Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation - Teil 3

Mediation in der Praxis
Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation - Teil 3

Verbale Angriffe in der Mediation

von Dr. Jürgen von Oertzen

Mediationssituation mit Figuren

Selten nur verlaufen Mediationen friedlich und kooperativ von der Auftragsklärung bis zur Abschlussvereinbarung. Starke Emotionen sind normal, und nicht selten auch Aggressionen in ihren verschiedenen Formen (vgl. dazu Praxistipp Teil 2). Mit diesen Emotionen müssen wir in der Mediation umgehen und können es auch – wer, wenn nicht wir Mediatoren? Voraussetzung dafür ist, dass wir einerseits uns selbst und unseren Umgang mit Aggression kennen: Bin ich eher robuster als andere und muss also besonders sensibel darauf achten, wenn eine Situation für meine Medianden zu viel wird? Oder werde ich in scharfen Auseinandersetzungen eher ängstlich und muss also darauf achten,  arbeitsfähig zu bleiben, wenn meine Medianden sich bekriegen? (vgl. dazu Praxistipp Teil 1). Andererseits nützt die ganze Handlungsfähigkeit nichts, wenn ich nicht weiß, wie ich handeln soll. Was können wir tun, wenn es zu Aggressionen in der Mediation kommt? Der weitaus häufigste, geradezu normale Fall sind verbale Angriffe in der Mediation. Dazu möchte ich hier ein mögliches Handlungsschema aufzeigen.

Was ist das eigentlich, verbale Aggression?

Zunächst: Was ist das eigentlich, verbale Aggression? Die Grenzen sind schwimmend. Wer definiert den Unterschied zwischen »deutliche Aussprache mit erhobener Stimme« und »Anschreien«? Antwort: Die andere Partei. Darauf nämlich kommt es an: Fühlt sich ein Mitarbeiter nicht weiter davon erschreckt, dass seine Chefin in der Mediation sehr laut mit ihm redet, dann ist es nicht erheblich, ob der Mediator dies als »Anschreien« empfindet. Hauptsache, die Auseinandersetzung kann konstruktiv weitergeführt werden. Das wäre dann nicht möglich, wenn sich jemand übermäßig attackiert fühlt, und deshalb ängstlich oder seinerseits aggressiv wird – auch wenn der Mediator das nicht gleich nachvollziehen kann, weil es aus seiner Sicht nicht ganz so dramatisch wirkte. Der Mediator wird daher immer ein Auge auf die zuhörenden Parteien haben und an ihrer Reaktion merken, wenn die Diskussion entgleist.

Handlungsmöglichkeiten

Was ist dann zu tun? Vor allem: die Situation ernst nehmen, ohne zu dramatisieren. Da ist jemand sehr erregt, und er hat dafür Gründe. Und da fühlt sich jemand angegriffen, und auch er hat dafür Gründe. Es gilt Schritt für Schritt die subjektiven Beweggründe beider Seiten herauszufinden:

