Umgang der Parteien miteinander oder andere positive Effekte auslösen.
Einmal nutzte einer meiner Medianden die Redewendung »Wie ein Phönix aus der Asche«. An sich nicht aufregend, aber mir wurde plötzlich sehr heiß und ich verlor für einen Moment den Kontakt zu meinen Medianden. Mein persönlicher Hintergrund war, dass mein Vater sich gerade am Tag vorher bei einem Brandunfall schwer verletzt hatte. Die Medianden hatten meine Irritation so schnell nicht bemerkt, aber ich unterbrach den Verlauf trotzdem, um wieder sicher in den Prozess zurückzukommen. Den persönlichen Hintergrund deckte ich dabei nur so weit auf, wie es mir mit meiner Rolle vereinbar schien – das reichte, um Verständnis bei den Medianden zu finden. Dabei hatten sie eine Assoziation zum Konflikt, um den es gerade ging, und siehe da: Es entstand eine neue Lösungsidee, quasi wie ein Phönix aus der Asche.

Grämen Sie sich nicht, wenn so eine Lösung nicht immer möglich ist. Es darf auch mal sein, dass ein/e MediatorIn einfach nicht weiter weiß. Was er wissen sollte, ist wie er damit umgehen kann: Die Mediation unterbrechen und vielleicht vertagen, so dass der Mediator/die Mediatorin Zeit hat, sich Hilfe zu holen. Die intensivste und hilfreichste Form dafür ist die Supervision, sei es als Einzel- oder als Gruppensupervision. Dort ist auch der Ort, um gegebenenfalls zu entscheiden, die Mediation nicht (selbst) weiterzuführen.

6. Zurückfinden in die Mediation

Egal, ob es eine kurze Irritation gab oder eine lange Pause: Es ist unsere Aufgabe, mit den Medianden zurückzufinden in den Mediationsprozess. Dafür eignet sich in aller Regel eine Zusammenfassung der Situation: »Ihr Ziel war... Dafür haben wir bereits... Zuletzt ging es darum, wie... Ich schlage vor, wir steigen jetzt wieder ein, indem Sie...«.

7. Systemische Zusammenhänge

Aus systemischer Perspektive kann eine Irritation, die der/die MediatorIn zunächst als seine/ihre persönliche wahrnimmt, auch Zeichen sein für eine Störung, die »in der Luft liegt «, also auch etwas mit den Medianden zu tun hat. Dadurch kann umgekehrt auch die Bearbeitung der Störung für das Gesamtsystem nützlich sein. Das ist ein weiterer Grund, eigene Schwierigkeiten in der Mediation nicht zu ignorieren, sondern zu akzeptieren, zu benennen, zu lösen und ggf. zu nutzen.

Eine gute eigene Haltung zu haben zu den möglichen Schwierigkeiten in Mediationen ist notwendig, um die richtigen Maßnahmen ergreifen zu können, wenn sie denn im eigenen Werkzeugkoffer bereit liegen. Dafür sind Supervision, z.T. auch spezielle Weiterbildungen oder Übungs- und Intervisionsgruppen hilfreich. Dort können einesteils vom Mediator/von der Mediatorin als problematisch erlebte Situationen erörtert und andernteils gemeinsam Lösungsideen zusammengetragen werden.

 

Im zweiten Teil unserer Reihe »Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation« erhalten Sie Hinweise zum Umgang mit Aggressionen in der Mediation.

 

Dr. Jürgen von Oertzen