Professionelle Empathie

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Professionelle Empathie

Stärkt Asterix die Empathiefähigkeit?

Antworten im Interview mit Dr. Karl Kreuser

Dr. Karl Kreuser

Anfang März ist die Ausgabe 61 der Fachzeitschrift »Spektrum der Mediation« mit dem Schwerpunktthema »Macht und Hierarchie« erschienen.

Dr. Karl Kreuser geschäftsführender Gesellschafter der Beratergruppe SOKRATeam Trainer, Mediator und systemischer Strukturaufsteller hat seinen Fachartikel in der Ausgabe 61 der Fachzeitschrift »Spektrum der Mediation« mit dem Schwerpunktthema »Macht und Hierarchie« der »Professionellen Empathie« gewidmet.

Zu einigen Punkten seines Fachartikels konnten wir ihn befragen:

Jürgen Heim: Herr Dr. Kreuser Sie untersuchen in Ihrem Fachartikel in der Ausganbe 61 von »Spektrum der Mediation« den Begriff der »professionellen Empathie«. Wie zeigt sie sich?

Dr. Kreuser: Lassen Sie uns die Begriffe trennen: »Professionell« bezieht sich auf die Arbeitsbeziehungen, wie etwa die Mediation. Dafür kann man zeigen, dass Empathie eine Form der notwendigen Beziehungs- und Prozessqualität ist.

Zugleich ist sie »Gegenidentität« zu Macht. (Anm. s. u.: Die Idee der Gegenidentität stammt von Gotthard Günther, einem deutsch-amerikanischen Philosophen, dem Vordenker und Begründer der transklassischen Logik).

»Wir sind gewohnt, in Gegenteilen zu denken: entweder – oder …«, wie es der britische Psychologe und Mathematiker George Spencer-Brown darlegt. Macht ist nicht das Gegenteil von Empathie, es ist eher ein »sowohl – als auch«. Beide sind Qualitäten einer professionellen Arbeitsbeziehung, die in ein sinnvolles Verhältnis gebracht werden müssen. Fehlt eines, etwa durch Überbetonung des anderen, dann funktioniert es nicht mehr.

Empathie zeigt sich durch Indikatoren: Bei MediandInnen oder KlientInnen vor allem dadurch, dass sie sich von den Mediatoren rational und emotional verstanden fühlen. Aufseiten der Mediatoren und Berater äußert sich Emapthie besonders als ein Zustand des umfassenden Verstehens von Gedanken, Gefühlen, Handlungsimpulsen usw. der Medianden und Klienten.

Jürgen Heim: Gibt es Unterschiede zwischen der Empathie eines aufmerksamen Zuhörers und eines Mediators, einer Mediatorin?

Dr. Kreuser: Erst mal grundsätzlich nein. Wenn Sie die Frage so stellen, könnte man meinen, Empathie sei etwas, was man »haben« kann. Das geht aber nicht: Kommunikation können Sie auch nicht für sich allein »haben«.

Empathie ist eine Qualität in einer sozialen Beziehung, also braucht es mindestens zwei Personen dafür. Was man wohl »haben« kann und als Mediator und Mediatorin auch unbedingt haben sollte, ist die Empathiefähigkeit, also die Fähigkeit, eine solche Qualität in der Arbeitsbeziehung herzustellen.

Jürgen Heim: Bewerten Sie die Empathiefähigkeit eines Beraters oder Mediators als notwendige Schlüsselkompetenz?

Dr. Kreuser: Absolut ja. Das hat sich schon 2011 in unserer Studie über »Mediationskompetenz« gezeigt, in der wir ca. 600 Mediatoren und Mediatorinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragen konnten:, Empathiefähigkeit ist in jedem Fall eine unverzichtbare Schlüsselkompetenz . Und je mehr man sich mit professioneller Empathie auseinandersetzt - auch  in benachbarten Disziplinen wie Coaching usw. - desto klarer bestätigt sich dies.

Jürgen Heim: Kann Empathie im Rahmen der Mediationsausbildung oder Weiterbildung vermittelt bzw. erlernt und trainiert werden?

Dr. Kreuser: Empathiefähigkeit  – ja.  Aber da sollten Sie lieber Mediationsausbilder und -ausbilderinnen fragen. Die können das wirklich gut, wie die unüberschaubare Zahl erfolgreicher Mediatoren und Mediatorinnen zeigt.

