Rosenkriege – Teil 1

Rosenkriege – Teil 1

Ist Mediation mit hochstrittigen Scheidungspaaren möglich?

Heiner Krabbe

Heiner Krabbe

 A. Einleitung

Die Scheidungszahlen sind in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich gestiegen. In Deutschland liegt die Scheidungsrate nach einem Höchststand von fast 52 % im Jahre 2005 inzwischen bei ca. 38 % (Quelle: Statistisches Bundesamt Juli 2018). Der Scheidungsgipfel liegt im 5. Ehejahr. Die Scheidungshäufigkeit wird in Deutschland auf absehbare Zeit nicht zurückgehen, sondern sich auf einem sehr hohen Niveau von 40 % bis 50 % einpendeln. Mit diesen Zahlen sind auch die Berichterstattungen in den Medien zum Thema Scheidung gestiegen. Fast täglich können wir von Rosenkriegen, Trennungsdramen lesen, hören, sehen. Rosenkriege haben inzwischen in den Medien einen gewissen Unterhaltungswert.

Schaut man sich in der Praxis die Scheidungsverläufe von Paaren genauer an, so erstaunt, dass es einer großen Zahl von Scheidungspaaren gelingt, ihre Trennung mehr oder weniger gut zu gestalten; Scheidungen gelingen inzwischen im Großen und Ganzen gut. Dabei ist die Inanspruchnahme professioneller Hilfe selbstverständlicher geworden. Zu ihr zählt auch die Familienmediation.

Die Familienmediation hilft Scheidungspaaren, Vereinbarungen zu erarbeiten, die den unterschiedlichen Interessen aller Familienmitglieder gerecht werden sollen. Sie versteht sich dabei nicht als eine »sanfte Scheidung«.

Bisweilen fliegen in der Mediation die Fetzen und die Rosen; es herrscht teilweise ein rauer Ton voller Anklagen und Vorwürfe. In diesem Klima sind die Konzepte der Familienmediation entwickelt und etabliert worden. Familienmediation unterstützt die Familie, den labilen Prozess der Reorganisation bei Trennung und Scheidung zu bewältigen und neue Vereinbarungen für die Zukunft aller Familienmitglieder zu treffen.

B. Familienmediation im Trennungs- und Scheidungsprozess

Betrachtet man den Prozess einer Scheidung in seiner Gesamtheit, so verlangt dieser Prozess von der Familie Transformationen auf verschiedenen Ebenen, die wiederum auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind.2

Der Transformationsprozess vollzieht sich auf folgenden Ebenen:

  1. Individuelle Ebene: Wie erlebt jedes Familienmitglied die Trennung/Scheidung?
  2. Paarebene: Gelingt die Beendigung der Paarbeziehung bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Beziehung als Eltern?
  3. Familienebene: Kann die Elternschaft als Mutter-Kind, als Vater-Kind-Beziehung, als Mutter-Vater-Beziehung aufrechterhalten werden?
  4. Soziale Ebene: Wie entwickelt sich die Familie in ihrem sozialen Netz insgesamt als Solidargemeinschaft nach der Scheidung weiter?

 

An diesen Prozess auf den unterschiedlichen Ebenen knüpft die Familienmediation an. MediatorInnen haben die Aufgabe, den Gesprächsprozess so zu leiten, damit die Folgen der Trennung ausgehandelt und vereinbart werden können. Dabei beziehen sie auch die Kinder und Jugendlichen mit ein. Bei aller Unterschiedlichkeit in der Konzeption und Gestaltung der Familienmediation, scheinen sich doch alle Formen der Familienmediationen mehr oder weniger auf die Grundsätze des Harvards Konzepts zu berufen und auf diesen Grundsätzen ihren Mediationsprozess aufzubauen und zu gestalten.

 

C. Familienmediation mit hochstrittigen Paaren

Bei Familienmediationen mit hochstrittigen Paaren sind über das normale Mediationshandwerkszeug hinaus zusätzliches Wissen sowie zusätzliche Überlegungen zur Gestaltung des Prozesses notwendig.

So ist psychologisches Hintergrundwissen zum Bereich »Hochstrittige Parteien« notwendig. Ebenso sollte die Frage nach den Grenzen von Mediation bei dieser Klientel stärker in den Fokus genommen werden. Zusätzlich sollte eine absichernde Kooperation mit den anderen Berufsgruppen wie den Richtern, Sozialarbeitern, Psychotherapeuten etabliert sein.

