Professionelles Fallverstehen

Professionelle Mediation
Professionelles Fallverstehen

Eine Erklärung in Bildern

von Dr. Karl Kreuser

Dr. Karl Kreuser

Immer wieder treffen wir auf Menschen und bemerken, wie sie etwas beschäftigt, wie sie nachdenken und grübeln.

Wir fragen nach oder die Menschen erzählen von sich aus, was sie gerade erleben. Wir beginnen, uns über diese Wahrnehmungen Gedanken zu machen und sofort »fangen unsere Filme an zu laufen«. So ergeht es allen Menschen, nicht nur den »Profis«.

 

Kreuser Abbildung 1

Professionelles Fallverstehen hat stets damit zu tun, dass man als Dritter die Wahrnehmungen mit einer spezifischen Theorie vergleicht. Dabei ist man kein »unbeteiligter Dritter«, der das zufällig wahrnimmt und dann seiner Wege geht, sondern vielmehr »beteiligter Dritter«, der auf den weiteren Verlauf Einfluss nimmt, ohne Teil einer Not oder eines Problems zu werden.

Professionelles Fallverstehen hat also mit einer Dreieckbeziehung zu tun. Es ist eine Relation zwischen der Wahrnehmung einer Story, einer Not, die dadurch ausgedrückt werden soll und einer spezifischen Theorie der jeweiligen Profession.

Der professionell beteiligte Dritte entwickelt daraus eine Hypothese, um stimmig intervenieren zu können. Dabei ist er sich aller Unsicherheiten bewusst, die dieser Relation innewohnen. So führt er neben der Hypothese auch die Möglichkeit des Irrtums mit.

Anders betrachtet ist Profession auch die Fähigkeit, unter Unsicherheit dennoch sicher zu handeln.

 Kreuser Abbildung 2

1. Juristische (mandantenbezogene) Professionen arbeiten im Wesentlichen auf dieser Ebene der sogenannten »Stories«: Was sagt A, was sagt B, welche Aussagen können durch Dokumente, Indizien oder Zeugenaussagen verifiziert werden? Dem wird das geltende Recht als spezifische Theorie gegenübergestellt und im Rahmen der Beteiligung (Intervention) an fremden Nöten »Recht gesprochen«. Dazu muss der konfliktbeteiligte Beklagte noch nicht einmal anwesend sein oder dem zustimmen. Das professionelle Fallverstehen wird hier zum »Geschichtenverstehen«.

Kreuser Abbildung 3

Eine Story kann dem Menschen auch dazu dienen, eine Not auszudrücken, die er aktuell verspürt. Das kann eine physische oder eine psychische Not sein.

 

Kreuser Abbildung 4

 

2. Therapeutische (patientenbezogene) Professionen arbeiten auf der Ebene des »Menschenverstehens« in einer körperlichen oder seelischen Not. Die Theorie ist die Medizin oder Psychologie und die Intervention die Verordnung einer angemessenen Therapie. Die Behandlung kann auch ohne Zutun des Patienten unter Narkose erfolgen.

Kreuser Abbildung 5

 3. Das professionelle, klientenbezogene Fallverstehen der Mediation geht darüber noch darüber hinaus: Hier geht es darum, den Zustand zu verstehen, in dem sich der Mensch aktuell befindet. Zustände definieren sich über verfügbare Fähigkeiten und Bereitschaften, etwas zu verändern - z. B. einen Konflikt selbstorganisiert und selbstverantwortet in einen Konsens zu transformieren).

Das ist für die weitere Arbeit dieser Professionen von Bedeutung, denn manche Zustände (Lösung) brauchen keinen Mediator und manche Zustände (Symbiose) lassen Mediation nicht sinnvoll zu.

Kreuser Abbildung 6

Professionelles Fallverstehen der Mediation führt über die Wahrnehmung der Story und ein Erfassen der Not schließlich in das Erkennen des Zustands, der anzeigt, ob Mediation sinnvoll und möglich ist. Das geht immer nur unter Mitwirkung der Menschen, also mit individuellen oder kollektiven Subjekten und nicht an Objekten (wie es bei mandanten- oder patientenbezogener Arbeit der Fall sein kann).

Kreuser Abbildung 7

 4. Es kommt noch ein weiteres Moment mediativer Professionalität hinzu: die Kollektivierung der Lösungsidee.

Kreuser Abbildung 8

Mediation bearbeitet soziale Konflikte, zu denen mindestens zwei Menschen erforderlich sind. Zunächst erfordert das Vorgehensweisen, die Interaktionen zwischen den Streitenden soweit deeskalieren, dass Mediation überhaupt möglich wird - und sich nicht nur zu Schlammschlachten in Anwesenheit eines Dritten entwickelt. Weiter gilt es, den Zustand beider streitenden Menschen zu erfassen, um die einzelnen Fähigkeiten und Bereitschaften zu einem Konsens zu erkennen.

Zuletzt geht es darum, den Zustand des gesamten streitenden sozialen Systems zu sehen und mit der spezifischen, professionellen Theorie in Bezug zu setzen. Wir nennen das die Kollektivierung der Lösungsidee.

Kreuser Abbildung 9

 5. Wir erkennen hier, dass das Konfliktsystem nicht das Mediationssystem ist.

Das Konfliktsystem, das durch die beiden streitenden Menschen repräsentiert wird, ist als soziales System Teil des Mediationssystems. Auf diesem Teppich hat der Mediator nichts verloren, denn sonst wäre er als Verbündeter oder Beteiligter Teil des Systems. Er muss also Dritter bleiben.

Unabhängig davon, in welchem Zustand sich das Konfliktsystem befindet, muss sich das Mediationssystem im Zustand »Lösung« befinden: Es müssen dort Fähigkeiten (anfangs zumindest beim Mediator) und auch Bereitschaften (stets bei allen Beteiligten) vorhanden sein, etwas in eine gewünschte Richtung zu verändern.

Kreuser Abbildung 10

Das Mediationssystem wäre dagegen im Zustand »Problem«, wenn auch der Mediator nicht mehr weiter weiß. Es würde sich eine Symbiose entwickeln, wenn der Mediator Interesse am Beibehalten des derzeitigen Zustandes hätte.

Die Herausforderung an professionelle Mediation ist also entweder, immer weiter zu wissen oder aber, die Tatsache anzusprechen bzw. den Auftrag zurückzugeben, wenn das nicht mehr der Fall ist. Das ist regelmäßig dann der Fall, wenn es nicht gelingt, eine Symbiose des Konfliktsystems aufzulösen.

 

 

 

 

Autor

Dr. Karl Kreuser

Konfliktforscher und geschäftsführender Gesellschafter von SOKRATeam. Coach, Mediator, Experte Kompetenzdiagnostik und -Entwicklung (KODE®), promovierte mit dem Thema »Strategisches Kompetenzmanagement unter Diversity-Aspekten« zum Doktor der Philosophie.

www.SOKRATeam.de

E-Mail: karl.kreuser@sokrateam.de

 

 

 

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