Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation - Teil 2

Mediation in der Praxis
Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation - Teil 2

Aggression in der Mediation

von Dr. Jürgen von Oertzen

Mediationssituation mit Figuren

Wut, Konfrontationsbereitschaft, Angst: Das sind Nährböden für scharfe Auseinandersetzungen. Insofern ist die Sorge mancher Mediatoren vor Aggressionen durchaus berechtigt. Mit dieser Sorge gut umzugehen ist zuallererst eine Frage der eigenen Haltung: Kann ich innerlich mit Aggressionen gut zurechtkommen, sowohl mit eigenen als auch mit denen meiner Freunde, Geschäftspartner oder in anderen sozialen Interaktionen? Oder habe ich zumindest in meinem Arbeitskontext, der Mediation, eine sichere, belastbare innere Haltung dazu gefunden? (vgl. dazu Teil 1 der Praxistipps). Wenn meine innere Haltung klar ist, dann kann ich über die notwendigen Werkzeuge und Maßnahmen nachdenken.

Zunächst lassen sich verschiedene Fälle unterscheiden: Es kann sein, dass (a) Medianden in der Mediation verbal aggressiv werden, dass es (b) im Extremfall zu körperlichen Übergriffen in der Mediation kommt oder dass die Parteien (c) über Aggressionen berichten, die vorgefallen seien oder die sie befürchten.

 

Formen der Aggression in der Mediation © Dr. Jürgen von Oertzen

 © Dr. Jürgen von Oertzen: Formen der Aggression in der Mediation

 

Verbale Aggression

Nicht ungewöhnlich ist, dass es in einer Mediation auch mal etwas lauter wird – kein Wunder, wenn man bedenkt, was für die Medianden faktisch und emotional alles auf dem Spiel steht. Wann aber müssen wir als Prozessverantwortliche einschreiten? Im Wesentlichen dann, wenn die Medianden nicht mehr verhandlungsfähig sind, also in ihrer Wut oder, bei einseitiger Aggression, in ihrer Angst nicht mehr sinnvoll ihre eigenen Interessen vertreten können. Dann sollten wir

(1) die Situation unterbrechen,

(2) spiegeln, was wir wahrgenommen haben und

(3) mit den Medianden verabreden, wie sie mit solchen (ggf. nachvollziehbaren) Erregungen in Zukunft umgehen wollen.

Körperliche Aggression

In der Regel werden wir körperlich ausgetragene Aggression, also die Beschädigung von Dingen oder Menschen, nicht tolerieren. Wenn die Gewalt nicht beendet und für die Zukunft sicher ausgeschlossen werden kann, muss die Mediation beendet werden, da diverse Voraussetzungen dann nicht mehr erfüllt sind: Aggressive Medianden können ihre eigenen Interessen nicht mehr vernünftig vertreten, der Konfliktpartner sieht sich wahrscheinlich einem großen Druck ausgesetzt und möglicherweise sind wir selbst nicht mehr souverän zur Leitung der Mediation fähig.

Tatsächlich weiß ich aus dem Kollegenkreis nur von wenigen solcher Entgleisungen. In allen Fällen konnten die Mediatoren selbst die Situation beruhigen, meist, indem sie die Medianden beim ersten Anzeichen von Gewalt sofort räumlich getrennt haben.

Berichtete und befürchtete Aggression

Unterschiedlich gehen Mediatoren damit um, wenn die Parteien davon berichten, dass es zwischen ihnen zu körperlichen Übergriffen oder der Drohung damit gekommen sei. Für manche Mediatoren ist das ein Ausschlusskriterium; ich selbst bin gerne bereit, das Thema mit in die Mediation einzubeziehen, solange Einigkeit zwischen allen besteht, dass körperliche Angriffe und deren Androhung unzulässig sind. Das ist in der Regel der Fall; auch der körperlich aggressive Partner findet sein Verhalten normalerweise nicht okay – aber er hatte in dem Moment Gründe dafür (häufig: gefühlte Ausweglosigkeit). Sie vorsichtig herauszufinden, zu besprechen und einen Umgang damit zu finden, kann in der Sache lohnend sein und das Gewaltpotential für die Zukunft verringern.

Ein Spezialfall ist berichtete oder befürchtete Gewalt gegenüber Kindern (z.B. bei Trennungsmediationen), die in der Regel eine Anzeige beim Jugendamt wegen Kindeswohlgefährdung nötig macht und damit eine Mediation erschwert oder unter neue Rahmenbedingungen stellt.

Zum Nutzen von Aggression in der Mediation

Emotionen sind Wegweiser zu dem, was den Menschen wirklich wichtig ist. Aggression ist eine besonders starke, auf sich aufmerksam machende Emotion. Sie lässt sich im glücklichsten Fall nachträglich, wenn die Situation ruhiger ist, als Hinweisgeber gebrauchen, um zu prüfen, worum es eigentlich geht. Nutzen Sie das! Vielleicht können Sie mit einem Reframing beginnen: »Ich wüsste ja gerne, wie wir die Energie, die hier eben deutlich geworden ist, für eine gute Lösung nutzen können! Wollen wir das einmal untersuchen?« Es kann für die Parteien befreiend sein, wenn sie gemeinsam die Ressourcen finden, die hinter der Aggression stecken: Ein starker Wille zur Auseinandersetzung zumindest, aber vielleicht auch noch mehr.

Und auch für Sie könnte es hilfreich sein, sich zu fragen, »was brauche ich, um zu wissen und zu fühlen, dass Aggression in der Mediation beachtet werden muss, mich aber nicht aus der Ruhe bringen kann«.

Im dritten Teil unserer Reihe »Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation« erhalten Sie Hinweise zum Umgang mit verbalen Angriffen in der Mediation.

 

»Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation« Teil 1

Dr. Jürgen von Oertzen