1. Psychologisches Hintergrundwissen

Mediatorinnen sollten Kenntnisse über die Mechanismen haben, die bei hochstrittigen Parteien den Konflikt erhalten. Diese Konflikterhaltungsmechanismen können auf drei Ebenen wirken:

  • der intrapsychischen Ebene,
  • der interaktionalen Ebene sowie
  • der sozialen Ebene.

 

Auf allen drei Ebenen können Mechanismen greifen, die einer Beilegung des Konflikts entgegenwirken. Hochstrittige Parteien verstricken sich oft auf allen drei Ebenen; ihr Konflikt verhärtet sich im Dschungel sich gegenseitig verstärkender Mechanismen.

Ein Blick auf diese Faktoren könnte helfen, für die Familienmediation eine Form zu entwickeln, die diesen Konflikterhaltungsmechanismen bei hochstrittigen Paaren entgegenwirken kann, sie im Verlauf zu lockern und schließlich ganz aufzulösen vermag.

 

1.1 Merkmale Hochstrittiger Ehe- und Elternpaare

Von Hochstrittigkeit kann man sprechen, wenn die emotionalen Probleme der Parteien deutlich im Vordergrund stehen, die Partner unfähig und nicht willens sind, kleinere Konflikte ohne professionelle Hilfe autonom zu regeln, die Parteien andere Personen insbesondere die Kinder in ihre Konflikte einbeziehen, verbale oder physische Gewalt angedroht oder angewendet wird, schwere nicht bewiesene Anschuldigungen gegenüber der anderen Seite erhoben werden.3

Diese Merkmale sind lediglich äußere Beschreibungen, die jedoch helfen können, sich frühzeitig auf ein hochstrittiges Paar bereits in der Vorlaufphase einer Mediation einstellen zu können. Anhand der beschriebenen äußeren Merkmale kann man davon ausgehen, dass bei diesen Paaren das Stresserleben eine gewisse Intensität weit überschritten hat. Es besteht bei diesen Personen ein dramatisch erlebtes Ungleichgewicht zwischen den an sie gerichteten Anforderungen und ihren Bewältigungsmöglichkeiten. Man könnte in diesem Zusammenhang von psychischen Krisen sprechen, bei denen die gewohnten Bewältigungsmechanismen der Parteien versagen und Symptome von Stressbelastung und funktioneller Beeinträchtigung auftreten.

1.2. Intrapsychische Ebene hochstrittiger Parteien

Auf der intrapsychischen Ebene einer hochstrittigen Partei sind zwei Formen von Krisen möglich, die zur Erhaltung des Konfliktpotentials beitragen: die traumatische Krise und die narzisstische Krise.4

1.2.1. Traumatische Krisen

Traumatische Krisen (so beispielsweise bei Tod eines Elternteils, bei Vertreibung, Krieg, bei sexuellem Missbrauch) entstehen durch massive Überforderungen. Zwischen den wahrgenommenen Anforderungen in der konkreten Situation und den eigenen wahrgenommenen Bewältigungsmöglichkeiten existiert für diese Personen eine große Diskrepanz. Es kommt bei ihr zu traumatischem Stress. Das traumatische Erlebnis kann in der akuten Situation nicht bewältigt werden, sondern lediglich überlebt werden. Als Folge wird die traumatische Situation nur noch lückenhaft erinnert, dem Gedächtnis stehen nur noch Fragmente zur Verfügung.

Diese Personen schützen sich auf diese Weise vor einem erneuten Überflutetwerden, ohne jedoch das Ereignis in ihre eigene Biographie integrieren zu können. Im Rahmen von Trennung und Scheidung können frühere »ungelöste« Traumata neu aktiviert werden, so dass die Betroffenen nun erneut einen Verlust, eine Katastrophe phantasieren.

Im Rahmen der aktuellen Trennungsankündigung durch seine Frau wurden in Herrn R. alte Trennungserfahrungen angesprochen. Er war mit sechs Jahren nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater zur Adoption freigegeben worden, ebenso seine Schwester. Die Mutter war an einer Überdosis Drogen gestorben, sein Vater mit der neuen Situation überfordert. Seit dieser Zeit hatte er keinen Kontakt mehr mit seinem Vater. Inzwischen war er selber Vater zweier Kinder und erlebte die aktuelle Entscheidung seiner Frau, sich von ihm zu trennen, als eine Katastrophe für sich und die Kinder. Er wehrte sich mit allen Mitteln gegen diese Trennung in der Überzeugung, dass weder er noch die Kinder eine derartige Lebenssituation werden überleben können.

