Shuttlemediation - Mediation oder Technik? - Teil I

Mediation in der Praxis
Shuttlemediation - Mediation oder Technik? - Teil I
Metapher für Shuttle

Für erhöhte Aufmerksamkeit sorgten in den letzten Wochen verschiedene Veröffentlichungen deutscher Rechtsschutzversicherer. Sie vermitteln nach eigenen Angaben Tausende von Mediationsfällen an ihre Mediatoren und bezeichnen sich als die größten Mediandenvermittler auf dem Mediationsmarkt, vgl. zum Beispiel die Pressemitteilung der D.A.S. vom 9.5.2013. Bis auf wenige Ausnahmen werden die Streitfälle ihrer Versicherungsnehmer nicht im Rahmen von Präsenzmediationen, sondern durch sog. Shuttlemediationen bearbeitet. Diese Verfahrensform zur Konfliktbearbeitung werde von den Versicherungskunden begrüßt; die Erfolgsquoten seien erfreulich hoch, so der Tenor der Rechtsschutzversicherer.

Geht auch in Deutschland der Trend in Richtung Shuttlemediation, wie dies in den USA zu verfolgen ist?

Worin bestehen die Unterschiede zwischen Shuttlemediation und herkömmlichem Mediationsverfahren?

1. Definition und Abgrenzung

Die klassische Form der Mediation in Form der sog. Präsenz-Mediation setzt die persönliche Anwesenheit von Konfliktparteien und Mediatoren voraus. Die Medianden sind in diesem Mediationsverfahren unmittelbar einbezogen und stehen in direktem Kontakt zueinander. Unter Leitung und Gesprächsführung des in der Sache neutralen und allparteilichen Mediators erörtern sie gemeinsam ihre Interessen und versuchen wechselseitig Verständnis für ihre jeweiligen Bedürfnisse zu entwickeln. Die Kommunikationsabläufe finden in allen Verfahrensschritten einer Mediation zwischen den Medianden unmittelbar statt.

Die sog. Shuttlemediation, auch Telefonmediation oder Pendelmediation genannt, weicht von diesem kommunikativen Unmittelbarkeitsprinzip ab:

Über alle Mediationsphasen hinweg - vom Erstgespräch bis zur einvernehmlichen Lösungsvereinbarung - erfolgen Kommunikation und Informationsaustausch zwischen den Medianden ausschließlich durch die Vermittlung des Mediators. In der Regel fungieren das Telefon oder internetgestützte Techniken als Kommunikationsmittel, aber auch persönliche Einzelgespräche sind möglich. Die Konfliktparteien hören oder sehen sich im Verlauf dieses Mediationsmodells nicht.

Von der hier behandelten Shuttlemediation ist das Einzelgespräch zu unterscheiden, das als Interventions- oder Kommunikationsmittel als sog. Caucus Anwendung findet. Hier kann der Mediator im Rahmen einer Präsenz-Mediation mit Zustimmung der Konfliktparteien in bestimmten Phasen (kurze) Einzelgespräche führen. Konkrete Lösungsvorschläge sollten allerdings noch nicht besprochen werden. Die Konfliktbeteiligten werden vielmehr für die Fortsetzung der erfolgversprechenden Verhandlungen vorbereitet, um die gemeinsame Erarbeitung von Streitlösungsoptionen im Rahmen des weiteren Mediationsverfahrens zu ermöglichen.

Die Online-Mediation wiederum erfolgt nicht nach dem Shuttleprinzip, sondern ermöglicht den Konfliktparteien eine (digitale) Präsenzmediation: Die unmittelbare Kommunikation findet im Rahmen internetgestützter Onlinehilfsmittel durch Video- und Audio-Übertragungen statt.

2. Methodik

Wie strukturiert ein Shuttlemediator sein spezifisches Verfahren? Nach welcher Methodik verfährt er?

Im Regelfall nimmt der Mediator zunächst mit einer der Konfliktparteien Kontakt auf. Er erläutert die wesentlichen Schritte einer Mediation und klärt über die anerkannten Verfahrensgrundsätze wie Freiwilligkeit, Allparteilichkeit, Neutralität und Selbstverantwortlichkeit auf. Nun lässt er sich den Sachverhalt sowie die Interessen und Bedürfnisse aus der subjektiven Sicht dieses Medianden schildern. Erste eigene Lösungsoptionen können vorgestellt und zur weiteren Disposition gestellt werden, soweit die Frage der Vertraulichkeit hinreichend geklärt ist.

Mit diesem Status Quo setzt sich der Mediator anschließend mit dem anderen Verfahrensbeteiligten in Verbindung und erläutert ebenfalls Abläufe und Grundsätze des Mediationsverfahrens. Kann sich der kontaktierte Mediand mit diesen Prinzipen einverstanden erklären, lässt sich der Mediator auch hier den Sachverhalt sowie die subjektiv wahrgenommenen Interessen und Bedürfnisse schildern. Der Mediand nimmt zu den etwaigen Lösungsvorschlägen Stellung und entwickelt gegebenenfalls eigene Ansätze zur Konfliktbeilegung.

Diese wechselseitige Kommunikation und den damit verbundenen Informationsaustausch, sog. Shuttleschritte (engl. shuttle = Pendelverkehr),  wiederholt der Mediator solange, bis die Medianden eine einvernehmliche, selbstbestimmte Lösung für ihren Konflikt gefunden haben.

