Qualität in Mediation und Coaching

3. Coaching-Kongress
Qualität in Mediation und Coaching

Interview mit Dr. Karl Kreuser

Dr. Karl Kreuser

»Zwischen Königsweg und Irrweg?« Unter diesem Leitthema wird die kritische Diskussion um Qualitätsaspekte im Coaching auch 2016 fortgeführt. Am 25. - 26. Februar nehmen Praktiker und Wissenschaftler aus den Bereichen Coaching, Mediation und Organisationsentwicklung zusammen mit interdisziplinär Interessierten aus allen Führungs- und Beratungsebenen am 3. Coaching-Kongress der Hochschule für angewandtes Management (HAM) in Erding (München) teil.

Ist dieser Diskurs um Qualitätsanforderungen und –voraussetzungen auch im Bereich der Mediation von Vorteil oder sogar notwendig? Sollten Mediatorinnen und Mediatoren sich mit dieser Qualitätsthematik beschäftigen?

Wir sind diesen Fragen nachgegangen und haben den Keynote-Speaker des 3. Coaching-Kongresses Dr. Karl Kreuser von SOKRATeam dazu befragt.

Redaktion WMV: Herr Dr. Kreuser, Sie beraten und begleiten als erfahrener Mediator, Coach und Trainer vorwiegend Unternehmen in organisationsspezifischen Projekten. Kommen Coaching und Mediation an der Diskussion um Aspekte der Qualität vorbei?

Dr. Karl Kreuser: Ganz klar – Nein. Mediation und Coaching sind professionelle Dienstleistungen und da stecken die Worte Dienst und Leistung drin. Coaches wie Mediatorinnen und Mediatoren müssen die Frage stellen, wie ihre Leistung den Unternehmen helfen, Ergebnisse zu erreichen oder das Miteinander der Menschen im Unternehmen zu verbessern. Und dann die Antwort ernst zu nehmen, die die Menschen aus dem Unternehmen darauf geben. Genau dazu hilft die Auseinandersetzung mit Qualität.

Es geht also nicht allein um Aspekte der inneren Qualität, wie man etwa noch gewaltfreier kommunizieren oder noch systemischer coachen kann. Da ist man schnell im selbstbezogenen Fachsimpeln – was sicher lustvoll sein mag. Ich frage mich nur, ob bei einem zu starken Blick nach innen nicht die äußere Qualität, der Nutzen für unsere Klientinnen und Klienten, manchmal aus dem Fokus gerät. Deshalb machen wir ja überhaupt Mediation oder Coaching: nicht zur eigenen Perfektionierung, sondern um anderen durch unsere Leistung einen Dienst zu erweisen. Und dazu sollten wir zur eigenen Evaluierung immer wieder fragen: »Und, was war Ihr Nutzen?«.

Redaktion WMV: Mit welchem thematischen Schwerpunkt stellen Sie Ihre Anforderungen an die Qualität von Beratungsdienstleitungen im 3. Coaching-Kongress vor?

Dr. Karl Kreuser: Unter dem etwas provokanten Titel »IT statt Empathie« will ich zeigen, dass mit der Einführung von Virtualität eine zusätzliche Sinndimension in unsere Arbeit kommt. Das bedeutet, dass wir Methoden und Kompetenzen, die für Präsenzveranstaltungen gut sind, nicht ungeprüft übernehmen sollten, sondern besonders unter den Aspekten von Dienstleistung und Qualität auf ihre Eignung hinterfragen müssen. Wir haben deutliche Indizien, dass sich Schlüsselgrößen ändern, wie

  • die Kompetenzen der Begleiterinnen und Begleiter solcher Prozesse, mit dieser neuen Sinndimension von Virtualität umzugehen,
  • die Grammatiken der Verfahren und eben auch
  • die Form von Empathie,


die wir als Beziehungs- und Prozessqualität bei Coaching und Mediation benötigen, um von autonomen Klientinnen und Klienten die Befugnis zur Prozesssteuerung zu bekommen und zu behalten. Das sind spannende Erkenntnisse und wir stehen erst am Anfang.

Redaktion WMV: Empfehlen Sie Mediatorinnen und Mediatoren die Teilnahme an diesem 3. Coaching-Kongress, der Coaching-Dienstleistungen fokussiert?

Dr. Karl Kreuser: Grundsätzlich ist ein solcher Kongress für alle interessant, die von benachbarten Professionen lernen wollen. Die aktuellen Fragen sind ähnlich und auf dem Weg zu mehr Dienstleistung und Qualität können sicher beide voneinander lernen. Auch zu Fragen ihrer virtuellen Formen.