Durch mehr oder weniger massive Drohungen wird in dieser Lebenssituation versucht, Einfluss und Kontrolle wieder zu erlangen, um die als real erlebte Drohung abzuwenden. Dies führt dann oft auf beiden Seiten zu einer exzessiven Steigerung von Gewalt. Die Konfliktparteien lassen damit die verdrängten traumatischen Erlebnisse von früher wieder aufleben und fühlen sich nun in der aktuellen Situation ebenfalls existentiell gefährdet und ausgeliefert.

Eine Psychotherapie traumatischer Krisen, geht in drei Schritten vor:5

1. Stabilisierung des Patienten

2. Trauma Konfrontation

3. Trauer und Integration

Dabei spielt die erste Stufe, die Stabilisierung des Patienten eine zentrale Rolle. Unter Stabilisierung wird Ich-Stärkung verstanden. Das traumatische Ich ist kein Normal-Ich. Zur Stärkung und zum Aufbau von Ich-Funktionen setzt die Traumatherapie Ich-stabilisierende, imaginative Techniken ein. Voraussetzung für diese Arbeit ist der Aufbau einer therapeutischen Beziehung zum Patienten. Dabei ist es ein besonderes Anliegen, jegliche Art von therapeutisch induziertem Stress zu vermeiden. Da den Menschen, die ein Trauma nicht verarbeiten konnten, die Fähigkeit fehlt, sich selbst beruhigen zu können, versucht der Therapeut, beruhigend zu wirken beziehungsweise Selbstberuhigung anzuregen.

Dafür ist ein Arbeitsbündnis zwischen Patient und Therapeut von zentraler Bedeutung. In diesem Bündnis wird das weitere therapeutische Vorgehen miteinander vereinbart. Es werden erreichbare Ziele erarbeitet. Therapeut und Patient überprüfen immer wieder gemeinsam, welcher Schritt in der Behandlung besonders wirksam zum Erreichen dieser Ziele ist.

Für die Familienmediation könnte dies bedeuten, hochstrittige Medianden in ihren traumatisch erlebten Krisen für ein Arbeitsbündnis zu gewinnen, indem der Mediationsprozess offen gelegt wird und in kleinen zeitlich eng begrenzten Schritten mit regelmäßiger Auswertung vorgegangen wird. Die Interventionen in der Mediation sollten ausschließlich auf der phänomenologischen Ebene ansetzen; sie sollten stets die Stabilisierung der Parteien im Sinne der 1. Stufe der Traumabehandlung im Blick haben und diese fördern.

1.2.2. Narzisstische Krise

Als zweites Erklärungsmodell für Hochstrittigkeit auf der intrapsychischen Ebene dient das Konzept der narzisstischen Krise.6

Narzisstische Krisen beziehen sich auf die Persönlichkeit des Betroffenen. Sie können nach Kränkungen, Verlust oder Trennungen auftreten. Wie stark eine narzisstische Krise ausfällt, hängt vom Selbstwertkonzept des Betroffenen ab.

Die »narzisstische Persönlichkeit« lässt äußerlich einen extrovertierten, gleichzeitig jedoch sozial unverträglichen Menschen erkennbar werden, der sich selbst als positiv und andere als negativ sieht. Er zeigt herablassend aggressive Verhaltensweisen gegenüber seinen Mitmenschen, setzt sich selbst attraktiv in Szene. Das Problem einer narzisstischen Persönlichkeit ist es, dass sie die Realität der eigenen Phantasie opfert und dadurch starke Einbußen in den Fähigkeiten hat, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Sie hat durch ihre Verhaltensweise in der Regel Beziehungsprobleme, die bei einer Trennung und Scheidung umso deutlicher sichtbar werden. Hinter einem offenen zur Schau gestellten kompensatorischen positiven Selbstbild versteckt sich ein negatives Selbstbild, das von Scham, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit, Angst geprägt ist.

Bei der narzisstischen Persönlichkeit kann man von einer doppelten Selbstwertregulation ausgehen: einem inszenierten, positiven Selbstbild und einem verdrängten negativen Selbstbild. Somit existieren eine »offene« Spielebene und eine »verdeckte« Motivebene.

 

Praxisbeispiel: Frau B. war nach zahlreichen juristischen Streitigkeiten um das Umgangsrecht bezüglich des vierjährigen Sohns mit ihrem früheren Ehemann in die erste Mediationssitzung gekommen. Bevor die ersten Checkpunkte angesprochen werden konnten, beschwerte sie sich, dass ihr die Praxistür von ihrem früheren Mann geöffnet worden sei – er war einfach schneller als die Sekretärin gewesen. Das sei doch sehr befremdlich und sei ihr in noch keiner therapeutischen, mediatorischen oder ärztlichen Praxis vorgekommen. Außerdem sei die Übernahme der Kosten vorher nicht konkret ausgehandelt worden. Sie sei weder in der Lage, noch gewillt, die Kosten zu übernehmen.