  1. Unterbrechen: Zunächst muss die aggressive Situation beendet und Verhandlungsfähigkeit wieder hergestellt werden. Manchmal beruhigt sich die Situation von alleine, wenn der Mediator sie eine Weile aushält. Manchmal wird er sich ostentativ abwenden, oder auch einmal laut dazwischen gehen, vielleicht unter Hinweis auf zuvor vereinbarte Regeln – ist er selbst gelassen, so wird er den richtigen Weg finden.
  2. Spiegeln der Situation: Der Mediator wird die Situation zusammenfassen, gegebenenfalls auch mit seinen eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen nicht hinter dem Berg halten: »Oha, das war jetzt laut! Da muss ich erst mal Luft holen.« Womöglich ergreifen die Medianden dann auch die Chance, wieder zu Atem zu kommen.
  3. Spiegeln des Geschehens: Möglicherweise macht es Sinn, die Situation noch einmal aufzurollen: »Also, wie war das jetzt – zunächst hatten Sie etwas zum Thema X gesagt, und dann hatten Sie eine Frage zu Y gestellt, und irgendwie ist das dann laut geworden.« Aber Achtung: Nicht wieder in die Eskalation gehen – es geht jetzt nicht um die Klärung der inhaltlichen Frage, bei der die  Aggression auftrat, sondern auf einer höheren Ebene um die Frage, wie es zu der Aggression gekommen war (Meta-Ebene).
  4. Bewertung: Dieses Vorgehen muss dann von den Beteiligten bewertet werden (nicht vom Mediator). War das okay so? Oder soll es anders gehen? Oft kann ein Rückbesinnen auf das Ziel der Mediation, das anfangs vereinbart wurde, helfen: »Wichtig wäre jetzt zu klären, welche Art der Diskussion Sie hier haben wollen, um Ihr Ziel zu erreichen, und das war ja …« [Mediator zeigt auf das Flipchart mit dem Auftragssatz].
  5. Vorgehen vereinbaren: Auf dieser Grundlage wird sich ein Weg finden, es besser zu machen. Das reine Bekenntnis »Okay, kommt nicht wieder vor« reicht dafür in der Regel nicht. Welche Bedürfnisse können wie befriedigt werden, damit sie sich nicht lautstark Gehör verschaffen müssen? Welche Reizwörter sollen vermieden oder entschärft werden, indem die Parteien gemeinsam klären, was sie jeweils damit verbinden? Testen Sie gegebenenfalls die sich ergebenden Zwischenvereinbarungen, indem Sie fragen, ob die Parteien jetzt glauben, die Mediation zum Erfolg bringen zu können.
  6. Situation nutzen: Über die Schadensbegrenzung und zukünftige Vermeidung von Aggression hinaus können starke Emotionen Wegweiser sein zu wichtigen Aspekten des Konflikts. Nutzen Sie sie! Vielleicht durch eine paradoxe Frage: »Was hätte eigentlich passieren müssen, um die Szene eben für Sie beide noch viel schlimmer zu machen?« Die Verwirrung, die in der Regel auf diese unerwartete Frage folgt, kann helfen, die gerade erlebte schwierige Situation aus einiger Distanz zu sehen. Wenn Vorschläge zur Eskalation kommen, kann man diese »umdrehen« und dadurch gemeinsam erarbeiten, wie die Auseinandersetzung hätte konstruktiver verlaufen können.

Die Medianden selbst haben in der Regel Sorge vor Eskalationen. Da sie sich kennen und um ihre Schwächen wissen – um die eigenen und, noch viel genauer, um die des anderen, werden sie diese Sorge in der ersten Phase (Rahmenklärung) oft andeuten. Wenn Sie dann mutig nachfragen, können Sie vorab zu Verabredungen kommen. Eine Frau äußerte zum Beispiel ihre Sorge vor den »cholerischen« Anfällen ihres Exmannes. Dieser sah das ein und wir verabredeten, dass die Frau(!) ein bestimmtes Signalwort sagen wird, wenn sie Angst in sich aufsteigen fühlt, und wir Mediatoren wurden von beiden(!) beauftragt, den Mann dann zu unterbrechen. Genau so geschah es einige Zeit später, und wir konnten entlang der oben beschriebenen Schritte die Situation durchbrechen und gemeinsam genauer betrachten. Im Ergebnis empfand die Frau zunächst für den Mediationsprozess, darüber hinaus aber auch für die weiteren Begegnungen mit ihrem Mann mehr Sicherheit: Seinen lautstarken Ausbrüchen war sie nicht mehr ganz so hilflos ausgesetzt, sondern hatte seine Bereitschaft und Fähigkeit erlebt, sich zurückzunehmen, wenn er klare Signale erhält.

Ja, Aggression in der Mediation ist eine Herausforderung. Aber wir sind nicht hilflos, sondern können eine innere Haltung dazu entwickeln und uns Vorgehensweisen bereitlegen, mit ihnen umzugehen.

 

»Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation« Teil 1

»Praxistipps für schwierige Situationen in der Mediation« Teil 2

Dr. Jürgen von Oertzen

 

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