Redaktion WMV: Wenn Sie auf Ihre langjährigen Erfahrungen in der Organisationsberatung und –begleitung blicken: Entwickelt sich das Knowhow des Coaching zu einer der notwendigen Schlüsselkompetenzen für Mediatorinnen und Mediatoren?

Dr. Karl Kreuser: Sie könnten diese Frage genauso gut umgekehrt stellen. Sicher sind beide, Mediation und Coaching, eigene Professionen, die sich unterscheiden. Sie gleichen sich jedoch darin, dass sie ihre Klientinnen und Klienten befähigen, vom Problem zur Lösung zu gelangen. Beide sind dabei ziemlich inhaltsabstinent, das bedeutet, dass sie Prozesse, das WIE, begleiten und die Klientinnen und Klienten die inhaltliche Verantwortung, das WAS, für ihre Lösungen behalten. Wir haben uns in unserem nächsten Buch »Wo liegt das Problem?« intensiv damit auseinandergesetzt und festgestellt, dass es bestimmte Grundkompetenzen gibt, die für viele begleitende Professionen gleich sind. Dazu gehört auch etwas, das Mediatorinnen und Mediatoren »mediative Haltung« nennen, also wesentlich mehr als reines Knowhow im Sinn von Methode.

Redaktion WMV: Können Sie uns einen konkreten Fall aus der Praxis dazu schildern?

Dr. Karl Kreuser: Wir erhalten oft Anrufe aus Unternehmen, die uns statt eines Problems eine Lösungsidee präsentieren: »Wir brauchen eine Mediation.«
Wären wir nur Mediatoren, dann würden wir womöglich den dargebotenen Köder schlucken und fröhlich mediieren.

Das Erstaunliche ist aber, dass nur etwa die Hälfte der angefragten Mediationen dann auch tatsächlich stattfindet. Es wird einfach zu schnell verlinkt: da streiten zwei Mitarbeitende und der Link ist: Konflikt, also Mediation. Unsere Kunden dürfen das, das ist kein Vorwurf. Es ist unser Job einer professionellen Begleitung, hier zu unterscheiden. Damit bereits beginnt Qualität, noch weit vor einer möglichen »Phase 1«. Wir legen größten Wert auf eine wirklich saubere Auftragsklärung und dabei stellt sich dann häufig heraus, dass andere Lösungen, wie zum Beispiel ein Coaching für den Chef, viel besser zum Problem passen. Wir verstehen uns als Dienstleister mit einem großen Werkzeugkasten und dazu gehört unter anderem auch die Mediation.

Redaktion WMV: »Quo vadis Homo Mediator?« – ein Blick nach vorne. Welche Qualitäten und Kompetenzen empfehlen sich Ihrer Meinung nach für erfolgreiche Mediatoren und Mediatorinnen?

Dr. Karl Kreuser: Nun, im Sinn Ihrer Eingangsfrage nach Qualität kann ich auf unsere empirische Studie mit etwa 600 Mediatorinnen und Mediatoren verweisen. Diese zeigt, dass hier eine eher generalistische Kompetenz gefragt ist. Wir haben das ausführlich beschrieben, ich kann es hier knapp erläutern: Zunächst ist das ein hoher Anteil an so genannter personaler Kompetenz. Das ist die kritische Auseinandersetzung mit eigenen Wertemaßstäben und eine hohe Reflexionsfähigkeit. Hinzu kommen gut ausgeprägte Umsetzungskompetenzen. Wir konnten zeigen, dass gerade diese für Dienstleistungscharakter und Qualitätsansprüche unseres Tuns wichtig sind.

Daneben braucht es natürlich auch sozial-kommunikative Kompetenzen, diese jedoch erstaunlicherweise nur durchschnittlich ausgebildet. Die fachlich-methodische Kompetenz tritt dabei ziemlich in den Hintergrund. Da schließt sich der Kreis. Wie oben erwähnt, geht es eben nicht vorrangig darum, methodisch immer feiner zu werden, sondern vielmehr um die Frage, wie man mit seinem professionellen Wissen Nutzen stiften, Qualität erzeugen kann.

Redaktion WMV: Herr Dr. Kreuser, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(Das Interview führte Jürgen G. Heim, Leitung Redaktion Mediation aktuell)

 

Hinweise

 

2016 erscheint im Wolfgang Metzner Verlag das neue Fachbuch von Dr. Karl Kreuser und Thomas Robrecht unter dem Titel

»Wo liegt das Problem - Wie Teams in 3 Stunden wieder arbeitsfähig werden«


Weitere Informationen zu unserem Experten Dr. Karl Kreuser und SOKRATeam GbR
(Dr. Karl Kreuser und Thomas Robrecht) erhalten Sie hier.