Wenn Sie solche Konzepte wie die »Gewaltfreie Kommunikation« - die man lernen kann - von gewissen Lächerlichkeiten wie Giraffen oder Wölfen befreien, also sich auf ihren eigentlichen Wesenskern konzentrieren, dann sind das hervorragende Möglichkeiten, die eigene Empathiefähigkeit zu üben.

Jürgen Heim: Ohne den Inhalt Ihres Fachartikels vorwegzunehmen – was sind die wichtigsten Kriterien dieser Thematik? Was können interessierte Leserinnen und Leser lernen?

Dr. Kreuser: Wir verknüpfen Empathie oft mit dem intensiven und einfühlenden Erkunden von Bedürfnissen unserer Medianden und Klienten. Das nennen wir die »semantische Empathie« , die zu den Grundannahmen einer funktionierenden Mediation gehört. Am spannendsten finde ich die Unterscheidung von semantischer und syntaktischer Empathie.

Was verstehen wir darunter?

Wir erstellen gerade eine Feldstudie mit der von uns entwickelten Belastungsmatrix, weil diese Thematik so interessant ist. Inspiriert von der so genannten »verdeckten Arbeit« von Matthias Varga von Kibéd stellten wir folgendes fest: Gerade im unternehmerischen Kontext, in dem immer eine Schutzfunktion gegenüber den Kolleginnen und Kollegen gewahrt werden muss, reicht es vollkommen aus, eine »Belastung« in ihrer Ausprägung stärker/schwächer darzustellen. Wir respektieren und akzeptieren sie, ohne sie inhaltlich zu hinterfragen oder auf Bedürfnisse zurückzuführen. Genau das bezeichnen wir als »syntaktische Empathie«.

Letztlich also: »Ich verstehe, dass Dich etwas stark belastet, ohne zu wissen oder wissen zu müssen, was genau es ist.«

Damit kann man prima weiterarbeiten.

Jürgen Heim: Können Sie uns anhand eines Fallbeispiels die Ressourcen und Optionen der professionellen Empathie erläutern?

Dr. Kreuser: Das ist eine einfache Frage: jede gelungene Mediation ist ein gutes Beispiel dafür. Ansonsten sollten wir es einfach dabei belassen und nicht komplizierter machen. Empathie ist eine Qualität von sozialen Beziehungen. Nicht mehr. Also keine glorifizierenden Überbewertungen oder Selbstideale, aber auch nicht weniger.

Jürgen Heim: Welche ergänzende Lektüre empfehlen Sie Ihren Leserinen und Leser zu diesem Thema?

Dr. Kreuser: Zunächst: Asterix. Das ist witzig und entspannend. Humor ist eine ebenfalls wichtige Schlüsselkompetenz für Mediatoren und Mediatorinnen, die für die Lösung von Knotenpunkten helfen kann. Und nur wer entspannt ist, kann seine Empathiefähigkeit gut zur Wirkung bringen.

Es gibt einige Literatur, hauptsächlich aus der Psychotherapie und Pädagogik, die nicht in allen Punkten auf unsere Profession übertragbar ist. Angefangen von Klassikern wie Carl Rogers, über Frank Stämmlers »Das Geheimnis des Anderen« oder die Dissertation von Stefan Liekam »Empathie als Fundament pädagogischer Professionalität«. Dann Hans Joas, der in »Praktische Intersubjektivität« das Werk von George Herbert Mead entwickelt. Das ist jedoch alles starker Tobak und nicht so witzig wie Asterix. Joachim Bauer beschreibt in seinem Buch »Warum ich fühle, was du fühlst« die Wirkung von Spiegelneuronen, die wichtige Voraussetzungen von Empathie sind.

In unserem neuen Buch »Wo liegt das Problem?« beschreiben Thomas Robrecht und ich für alle Praktiker das Phänomen der professionellen Empathie und stellen die Arbeit mit der Belastungsmatrix, die ich vorher erwähnt habe, ausführlich dar. Und sonst eben Asterix.

 

Herr Dr. Kreuser, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
(Das Interview führte Jürgen G. Heim, Chefredaktion SdM und Leiter Redaktion Mediation aktuell)

 

 Anmerkung der Redaktion:

»Mir geht es um den philosophischen Ort der Zahl.« Der aus Schlesien stammende Philosoph Gotthard Günther (1900-1984) gilt als Begründer einer transklassischen, mehrwertigen Logik mit ihrer speziellen Anwendung auf die Computertheorie und die Probleme der technischen Reproduzierbarkeit von Bewusstseinsfunktionen.