Respekt und Vertrauen – Schlüsselkompetenzen für Geflüchtete

Podiumsdiskussion
Respekt und Vertrauen – Schlüsselkompetenzen für Geflüchtete

Interkultureller Austausch zu »Mediation und Migration« am Berliner Bebelplatz

Palmer und Esmaeli

 Der »Verein zur Förderung von Wissenschaft und Praxis der Mediation« hatte am 26. April zum Podiumsgespräch »Mediation und Migration« in die Juristische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin eingeladen – unterstützt vom dortigen Institut für Anwaltsrecht.

Moderiert von der Religionsphilosophin und Theologin Dr. Gesine Palmer entstand ein spannender Dialog, da zwei der geladenen Expertinnen einen Migrationshintergrund haben:

Die Sozialpädagogin und Mediatorin Sosan Azad, zweite Vorsitzende des Bundesverbands Mediation, kam vor 30 Jahren aus Afghanistan als minderjähriger Flüchtling nach Deutschland und arbeitet heute als Trainerin für interkulturelle Kompetenz. Zohre Esmaeli wurde in Kabul geboren und flüchtete im Alter von 13 nach Deutschland. Sie arbeitet international als gefragtes Model und ist als Nachfolgerin von Claudia Schiffer das neue Gesicht der Kampagne »Deutschland – Land der Ideen«. Zohre Esmaeli ist mit ihrem Projekt »Culture Coaches« auch Stifterin und Ideengeberin für die Bürgerstiftung Berlin sowie Autorin ihres autobiographischen Buches »Meine neue Freiheit«. Beide berichteten über ihre Tätigkeit als interkulturelle Mediatorinnen und Mentorinnen sowie über ihre eigenen herausfordernden Integrationserfahrungen.

Die Wirtschaftsmediatorin und Juristin Claudia Lutschewitz, die sowohl im Bereich Führungskräfte,- Team- und Organisationsentwicklung als auch in der Konfliktmanagementberatung und als interkulturelle Kommunikations-Trainerin tätig ist, ergänzte das Spektrum der Erfahrungen aus der Sicht ihres ehrenamtlichen Engagement für das »Grünes Netz Mediation« - einer Initiative, die sich bundesweit für die Prävention und die Begleitung von Konflikten im Zuge von Flucht und Migration einsetzt.

Die drei Expertinnen brachten in einem lebendigen Austausch ihre Standpunkte zum Ausdruck.

Sosan Azad: »In meinem Land gab es schon immer Mediation; deshalb müsste es eigentlich heißen: Mediation und Deutschland.« Damit sprach sie die traditionelle Form des Konfliktmanagements im Islam an: »Sulh“« – das bedeutet »Vergebung«. Bei dieser Form der Konfliktvermittlung handeln zumeist die älteren Mitglieder von Familien und sozialen Gemeinschaften in mediativer Weise. Es sei ein dem westlichen Modell der Mediation in vielen Punkten durchaus vergleichbares Verfahren, insbesondere mit seiner Ausrichtung auf eine einvernehmliche Beilegung des Konflikts.

Die zentrale gesellschaftliche Herausforderung sah Sosan Azad darin, aus Geflüchteten Migranten und damit Bürger Deutschlands mit allen Rechten und Pflichten zu machen.

 Sosa Azad

In der Konfliktbearbeitung sei es besonders wichtig, zuzuhören, Fragen zu stellen und nicht zu bewerten. Antworten, die man nicht akzeptieren kann, müssten manchmal stehen gelassen werden. Nicht die Konflikte in den Flüchtlingslagern seien das Problem. Die zentralen Konflikte und Unterschiede im Rahmen der Integration würden in der Regel erst nach zwei Jahren sichtbar.

 

Dies bestätigte Zohre Esmaeli aus ihren eigenen schwierigen Erfahrungen nach der Ankunft in Deutschland. Sie berichtete auch über ihr Projekt »Culture Coaches« und dessen Zielsetzung, bilinguale und bi-kulturelle Mentoren auszubilden.

 Zohre Esmaeli

Wichtig sei, dass Sprache und Kultur des jeweils anderen Landes den MentorInnen vertraut seien. Die Mentorinnen sollen die Geflüchteten schon in den Unterkünften begleiten und unterstützen, auch wenn sich die großen Integrationsthemen erst später stellen: »Bei mir waren es drei Jahre bis es wirklich schwierig wurde, vor allem mit meiner Familie.« Zohre Esmaeli drohte eine Zwangsverheiratung, woraufhin sie sich unabhängig machte. »Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Familienoberhäupter und Älteren erreicht werden müssen; die Patriarchen sind der Schlüssel für die Integration.« Es gelte vor allem zu vermitteln, dass die junge Generation, Frauen und Männer, Verantwortung für ihr Leben übernehmen und die Familienoberhäupter respektwahrend entlastet werden können.

 

Claudia Lutschewitz stellte schwerpunktmäßig das »Grüne Netz Mediation« und seine Arbeit vor:

Claudia Lutschewitz

Mediiert würden überwiegend Konflikte zwischen den hauptamtlichen und ehrenamtlichen Helfern. Darüber bietet das Netzwerk Workshops, Moderationen, Trainings und Wissens-Transfers an. Claudia Lutschewitz wies auf die Gefahr hin, dass sich Helfer überfordern. Im Übrigen sei ihrer Erfahrung nach die interkulturelle Co-Mediation ein vielversprechender Ansatz.

 

Im Resümee betonten die Teilnehmerinnen, dass es vor allem darum ginge, Respekt und Vertrauen unter allen Beteiligten aufzubauen. Dafür seien aus Sicht aller drei Expertinnen Mediation und Mentoringprogramme wie »Culture Coaches« wertvolle und unabdingliche Instrumente.

(Quelle Verena Werhahn und Dr. Monika Pasetti; © Fotos Ellen Birkhahn ; Redaktion: Jürgen Heim)


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