Im Verlauf seiner telefonischen Gespräche kann der Mediator alle Methoden des Mediationsverfahrens einsetzen, vom aktiven Zuhören, dem Spiegeln und Paraphrasieren, dem Zusammenfassen und Framen bis hin zum Verbalisieren. Im Unterschied zur Präsenzmediation kann dies allerdings nur abwechselnd erfolgen, also im Rahmen der fortgesetzten Einzelgespräche.

3. Vorteile

Auf welche Vorteile verweisen befragte Shuttlemediatoren?

  • Vermeidung logistischer Schwierigkeiten und Hürden:

Die Präsenzmediation bedarf einer genauen Planung und organisatorischen Vorbereitung. Die Medianden müssen sich auf einen bestimmten Ort und bestimmte Zeiten einigen. Klärung und Festlegung von Folgeterminen gestalten sich in der Praxis oftmals schwierig und behindern eine zügige und zeitnahe Konfliktbearbeitung.

  • Streitige Auseinandersetzungen als Belastung für die Beteiligten

Viele Konfliktparteien scheuen die befürchtete direkte Auseinandersetzung und Konfrontation mit dem Konfliktgegner; selbst die gleichzeitige Anwesenheit der anderen Konfliktpartei wollen sie vermeiden. Da bei der Shuttlemediation lediglich der Mediator abwechselnd mit beiden Konfliktparteien kommuniziert, erübrigt sich ein persönlicher Kontakt in diesem Verfahren. Die grundsätzliche Bereitschaft zur Durchführung einer Mediation ist in dieser Konstellation deutlich höher, da die genannten Hemmschwellen fehlen.

  • Vermeidung hierarchischer Konflikte

Hierarchische Konflikte, wie sie beispielsweise in streitigen Arbeitsverhältnissen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auftreten, werden im Rahmen der Shuttlemediation weitgehend vermieden. Der Mediator kann in hocheskalierten Konfliktfällen oder –situationen durch die Wahl seiner Sprache zwischen den Parteien vermitteln und auf diese Weise einvernehmliche Lösungswege unterstützen. Rhetorisch schwächere Medianden müssen nicht befürchten, vom sprachlich überlegenen Konfliktbeteiligten in die Enge getrieben zu werden. Unmittelbar wahrgenommene emotionale Belastungen können während einer Präsenzmediation zu Konflikteskalationen führen - insbesondere bei weniger erfahrenen Mediatoren; derartige Konstellationen treten bei einer Shuttlemediation systembedingt nicht auf.

  • Kostenfrage

Die Kosten für die Durchführung einer Shuttlemediation fallen in der Regel durch das vereinfachte und verkürzte Verfahren deutlich geringer aus.

4. Kritik

Welche, oftmals deutlich geäußerten Kritikpunkte tragen (Präsenz-)Mediatoren gegen die Shuttlemediation vor?

  • Shuttlemediation ist keine lupenreine Mediation

Ein Vorwurf ist oftmals zu hören: Die Shuttlemediation ist keine lupenreine Mediation, sondern eine lösungsfokussierte Beratungs- oder Coachingform oder eine Schlichtung, ausgeführt mit den Techniken und Methoden der Mediation. Argumentiert wird damit, dass nur durch die persönliche Anwesenheit und unverfälschte Kommunikation, nur durch das gemeinsame Erarbeiten von Interessen und Bedürfnissen, nur durch die unmittelbaren Wahrnehmungs- und Reaktionsmöglichkeiten zwischen den Konfliktbeteiligten nachhaltige Lösungsoptionen unterstützt und ermöglicht werden. Die direkte Kommunikation ist als wesentliche Ressource für die Konfliktbearbeitung unverzichtbar und auch durch die sprachliche Vermittlung eines neutralen Dritten nicht ersetzbar. Das wechselseitige Verstehen und Verständnis der Medianden für ihre eigenen Positionen und Wünsche kann im Wege der Shuttlemediation nicht nachhaltig erbracht werden.

  • Zweifel an der Neutralität und Allparteilichkeit

Ebenso wird in Frage gestellt, ob der Shuttlemediator tatsächlich alle für die Konfliktbearbeitung wichtigen Informationen derart neutral und allparteilich weitergeben kann, wie dies im Rahmen einer Präsenzmediation erfolgen kann. Es werden Bedenken geäußert, dass der Shuttlemediator eventuell unbewusst dazu verleitet wird, schnelle und offensichtlich naheliegende Lösungsmöglichkeiten durch seine gezielte Sprachwahl zu »unterstützen«.

  • Zweifel an der Einhaltung des Grundsatzes der Vertraulichkeit

Einige Mediatoren befürchten, dass der Shuttlemediator mit dem Grundsatz der Vertraulichkeit schnell in Konflikt geraten könne. Denn der Mediator kann in Einzelgesprächen oftmals nicht differenzieren, ob er als »vertraulich« eingestufte Informationen eines Medianden tatsächlich nicht der anderen Konfliktpartei mitteilen sollte.

  • Beschränkter Anwendungsbereich der Shuttlemediation

Schließlich wird die Frage aufgeworfen, ob sich die Shuttlemediation für alle Konfliktfälle eignet oder ob ihre Anwendung nicht vielmehr nur auf bestimmte Streitkonstellationen und Sachverhalte beschränkt ist.

Wir haben die auf dem Gebiet der Shuttlemediation versierte Mediatorin Silke Winzek dazu befragt. Ihre Erfahrungswerte und ihre Stellungnahme zu den Kritikpunkten können Sie in Teil II dieses Fachartikels über Shuttlemediation lesen.

(JHeim)