Die Vereinbarung der Honoraraufteilung bereits vor Beginn der Mediation habe sie vermisst. Sie wisse nicht, ob in dieser Mediation ihre Angelegenheit überhaupt angemessen bearbeitet werde.

 

Im Kontakt mit der narzisstisch gekränkten Partei geht es darum, auf dieser Spielebene einen Kontakt, eine Beziehung zu etablieren, bevor der Konfliktinhalte geklärt werden. Dabei gilt es, sich weder beschämen zu lassen, noch selbst zu beschämen, sondern in der Realität der gegenwärtigen Begegnung anzukommen.

Eine Psychotherapie narzisstischer Persönlichkeitsstörungen geht vierstufig vor:

  1. Stabilisierung
  2. Beziehungsgestaltung
  3. Integration dissoziierter Selbstzustände
  4. Etablierung angemessener Interaktionsmuster

 

Für die Familienmediation mit hochstrittigen Parteien können die ersten beiden Stufen der Psychotherapie gut genutzt werden.

Auf Stufe 1, der Stabilisierung, kann in der Mediation die Bewältigung akuter Probleme, kurzfristiger Konflikte der Parteien ausgehandelt, der Stress in der Sitzung reduziert werden. Auf der zweiten Stufe, der Beziehungsgestaltung, könnte es in der Mediation darum gehen, eine Beziehung zu jeder der beiden Konfliktparteien auf gleicher Augenhöhe zu etablieren, ein kooperatives Arbeitsbündnis mit jeder Partei bewusst herzustellen.

Zentrales Moment in der Beziehungsgestaltung ist dabei, dass jede Partei vom Mediator Akzeptanz und Wertschätzung erfährt, unabhängig vom selbstidealisierenden Schema der Parteien. Der Mediator richtet die Prozessgestaltung auf die speziellen Bedürfnisse jeder Seite aus, stellt ihre jeweils positiven Eigenschaften heraus, lässt sie im Gespräch an geeigneten Stellen ihre positiven Fähigkeiten erleben, unterstützt bei den Parteien die Entwicklung eigener positiver Ziele.

 

(Hinweis:

In der Fortsetzung dieses Beitrags (Teil 2) erfahren Sie mehr über die Interaktionale Ebene hochstrittiger Parteien und die Stabilisierung jeder Partei im Mediationsprozess.)


Autor

Heiner Krabbe

Dipl. Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Mediator (BAFM), Ausbilder und Supervisor für Mediation. Leiter des Ausbildungsinstituts Mediationswerkstatt Münster, Psychotherapeutische Praxis

Referent an verschiedenen Universitäten (Heidelberg, Giessen, Oldenburg, Hagen, Konstanz, Basel, Zürich, Breslau), Akademien (Dt. Richterakademie, Justizakademie NRW, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Brandenburg), Gesellschaften (Dt. Gesellschaft für Verhaltenstherapie, Bund dt. Psychologen), der Bundesarbeitsgemeinschaft der Erziehungsberatungsstellen Bke, Fachhochschulen, Rechtsanwaltskammern und Handwerkskammern.

E-Mail: info@heiner-krabbe.de

Mediationswerkstatt Münster





Literaturempfehlung 
Kulemeier: Eltern-Jugendlichen Mediation, ein effektives Verfahren zur Lösung fa
Kulemeier
Details
14,90 €incl. MwSt.
E-Book, 64 Seiten, im März 2015 erschienen
Niethammer-Jürgens, Erb-Klünemann: Internationales Familienrecht in der Praxis
Niethammer-Jürgens, Erb-Klünemann

Ein Leitfaden

Details
38,90 €incl. MwSt.
Broschiert, 172 Seiten, am 24. Januar 2019 erschienen
Herausgegeben von Prof. Dr. Christian Roesler,: Interprofessionelle Kooperation,
Studien und Praxiskonzepte zur Arbeit mit hochstrittigen Eltern bei Sorge- und Umgangsrechtskonflikten
Details
21,50 €incl. MwSt.
E-Book, 180 Seiten, im September 2012 erschienen
Prenzyna: Familiäre Verantwortung versus Gemeinwohlverantwortung beim Kindes- un
Prenzyna

Kompensation unterhaltsrechtlicher Belastungen durch einkommensteuerrechtliche Entlastungen - Analyse anhand verfassungsrechtlicher Vorgaben

Details
46,90 €incl. MwSt.
Band 19, broschiert, 312 Seiten, im Januar 2017 erschienen