Rückschau 16. Mediations-Kongress in Hannover

Rückschau 16. Mediations-Kongress in Hannover

von Jürgen G. Heim

Rückschau 16. Mediations-Kongress in Hannover

Das niedersächsische Justizministerium hatte auch in diesem Jahr wieder zu seinem jährlich stattfindenden Konfliktmanagement-Kongress nach Hannover eingeladen. Am 19. und 20. September 2014 wurde ein umfangreiches Programm mit sogenannten Forengeboten, das von namhaften Referenten geleitet wurde. Der Kongress bot wieder eine hervorragende Möglichkeit, sich zum Thema Mediation und ihre Entwicklung seit dem Inkrafttreten des Mediationsgesetzes vor zwei Jahren mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen und sich in unterschiedlichen Themen weiter zu bilden.

Mit einem Impulsvortrag von Prof. Dr. phil. Arist von Schlippe, Akademischer Direktor des Instituts für Familienunternehmen an der Universität Witten-Herdecke, zum Thema »Die eskalierende Dynamik von Feindbildern - eine Herausforderung für die Mediation« begann der fachliche Teil des Kongresses.

Welche Dynamiken stehen hinter negativen wechselseitigen Beschreibungen von Konfliktparteien, die sich in eskalierten Konstellationen regelmäßig als »dumm, krank oder böse« bezeichnen?

Derart zunehmend negativ-feindliche Beschreibungen des anderen setzen meist eine verhängnisvolle Spirale in Gang. Den Kontrahenten wird allerdings nicht bewusst, dass sie mit ihren Beschreibungen die Bedingungen dafür herstellen, dass der jeweils andere so »wird«, wie man ihn sich beschreibt. Derartige Beschreibungen geben nach Prof. Schlippe nicht die Wirklichkeit einfach wieder, sie greifen vielmehr in die Wirklichkeit ein und verwandeln sie. In Mediationsverfahren ist diese »Dämonisierung gut zu beobachten.

Worauf ist dies zurückzuführen?

Tiefgreifenden Beziehungskonflikten liegt oft ein intensiv empfundenes Gefühl von Ungerechtigkeit zugrunde. Die Beteiligten sind empört und sehen sich dem, was der andere tut, hilflos gegenüber. Beeinflusst von diesen Emotionen einer »gerechten Empörung« entstehen Wahrnehmungsfehler - in der Psychologie bekannte Phänomene: Die Parteien agieren mit einer besonderen Tendenz, die Ursachen für das eigene und das fremde Verhalten fehlerhaft zuzuschreiben. Eine fehlerhafte Einordnung der eigenen Wahrnehmung liegt nach Prof. Schlippe dann vor, wenn das eigene Verhalten jeweils nur aus der Situation heraus erklärt wird (»Ich konnte nicht anders!«), das des anderen aber nur aus seinen spezifischen (negativen) Eigenschaften erklärt wird.

Was hat dies zur Folge?

Im Rahmen derart »feindseliger Wahrnehmungsfehler« werden selbst neutrale oder sogar positive Kommunikationsangebote des anderen ausschließlich negativ interpretiert.Es enststeht ein typisches Eskalationsmuster des wechselseitigen Misstrauens. Ein Klima, das die Mediatorin, den Mediator vor grosse Herausforderungen stellt.

Denn stecken die Medianden erst einmal im »Griff« des feindseligen Wahrnehmungsfehlers, wird jegliche Kommunikation negativ, das Gegenüber hat keine Chance mehr für einen konstruktiven Schritt. Es entsteht die Dynamik selbsterfüllender Prophezeiungen: Ein abgewiesenes versöhnliches Angebot verwandelt sich schnell in eine Kränkung. Und der Gekränkte wird mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst eskalieren (»Ich kann auch anders!«).

Entwickeln derart symmetrische Eskalationen erst einmal ihre Eigendynamik, entgleitet zunehmend die Kontrolle der beiden Seiten. Mediatorinnen, Mediatoren können hier einen deutlichen Verlust von Differenzierung feststellen. Die Medianden finden aus solchen Eskalationssituationen allein keinen Ausweg mehr.

Was empfiehlt Prof. Schlippe?

Ausgestattet mit diesem Basiswissen können Mediatorinnen und Mediatoren durch die ihnen bekannten Methoden und Techniken zur Deeskalation beitragen und den in derart eskalierten Konflikten verstrickten Systemen zur „Entstrickung" verhelfen. Im Vordergund sollte dabei stehen, vor allem gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Bewußt mit dem Tenor: Vertrauen ist eine »riskante Vorleistung«, denn man geht das Risiko ein, dem anderen eine gute Absicht zu unterstellen. Zwar kann ein Risiko bleiben und nicht immer sind Absichten gut. Und doch ist »Vertrauen die Strategie mit der größeren Reichweite«.

Die ausführlichen Präsentationsfolien hat Professor Schlippe dem KM-Kongress freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Sie können hier eingesehen werden.

In ingesamt sechs Arbeitsforen des Kongresses wurden folgende Themen mit zahlreichen namhaften Fachreferenten bearbeitet:

1. Schule und Mediation
2. Güterichtermethodik - von der gesetzlichen Etablierung zur Professionalisierung
3. Konfliktlösung durch Rechtsschutzversicherer – Vorbild für kundenorientierte ADR-Entwicklung?
4. Interkulturelle Mediation - Einführung in das Perspektiven-reflexive Modell
5. Mediation im Rollenspiel
6. Klärungshilfe

Wir berichten hier auf Mediation aktuell in Folgebeiträgen über den Inhalt und das Ergebnis dieser Fachforen.